
Es ist eine Geschichte, die für den Gastautor, den Schriftsteller Thore D. Hansen, vor 33 Jahren begonnen hat und die er nun endlich zu Ende erzählen will. Als Mahnung für heute.
2017 habe ich in „Ein deutsches Leben“ die Geschichte von Brunhilde Pomsel erzählt, der Sekretärin von Joseph Goebbels, die im direkten Umfeld eines der mächtigsten Männer des NS-Regimes gearbeitet hatte. Die Ironie daran: Ausgerechnet die Geschichte meines eigenen Großvaters kannte ich nicht.
1993 studierte ich Politik und Soziologie in Hamburg und besuchte ein Seminar von Philip Agee, einem ehemaligen CIA-Offizier, der nach seinem Ausscheiden aus dem US-Geheimdienst dessen Arbeitsweise öffentlich gemacht hatte. In einem Seminar über die CIA und den deutschen Rechtsextremismus verteilte Agee Unterlagen mit Namen ehemaliger Nationalsozialisten. Auf einer dieser Listen stand der Name meines Großvaters.
Erst nach und nach erfuhr ich, wer der Mann wirklich gewesen war, den ich als Kind gekannt hatte: Er war Chef der Gestapo in Bordeaux und soll von dort 5000 Juden und Mitglieder der Resistance in KZs deportiert haben. Dann erfuhr ich von einem Manuskript, das er selbst geschrieben und einem Verlag angeboten haben soll. Auf dem Deckblatt standen drei Worte: „Für meine Enkel.“ Ich war einer dieser Enkel. Gelesen habe ich es nie. Das Manuskript verschwand.

33 Jahre später habe ich die Recherche wieder aufgenommen. Inzwischen wurden im US-Nationalarchiv zwei Militärgeheimdienstakten über meinen Großvater gefunden und vollständig freigegeben. In Frankreich wurde er 1953 vor Gericht gestellt und saß wegen seiner Verbrechen sieben Jahren in Haft. Ich suche nach den Unterlagen des Militärgerichtsprozesses, weitere Recherchen laufen in Deutschland.
Aber das Buch soll nicht nur davon handeln, wer mein Großvater war und was er getan hat. Seine Geschichte führt für mich unmittelbar in unsere Gegenwart. Mich beschäftigt die Frage, woran eine Gesellschaft erkennt, dass sich ihre Maßstäbe verschieben. Wann wird aus Sprache Ausgrenzung, wann aus Ausgrenzung Entrechtung? Und wann gewöhnen sich Menschen an politische Positionen, die wenige Jahre zuvor noch undenkbar erschienen wären, und werden zu Erfüllungsgehilfen?
Ich möchte niemandem vorschreiben, wen er wählen soll. Aber ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit solchen Biografien dazu beitragen kann, genauer hinzusehen, wem wir politische Macht geben und welche radikalen Positionen wir bereit sind zu akzeptieren.
Um Geschichte mit meinem Großvater zu Ende recherchieren und daraus ein Buch zu machen, habe ich eine GoFundMe-Kampagne gestartet. Ich brauche Unterstützung für Archivunterlagen, Übersetzungen und die notwendigen Recherchereisen. Wenn Sie mich dabei unterstützen möchten, freue ich mich über eine Spende. https://www.gofundme.com/f/fur-meine-enkel-eine-verschwiegene-geschichte