

Nachdem die „Zeit“ ihre digitale Reichweite durch einen Zugang zur Mitgliederkartei der NSDAP massiv steigern konnte, hat nun der „Spiegel“ mit mehrmonatiger Verspätung nachgezogen. Nun kann jeder selbst prüfen, ob Opi oder Uroma Nazi war.
Vor 45 Jahren drang mit der US-Serie „Holocaust“ die über Jahrzehnte verdrängte industrielle Vernichtung der Juden in die deutschen Wohnzimmer hinein. Es wird sich zeigen, ob der Zugang zu den Karteikarten einen ähnlichen Erkenntnisschub wie die Hollywood-Serie Anfang der 1980er-Jahre in Deutschland auslöst oder doch nur ein familiäres Hütchenspiel bleibt.
Denn selbst wer wie Historiker einzelne Buchstaben im Register erklären kann, erhält nur einen begrenzten Blick auf den einzelnen Menschen. Zur Jahreswende sind zwei Bücher erschienen, die eindringlich die Geschichten hinter den Karteikarten aufblättern.
Die grüne Politikerin Ricarda Lang konnte ihren Onkel Hans Frieder Dietz überzeugen, sein ursprünglich nur für die Großfamilie geschriebenes Buch über ihre Großmutter, seine Mutter für die Öffentlichkeit freizugeben. Es handelt von der Pfarrerstochter Dore Dietz, einer Frau, die, wie Ricarda Lang in ihrem Vorwort schreibt, „in den Jahren des Nationalsozialismus ein faschistisches Regime aus Überzeugung unterstützte“. Hans Frieder Dietz stützt sich dabei auf lange auf Band aufgenommene Gespräche mit seiner Mutter und ergänzt sie durch Fotografien und private Dokumente (Hans Frieder Dietz, AUF DEM KALTEN FELD, mit einem Vorwort von Ricarda Lang, Einhorn Verlag).
Dore Dietz war eine „ganz normale Deutsche“, ein typischer Fall, wie Götz Aly in seinen Arbeiten immer wieder betont. Die nationalsozialistische Faszination kam eben nicht nur in gewienerten Stiefeln daher, wie es Nachgeborenen vielleicht erscheinen mag, sondern fand sich ebenso im Kreise strickender überwiegend pietistischer Frauen, die etwas „für unsere Leute im Krieg tun“ wollten; so wurde Dore Dietz „Frauenschaftsleiterin im BDM“. Zuvor ging ihr „Handarbeitsunterricht nahtlos in die Mädchenschaft über, wo ich Jungmädelleiterin wurde“.
Schließlich begleitet Dore Dietz ihren Mann, den Rektor und späteren Schulrat, ins besetzte Elsass. Erfüllt vom Glauben an Deutschlands Endsieg flieht sie mit ihren acht Kindern erst in letzter Minute nach Deutschland. Ungerührt schreibt sie im Mai 1945 im Gedicht für eine Tochter:
„..des Führers Idee in der Kameradschaft, der Schule erlebend
All euer und unser Wirken und Wollen und Streben,
Es galt nur Deutschland.
Das wird weiterleben.“
Die von den alliierten Truppen verbreiteten Bilder der Toten aus den Konzentrationslagern hält Dore Dietz für Fälschungen, das Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche für Nestbeschmutzung.
Ihr weiteres Leben lang wird sie umtreiben, warum sie sich so verhalten hat. Öffentlich spricht sie mit 78 Jahren, nun eine renommierte Krippenkünstlerin und engagierte Bürgerin, über ihr Versagen: „Bei der Seniorenblockade war es erschütternd, wie viele Menschen meiner Generation ihr Blockieren mit einem Schuldgefühl begründeten, weil sie im 3. Reich blind waren… Aus heutiger Sicht ist es mir unbegreiflich, wie wir, die wir beide aus Pfarrhäusern stammten, also aus einem humanistischen Umfeld, in der Nationalsozialistischen Partei mitgearbeitet haben…“ Sie spricht vor dem Amtsgericht Mutlangen, wo sie im Jahre 1987 wegen der Teilnahme an einer Blockade der Raketendepots angeklagt wird.
Aus den Fehlern lernen
„Welche Verantwortung trägt man für selbst gewählte Blindheit?“, fragt Ricarda Lang in ihrem Vorwort. Sie will aus den falschen Entscheidungen ihrer Vorfahren lernen. Doch wo endet „Blindheit“? Stehen die Blockaden von Mutlangen nicht auch dafür? Hat es sich nicht als richtig erwiesen, auf die Stationierung sowjetischer SS-20-Raketen in Osteuropa mit einer Nachrüstung zu antworten? Hat nicht die damalige Verteidigungsbereitschaft der NATO-Staaten zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen? Zeigt sich nicht heute, wohin es führt, wenn Aggressionen wie die Besetzung der Krim letztlich hingenommen werden?
Solche eigene Blindheit beschäftigt Dieter Bongartz im Roman über seinen Vater (Vaterland, Roman einer Familie, März-Verlag). Emphatisch fühlt er sich hinein in dessen Aufbruch zur SS: „Karl weiß, wie sehr Mutter, Vater sein Tun schmerzt. Aber was zählen schon Eltern, Familie, wo sie heute die Welt aufs Neue vermessen, mit nie dagewesener Entschlossenheit Besitz ergreifen von ihr.“
Nun, am Ende seines eigenen Lebens, erinnert Dieter Bongartz, dass auch er in seiner Jugend in den 1970er-Jahren antrat, die Welt neu zu vermessen: „Freundschaft mit der Sowjetunion – gerechte Gewalt – gerechter Krieg – So! So! So! Alles alles hat einen Platz im kartographierten Bild von der Welt. Die Zuhörer jubeln Ich bin schon da! Immer neue Kaskaden rhythmischen Klatschens, Sprechchöre, kollektiver Orgasmus im Sportpalast, nein Hörsaal 10, die Gewissheit des sicheren Siegs ergibt sich wie Sonne Wind Regen aus den Gesetzen der Dialektik, es geht gar nicht anders, die Lokomotiven der Geschichte brausen voran…“
Zeit seines Lebens hatte er seinen Vater bekämpft und kommt ihm nun doch nach seinem Tod im Wissen um die eigene Blindheit nahe: „Ich bin dein einziger Sohn, den du lieb hast auf deine Weise und der dich nicht lieb haben kann auf seine Weise, und ich verschone dich nicht, denn du warst immer tot und bleibst immer tot und sollst immer tot bleiben und mich niemals finden von Ewigkeiten zu Ewigkeiten“.
Gnade der Geschichte
Es ist nicht die von Günter Gaus und Helmut Kohl beschworene Gnade der späten Geburt, sondern der Gnade der Geschichte zu verdanken, dass bei Dieter Bongartz anders als beim Vater der Aufbruch in die neue Welt nur rhetorisch geschah.
Dieses letzte Werk schrieb Dieter Bongartz in Erwartung des eigenen Todes: „Im Januar erfährt er, da stimmt etwas nicht in seiner Leber, vermutlich, mutmaßlich, sie stechen hinein, sie machen sie sichtbar, sie analysieren Gewebeproben und kommen zum Schluss Todeszelle last exit, Stadium 4 dabei geht es ihm Gold. Keine Symptome. Alles gut…“ Im Jahre 2015 starb er.
Zehn Jahre später veröffentlicht der MÄRZ Verlag sein Buch. Der Lyriker, erfolgreiche Drehbuchautor von sieben ARD-Weihnachtsmärchenfilmen, Dokumentarfilmer und Kinderbuchautor findet hier einen Ton, der an homerische Epen erinnert und deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre in einem geradezu atemlosen Rhythmus verdichtet.
Im Vorwort zum Buch über ihre Großmutter schreibt Ricarda Lang, „was wir aus der Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft lernen“. Einfache Antworten auf solche Fragen führen schnell in die Irre und zu neuer Blindheit. Das zu zeigen, macht die Stärke und Aktualität beider Bücher aus.
Was kann ich aus der „NS-Vergangenheit“ meines Vaters der 1945 ein HJ-Pimpf war, „lernen“?
Er riet mir nach 1990, mich um das Heute, mein berufliches Fortkommen und die Ernährung der Familie zu kümmern.
„Denn,“ so sagte er:
„Fürs Gewesene zahlt der Jude nicht!“
@Alan Posener: Übernehmen Sie!
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