
„Warum sind die Linken jetzt auch noch an den Rechten schuld?“ Diese Frage wurde mir bei einer Diskussion gestellt, zu der ich vom Berliner Theatertreffen eingeladen war. Hintergrund der Frage war die bis in Feuilletons von Zeit, Süddeutscher Zeitung und Spiegel vorgedrungene These, ohne linke Identitätspolitik, Gendern, political correctness und „Wokismus“ gäbe es das Erstarken der Rechten nicht. Mit anderen Worten: Hätte sich die Linke vernünftig verhalten, wäre alles in Butter.
So wird Kritik an der Rechten elegant gegen die Linke umgeleitet. Ja, die Linke hat Fehler gemacht und verdient Kritik. Aber ist sie deshalb an den Rechten schuld? Oder sind die Rechten eine autoritäre Bewegung mit eigenen Begründungen und eigenem Machtanspruch?
Political correctness (PC) habe ich als etwas Vernünftiges empfunden. Dahinter stand für mich ein einfacher, zivilisatorischer Gedanke: Sprache ist nicht harmlos. Worte können verletzen, herabsetzen, ausschließen. Wer darauf achtet, wie über andere gesprochen wird, betreibt keine Zensur, sondern ist einfach nur rücksichtsvoll.
Ich finde es deshalb falsch, so zu tun, als sei schon dieser Ausgangspunkt übergriffig gewesen. Er war es nicht. Problematisch wurde es dort, wo aus Rücksicht ein rigider Moralkodex wurde. Sprache soll vor allem Verständigung ermöglichen. Auf einmal diente sie der Linken dazu, Zugehörigkeit zu markieren. Der falsche Ausdruck wurde nicht als Irrtum behandelt, sondern moralisch entlarvt. Es ging nicht mehr darum, Menschen zu überzeugen. Sie wurden und fühlten sich taxiert und eingeordnet. An diesem Punkt ging etwas verloren, was Demokratie braucht: die Fähigkeit, auch den Irrenden noch als ansprechbar zu behandeln.
Den Begriff „woke“ benutzen manche als Schimpfwort, obwohl er übersetzt „achtsam“ bedeutet und ich zunächst mal nicht verstehe, was grundsätzlich gegen Achtsamkeit sprechen sollte. Problematisch wird es doch erst dort, wo aus Achtsamkeit und berechtigter Sensibilität für Diskriminierung eine moralisch verengte Weltsicht wird. Wenn Menschen fast nur noch als Vertreter ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer Betroffenheit erscheinen. Wenn Sprecherhierarchien entstehen und Universalismus pauschal verdächtig wird. Wenn politische Debatten in Reinheitsfragen kippen. Wenn Politik nicht mehr überzeugen, sondern erziehen will. Politik ist keine Pädagogik.
Warum daraus kein Freispruch für rechts folgt
Aber aus diesen Übertreibungen der Linken folgt nicht, dass der Aufstieg der Rechten bloß eine verständliche Reaktion darauf sei, nach dem Motto: die Linken sind an den Rechten schuld. Diese Schlussfolgerung halte ich für falsch. Die Rechte ist kein Echo linker Fehler, sondern ein eigenes politisches Projekt zur Machtgewinnung. Sie hat die Schwächen progressiver Milieus nicht nur beobachtet, sondern bewirtschaftet sie systematisch. Aus berechtigter Kritik an moralischer Verengung zimmerte die Rechte eine Freiheitslegende. Aus dem Ärger über Sprachregelungen wurde der Satz: „Das muss man doch noch sagen dürfen“ um danach zu behaupten: „Man darf nichts mehr sagen.“ Unwidersprochene Enthemmung wurde für Libertäre zum Gütesiegel der Meinungsfreiheit. Aus Rücksichtslosigkeit wurde plötzlich Mut. Wer widersprach, übte Zensur. Die Meinungsfreiheit in Deutschland sei gefährdet, heißt es.
Das ist eine gefährliche Verschiebung. Meinungsfreiheit schützt vor staatlicher Zensur, nicht vor öffentlichem Widerspruch. In einer freien Gesellschaft darf man vieles sagen, auch Unsinn und Zumutungen. Aber niemand hat einen Anspruch darauf, dass das unwidersprochen bleibt. Wer sich rassistisch, sexistisch oder antisemitisch äußert, kann nicht erwarten, dass eine demokratische Öffentlichkeit dazu höflich schweigt. Widerspruch ist kein Zeichen von Unfreiheit. Er ist Teil der Freiheit.
Deshalb stört mich das Gejammer über angebliche Sprechverbote. Viele derer, die ständig beklagen, man dürfe „nichts mehr sagen“, sprechen sehr viel und sehr laut: in Talkshows, auf Bühnen, in Kolumnen, in sozialen Medien. Ihr Problem ist meist nicht, dass sie nicht reden dürfen. Ihr Problem ist, dass ihnen widersprochen wird. Das ist ein großer Unterschied. Meinungsfreiheit ist kein Recht auf Beifall.
Die eigentliche Konfliktlinie
Die Begriffe links und rechts benennen weiterhin unterschiedliche politische Intuitionen. Aber sie reichen nicht mehr aus. Die entscheidendere Grenze verläuft heute nicht mehr zwischen rechts und links, sondern zwischen liberal-demokratisch und autoritär, zwischen pluralistisch und antipluralistisch.
Rechts wird dort gefährlich, wo aus dem legitimen Wunsch nach Ordnung ein Denken in Ungleichwertigkeit wird. Wo nicht mehr alle Menschen als Gleiche gelten, mit gleicher Menschenwürde. Links wird dort problematisch, wo aus dem berechtigten Streben nach Gleichheit und Emanzipation ein Misstrauen gegen Freiheit, Pluralismus und offene Debatte wird.
Beides ist nicht dasselbe. Und man sollte es nicht gleichsetzen. Die autoritäre Gefahr geht nicht von einer überkorrekten Sprache aus, sondern von politischen Kräften, die Menschenwürde relativieren, Minderheiten abwerten, Institutionen verächtlich machen und die gemeinsame Wirklichkeit angreifen.
Was die Demokratie jetzt braucht
Ich sehe deshalb keinen Sinn in einfachen Parolen. Weder im reinen Moralisieren noch in maßloser Enthemmung. Weder in der Pose der makellosen Gesinnung noch in der Pose des verfolgten Tabubrechers, der sich in der liberalen Demokratie des Grundgesetzes als Widerstandskämpfer aufführt. Ich plädiere für etwas Unmodischeres: für demokratischen Respekt im Streit. Für Rücksicht ohne Sprachpolizei. Für Meinungsfreiheit ohne Verrohung. Für einen Universalismus, der Unterschiede sieht, ohne Menschen darauf festzulegen. Oder, kürzer gesagt, für Anstand und Fairness.
Denn darauf kommt es an: auf Freiheit ohne Herabsetzung, auf Respekt ohne Selbstgerechtigkeit, auf Streit ohne Enthemmung. Wer diese Balance aufgibt, wird irgendwann feststellen, dass die Lautesten nicht die Freiesten sind, sondern oft nur die Rücksichtslosesten. Aber die sollte man von der Macht fern halten.