
X? Pfui Teufel. Man macht es sich lieber auf Bluesky gemütlich. Das ist das X für Links-Kuscheleien. Hier die Charts. Ganz vorne: „Der Volksverpetzer“ und Jan Böhmermann.
Foto: Screenshot /Bluesky
SPD, Grüne und Linke verabschieden sich von X (früher Twitter). Zu viel Chaos, zu viel Hass und Hetze, heißt es als Begründung. Zum ersten mal hat Links die Diskurshoheit in einer wichtigen öffentlichen Sphäre eingebüßt. Die Schlacht auf X wurde verloren. Das schmerzt, also zieht man sich lieber zurück. X-Nutzer sagen einfach, was sie wollen, unterwerfen sich keinem Meinungsdiktat. Das ist immens wichtig für die Demokratie. Wer sich abmeldet, hat das nicht verstanden.
Ich habe in frühester Jugend gelernt: Die Linken haben immer Recht, und sie haben die Moral für sich gepachtet. Im Reinbeker Jugendzentrum durfte man theoretisch alle Fragen stellen. Theoretisch. Denn wer wissen wollte, was man eigentlich davon halten soll, dass diese sogenannte Gegenkultur aus dem Rathaus bezahlt wird, das traditionell von der CDU geführt wurde, kassierte böse Blicke und ein Redeverbot. Man durfte auch aussehen, wie man wollte. Solange man lange Haare, Bundeswehrparka und Palästinensertuch trug.
Diese linke Verbohrt- und Verlogenheit hat es aus dem Jugendzentrum der 70er-Jahre bis in die höchsten Staatsämter geschafft. Durch Hartnäckigkeit und den unbedingten Willen zur Macht. Dieser linke Marsch durch die Institutionen war erfolgreicher als jede militärische Offensive der deutschen Geschichte. Man hat den öffentlichen Debattenraum erobert und sich ein riesiges, durchfinanziertes Ökosystem erschaffen. Es singt links aus fast allen Medien, Kanälen und Popstar-Kehlen. Sogar die CDU hat zentrale linke Kampfbegriffe in ihren aktiven Wortschatz und ihre Köpfe aufgenommen.
Auf X sagt jeder, was er will
Doch seit einigen Jahren erlebt die Linke, dass es Debattenräume gibt, die nicht ihre Sprache sprechen. In denen es erlaubt und erwünscht ist, in andere Richtungen zu denken. Das tut weh. Denn man weiß: Wer die Hoheit über die Sprache hat, wer entscheidet, was gesagt werden darf und was nicht, hat die Macht. Auf X funktioniert das aber nicht. Da sagt jeder, was er will.
Für die Hüter des Sagbaren muss das ein Alptraum sein. Vor allem, wenn das alles von einem egomanischen Visionär wie Elon Musk beaufsichtigt wird. Deshalb haben SPD, Grüne und Linke beschlossen, sich von der Plattform X zurückzuziehen. Es sei dort einfach zu chaotisch und die Plattform fördere Desinformation, heißt es etwas weinerlich. In Wirklichkeit hat man die erste große Schlacht um die Meinungshoheit verloren und sieht die eigene Macht in Gefahr.
Der Abschied erfolgte in einer konzertierten Aktion. Mit gleich lautenden Texten. Generalstabmäßig. Das konnten sie schon immer. Sich zusammenschließen und dann gemeinsam agieren. Zurückgezogen haben sich die Partei-Accounts, die Accounts der Bundestagsfraktionen sowie viele Politikerinnen und Politiker. Auf einen Schlag. Auffällig ist, dass einige linke Politiker geblieben sind. Zum Beispiel Karl Lauterbach oder Ricarda Lang, die die Kommunikation auf X verstanden haben.
Warnsignale für jeden Demokraten
Auf X tobt das Leben. Es gibt keinen vergleichbaren öffentlichen Raum, in dem so viel und so unverschämt laut gedacht wird. Natürlich gibt es Einlassungen und Diskussionen, die man lieber meidet. X ist nicht die ZEIT. Algorithmen steuern die Sichtbarkeitkeit von Beiträgen. Aber jeder, der drei Gehirnzellen an Bord hat, kann damit umgehen. Jedem echten Demokraten sollte vor allem eins wichtig sein: Hier gibt es eine Plattform, auf der ich meine Meinung sagen kann. Unzensiert. Unredigiert. Vielleicht sogar anonym.
X funktioniert für viele anonyme Nutzer wie ein Druckventil. Das ist nicht immer hübsch anzuschauen. Aber nötig. Denn der soziale Preis für manche Meinungen ist in diesem Land schon viel zu hoch geworden. Ausgrenzung, Jobverlust und der Verlust von Freunden sind oft genug die Folge. Umfragen zeigen, dass viele Deutsche der Meinung sind, dass man in diesem Land nicht mehr so frei seine Meinung sagen kann wie früher. Ein Warnsignal für jeden, der weiß, dass Demokratie nicht bedeutet, dass alle in die gleiche Richtung denken.
Grönemeyer statt Frank Zappa
Im Jugendzentrum regierten die linken Intellektuellen. Sie waren dem jungen Publikum weit überlegen. Sie hatten sich mit Michel Foucault, Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse beschäftigt. Sprachlich hatte man gegen diese Intelligenzbestien und Besserwisser keine Chance. Sie besiegten sogar den ehrwürdigen Mathelehrer im Blitzschach. Ihr Soundtrack zum alternativen Leben waren Frank Zappa, Tangerine Dream oder Neil Young, während die Meute noch ganz banal Slade und Sweet feierte.
Diesen beeindruckenden intellektuellen Eklektizismus hat man auf dem langen Weg zur Macht leider hinter sich gelassen. Man ist bei Herbert Grönemeyer gelandet. Heute reicht es schon, wenn Juso-Chef Philipp Türmer oder SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf drei bis vier auswendig gelernte Sätze immer wieder neu aneinanderreihen können, um es an die vorderste Front links der Mitte zu schaffen.
Die Gemeinschaft der Wenig-Denkenden
Diese intellektuelle Verwahrlosung ist in vielen aktuellen Debatten zu beobachten. Wehe dem, der behauptet, man könne von Donald Trump vielleicht etwas lernen. Der US-Präsident muss stets und ohne Wenn und Aber verachtet werden. Alles andere ist nicht zulässig. In jedem Bericht über den genialen Tech-Investor Peter Thiel muss zwanghaft ein altes Zitat von ihm vorkommen, das ihn als Antidemokrat brandmarken soll. Am schlimmsten: Versuchen Sie nie, etwas zum Thema Klimawandel zu sagen, was nicht in die gängige Untergangserzählung passt. Sie werden sofort aus der Gemeinschaft der Wohlmeinenden aber Wenig-Denkenden rausgeworfen. Garantiert.
Es ist übrigens eine gute Idee, die Orte zu besuchen, die die Linken verlassen, wenn man sich auf der Suche nach geistigen Anregungen begibt. Dort ist es eigentlich immer interessanter als in der linken Ecke. Zum Beispiel auf X.
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Frank Schmiechen ist Journalist und Musiker. Er startete als Reporter bei der Bergedorfer Zeitung, war später unter anderem Stellv. Chefredakteur der WELT und Chefredakteur des Online-Mediums Gründerszene. Seit einigen Jahren arbeitet er als Kommunikationsberater. In den 70er Jahren begann er seine Musiker-Karriere als Songschreiber, Bassist, Gitarrist und Pianist. Sein Herz schlägt auch für guten Wein und den HSV. Frank Schmiechen lebt in Berlin und hat vier Töchter.
Ich denke, Herr Schmiechen, Sie haben da den Punkt eingefangen. Bluesky wird an Inzucht bzw. Langeweile zugrundegehen. Es kann zwar bisweilen nützlich sein, sich nicht mit allem abzugeben, dann muss aber bereits Substanz da sein und keine überhebliche und nostalgische ‚Unseredemokratie‘-Sektiererei mit Sponti- Schattenboxen ‚Gegendenfaschismus‘. Das wird selbst Bots zu bedeutungslos sein.
Was bei Bluesky wirklich gut ist, das ist die Aufteilung in Sparten, und dort besonders – das wird Sie interessieren, lieber KJN – die Wissenschaftssparte.
Danke! Sehe ich mir an.
Sie mögen es ja langweilig finden, wenn Menschen aus dem breiten demokratischen Spektrum sich au eine Plattform wie bluesky – das keine „linke“ Plattform ist – zivilisiert austauschen. Es gibt ja auch Menschen, die halten den zivilisierten Umgang der demokratischen Parteien im Bundestag für langweilig und bevorzugen Krawall und lieben das antidemokratische Geblöke von AfD oder dem Bündnis Stalinistischer Würstchen. Sie mögen es für Inzucht halten, dass bluesky theoretisch denen eine Plattform bietet, die noch anständige Menschen sind, denen der Kompass noch nicht verrutscht ist und die auch gern faktenbasiert streiten. Spotten Sie nur über „unsere Demokratie“. Sie werden sich noch wundern, wie schnell es damit vorbei ist, wenn jene an die Macht kommen, die die Betreiber von X an die Macht bringen wollen. Ja, es ist unsere Demokratie, die derzeit so bedroht ist wie noch nie seit 1945. Und es gibt keine andere. Damit wir sie nicht irgendwann „nostalgisch“ betrachten müssen, müssen wir sie gegen die Freiheitsfeinde verteidigen, die so gern auf X von der Meinungsfreiheit schwadronieren. Die es dort natürlich nur nicht gibt – ausser für Rechtsradikale und Antisemiten jedweder Couleur. Widerspricht man ihnen, darf man sich auf Morddrofunhen von den „Usern“ einstellen, dann wird einem der Account gelöscht (dito bei Facebook und Linkedin). X ist die Plattform, die ganz gezielt eingesetzt wird, um die Demokratie zu destabilisieren, zu verspotten und zu zersetzen. Die Stasi hätte Freudensprünge gemacht, hätte sie ein solches Tool in die Hände bekommen.
„die noch anständige Menschen sind“
Lieber Herr Zimmer, Sie haben infolge Ihrer politischen Einstellung keinen Alleinstellungsanspruch weder auf Anständigkeit, noch besonderen Schutz Ihrer Aussagen. Ich schreibe Ihnen das – bei allem nötigen Respekt – damit Sie vielleicht eine Ahnung davon bekommen, wie das o.A. auf andere wirken könnte. Ich werde mich wohl nicht auf eine weitere Diskussion darüber einlassen, wer den größeren Opferstatus für sich beanspruchen kann, ‚Grünen‘, oder AfD-Wähler, denn die schweren Körperverletzungen und Übergriffe der sog. ‚Antifa‘ nach SA-Manier sind längst in meinem Bekanntenkreis angekommen. Nur zu Ihrer Kenntnis. Ich für meinen Teil lese hingegen gerne Begründungen für eine Meinung, auch wenn es nicht meine ist.
T.Z.:Sie mögen es für Inzucht halten, dass bluesky theoretisch denen eine Plattform bietet, die noch anständige Menschen sind, … ‚
… ’noch anständig‘ oder ‚anständig geblieben‘. Von wegen geheim. Wa‘? Gesinnungskollektivismus. Wie gehabt.
PS: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Soviel zum Thema „Gegner der Meinungsfreiheit“.
Guter Witz. Wer auf X nur einen Millimeter von der faschistischen Grundlinie dieser Plattform abweicht, dessen Account wird sofort gelöscht. Meine Erfahrung als überhaupt-kein bisschen-Linker. Zudem fluten derzeit tausende von Bots aus dem braunen X-Sumpf bluesky und versuchen diese demokratische Plattform kaputt zu machen. Aber da werden sie auf Granit beissen.