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Herbst 1968. Während die Beatles am „Weißen Album“ arbeiteten, arbeiteten die Rolling Stones an „Beggars Banquet“. Das Doppelalbum der Beatles erschien im November, das Album der Stones – verspätet wegen Auseinandersetzungen über das Cover – im Dezember. Das Weiße Album dokumentierte das musikalische und, wenn man so will, künstlerisch-weltanschauliche Auseinanderdriften der Fab Four. „Beggars Banquet“ dokumentierte die Entschlossenheit von Mick Jagger und Keith Richards, nach dem missglückten Versuch, den Beatles in psychedelische Pop-Gefilde zu folgen, zu ihren R&B-Wurzeln zurückzukehren.
(Dass Jagger mit „Sympathy for the Devil” eine missglückte, weil überambitionierte – und trotzdem bemerkenswerte – Interpretation von Bulgakows – ebenfalls missglücktem – Roman über den Teufel vorlegte, und mit „Street Fighting Man“ eine schlimmer missglückte – weil anbiedernde – Hymne auf die radikalsten Elemente der 68er Bewegung, sei hier ausgeblendet.)
Nicht zuletzt, weil Leadgitarrist Brian Jones drogenbedingt bei den meisten Aufnahmen ausfiel, ist das Album eher von Keith Richards und seiner Liebe zum ländlichen Blues und zur weißen Country-Musik geprägt. Nicht zufällig ist das vielleicht beste Lied auf dem Album die Cover-Version von Robert Wilkins‘ eindringlichem Song über den verlorenen Sohn. (Später haben die Rolling Stones auch Robert Johnsons „Love In Vain“ sehr einfühlsam gecovert.) Sehr schön ist aber auch die Country-Parodie „Dear Doctor“. (Den Text findet man wie immer unten.)
Auf dem Weißen Album findet sich interessanterweise auch eine Country-Parodie, Paul McCartneys Gunfighter-Ballade „Rocky Racoon“. Wie „Dear Doctor“ kommt McCartneys Song im Dreivierteltakt daher. (Es kommt darin auch ein Arzt vor, nämlich der nach Gin riechende Chirurg, der den glücklosen Rocky zusammenflicken soll, aber erstmal auf dem Operationstisch seinen Rausch ausschlafen muss.) Mir gefiel aber McCartneys Song nie besonders. Er ist zu preziös. Zu kabaretthaft. Zu offenkundig ein humoristisches Gegenstück zu tragischen Gunfighter-Balladen wie „Streets of Laredo“. Country-songs mögen sich manchmal zu ernst nehmen, aber McCartney nimmt sein Nichternstnehmen von Rockys tragikomischem Schicksal zu ernst.
Deshalb gefällt mir „Dear Doctor“ besser, abgesehen davon, dass der Beat kräftiger, der Song als Walzer tatsächlich tanzbar ist; außerdem ist Brian Jones‘ kontrapunktisches Harp-Spiel – er muss zur rechten Zeit im Studio aufgetaucht und halbwegs funktionsfähig gewesen sein – ausgezeichnet. Jagger singt zwar mit einem dick aufgetragenen Südstaaten-Akzent (den er auch bei „Prodigal Son“ verwendet), der durchaus parodistisch wirkt, aber dadurch, dass der Song in der ersten Person gesungen wird – und Jagger immer schon in stärkerem Maße als die Beatles einen amerikanischen Akzent pflegte, ob bei Covers wie „It’s All Over Now“ oder bei Eigenkompositionen wie „Satisfaction“ -, hebt sich das Parodistische, wie bei dem wunderbaren „Girl with Faraway Eyes“, auch eine Country-Parodie, die im Refrain ins Echt-Sentimentale kippt, fast schon selbst wieder auf.
Der Text ist einfach. Ein junger Mann muss heiraten. Wahrscheinlich hat er das Mädchen – das er als „O-beinige Sau“ beschreibt, was auch eine sexuelle Anspielung sein kann – geschwängert. Wie der Sänger in Bruce Springsteens „The River“ hat er zur Hochzeit einen Anzug gekauft bekommen, dessen Bügelfalten ihm wie ein Messer ins Fleisch schneiden, während seine Mutter ihm Whiskey einflößt, damit er die Zeremonie durchhält. Doch im letzten Augenblick kommt unverhofft die Rettung: Als er in die Jackentasche fasst, um nach dem Ring zu suchen, entdeckt er einen Zettel. Einen Brief seiner Braut. Wie es sich herausstellt, war sie so wenig scharf darauf, ihn zu heiraten, wie er auf sie, sondern ist mit seinem Cousin Lou – vielleicht dem wirklichen Vater ihres Kindes – nach Virginia durchgebrannt. Die Zwangshochzeit, die bei „The River“ in eine Tragödie münden wird, ist abgesagt, und der Sänger heult Tränen der Erleichterung.
Und der Arzt? Am Anfang des Songs bittet der junge Mann den „lieben Doktor“, ihm das beschädigte Herz herauszuschneiden und aufzuheben; vielleicht wird er es eines Tages gebrauchen und einer wirklichen Liebe schenken können; am Ende aber soll der Arzt das Herz wieder „in sein Loch“ einsetzen, es wird, wie hoffentlich bei Rocky Racoon, alles wieder gut.
Ich habe verschiedentlich geschrieben, dass die Rolling Stones in vielen ihrer frühen Songs – „Stupid Girl“, „Out of Time“, „Under My Thumb“, „Play with Fire“, „Little Miss Amanda Jones“ fallen mir spontan ein – der in den frühen 1960er Jahren bei vielen Rocksängern – man denke auch an John Lennons „Girl“ oder „Run for your Life“, oder an Dylans Herabwürdigungen – üblichen Misogynie frönten. Die Frau ist in solchen Songs die Agentin der bürgerlichen Welt gegen die idealisierte Bohème-Existenz des Rock’n’Rollers.
1965 hatte der – übrigens schwarze – Sänger Roy Charles Hammond als „Roy C.“ einen Hit mit seinem Song „Shotgun Wedding“ gehabt. Als „shotgun wedding“ bezeichnete man die Eheschließung, bei der die Braut schwanger und die Pistole des Brautvaters das entscheidende Argument lieferte, den unwilligen Vater zum Ja-Wort zu zwingen. „Ich bin das Opfer“ einer Zwangsehe, jammert da Roy C.; der Song war interessanterweise in Großbritannien, wo der Waffenbesitz eher die Ausnahme war und noch ist, noch erfolgreicher als in den USA.
„Dear Doctor“ fängt auch mit einem solchen Gejammere an, aber die überraschende Wendung am Schluss zeigt ein Nachdenken über die zugeschriebene Rollenverteilung. Wie auch in „Love in Vain“ der Sänger der Frau ihren Koffer zum Bahnhof schleppt. Sie haut ab. Wohin? Warum? Wir wissen es nicht.
1960 war die „Anti-Baby-Pille“ in den USA auf den Markt gekommen. 1968 war sie schon für viele unverheiratete junge Mädchen in Großbritannien und Europa erhältlich. Und diese Erfindung von Big Pharma, vermarktet vom verachteten Kapitalismus, hat mehr zur Emanzipation der Frau und damit zur wirklichen Revolutionierung der Gesellschaft beigetragen als alles Gerede der – meist männlichen – 68er Möchtegern-Revolutionäre. Das schlägt sich in diesem traditionell, ja retromäßig daherkommenden Song nieder, und auch das macht einen nicht unwesentlichen Teil seines Charmes aus.
Oh help me, please doctor, I’m damaged
There’s a pain where there once was a heart
It’s sleepin‘, it’s a beatin‘
Can’t ya please tear it out, and preserve it
Right there in that jar?
Oh help me, please mama, I’m sick’ning
It’s today that’s the day of the plunge
Oh the gal I’m to marry
Is a bow-legged sow
I’ve been soakin‘ up drink like a sponge
„Don’t ya worry, get dressed, “ cried my mother
As she plied me with bourbon so sour
Pull your socks up, put your suit on
Comb your long hair down
For you will be wed in the hour
So help me, please doctor, I’m damaged
There’s a pain where there once was a heart
I’m sleepin‘, it’s a beatin‘
Can’t ya please take it out, and preserve it
Right there in that jar?
Oh help me, please doctor, I’m damaged
There’s a pain where there once was a heart
It’s sleepin‘, it’s a beatin‘
Can’t ya please tear it out, and preserve it
Right there in that jar?
I was tremblin‘, as I put on my jacket
It had creases as sharp as a knife
I put the ring in my pocket
But there was a note
And my heart it jumped into my mouth
It read, „Darlin‘, I’m sorry to hurt you
But I’ve no courage to speak to your face
But I’m down in Virginia with your cousin Lou
There be no wedding today“
So help me, please doctor, I’m damaged
You can put back my heart in its hole
Oh mama, I’m cryin‘
Tears of relief
And my pulse is now under control
Ich weiß nicht, warum beim Vergleich der beiden Songs „Dear Doctor“ und „Rocky Racoon“ der Text offenbar allein darüber entscheidet, welcher Song Ihnen gefällt und welcher nicht. Von der Melodie, dem Song, wird, außer dem Lob für das Harp-Spiel von Brian Jones, nichts geschrieben. Als Musiker ist das für mich allerdings das entscheidende Moment bei einem Song. Anders ist es ja bei Gedichten. Aber Songs sind Songs und keine Gedichte (für mich), die Musik hat absoluten Vorrang.
Und da geht mein Geschmack in eine andere Richtung. Den Song der Stones auf LP hab ich als einen der schwächsten empfunden. Den Song „Rocky Raccoon“ von den Beatles dagegen als einen der Höhepunkte auf dem „White Album“. Ok, es gibt ja so Sprichwörter über Geschmäcker, deswegen mag das am Ende auch keine Rolle spielen, wie ich das empfinde. Aber was ich kritisch sehe, ist die fast vollständige Ausklammerung der Musik bei der Beurteilung.
Lieber Hans Happe, ich habe es wiederholt geschrieben, ob bei meinen Dylan-Exegesen oder anderswo: Über den musikalischen Geschmack lässt sich (nicht) streiten, schon gar nicht bei Popmusik. Warum ist „You Really Got Me“ ein Meisterwerk, „Hold Tight“ von DDDBM&T aber nicht einmal ganz nett? (OK, ich bin voreingenommen, weil der Roadie von Dave Dee mir mal eine Freundin ausgespannt hat, aber trotzdem …)
Hingegen kann man bei der literarischen Qualität oder Nichtqualität eines Liedtextes durchaus anhand von objektiven Kriterien zu bestimmten Urteilen kommen. Weshalb man ja diskutieren kann, ob Bob Dylan den Literaturnobelprteis verdient hat. Ich finde, ja. Und kann es begründen. Aber ich kann nicht begründen, weshalb seine Stimme großartig ist. Wer sie nicht mag, wird allenfalls zur Kenntnis nehmen, dass ich sie – aus Gründen – mag. Aber kaum überzeugt werden. So wie ich auch musikalisch nicht von „Rocky Racoon“ überzeugt bin, das ich für eine Kabarettnummer, aber keine Country-Ballade halte.
Übrigens ist „Hold Tight“ textlich viel komplexer als „You Really Got Me“. Trotzdem nicht gut.
Lieber Alan,
lustig ist daran nichts, die Rede war ja gerade der Vergleich zu „Run for your live“, das mich aber auch eher musikalisch ärgert. Mit Gewalt bei Untreue drohen, ist schlechter Lyrikstoff. Das Herz bei Untreue herausschneiden, ebenfalls. Die Melodie geht hier allerdings unter die Haut. Ich denke, dass die Leute weniger dünnhäutig waren. Im Unterbewusstsein spielt sich ja einiges ab. Und Nancy Sinatra sang 1966 „Run For Your Life“ mit fast identischem Text, wodurch sie die besitzergreifende und eifersüchtige Dynamik umgekehrt hat.
Alle Milller-Produktionen von „Let it bleed“ bis „Goads Heat Soup“ gefallen mir auch sehr gut. Ausnahme auf GHS ist der misserabel eingesetzte Moog. Sicher ist schon Bruce Botnick auf Strange Days im Umgang mit dem Monster gescheitert. George Harrson hatte auf Abbey Road mehr Geschick bewiesen. Auf Joan Baez bist du gar nicht eingegangen. Alle diese Platten habe ich noch im Osten gehört. Wir hatten viele Empörungsströmungen nicht und haben vieles – wesentlich naiver – weniger eng gesehen. Einer Ausgereisten wurden Wattejacken für den Klassenkampf geschickt. Dass wir uns darüber amüsierten, ist leider auch wahr. Und wir haben wir erst in den Zellen gelacht! Warum habe ich anderer Stelle erklärt. Ich hoffe, ich darf das verlinken. https://blogs.dickinson.edu/glossen/archive/glossen-43-2017-current-issue/dankesrede-aus-anlass-der-verleihung-der-dankbarkeitsmedaille-an-mich-und-vier-andere-vom-und-im-europaischen-solidarnosc-zentrum-ecs-in-danzig-am-12-dezember-2016/
Lieber Axel, den Song von Joan Baez (also das neapolitanische Volkslied, das sie vorträgt) kannte ich nicht. Ich finde die Botschaft des Songs befremdlich, noch mehr aber das Lachen des Publikums. Zum Glück wäre das heute wenigstens im woken Harvard anders. In Neapel – und noch mehr auf Sizilien, schräg gegenüber – herrschten in Teilen der Bevölkerung bis weit in die 1980er Jahre hinein Verhältnisse, die sich kaum von jenen in manchen arabischen Ländern (und Parallelgesellschaften) unterschieden, wo bis heute „Ehren“-Morde üblich sind. Was ist daran lustig?
Schwermut, Gott bewahre! So habe ich Singer nie gelesen, aber ich gebe ihm recht. Und ich möchte das hier belegen. Auch wenn es mich betrifft, geschah das ohne mein Wissen.
22.12.2017
Sie nannten es verniedlichend „Jugendhaus“ – wie Jugendherberge, wie Jugendfreizeit … JWH – Heimkinder‑Forum.de.
Aber es war einfach die Hölle auf Erden. Davon bin ich heute krank.
Radiofeature: „Selbsterziehung – Jugendstrafvollzug in der DDR“
(hier sieht man den Link zu einem ARD‑Feature auf YouTube)
28. Januar 2015 [+2]
Ich kenne Axel Reitel persönlich und ich weiß auch Bescheid über sogenannte Jugendhäuser in der DDR. So etwas gab es in der schönen Diktatur der DDR. Wer heute die […] wählt, wählt auch so etwas wieder.
— Fisch [Gast]
31. Januar 2015 [+1]
Hannes, wenn Sie diesen Axel Reitel mal treffen, drücken Sie ihn bitte herzlich! Aus seiner Dokumentation wird das System der Hackordnung deutlich, die ohne Ausnahme in allen Jugendhäusern herrschte! Seine einfühlsame Erzählweise, gerade was die psychischen Narben der Zeitzeugen angeht, zeugt von einem hohen Einfühlungsvermögen und tiefer menschlicher Güte. Ich bin diesem Herrn vor allem dafür dankbar, dass er den sprachlosen Kindern von damals eine Stimme gab! Auch dass ich meine Sprache fand – im Krankenhaus und bei Therapeuten – ist seinem Vorbild zu verdanken. Ich richte nunmehr meine Wut nicht mehr gegen mich alleine, sondern gegen alles, was eine Wiederholung möglich machen könnte. […]
Ich bin sehr dankbar für dieses Lob und dafür, dass meine Arbeit geholfen hat.
Zu Bulgakow finde ich, dass Nitzburg Bulgakows Groteske gut gerecht wird: diese Verkettung von Schicksal, menschlicher Unachtsamkeit und dem übernatürlichen Eingreifen von Woland. Ich finde die Elemente von Ironie und den schwarzen Humor – Alarm! – über den Verlust der menschlichen Kontrollsucht köstlich. Diese Verkettung von Schicksal und Unachtsamkeit ist allzu modern.
In der mythischen Zeit, bevor Big Pharma und revolutionäre 68er Licht in die dunklen und freudlosen Hütten der Menschheit trugen, besagte der Aberglaube, Kinder würde der Klapperstorch bringen. Heute wissen wir, dass das Unsinn ist, denn Kinder bringt das Schlauchboot. So ist dieses Lied ein Bericht aus dem Zeitalter der Helden, die Kinder großzogen, die sie eigentlich nicht wollten. Die Häuser bauten, in denen sie die später undankbare Brut großzogen. Und Jobs nachgingen, auf die sie eigentlich keine Lust hatten. Die ihr Herz in einem Einmachglas lagerten, weil es nicht der Moment für Herzen, sondern für die Pflicht war. Es ist ein wahrlich tragischer Held, in diesem Lied. So konnte ihm vor dem Heldentod eines normalen Familienlebens nur noch der Kosmos in Gestalt seines Cousins retten. Cousin ist ein heute nicht mehr gebräuchlicher Begriff, wenn Menschen nicht einen Stall von support animals haben (und deswegen einen Job machen, den sie nicht mögen, weil das Mistvieh Allergien hat und das Futter teuer ist) , sondern ihre Kinder dann auch noch Kinder bekommen und diese Kinder nannte sich auf Familienfeiern dann Cousins. Familienfeier ist wie Stuhlkreis mit der anxiety Gruppe, nur halt mit Alkohol statt Xanax. Nach Hause trug einen dann die bow-legged sow, die nicht im Entferntesten an eine mit sanfter Stimme säuselnde KI-Freundin erinnerte, sondern den ganzen Weg und die nächsten drei Tage dem Helden ins Ohr plärrte, dass er sich zum Arsch und sie zum Gespött der Familie gemacht habe. Ach ja, Familie ist so wie jeden zweiten Samstag kuscheln in der Furry-Gruppe, nur mit richtig viel Hass und Gewalt, weil ohne medizinisches Gras. Es ist das Lied vom letzten Helden, gesungen in den letzten Tagen des dunklen Zeitalters. Unglücklich das Land, dass solche Helden nötig hatte. Aber, gaudete, das Leben ist besser geworden, das Leben ist fröhlicher geworden. Je suis boheme.
„Courage is being scared to death – but saddling up anyway.“
– John Wayne (vielleicht…egal…der Typ mit der jawline zum niederknien)
oder
„Don`t go to the hospital. Die! Be a man.“
– Joe
Das ist witzig geschrieben. Und man merkt Ihnen an, wie sich beim Schreiben die Gedanken einstellen, so dass aus dem anfänglichen Sarkasmus über meine Bemerkung bezüglich der Pille am Ende – bis zum vorletzten Satz jedenfalls – so etwas wie eine Anerkennung für das liberale Zeitalter wird, das nun von links und rechts zerstört wird.
Isso
„Je suis boheme.“ Das würden wir doch alle am liebsten bleiben. Nur: Je mehr man dran klammert, desto weniger ist man es. Frei nach Janis Joplin.
„Ich habe den Artikel mit Freude gelesen. Die Platte habe ich einst auf dem berühmten Schwarzmarkt in Prag gekauft – wahrscheinlich hat der Zoll an jenem Tag nicht kontrolliert.
Was mir an Beggars Banquet nicht gefiel, war Jimmy Millers Produktion. Zugegeben, die Platte lief bei mir über eine ‚Mister Stereo-Hit‘-Anlage. Auf der klangen „Reprise“-Alben oder solche vom Label „Elektra“ dennoch „fetter“.
„Prodigal Son“ habe ich auf der Gitarre begleitet und dazu „gekauderwelscht“. Dieser Song hatte für mich die beste Atmosphäre.
Mein Highlight mit der schönsten Melodie war jedoch Keith’ „Salt of the Earth“. Bei „Dear Doctor“ wiederum ist die Story einfach liebenswert. Aber das ist im Artikel alles ausführlich und sehr schön ausgebreitet.
Wegen des Seitenhiebs auf „Run for Your Life“ lege ich allerdings Widerspruch ein und verweise auf Joan Baez (Live, Part 2, „Nu Bello Cardillo“). In ihrer Ansage erzählt sie, wie der Distelfink die Liebste mit einem Messer töten soll, falls sie untreu ist. Dagegen ist „Run for Your Life“, das ja einen Elvis-Song imitiert, ein bloßes pubertäres Späßchen.
Der „Meister und Margarita“ wiederum ist ein Romanwunder über ein so schreckliches Thema wie die Selbstmordplage im Moskau der 1930er-Jahre. Diese Idee mit der „Selbstmordcreme“ und wie herrlich sich Bulgakows Figuren an dem widerwärtigen Partei-Popanz rächen! Das ganze wunderbare Buch verkörpert das, was Isaac Singer über das Schreiben sagte: Man solle so schreiben, dass es den Leuten hilft. Davon verstand doch nicht bloß der karge Osten etwas, oder?
„Run For Your Life“ schrieb Lennon mit 24, das kann ich kaum als pubertäres Späßchen abtun. Dass er die Zeile „I’d rather see you dead, little girl / Than to be with another man“ vom schwarzen Blueser Arthur Gunter (via Elvis) klaute, macht es nicht besser. „Baby, Let’s Play House“ ist wenigstens ansonsten auf eine verklemmte Art witzig. Der Beatles-Song nicht. Aber Lennon hat dafür mit „Jealous Guy“ und „Woman Is the Nigger of the World“ auf die schönste Art für seinen Machismo Abbitte geleistet.
Es stimmt schon, was du über die Produktion sagst. Sie wirkt etwas dünn. Ob das aber an Jimmy Miller liegt, weiß ich nicht. Denn er hat auch „Let It Bleed“ produziert, und der Sound auf dem Album ist richtig fett.
Vielleicht sagst du mir einfach, ab welcher Seite Bulgakow lesbar wird. Ich habe die Neuübersetzung von Alexander Nitzberg angefangen, und das ganze Pontius-Pilatus-und-Jesus-Gesülze (darauf vor allem bezieht sich „Sympathy for the Devil“, ich nehme an, Jagger ist auch nicht viel weiter gekommen als ich) und der ekelhafte und völlig unwahrscheinliche Zwischenfall mit dem Olivenöl und der Tram haben mich neben der derart abgetörnt, dass ich beschloss, ich lasse die weitere Lektüre. Aber ich gebe auch gern zu, dass ich prinzipiell mit der russischen Seele wenig anfangen kann.
Übrigens bin ich ganz und gar nicht der Ansicht, dass man so schreiben soll, dass es „den Leuten hilft“. Wer sind „die Leute“? Wie „hilft“ man ihnen? Aber Isaac Singer ist auch nicht so richtig meins. Ich bin nun einmal ein Westler durch und durch, und weder russische noch jiddische Schwermut liegen mir.
… vornweg: Beggars Banquet is so good. Every song is a gem. 😉 Meine ich.
Apropos Walzer, am liebsten für mich nach Cajun Musik. ‚Dear Doctor‘ erinnert an traditionelle Tanzmusik der französischsprachigen Cajuns im Südwesten Louisianas. Oder?
Beispiel; Ellen Barkin und Dennis Quaid in ‚The Big Easy‘.
Ja, da ist vielleicht etwas Cajun-Einfluss dabei. Allerdings fehlt die Quetschkommode … Siehe „Zydeco Sont Pas Salés“ von den Rolling Stones: https://www.youtube.com/watch?v=SmVHAvPPcAg