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1984 contra Google

 

Warum ausgerechnet Google zum Feindbild so vieler Menschen avanciert ist, verstehe ich nicht. Niemand wird gezwungen, mit Google das Internet zu durchsuchen, ein Android-Gerät zu kaufen, dem sozialen Netwerk Google+ beizutreten oder sich Videos auf Youtube anzuschauen. Die meisten Leute tun jedoch eines oder mehrere dieser Dinge (ich zum Beispiel verwende Google als bevorzugte Suchmaschine und schaue oft bei Youtube vorbei), weil sie die Dienstleistung schätzen. Vielleicht liegt darin das Problem. Google ist einfach zu gut. 

Und ja, ich weiß, dass auch der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, also mein Chef, Google kritisiert hat. Das enthebt mich nicht der Pflicht, mir eine eigene Meinung dazu zu bilden.

Nun hat der Europäische Gerichtshof ein Urteil zu einer der Google-Dienstleistungen gefällt, nämlich zur Suchmaschinenfunktion. Europas Oberste Richter haben bestimmt, dass es ein „Recht auf Vergessenwerden“ im Internet gebe. Nach einer gewissen Zeit könne ein Bürger der EU verlangen, dass Informationen über ihn gelöscht würden; genauer: dass sie für andere Bürger der EU via Google unzugänglich gemacht werden.

Geklagt hatte ein Anwalt namens Mario Costeja Gonzales, über dessen Insolvenz in einer Zeitung berichtet wurde.

Das Gericht hat nicht verlangt, dass die Informationen nachträglich aus der Zeitung verschwinden. Mit dieser Tätigkeit ist bekanntlich Winston Smith in George Orwells Roman „1984“ tagtäglich beschäftigt. Wohl aber, dass ein entsprechender Link beziehungsweise Hinweis bei Google in Europa verschwindet. (Das Gericht hat keine Handhabe, den Nutzern in den USA vorzuschreiben, was sie erfahren dürfen und was nicht.) Wer also unbedingt wissen will, was es mit den Geschäften des Bürgers Gonzales auf sich hatte, kann es also nach wie vor herausfinden, es wird aber länger dauern und komplizierter sein, weil man dazu halt eine Bibliothek aufsuchen müsste, die das entsprechende Blatt archiviert.

Worin der Vorteil dieser Regelung besteht, ist schwer zu sagen. 99.999… Prozent der Menschheit wird sich bis vor kurzem vermutlich überhaupt nicht für Herrn Gonzales interessiert haben, der erst durch seine Klage eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Wer sich aber für Herrn Gonzales interessiert, aus welchem Grund auch immer, muss sich nun größere Mühe machen, um an ältere Informationen über ihn heranzukommen.

Das mag Herrn Gonzales gefallen, und ich kann mit ihm sympathisieren. Wer zum Beispiel meinen Namen googelt, findet spätestens auf Wikipedia, dass ich bis vor kurzem – also bis vor 37 Jahren – Mitglied der KPD/AO war. Das führt dazu, dass jeder Idiot, der meine heutigen Ansichten kritisieren will,  sie mit meinen damaligen politischen Verirrungen in Verbindung bringt. Gäbe es Google – und Wikipedia – nicht, so würden sich vermutlich eine Menge Leute über mich ärgern, die aber nicht einmal in einer gut bestückten Bibliothek diese handliche Argumentations-Keule finden würden, vorausgesetzt, dass sie sich so viel Arbeit machen wollten. Denn ich habe damals die Tatsache meiner verfassungsfeindlichen Tätigkeit nicht an die große Glocke gehängt.

Könnte – sollte – ich die Löschung solcher Hinweise im Netz beantragen? Habe ich das Recht darauf, dass meine jugendlichen Fehltritte vergessen werden, so wie Herr Gonzales das Recht hat, dass seine geschäftlichen Fehlschläge vergessen werden?

Nun könnte man argumentieren, dass ich eine Person der Zeitgeschichte sei (obwohl ich das bestreiten würde), und dass deshalb, so lange ich publizistisch aktiv bin, auch Informationen über meine früheren – schließlich auch teilweise publizistischen – Tätigkeiten relevant sind. Herr Gonzales hingegen ist bloß Rechtsanwalt, und da … Moment: Könnte es für mich bei der Suche nach einem Rechtsanwalt nicht auch relevant sein zu wissen, aus welchem Grund Herr Gonzales damals in Schwierigkeiten geriet? Vielleicht sind die Informationen in beiden Fällen – Posener und Gonzales – irrelevant; aber haben das Posener und Gonzales zu entscheiden? Oder darf, soll das gar – auf Antrag – Google entscheiden? Glauben wir gar, es gäbe genügend Gerichte auf der Welt, alle Wünsche aller möglichen Betroffenen nach der Frisierung ihrer eigenen Geschichte zu behandeln?

Zwei Beispiele sollen die Problematik erhellen:

Der Sportfunktionär Max Mosley, dessen originelle Sex-Praktiken gefilmt wurden und Gegenstand der Bouelvard-Berichterstattung waren, möchte verbieten lassen,  dass eine Google-Suche nach seinem Namen im englischsprachigen Raum angeblich immer die Zusatz-Optionen „video“, „case“ „pictures“ an erste Stelle bringt. (Soeben habe ich seinen Namen gegoogelt. Ich bekomme: 1. Max Mosley – Wikipedia. 2. Max Mosley – Gefangen im Netz von Google – Artikel der „Welt“. 3. Max Mosley – Ex-FIA-Präsident. News von „Die Welt“. 4. Max Mosley begrüßt Google-Urteil – Artikel aus „Focus“. Aber Google „weiß“ ja, dass ich mich für Sex-Skandale nicht interessiere.)

Der Aktienhändler Thomas Bruderman ließ sich von Brokern bestechen, die ihn dazu bewegen wollten, Order bei ihnen zu platzieren. Die Bestechung nahm zum Beispiel die Gestalt von Partys an; einer dieser Partys – Brudermans Jungsesellenabschied in Miami 2003 – kostete den veranstaltenden Broker (beziehungsweise dessen Bank) 60.000 Dollar. Zu den angebotenen Vergnügen gehörten Ecstasy-Tabletten satt, der Besuch in Strip-Clubs, die Betreuung durch zwei ausgebildete Sex-Arbeiterinnen und ein Wettbewerb im Zwergewerfen, damals bei Partys der Wölfe von der Wall Street eine obligate Beigabe. Das und noch mehr kann man nachlesen in den Prozessakten der US-Börsenaufsicht:

http://www.sec.gov/litigation/admin/2008/ia-2713.pdf

Bruderman hätte bestimmt ein Interesse daran, dass diese Geschichten vergessen werden – es sei denn, er ist stolz darauf, was für ein Kerl er früher doch war. Er ist keine Person der Zeitgeschichte, sondern einfach einer unter vielen, die sich einmal für die Herren des Universums hielten. Ich denke, dass die Öffentlichkeit ein überragendes Interesse daran haben muss, dass diese Akten für alle Zeit zugänglich bleiben. Gerade weil Bruderman nichts Besonderes ist, sondern nur ein Zwergewerfer unter vielen war.

Als Sergey Brin und Larry Page Google gründeten, war es ihr erklärtes Ziel,  „to organize the world’s information and make it universally accessible and useful“. Gehören Angaben über die geschäftlichen Schwierigkeiten des Herrn Gonzales, die linksradikale Vergangenheit des Herrn Posener,die sexuellen Praktiken des Herrn Mosley und die Partys des Herrn Bruderman zu „the world’s information“? Zweifellos. Sie gehören nicht etwa deshalb dazu, weil Google darüber berichtet, sondern weil im Fall von Herrn Gonzales damals eine spanische Provinzzeitung, im Fall von Herrn Posener damals die „Rote Fahne“, der „Spiegel“ und der „Tagesspiegel“, im Fall des Herrn Mosley unter anderem die zum Springer-Konzern gehörende „Bild“ und im Fall des Herrn Bruderman die US-Börsenaufsicht darüber berichtet haben. Und außerhalb totalitärer Gesellschaften, wo regelmäßig die zu Vergessenden aus Bildern retuschiert werden, gibt es eben kein Recht auf Vergessenwerden. Google ist eine Bibliothek. Eine unfassbar große, unfassbar leicht zu bedienende, „universell zugängliche“ Bibliothek. Warum gilt für sie, was für keine andere Bibliothek außerhalb der Welt von „1984“ gilt? Warum gibt es für Google eine Pflicht zum Vergessen?

In Orwells Roman kann Winston Smith nur über den Parteifunktionär O’Brien an eine Kopie des verbotenen Buches des Abweichlers Goldstein herankommen. Und wie der Leser am ende des Romans weiß, ist schon diese Weitergabe eine Falle. Heute bräuchte Smith nur ein Handy und eine Internet-Verbindung.  Freilich tun die O’Briens dieser Welt alles, um diesen Zustand zu ändern und das Netz unter ihre Kontrolle zu bringen. Dazu gehört auch der Kampf um die Köpfe – das Versprechen, der Staat wolle und werde unsere Privatsphäre schützen. Ich erlaube mir, aus Erfahrung skeptisch zu sein. Zwei Beispiele:

1. Als ich 1969 oder 1970 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte, wurde ich in ein Zimmer beim Innensenator von Berlin (West) bestellt, wo ein Beamter hinter einer Akte saß und mir mit Leichenbittermiene eröffnete, man verfüge über Informationen mich betreffend, die eine Einbürgerung „zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausschließe“. Was für Informationen das seien, dürfe er mir leider nicht eröffnen. Zehn Jahre später, als mein Anwalt Einsicht in die Akte erstritt, stellte es sich heraus, dass sie damals die Information enthielt, ich sei links eingestellt und hätte als 17-Jähriger einmal die Kommune I besucht, was beides stimmte. Die Einschätzung des „Verfassungsschützers“, der diese Informationen auswertete, lautete, ich sei damit ein potenzieller Terrorist, und man dürfe nicht auf die Möglichkeit verzichten, mich gegebenenfalls abzuschieben. Daher die Ablehnung meines Antrags.

2. Als ich zehn Jahre später nach dem Referendariat in den Schuldienst übernommen werden sollte, bekam ich die Auskunft, meine politischen Vergehen, zu den ich mich sowohl öffentlich wie auch vor der Berufsverbotekommission geäußert hatte, würden mir nicht negativ angekreidet, außer dahingehend, dass ich bis zur noch ausstehenden Einbürgerung nicht Beamter werden dürfe. Dennoch könne ich nicht eingestellt werden, da ich rechtskräftig wegen Hehlerei verurteilt sei. Wie bitte? Wie es sich herausstellte, lag schlicht und einfach eine Verwechslung vor. Ich war niemals wegen Hehlerei auch nur verdächtigt, geschweige denn angeklagt oder gar  verurteilt worden. Aber so stand es in der Akte, die man amtsintern zwischen Innensenator, Schulsenator und Verfassungsschutz hin- und herschob, und in die alle möglichen Menschen Einblick gehabt hatten, nur nicht ich.

 

Nun frage ich: Was ist schlimmer – die Tatsache, dass heute jeder Knallkopf glaubt, ein schlagkräftiges Argument gegen mich in der Hand zu haben, wenn er weiß, dass ich früher Kommunist war; oder die Tatsache, dass eine Behörde jahrelang falsche Informationen und üble Unterstellungen gegen mich als Geheimwissen für sich behielt und auf dieser Grundlage Entscheidungen über meine Zukunft fällte?

 

Will sagen: das Entscheidende ist nicht der Schutz meiner Daten, also der Daten, die über mich irgendwo im Umlauf sind, sondern ihre Integrität.

Es ist nicht wichtig, wer weiß, wie viel Gas und Strom ich verbrauche. Wichtig ist, dass ich die Möglichkeit habe, manipulierte Daten zu ändern, wenn mein Gas- oder Stromlieferant plötzlich eine Rechnung schickt, die mir merkwürdig vorkommt. Es ist nicht wichtig, wer meine Telefonverbindungsdaten kennt. Aber wenn jemand meiner Frau erzählt, dass ich ständig – sagen wir – einen Hostessendienst anrufe, muss ich das widerlegen können. Dazu übrigens ist die Vorratsdatenspeicherung ja auch nützlich; sie kann einem helfen, falsche Anschuldigungen zu widerlegen. Es ist nicht wichtig, wer weiß, dass ich früher linksradikal war und straffällig geworden bin. Wichtig ist, dass darüber keine Lügen verbreitet werden – vor allem von offizieller Seite. Wichtig ist, dass jeder weiß: eine Verurteilung  wegen Gefangenenbefreiung anno 1974, die schon sechs Jahre später bei meiner Verbeamtung keine Rolle spielt, darf einem nicht 30 und mehr Jahre später zum beruflichen Nachteil  gereichen. Es ist weder schlecht noch gut, dass es bei Google alles Mögliche über mich zu lesen gibt, Nützliches und Bescheuertes. Schlimm aber wäre es, wenn es irgendwo Dinge über mich zu lesen gäbe, und ich das nicht weiß, eben weil es nicht auf Google auftaucht.

 

Mit einem Wort: nicht die Öffentlichkeit gefährdet die Freiheit, sondern das Geheimnis. Es sind immer Diktatoren, die Bibliotheken säubern wollen. Es sind selten die Guten, die Informationen über sich verschwinden lassen wollen. Meines Erachtens droht eine Welt wie in „1984“ nicht von Google. Sondern von den Google-Gegnern. Oder sagen wir vorsichtig  (man weiß nie, wer alles mitliest): von einigen unter ihnen.

69 thoughts on “1984 contra Google

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    @Walter Schmid

    Es geht mir hier nicht um ein google bashing „, dennoch eine kleine Anmerkung:

    Je mehr Sie google nutzen, je mehr werden Sie via des Algorithmus auf Inhalte geleitet, die eben nicht die Neutralität der Suche garantieren, sondern Sie letztlich in einen “ Informationstunnel “ senden.

    Der Blick über den Tellerrand ist nur möglich wenn Sie z.B. nicht auf der ersten drei Seiten der Ergebnislisten gehen sondern u.U. auf Seite 435

    Was heißt dies letztlich pragmatisch.

    Sie sind letztlich nicht mehr Herr Ihrer Datensuche, sondern Ihnen werden Ergebnisse geliefert, die vorgeben neutral zu sein.

    Bei der Eingabe von Walter Schmidt in google erhalte ich ca. 9,8 Mill. Resultate.

    Bei der Eingabe Walter Schmid Alan Posener erhalte ich nur noch 585.000 Ergebnisse

    Wenn ich dann via Algorithmus Ihren Schreibstil untersuchen würden, hätte ich sehr schnellen Ihren singulären schriftlichen “ footprint “ herausgefunden und damit wäre aller Wahrscheinlichkeit nach Ihre Identität im Netz zu finden.

    Die vielen Schmidts in der Welt sind mittlerweile auch identifizierbar.

    Selbst wenn Sie einen Alias hätten, genauso, wie Sie einmalige DNS Daten haben, genauso, wie Sie einmalige biometrischen Daten haben, genauso haben Sie auch ich einen einmaligen biometrischen linguistischen “ footprint “ im Netz.

    Wie heißt es bei Danone:

    Früher oder später kriegen wir sie alle

    🙂

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    Ich hätte nur ein Problem mit Google, wenn Unwahrheiten/ obszöne Bilder mit Name und Anschrift über mich verbreitet werden würden. Ich heiße im richtigen Leben Walter Schmid aber den Namen gibt es ja zehntausend mal. Also brauche ich keinen Username zu erfinden. Die Informationen, die ich binnen Sekunden über alles auf der Welt zu erhalte, macht Google für mich unersetzlich.

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    Stevanovic: Das Gefühl, ausgeliefert und machtlos zu sein, steht (glaube ich) in einem direktem Zusammenhang mit dem Verhalten im Netz.

    Irgendwann verselbständigt sich das Gefühl und am Ende steht der dbh.

    … genau, am Ende steht die Wahrheit. Was sonst?

    Stevanovic, Sie und EJ sind, politisch, Historie. Sie wissen es nur noch nicht. Sie erinnern mich an vergangen geglaubte Zeiten, an die ‚DDR‘-Sozialisten, die noch heute nicht begreifen, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland sie, die Sozialisten, nicht woll(t)en. Übrigens ‚DDR‘ stand für ‚Deutsche Demokratische Republik‘ – was für ein Hohn! Daher!

    (… ach ja, … die ‚Moderation‘, erhöht Sie nur scheinbar. Das sollten Sie bedenken.)

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    @Edmund Jestadt

    „Dann liefert er uns, wem auch immer, aus.“

    „Und das Internet, in seiner rechtlichen Entwicklung weit hinter seinen technischen Möglichkeiten zurückgeblieben, ist offenbar für viele Bürger die Gelegenheit, dem Stress disziplinierender Bürgerlichkeit, den Regeln rechtsstaatlicher Demokratie, zu entgehen und die Sau raus zu lassen.“

    Das Gefühl, ausgeliefert und machtlos zu sein, steht (glaube ich) in einem direktem Zusammenhang mit dem Verhalten im Netz.

    Auch der letzte Artikel von Klaus Kocks passt sehr dazu: „Das ist Verachtung der Demokratie, Frau Merkel!“

    Irgendwann verselbständigt sich das Gefühl und am Ende steht der dbh.

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    @EJ – Nachtrag

    … ich bin auch kein Demokrat, ich bin Katholik. Deswegen gilt für mich dass GG trotzdem. Auch Artikel 20,4. Daher!

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    @ Moritz Berger: “Glenn Greenwald: “Privatsphäre ist ein Instinkt”

    Das ist mir zu „privatistisch“, zu unpolitisch gesagt (auch zu biologistisch). Es mag so sein, wie Greenwald sagt. Wichtiger ist aber die für die rechtsstaatliche Demokratie konstitutive Unterscheidung von Privatsphäre und Öffentlichkeit, vgl. oben, APO.

    Lesen Sie vor diesem Hintergrund die für weite Teile des Internets typische Äußerung: derblondehans, 25. Mai 2014 um 14:08. – Die von derblondehans beanspruchte Anonymität dient nicht dem Schutz der Privatsphäre in einem von Greenwald auch nur irgendwie gemeinten Sinne.

    derblondehans setzt den demokratischen Rechtsstaat Bundesrepublik mit der DDR gleich und liefert dazu gleich eine Umschreibung seiner Internet-Aktivitäten, wie er sie, bezogen auf die von ihm so verstandene Bundesrepublik, sieht: (legitimer) Widerstand, „Wer dem Ruf des Landes […]abträglich ist“, Landesverrat. derblondehans vermutet sich in der Illegalität. (Und ist erkennbar stolz drauf)

    Die Frage, wo derblondehans sich in seiner Anonymität denn tatsächlich aufhält, könnte man damit abtun, dass man meint, derblondehans habe sie nicht alle. Und sicher ist das auch zutreffend. Aber anders als im analogen/ realen Leben sind die anonymen blonden hänse im Internet inzwischen ein Massenphänomen. Und das ist erklärungsbedürftig. Woher kommt das? Warum mutieren (vermutlich) brave Bürger, sobald sie sich im Internet bewegen, zu Vollidioten und politischen Extremisten und/ oder (damit ist nicht unser blonder hans gemeint) zu Halb- und Vollkriminellen?

    Die Erklärung ist ziemlich einfach, denke ich. Wir werden nicht als Bürger geboren. Bürgerlichkeit verdankt sich (anstrengender) Zivilisierung. Wir teilen denselben öffentlichen Raum. Das ist mit vielen Frustrationen verbunden. Und das Internet, in seiner rechtlichen Entwicklung weit hinter seinen technischen Möglichkeiten zurückgeblieben, ist offenbar für viele Bürger die Gelegenheit, dem Stress disziplinierender Bürgerlichkeit, den Regeln rechtsstaatlicher Demokratie, zu entgehen und die Sau raus zu lassen.

    Und ganz offensichtlich gilt keineswegs nur für die braven Bürger, dass sie als blonde hänse allzu gern die Sau rauslassen. Das gilt für Google und CO., für die NSA und diverse andere in- und ausländische private Unternehmen und staatliche Organisationen und Dienste ebenso. Allesamt sehen sie im Internet die Chance, dem Disziplinierungsstress rechtsstaatlicher Demokratie entgehen und ihre diversen Begehrlichkeiten nach Belieben (halblegal oder sogar illegal oder anarchisch im ganz und gar rechtsfreien Raum) befriedigen zu können.

    Und aus der bloßen „Chance“ ist längst die vorherrschende Wirklichkeit des Internets geworden. Insofern hat derblondehans in gewisser Weise sogar recht.

    Ander als derblondehans meint, ist die Bundesrepublik bezogen auf das „reale Leben“ ganz gewiss keine DDR. Aber was das Internet betrifft, in dem derblondehans sie wahrnimmt, hat die Bundesrepublik (ungeachtet dessen, dass derblondehans selbst an ihrer Demontage fleißig beteiligt ist) tatsächlich deutlich die Züge eines failed states, in dem der demokratische Rechtsstaat nur noch eine Chimäre ist. (Und das gilt, wie wir alle wissen, unter den demokratischen Rechtsstaaten keineswegs nur für die Bunderepublik.)

    Wenn der demokratische Rechtstaat seinen Bürgern nur empfehlen kann, die blonden hänse zu ignorieren und ihnen ansonsten das Feld zu überlassen und wenn der demokratische Rechtsstaat gegen Google, NSA und Co. keinen anderen Ratschlag weiß, als dass wir uns, wie im Lande der Räuber, abzuschließen, uns zu „verschlüsseln“ und zu verbergen, möglichst kein und unsichtbar zu machen hätten, dann hat der demokratische Rechtsstaat versagt. Dann liefert er uns, wem auch immer, aus.

    (Ich lese noch, mache aber eine Schreibpause.)

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    @EJ

    „Es muss im ureigensten Interesse des demokratischen Rechtsstaats liegen, den Raum zu schaffen und zu schützen, in dem die Bürger sich als Bürger, unbehelligt und frei, aber auch face to face verantwortlich, begegnen können und – müssen. Unsere Politik hat das bisher weder in Bezug auf Europa noch in Bezug auf das Internet geschafft. (Und ich nenne beide nicht zufällig in einem Atemzug!) Neben allem, was das Internet technisch an inzwischen unverzichtbarer Kommunikation ermöglicht, ist das Internet politisch – und gemessen an den Standards einer demokratisch rechtsstaatlich generierten Öffentlichkeit – eine stinkende Kloake. Auf die Dauer und in seiner überbordenden Massenhaftigkeit kann das nicht ohne Folgen bleiben.“

    Eine Fundsache zu Ihren Zeilen:

    „Glenn Greenwald: „Privatsphäre ist ein Instinkt“

    Die NSA-Affäre habe gezeigt, dass Menschen ihre Privatsphäre im Internet selbst schützen müssten. Es sei unrealistisch, dass die NSA in absehbarer Zeit mit ihrer Schnüffelei aufhöre. Das sagte Glenn Greenwald bei seiner Buchvorstellung in Berlin.

    Die öffentliche Debatte über die Schnüffelei der Geheimdienste im Internet habe sowohl ihn selbst als auch Edward Snowden positiv überrascht, sagte der Journalist Glenn Greenwald bei seiner Buchvorstellung in Berlin. Es zeige, dass die Menschen sich um ihre Privatsphäre Sorgen machten. Mit Verschlüsselung und Anonymisierung könnten Menschen sich selbst gegen das Abhören wehren, denn Regierungen würden nie aufhören, die Menschen zu überwachen. Das Sammeln von Informationen gehöre zu ihrem Herrschaftsanspruch.“

    aus:http://www.golem.de/news/glenn.....06720.html

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    @ lucas: Pseudonymisierung ist im Telemediengesetz §13 verankert.

    Das ist mir bekannt. Ich selbst habe das Pseudonym im Internet immer verteidigt. Und ich verteidige es noch – gegen Google und Co. und gegen die sonstigen, u.U. weit gefährlicheren, Risiken des Internets – Stichwort: Kriminalität, Spionage, Terrorismus und(!) u.U. deren staatliche Abwehr.

    Aber eben weil wir im Internet ständig auf der Hut sein müssen, eben weil wir uns (jenseits aller einschlägigen Regelungen) im Internet praktisch und faktisch in einem rechtsfreien Raum bewegen, eben weil wir im Internet zu unwürdiger Anonymität gezwungen sind, dränge ich auf Änderung.

    Das potenziell und faktisch übergriffige Internet gehört abgeschafft. Der Zwang zur Anonymität muss abgeschafft werden. Das heißt umgekehrt: Die Voraussetzungen für Klarnamen-Zwang müssen geschaffen werden. Heißt: Die Voraussetzungen für ein bürgerliches Internet, für ein demokratisch freies, rechtsstaatlich geschütztes Internet müssen geschaffen werden.

    – Es muss, in Analogie zu realen Welt, auch im Internet einen Bereich absolut geschützter privater Kommunikation geben (E-Mail, Internettelefonie usw.).

    – Es muss im Internet private öffentliche Kommunikation ermöglicht werden: nicht-verfolgbar, nicht-suchbar, löschbar bzw. nicht-(fremd-)speicherbar (analog zum privaten öffentlichen Gespräch auf der Straße oder im Restaurant oder im Café).

    – Es muss in demokratischen Staaten (jenseits der privaten und halb-privaten Räume) das Internet als ein öffentlicher Raum eingerichtet werden, in dem der Bürger im Rahmen der demokratisch rechtsstaatlichen Möglichkeiten und Grenzen als Bürger mit seinem Gesprächspartner als Bürger kommuniziert. In diesem öffentlichen Raum macht der Bürger im Sinne von Art. 1 GG sein Wort, offen, jederzeit auffindbar und zitierbar. In diesem öffentlichen Raum macht der Bürger sein Wort als gesellschaftlich, politisch und rechtlich – in mehrfachem Sinne des Wortes: – verantwortlicher Bürger.

    Das Internet war eine der ganz großen Hoffnungen am Ende des letzten Jahrhunderts, kulturtechnisch, gesellschaftlich und politisch. Was es uns kulturtechnisch an Möglichkeiten tatsächlich gebracht hat, ist enorm (den ökonomischen Raum durchaus eingeschlossen). Wird das Internet, wie es sich inzwischen entwickelt hat, aber nicht grundlegend reformiert, könnte es sich gesellschaftlich und politisch als eine der größten, sagen wir, Enttäuschungen des 21. Jahrhunderts erweisen.

    Der Zwang zur Anonymität im Internet, das Pseudonym im Internet, ermöglicht nicht nur, sondern legitimiert offenbar auch, eine zweite gesellschaftliche und politische Wirklichkeit unterhalb der bürgerlich demokratisch rechtsstaatlichen zu etablieren. Der bürgerlich demokratische Rechtsstaat wird dadurch untergraben und seine Stabilität gefährdet.

    Kurz gesagt: Wollen wir den demokratischen Rechtsstaat ungefährdet erhalten, müssen wir gewährleisten, dass im Internet keine anderen Regeln der Kommunikation gelten als im realen Leben. Was Herr Müller oder Frau Schmitz in der Öffentlichkeit des realen Lebens nicht zu sagen verantworten können, sollte ihnen im öffentlichen Raum des Internets als rellüm3 und mitzi7 zu sagen verweigert werden. Durch Klarnamen-Zwang! Für den – gegen alle Zudringlichkeit und alle Übergriffigkeit des Internets, sieh oben – die Voraussetzungen allerdings erst noch zu schaffen wären.

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    Lieber Lucas,

    „Warner, wie Moritz Berger, der Club of Rome oder Hedgefonds legen Schieflagen offen womit eine Behebung dieser erleichtert wird.“

    ich bin k e i n Warner, sondern stelle eher Fragen.

    Daher vergleichen Sie mich bitte nicht mit dem Club of Rome!!

    Den Zusammenhang mit den hedgefonds erkenne ich allerdings nicht??

    Und was die Beseitigung der “ Schieflagen “ betrifft, wo sehen Sie im Finanzbereich eine Beseitigung 🙂

    Unsere Geschäftspartner und wir sehen nur:

    Same procedure as every year 🙂

    Zu:

    „Krisen gab es schon bevor der Finanzmarkt nicht mehr transparent war. Lässt sich das Problem mangelnder Transparenz wirklich nur mit Regulierung lösen? Denn eigentlich ist es doch logisch, wessen Kohle da verbraten wird, wenn in Verträgen nicht anders geregelt, derjenige der sein Geld verleiht.“

    Sie scheinen nicht zu erkennen, wass das
    “ Verbrennen der Kohle “ für Sie persönlich Folgen haben könnte!!!

    Der “ Sack Reis “ der eines Tages in Thailand oder Kambodscha umfällt, hat angesichts der Globalisierung vielleicht auch Einfluß auf Sie als Person.

    Was das Thema open source betrifft. Da sollten Sie die Begrifflichkeit einmal darstellen:

    Die Entscheidung, den Terminus Open Source zu etablieren, vorgeschlagen von Christine Peterson vom Foresight Institute, begründete sich zum Teil auf der möglichen Missinterpretation des Wortes frei. Die Free Software Foundation (FSF) versteht das Wort im Sinne von Freiheit (“free speech, not free beer” – „freie Meinungsäußerung, nicht Freibier“), jedoch wurde es oft fälschlicherweise mit kostenlos assoziiert, da der englische Begriff Free beide Bedeutungen haben kann. Tatsächlich ist freie Software in den meisten Fällen wirklich auch kostenlos erhältlich.

    aus:http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source

    Und wenn Sie bei Amazon noch über die Empfehlungen lachen, bei google scheinen Sie allerdings zu vergessen, dass die Suchmaschine Ihr Suchverhalten bereits abgespeichert hat und Sie auf Seiten lenkt, so dass Sie subjektiv den Eindruck haben, es wäre eine neutrale Recherche.

    Daher auch mein Hinweis einmal andere Suchmaschinen zu nutzen, um zu “ besseren Resultaten “ zu kommen.

    Die SEO Manie führt leider dazu, dass wir zunehmend nur noch den Tunnelblick haben:

    http://de.wikipedia.org/wiki/S.....ptimierung

    Zum generellen Thema wie das Web unsere Kommunikation verändert, bzw. auch unsere tradtionelle Recherche, hier als Denkanstoß ein Artikel der Nieman Reports:
    http://www.nieman.harvard.edu/.....essor.aspx

    http://www.nieman.harvard.edu/.....tions.aspx

    Was die „Wetten“ betrifft, was wäre wohl wenn wir hier „Wetten“ abschließen würden, wann Sie Ihren Verkehrsunfall mit schwerwiegenden Folgen für Ihre Gesundheit haben würden und korrelieren dies mit einer Agrarwette auf Ausfall der Orangenernte durch Frost in Florida und einer Wette auf den nächsten GAU eines AKWs.

    🙂 🙂 🙂

    Was ihre seasteds betrifft:
    Es ist für mich nicht
    überraschend, dass der Enkel von Milton Friedman den Wettbewerb zwischen den Regierungen fordert 🙂
    http://patrifriedman.com/

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    @EJ

    „Nachdem Google sich so lange ungestört hat entwickeln können, sind es (jetzt) vor allem die gigantischen Serverkapazitäten (und deren Betreuung), mit denen jede alternative Suchmaschine zu konkurrieren hat.“

    Unser Alan Posener sieht m.E. nur die Oberfläche und nicht die anderen sechs Siebtel des Eisbergs bei google,

    Was ist z.B. mit den Breitbandnetzen, die goggle mittlerweile in den US installiert und auch den Drohnen, die die weißen Flecken in Afrika auch mit dem Web versorgen sollen?

    Hier trennen wir im Energiebereich den Energielieferanten und den Energienetzbetreiber??

    Wie wäre es wenn das Netz zukünftig ,wie Wasser und Luft zu den freien Gütern gehört?

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    @lucas
    ..schöne Sammlung der immer gleichen Gemütslage in ofensichtlich allen Generationen Zivilisationen und Kulturen in Ihrem Artikel.
    Ich denke genau das sollte zu denken geben -daß sich eben vieles wiederholt, bzw. – um auch mal wieder meine geliebte Chaostheorie (bzw. irreversible Thermodynamik) ins Spiel zu bringen – sich selbstähnlich entwickelt. Wieso gehen die meisten (wie 68er) selbstverständlich davon aus, daß das Internet etwas prinzipiell oder qualitativ anderes wäre, als die ‚Plattformen‘, ‚Räume‘ in denen sich die Menschen bisher begegnet sind? Wenn selbst aberwitzige Spekulationsblasen (z.B. um Tulpen) bereits ohne Hochfrequenzhandel, bzw. gar Telefon stattfinden konnten? Ja selbst die angeblich so bedrohlichen Algorithmen spiegeln nichts anderes wider, als die Mustererkennung in der menschlichen Wahrnehmung, vulgo Vorurteile. (Ein Mensch ohne Vorurteile wird krank, weil er jeden Einzelfall prüfen muss.) Die werden nur dann zum Problem, wenn sie irgendwie gleichgeschaltet werden – und wenn das kein sattes Argument gegen Regulierung von Algorithmen in einem von der Natur der Sache pluralistischen Internet ist, weiß ich nicht was Logik bedeuten soll.

    Ich denke mit der Impressums-Pflicht für gewerbliche Seiten und der Haftung von Forenbetreibern für die Beiträge wurde genügend reguliert.
    Und ja, wer einen ‚privaten‘ Blog betreibt, dh. (@EJ) das Häkchen im WordPress so setzt, daß die Seite von Suchmaschinen ignoriert wird (bei meinem Blog genauso) wird dennoch irgendwann von den ‚crawlern‘ der Suchmaschinen erfasst, denn auch die technischen Standards dafür sind im Fluss und Google, sowie WordPress müssten alle alten Standards in ihren Weiterentwicklungen mitnehmen.
    Wesentlich wichtiger ist der Passwortschutz und die Verschlüsselungen, weil bei deren Versagen der Marktplatz Internet unbrauchbar würde. Merkwürdigerweise schreit hier niemand, auch aus aktuellen Anlässen, nach mehr Staat.
    Und immer wieder: ich soll in dieser Sache einem Staat vertrauen, der eins der wichtigsten und schützenswertesten natürlichen Monopole -quasi der Klassiker geschützter Informationsübermittlung, die Briefpost aus reinen Profitgründen privatisiert hat?
    Ein wunderbarer Film zu diesem Thema: Postman, mit Kevin Costner.

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    EJ: Klarnamen-Zwang! Jede Äußerung eines Bürgers ist mit einem (an seine Identität gebundenen) auch nachträglich wirksamen Noindex- und einem Lösch-Button zu versehen! “Personalisierungen”/ “personalisierte” Erhebungen aller Art sind (im Detail) offen zu legen und strickt individuell zustimmungspflichtig!

    … genau, EJ, Sie können Ihre marx. ‚Seele‘ nicht leugnen. Und wenn die Bürger nicht parieren, dann, … die ‚DDR‘ hat ’s vor getan:

    Wer dem Ruf des Landes, und seiner sich selbsterhöhten Figuren, abträglich ist, für den gilt die Wiederauferstehung des ‚DDR‘-Strafgesetzbuches … angepasst … u.a.:

    § 99. Landesverräterische Nachrichtenübermittlung.
    (1) Wer der Geheimhaltung nicht unterliegende Nachrichten zum Nachteil der Interessen der, nun, ‚BRDDDR‘, und EJotts, an die im § 97 genannten Stellen oder Personen (= ausländische Stellen und Personen) übergibt, für diese sammelt oder ihnen zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe von zwei bis zu zwölf Jahren bestraft.
    (2) Vorbereitung und Versuch sind strafbar.

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    @EJ
    Server gibt’s bei Amazon AWS

    Die Gesellschaft nicht ‚das Internet‘ ist die stinkende Kloake. 😉

    @derblondehans
    öhm, der „Verkürzte Googlekritik“-Artikel ist von einem Antideutschen geschrieben.

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    Netanjahu: In Europa würden „Verunglimpfungen und Lügen“ gegen den Staat Israel verbreitet, während „Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mordtaten, die in unserer Region begangen werden, systematisch ignoriert werden“, …

    … mehr, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mordtaten gab und gibt es nicht nur in ‚Ihren‘ Regionen. Damit aber niemand davon erfährt, gibt es, auch in der ‚BRD‘, sich selbst überhöhte Figuren, die als wiedergeborene Maschinenstürmer den freien Informationsaustausch verhindern wollen. Daher!

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