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Die Unmöglichkeit, objektiv über Stimmen zu urteilen

The Beatles im Cavern Club, 1962. Public Domain

Etwas verstört war ich, als ein befreundeter Musikkritiker mir neulich gestand, er begreife zwar, dass die Songs der Beatles etwas Besonderes seien, möge aber nun einmal ihre Stimmen nicht. Wie? Paul nicht mögen, ob engelsgleich einschmeichelnd wie bei „I Will“ oder rockig-ausrastend bei „Helter Skelter“? John nicht mögen, ob schneidend scharf wie bei „Happiness Is a Warm Gun“ oder romantisch-träumerisch wie bei „Julia“? George nicht mögen, warm und melodisch bei „While My Guitar Gently Weeps“, oder ironisch-nordenglisch wie bei „Piggies“? Ringo, der „Good Night“ vorm Kitsch rettet, indem er den Song leicht neben der Tonart singt? Und das sind nur ein paar Songs vom „Weißen Album“, verdammt noch mal …

Und doch. Und doch. Der Freund hatte Recht. Nicht, dass die Stimmen der Beatles objektiv schlecht – oder gut – wären. Sondern mit der Feststellung, dass der Klang einer Stimme jenseits von halbwegs objektiven Kriterien wie Tonumfang, Treffsicherheit, Technik, Ausdrucksstärke den Hörer oder die Hörerin spontan für den Sänger oder die Sängerin einnehmen oder aber abstoßen kann. Und da kann man wenig dagegen machen. Weder kann man jemanden, der die Harmonien von Lennon und McCartney nicht mag, davon überzeugen, dass sie „gut“ sind, auch wenn man ihre Originalität objektiv nachweisen kann, noch kann man selbst viel dagegen machen, wenn man eine Stimme nun einmal abstoßend findet.

Das offensichtlichste Beispiel ist Bob Dylan. Ich schreibe dies an seinem 85. Geburtstag, und seit über 60 Jahren scheiden sich an seiner Stimme die Geister. Wie ich in meinem Dylan-Buch schrieb, dachte ich, als ich ihn zum ersten Mal hörte, so um 1964 herum, es handele sich um einen wandernden Barden, den man irgendwo im Mittleren Westen aufgegabelt habe, irgendwas zwischen Homer und Woody Guthrie. Er klang damals – für mich – schon fast so alt, wie er heute ist.

Nun gut, und gerade diese Stimme war es, mehr als seine Songs, die mich faszinierte. Bis dahin war für mich die „Folk Music“, die damals eine Renaissance erlebte, eher geprägt von den süßlichen Stimmen und Harmonien von Joan Baez, The Kingston Trio und vor allem Peter, Paul & Mary, die ja Dylans „Blowin‘ in the Wind“ zu einem Welthit gemacht hatten, und es kann sein, dass mein Widerwille gerade gegen diesen Dylan-Song etwas damit zu tun hat, dass ich ihn zuerst von diesem New Yorker Trio hörte, das dann mit „Puff the Magic Dragon“  auch noch einen passend sentimentalen Song zum  braven dreiteiligen Satzgesang nachlieferte.

Diese Ausführungen werden niemanden überzeugen, der Dylans Stimme nicht mag. Ich beschreibe eben meine Subjektivität und die Unmöglichkeit, sie zu objektivieren.

Meine erste Reaktion auf die Beatles übrigens, ein Jahr zuvor, war: „Die klingen aber merkwürdig. Fast amateurhaft“. Gemessen an den Everly Brothers, deren Harmonien ich liebte, oder an dem Doubletracking des von mir ebenfalls verehrten Neil Sedaka, wirkte der Satzgesang der Beatles, etwa auf „From Me to You“ sehr schräg, und mir gefiel die geglättete Cover-Version des Amerikaners Del Shannon sehr viel besser. Erst als mich – wie die halbe Jugend der westlichen Welt – „I Wanna Hold Your Hand“ vom Hocker warf, lernte ich diese merkwürdigen Harmonien, das Raue, teils gewollt, teils ungewollt Unharmonische der Harmonik, die sich zum perfekten Satzgesang etwa der zeitgenössischen „Beatgruppen“ wie der Searchers oder der Hollies  (oder der Beach Boys) wie eben Dylan zu Joan Baez verhielt, schätzen. (Und es ist kein Zufall, dass Dylan zuerst von den Harmonien der Beatles fasziniert war, als er sie etwa zur gleichen Zeit auf Tournee im Autoradio hörte und den Text von „I Wanna Hold Your Hand“ produktiv missverstand.)

Und es stimmt: John Lennons nasale, manchmal meckernde Stimme ist eben nicht im herkömmlichen Sinne „schön“; Greil Marcus sagt irgendwo zwar, dass der Klang seiner Stimme bei „Money“ revolutionärer sei als alle damaligen Texte Dylans (und das finde ich auch). Über die Probeaufnahmen bei Decca 1962, die zu einer Ablehnung der Band führten, sagte Lennon aber  selbst: „Paul sang ‚Till There Was You‘, und er klang wie eine Frau, und ich sang ‚Money‘ und klang wie ein Verrückter.“ Das war bei diesen Stimmen immer eine Gefahr, und die Bändigung dieser Gefahr, das Einbinden des allzu Weiblich-Schönen und des allzu Exaltiert-Durchgeknallten zu in der Tat oft schrägen Harmonien (man höre sich etwa „Baby’s In Black“ an), ist eben Teil des Geheimnisses dieser außergewöhnlichen Band. Aber wer’s nicht mag, wird es nun einmal auch dann nicht mögen, wenn er dieser Argumentation intellektuell folgen mag.

Ich selbst hatte und habe solche Abneigungen. So kann ich die Stimme von Neil Diamond, seine Art zu singen, die Töne von unten und oben anzuschmieren, einfach nicht leiden, obwohl ich zugeben muss, dass Songs wie „I’m a Believer“, „Sweet Caroline“, „Beautiful Noise“, „He Ain’t Heavy …“ oder „Red Red Wine“ usw. wirklich gut gebaut sind. In Cover-Versionen mag ich sie meistens auch, aber Neil Diamond selbst – brrrr!

Oder John Fogerty. Als Creedence Clearwater Revival anfing, war ich von dem Konzept begeistert: zurück zu Musik, die mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug gemacht werden kann, weg von Psychedelia, Glam-Rock, Überproduktion, selbstverliebtem Endlosgedaddel auf der Gitarre und dergleichen; in unserer Band spielen wir heute auch diverse CCR-Songs, etwa „Proud Mary“, „Green River“ und „Bad Moon Rising“. Aber Fogertys hohe, irgendwie in der Kehle sich quälende und zugleich nasale Stimme finde ich schwer erträglich, weshalb ich auch seine Songs – und er kann weiß Gott schreiben! – lieber in Cover-Versionen höre.

Oder die Beach Boys. Ich betrete hier vermintes Gelände, aber bei aller Bewunderung für Songs wie „Surfin‘ USA“ oder „Good Vibrations“ kann ich mit den Stimmen wenig anfangen, um es gelinde auszudrücken. Sie sind mir zu weiß, zu jungenhaft-pubertär, ich assoziiere mit songs wie „Surfer Girl“ oder „I Get Around“  immer Umkleidekabinen, Schweißgeruch und Masturbation. Und noch einmal, das bin ich, das sind nicht die Beach Boys, hier geht es gerade um das Problem, dass Musik einen auf Ebenen berührt (pun intended), über die man nur wenig Kontrolle hat.

Ein wenig aber doch. Ich habe beschrieben, wie ich als Teenager von Leonard Cohen abgetörnt wurde, und nicht zuletzt von seiner Stimme. Aus Gründen aber, nicht zuletzt der Selbstachtung, habe ich mir einen Ruck gegeben und bei Cohen viel Schönes gefunden, das ich mir sonst versagt hätte. Wird meine Selbstdisziplin und Neugierde, von Altersabgeklärtheit ganz zu schweigen, jetzt reichen, um mir einmal „Pet Sounds“ trotz des schrecklichen Covers von vorn bis hinten anzuhören, oder gar Diamonds „Up on the Roof“? Ich sollte es wohl tun. Wir sind nicht zum Vergnügen hier.

 

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