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Reality Check: Wie wohnt und überlebt man in Odesa?

Ich lese mit einer gewissen masochistischen Regelmäßigkeit in sozialen Medien, Interviews und wohltemperierten westlichen Kommentarspalten von arrivierten Journalisten, Influencern und sonstigen Meinungsbildnern, der Krieg in der Ukraine sei ja regional begrenzt.

Gemeint ist damit meistens: Irgendwo im Osten schießt man aufeinander, dort ist Front, dort ist Krieg – und der Rest des Landes sei im Grunde eine etwas unordentlichere Variante Mitteleuropas, in der man sich mit einem Hauch Abenteuerlust weiterhin halbwegs unbehelligt bewegen könne.

Diese These wird bevorzugt von Menschen vertreten, deren intensivster Ukrainekontakt in einer Zugfahrt von Kyjiw zum Hotel, zwei Podiumsdiskussionen, einem Selfie vor Sandsäcken und einem moralisch aufgeladenen Rückfahrt bestand.

Ich pendle seit 2022 zwischen Deutschland und Odesa, das für die Koordination der Aktivitäten von Be an Angel längst eine Art logistischer Stützpunkt geworden ist.
Gestern bin ich nach drei Tagen Anreise wieder angekommen.

Die Sonne schien. Der Frühling ist da. Nach drei Tagen Zug, Umsteigen, Grenzkontrollen und ukrainischer Nachtlogistik gab es eigentlich nur ein dringendes Bedürfnis: einmal ans Meer.

Also Stadtstrand.

Fast historisch aus Vorkriegszeiten.
Promenade. Cafés. Menschen. Kinderwagen. Eis. Dieser seltsam hartnäckige Rest touristischer Normalität, den Odesa mit bewundernswerter Sturheit immer noch zu inszenieren versucht.

Der Weg dorthin führte an einem ausgebrannten Auto vorbei.
Und an einer zerbombten Strandbar.

Das ist ungefähr der Punkt, an dem der Begriff „regional begrenzter Krieg“ seinen intellektuellen Offenbarungseid leistet: wenn zwischen Frühlingssonne, Meeresgeruch und Spaziergängern plötzlich die verkohlten Reste der letzten Nacht stehen und so tun, als gehörten sie inzwischen zum Stadtmobiliar.

Ich habe in diesem Land in den vergangenen vier Jahren so ziemlich jede Variante dieser angeblichen regionalen Begrenzung kennengelernt.

Ich habe den Winter 2022/23 in Odesa verbracht: ohne Heizung, ohne verlässliches Licht, ohne stabilen Strom.
Dafür mit improvisierten Ladestationen in Supermärkten, vor denen die Menschen stundenlang anstanden, nur um ihr Telefon für ein paar Prozentpunkte künstlich am Leben zu halten. Mehrere Stunden Wartezeit, um anschließend wieder für ein paar Stunden erreichbar zu sein – das war damals keine Ausnahme, sondern Alltag.

Ich habe mir zwischendurch sogar einmal etwas gegönnt, das man in Friedenszeiten „Auszeit“ nennt: eine Woche in den Karpaten, nahe der rumänischen Grenze. Also aus Sicht der Regional-begrenzt-Fraktion ungefähr der ukrainische Schwarzwald.

Bei der Ankunft: Luftalarm.

Spätestens da bekommt die Theorie von der geographisch sauber sortierbaren Gefahr erste Risse.

Und Odesa selbst galt 2022 noch als das, was Außenstehende gern mit diesem eigentümlich leichtfertigen Begriff „vergleichsweise sicher“ beschrieben.
Die Angriffe konzentrierten sich auf Hafenanlagen, Infrastruktur, Randzonen. Die Innenstadt konnte man sich mit genügend journalistischer Fantasie noch als eine Art halbwegs geschützte urbane Insel zurechtreden.

Diese Sicherheitslage existiert nicht mehr.

Die Angriffe sind häufiger geworden. Tiefer in die Stadt hineingegangen. Härter. Präziser. Wohngebiete sind längst Teil der Gleichung. Das infernalische Summen der Shahed-Drohnen über den Dächern gehört inzwischen zum akustischen Inventar der Nacht wie früher in friedlichen Städten das entfernte Geräusch einer Straßenbahn.

Mit anderen Worten: Wer immer noch glaubt, dieser Krieg sei regional begrenzt, darf das gerne weiterhin aus sicherer Entfernung twittern.
Wer hingegen tatsächlich vorhat, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, für den hier ein kleiner Leitfaden, wie man in Odesa wohnt, sich bewegt und mit etwas Glück vermeidet, sich durch katatone Naivität frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen.

Vorderhaus. Zweiter Stock aufwärts. Freie Sicht zur Straße. Große Fenster. Viel Licht.
Kurz: die Art von Wohnung, bei der deutsche Immobilienmakler feuchte Augen bekommen.
In Odesa ist das eine ganz dumme Idee.
Denn was in Friedenszeiten als urbanes Wohnen mit Charme verkauft wird, ist im Krieg nichts anderes als eine hervorragend einsehbare Zielscheibe mit angeschlossenem Glassplitterservice. Oben schlägt Druck härter ein, oben fliegen Splitter weiter, oben ist der Weg nach unten länger. Eine wunderbare Kombination, wenn man nachts schnell entscheiden muss, ob man lieber im Flur kauert oder rennt.

Wohnung direkt an einer Hauptstraße, an einer Kreuzung oder sonst irgendwo schön markant im Stadtbild.
Ebenfalls saudumm.
Je leichter ein Gebäude aus der Luft identifizierbar ist, desto größer die Chance, dass man bei der nächsten Druckwelle unfreiwillig lernt, wie dünn Fensterglas und wie wenig massiv moderne Fassaden tatsächlich sind.

Ein Haus ohne Generator.
Dumme Idee.
Stromausfall bedeutet hier nicht romantische Entschleunigung bei Kerzenschein, sondern Dunkelheit, Kälte, tote Wasserpumpen, kein Aufzug, kein Netz, kein Licht im Treppenhaus und irgendwann ein Handy, das den letzten Prozentpunkt Akku ausatmet.
Wer dann nachts aus dem achten Stock in völliger Finsternis nach unten tastet, entwickelt innerhalb weniger Minuten ein neues Verhältnis zu der Frage, was zivilisatorischer Fortschritt eigentlich wert ist.

Keine Powerbanks. Keine Ersatzakkus. Keine Taschenlampen.
Maximal blöd.
Ich habe Monate erlebt, in denen Menschen in Supermärkten mehrere Stunden warteten, nur um ihre Telefone an improvisierten Steckdosen laden zu können. Spätestens danach versteht man, dass ein leerer Akku im Krieg ungefähr denselben Stellenwert hat wie Bewusstlosigkeit: man ist körperlich anwesend, aber praktisch funktionslos.

Ladekabel im Wohnzimmer. Pass irgendwo in der Schublade. Powerbank im Mantel von letzter Woche. Taschenlampe möglicherweise in der Küche.
Katatone Idiotie.
Der Luftalarm beginnt nicht mit einer höflichen Terminanfrage. Er beginnt, wenn man schläft, duscht, isst oder gerade gar nichts vorbereitet hat. Dann bleiben Sekunden. Wer in diesen Sekunden eine private Schnitzeljagd nach den eigenen Überlebensutensilien veranstaltet, hat gegen die Realität bereits verloren, bevor draußen überhaupt etwas eingeschlagen ist.

Eine Wohnung mieten, ohne den nächsten Schutzraum exakt zu kennen.
Ganz große Kunst der Selbstgefährdung.
Nicht ungefähr. Nicht „da müsste irgendwo ein Keller sein“. Sondern exakt: welcher Eingang, welche Tür, welcher Code, welche Laufzeit.
Wenn der nächste Bunker fünfzehn Minuten entfernt ist, ist das kein Schutzraum, sondern eine akademische Information.

Sich ernsthaft auf die Zwei-Wände-Regel verlassen.
Nur noch begrenzt genial.
Dieser Krieg ist längst an einem Punkt, an dem Badezimmerkacheln und Treppenhausromantik oft eher psychologische Beruhigung als physischer Schutz sind. Zwei Wände helfen nur so lange, bis die Physik beschließt, sich nicht für Hausratpsychologie zu interessieren.

Alarm-App nicht installiert. Push-Meldungen deaktiviert.
Maximal bescheuert.
Die Meldungen kommen oft Sekunden vor der Sirene. Sekunden, in denen man aufstehen, Schuhe anziehen, Dokumente greifen und das Hirn von Schlaf auf Panik umschalten kann. Wer darauf verzichtet, möchte vom Krieg offenbar ähnlich überrascht werden wie von einem plötzlich einsetzenden Gewitter ohne Dach.

Zusätzlich die Tracking-App nicht nutzen, auf der man sieht, welche Waffen gerade im Anflug sind.
Auch dämlich.
Es ist ein nicht ganz irrelevanter Unterschied, ob da gemütlich Drohnen ankacheln oder ob Raketen unterwegs sind, bei denen weitere Lebensplanung eher theoretischer Natur ist. Diese Information nicht haben zu wollen, ist strategischer Blindflug aus freiem Entschluss.

Fenster offenlassen. Vorhänge offenlassen. Bei Alarm ans Glas treten und hinausschauen.
Katatone Vollidiotie.
Druckwellen haben die unangenehme Eigenschaft, aus Fensterscheiben binnen Sekunden ein hochaggressives Splitterbiotop zu machen. Wer dann noch neugierig am Glas steht, übernimmt freiwillig die Rolle des Versuchskaninchens in einem Crashkurs für Ballistik.

Keine Schuhe neben dem Bett.
Selten dämlich.
Druckwellen haben die unschöne Eigenschaft, Fensterscheiben innerhalb von Sekunden in einen flächendeckenden Teppich aus messerscharfen Splittern zu verwandeln. Was eben noch Schlafzimmer war, sieht danach aus wie eine schlecht gelaunte Glasfabrik.
Wer dann barfuß im Dunkeln versucht, elegant Richtung Tür zu sprinten, lernt binnen weniger Schritte, dass Eigenblut auf Parkett erstaunlich rutschig ist.
Schuhe neben dem Bett sind in Odesa deshalb kein Spleen, sondern der minimale Versuch, sich nicht schon auf den ersten zwei Metern selbst außer Gefecht zu setzen.

Keine Notfallkleidung vorbereitet.
Blöde Idee.
Niemand möchte nachts im Schlafshirt bei vier Grad im Keller stehen oder halb nackt durchs Treppenhaus stolpern, während über einem Motorengeräusche kreisen. Hose, Pullover, Jacke, alles an einem Griffpunkt. Wer bei Alarm erst Kleidung kuratiert, hat Dringlichkeit als Konzept nicht vollständig verstanden.

Die Wohnung ohne Pass oder Aufenthaltsdokumente verlassen.
Ganz dumme Idee.
Insbesondere als Ausländer.
Die mobilen Gruppen des ТЦК, also der territorialen Rekrutierungs- und Mobilisierungsstellen, kontrollieren regelmäßig Männer im öffentlichen Raum und prüfen Dokumente im Rahmen der Mobilisierung.
Ich bin inzwischen viermal angehalten worden. Viermal. Und jedes Mal war ich ausgesprochen froh, innerhalb von Sekunden beweisen zu können, dass ich nicht in irgendeiner administrativen Grauzone ende.

Das Haus ohne voll geladenes Handy verlassen.
Maximal dämlich.
Straßen können gesperrt sein, neue Warnungen reinkommen, Flugbahnen sich ändern, Treffpunkte verlegt werden, Netzbereiche ausfallen. Ohne geladenes Telefon ist man kein informierter Mensch in Bewegung, sondern ein ahnungslos wanderndes Stück Biomasse.

Ohne Bargeld rausgehen.
Westliche Wohlstandsverblödung.
Kartenzahlung funktioniert genau so lange hervorragend, bis Strom oder Netz fehlen. Danach steht man mit Kreditkarte, internationaler Gelassenheit und trockenem Hals vor einem toten Terminal und lernt, dass elektronische Souveränität ein überraschend fragiles Konzept ist.

Kein Wasser. Keine Konserven. Keine Medikamente. Keine Reserve.
Dumme Idee.
Nach schweren Nächten ist die Stadt nicht verpflichtet, sich sofort wieder nach den Bedürfnissen schlecht vorbereiteter Bewohner zu richten. Wer dann morgens feststellt, dass der Haushalt aus einem halben Joghurt, Senf und existenzieller Ratlosigkeit besteht, hat Versorgung bisher eher als philosophische Kategorie verstanden.

Und dann die Königsdisziplin menschlicher Selbstüberschätzung: glauben, man habe sich inzwischen daran gewöhnt und könne nachlässiger werden.

Das ist der Moment, in dem der Krieg innerlich zu lächeln beginnt.

Denn an Sirenen gewöhnt man sich.
An Einschläge gewöhnt man sich.
An nächtliches Drohnensummen gewöhnt man sich.
Der Mensch ist ein erstaunlich anpassungsfähiges Wesen.

Leider gewöhnt er sich auch an seine eigene Schlampigkeit.

Und genau deshalb ist der Satz vom regional begrenzten Krieg so bequem wie falsch.
Er suggeriert Distanz, wo längst keine mehr existiert.
Er beruhigt jene, die das Land nur punktuell anschauen.
Und er produziert zuverlässig dieselbe Illusion: dass Krieg etwas sei, das immer nur woanders stattfindet.

In der Ukraine findet dieses Woanders nur leider überall statt.

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Über Andreas Tölke

Andreas Tölke hat 25 Jahre Hochglanz-Magazine vollgeschrieben mit Porträts und Interviews mit Größen von Zaha Hadid bis Jeff Koons. Seit 2015 ist Tölke „Gutmensch“, hat Be an Angel e.V. initiiert, um soziale und ökonomischer Integration voranzutreiben, und das Restaurant Kreuzberger Himmel gegründet, das ausschließlich von Menschen mit Fluchterfahrung betrieben wird. Eer ist meist in der Ukraine, hat mit dem Be an Angel-Team 24.000 Menschen evakuiert und 5.000 Tonnen Hilfsgüter bis in Frontgebiete geliefert. [display-posts include_date="true" date_format="d.m.Y" author="Toelke" excerpt_more="Continue Reading" display-posts posts_per_page="999" excerpt_more_link="true" title="Autorenbeiträge"]

Ein Gedanke zu “Reality Check: Wie wohnt und überlebt man in Odesa?

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    Wenn ich sowas lese, fällt mit als erstes immer dieser Bundeskanzler Merz ein, der doch der Ulraine Taurus-Lieferungen versprochen hatte. Oder habe ich das geträumt? Merz werfe ich vieles vor, aber dass er dieses Versprechen gebrochen hat, halte ich für den Höhepunkt seines Versagens. Weil es nicht nur den Freiheitskampf der Ukraine schwächt.

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