
Die These, die Linke trage Verantwortung für den Aufstieg der Rechten, hat Konjunktur. Zu Recht wird ihr widersprochen. Auch Ruprecht Polenz argumentiert in seinem Beitrag in diesem Blog, rechte Bewegungen seien keine bloße Reaktion auf linke Verirrungen, sondern eigenständige politische Projekte. Das stimmt. Und doch greift diese Sicht zu kurz.
Denn zwischen „Die Linke ist schuld“ und „Die Rechte handelt völlig unabhängig“ liegt eine unbequeme, aber entscheidende Realität: politische Wechselwirkungen.
Wer sich die Entwicklung der letzten Jahre ansieht, kommt an einer Beobachtung nicht vorbei: Wählerwanderungen – etwa von der SPD zur AfD – sind empirisch belegt. Ehemalige sozialdemokratische Hochburgen haben sich politisch verschoben. Diese Entwicklung lässt sich nicht allein mit strategischer Geschicklichkeit rechter Akteure erklären. Sie wirft zwangsläufig die Frage auf, warum bestimmte Milieus überhaupt ansprechbar geworden sind.
Hier setzt die Kritik an, die im Beitrag von Polenz zwar anklingt, aber letztlich entschärft wird. Ja, es gab eine moralische Verengung in Teilen der Linken. Ja, politische Sprache wurde mitunter zum Instrument der Abgrenzung. Aber das war für viele Bürger keine Randerscheinung, sondern eine prägende Erfahrung.
Moralische Ausgrenzung statt Argumente
Wenn politische Debatten nicht mehr primär auf Überzeugung zielen, sondern auf moralische Einordnung, verändert sich ihr Charakter. Wer den „falschen“ Begriff verwendet, gilt nicht mehr als jemand, der irrt, sondern als jemand, der moralisch zu verorten ist. Das schafft Distanz – und untergräbt die Bereitschaft zum Dialog.
Der Hinweis, politische Korrektheit sei ursprünglich Ausdruck von Rücksicht gewesen, ist richtig. Doch genau dieser Anspruch wurde dort problematisch, wo er in soziale Grenzziehungen kippte. Sprache diente dann nicht mehr nur der Verständigung, sondern auch der Markierung von Zugehörigkeit. Für eine offene Gesellschaft ist das ein riskanter Wandel.
Besonders folgenreich war dabei nicht nur, was gesagt wurde, sondern wie mit Widerspruch umgegangen wurde. Teile identitätspolitischer Diskurse reagierten auf Kritik nicht mit Argumenten, sondern mit moralischer Delegitimierung. Das hat nicht nur Gegner verprellt, sondern auch jene, die sich eigentlich im demokratischen Spektrum verorten.
Reaktionäre Strömungen unter Migranten
Hinzu kommt ein Widerspruch, der selten offen angesprochen wird, aber erheblich zur Glaubwürdigkeitskrise beiträgt: Während sich Teile der Linken im Westen entschieden gegen konservative oder rechte Positionen stellen – mit dem Argument, diese seien antiemanzipatorisch –, zeigen sie gegenüber anderen, tatsächlich zutiefst antiemanzipatorischen Ideologien eine bemerkenswerte Nachsicht.
Gerade im Umgang mit islamistischen Strömungen wird diese Inkonsistenz sichtbar. Wer sich für Frauenrechte, sexuelle Selbstbestimmung und individuelle Freiheit einsetzt, kann nicht gleichzeitig politische Allianzen oder rhetorische Überschneidungen mit Kräften ignorieren, die genau diese Rechte systematisch ablehnen. Kritik daran wird jedoch häufig vorschnell delegitimiert, anstatt sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen.
Diese Spannung wird zusätzlich verschärft durch eine Form des Antizionismus, die nicht selten als Projektionsfläche für antisemitische Narrative dient. Wo unter dem Deckmantel von „Antikolonialismus“ oder „Antimperialismus“ pauschale Feindbilder reproduziert werden, entstehen Anschlussstellen zwischen Teilen der radikalen Linken und religiös-extremistischen Milieus. Das ist politisch nicht nur kurzsichtig, sondern historisch besonders in Deutschland hochproblematisch.
Gerade vor diesem Hintergrund wiegt ein weiterer Punkt schwer: Ruprecht Polenz hat in den vergangenen Jahren wiederholt und zu Recht auf rechtsextreme und autoritäre Tendenzen hingewiesen. Diese Klarheit gegenüber klassischen rechten Milieus steht jedoch in einem Spannungsverhältnis zu seiner deutlich zurückhaltenderen Kritik gegenüber reaktionären Strömungen im migrantischen oder religiösen Kontext. Dieser Widerspruch bleibt bislang unbeantwortet.
Politische Leerstellen bei Linken
Für viele säkulare, emanzipatorisch denkende Menschen mit Migrationshintergrund entsteht daraus ein irritierendes Bild: Ihre Kritik an religiösem Autoritarismus oder politischem Islam findet im progressiven Diskurs oft weniger Gehör als identitätspolitische Schutzreflexe. Das wird nicht nur als analytische Schwäche wahrgenommen, sondern auch als politische Leerstelle. Wer universelle Freiheitsrechte ernst nimmt, sollte sie unabhängig vom kulturellen oder religiösen Kontext verteidigen.
An diesem Punkt entsteht ein Resonanzraum, den rechte Akteure gezielt nutzen. Sie erfinden ihn nicht aus dem Nichts – aber sie verstärken ihn. Aus berechtigtem Unbehagen wird politische Mobilisierung. Aus Kritik an doppelten Standards wird ein politisches Angebot.
Das entlastet die Rechte nicht. Aber es entlastet auch die Linke nicht vollständig.
Problematisch ist daher die Tendenz, Kritik an progressiven Milieus vorschnell als Ablenkung zu interpretieren. Eine demokratische Öffentlichkeit lebt davon, dass alle Seiten ihre eigenen Anteile reflektieren. Wer dies verweigert, riskiert Glaubwürdigkeit.
Die entscheidende Differenz verläuft nicht nur zwischen liberal und autoritär, sondern auch zwischen selbstkritischen und selbstgewissen politischen Kulturen. Eine politische Haltung, die ihre eigenen Widersprüche nicht anerkennt, verliert langfristig an Überzeugungskraft.
Das bedeutet nicht, linke und rechte Positionen gleichzusetzen. Die autoritäre Gefahr, die von Teilen der Rechten ausgeht, ist real und darf nicht relativiert werden. Aber gerade deshalb ist es notwendig, die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Erfolgs nüchtern zu analysieren – ohne Schonräume für das eigene Lager.
Die unbequeme Wahrheit lautet:
Die Rechte ist nicht das Produkt linker Politik. Aber sie profitiert von ihren Schwächen.
Wer das ignoriert, verzichtet auf einen Teil der Wirklichkeit. Und wer Wirklichkeit ausblendet, verliert politische Gestaltungskraft.
Eine demokratische Antwort auf den Aufstieg der Rechten wird nur gelingen, wenn sie beides leistet: klare Abgrenzung nach rechts – und ehrliche Selbstkritik von links.