
Dieser Text ist Fiktion. Das erkennt man schon daran, dass der Protagonist Jimmy heißt und nicht etwa ähnlich. Es wird versucht, einem Phänomen auf die Schliche zu kommen, das selbst Donald Trump, dem Tankrabatt und Diktator Kim den ersten Rang in der Live-Ticker-Hitparade streitig machte.
Am Samstag, 16. Mai 2026, meldete eine bekannte Publikation um 8.50 Uhr, dass es sich bei einem gefundenen toten Wal höchstwahrscheinlich um Jimmy handele, und begründet dies wissenschaftlich: „Laut Statistik kann es sich bei dem vor Anholt angespülten Walkadaver nur um den toten Timmy handeln.“ Fakten statt Spekulation. Das erwartet man von einem Medium, das nur der Wahrheit, und nichts als der Wahrheit, verpflichtet ist.
Um zu verstehen, was sich da vorwiegend in der Ostsee abspielte, soll ein Blick in die Geschichte helfen. Auch unter Menschen sind Kulturen bekannt und beschrieben, in denen sich sehr Kranke oder sehr Alte zum Sterben zurückziehen, um die Gemeinschaft nicht zu belasten. Man liest vom sogenannten Gerontozid oder dem Ubasute in Japan, wo Kranke in den Wald oder auf einen Berg gebracht wurden, um sich dort in Abgeschiedenheit auf den Tod vorzubereiten.
Bäume und Gebirge scheiden aus naheliegenden Gründen bei Walen aus, doch analog kann man sich Jimmy, den Wal, vorstellen, der sterben wollte. Er hatte sich in internationalen Gewässern in Fischernetzen verheddert – im sogenannten Internetz. Ahnend, dass sein Ende nahte, verließ Jimmy, der auch „Hope“ genannt wurde, die Walverwandschaft im Atlantik zugunsten eines Ausflugs in die Ostsee, um sich zunächst vor Schleswig-Holstein, später vor Mecklenburg-Vorpommern nach einer Untiefe für die letzte Lebensphase umzuschauen.
Keine Walfreiheit
Diese Walfreiheit indes wollten ihm ganze Armeen von beflissenen Walhelfern nicht gönnen. Vom Ex-Rocker Danny Hilse über Walflüsterer, kränkelnde Tierärztinnen zu selbsternannten Experten. Viele Menschen hörten erstmals den Namen Sergio Bambarén, der den Weltbestseller „Der träumende Delphin. Eine magische Reise zu dir selbst.“ schrieb. Er sprach mit Jimmy, Jimmy hörte ihm nicht zu. Der Peruaner reiste schimpfend ab.
Interessanterweise wurde der mediale Wettlauf um die abenteuerlichsten Schlagzeilen zum Schlachtfeld derer, die endlich etwas anderes für Deutschland etablieren wollen. So dichtete das Zentralorgan der Alternativen, Compact, „#FreeJimmy: Öko-Industrie will Wal schlachten!“ Der Wal wurde darin als Symbol für eine Politik inszeniert, die angeblich weder in der Lage sei, „‚Hope‘ noch ihr eigenes Volk zu retten“. Aus Österreich, bekanntlich in der Walforschung führend, steuerte der Rechtspopulist Gerald Grosz die Einsicht bei, „Wal Timmy stirbt. Und mit ihm verreckt Deutschland.“ Grosz warf dem deutschen Staat Totalversagen vor. Er behauptete, der Staat tue für den Wal genauso wenig wie gegen Kriminalität durch Migranten, und kritisierte im selben Atemzug die deutschen Finanzhilfen für die Ukraine. Dem Normalsterblichen wird mit diesen Verknüpfungen vor Augen geführt, wie monodimensional Nicht-Querdenker denken.
Doch Jimmy durfte nicht einfach sterben, er wurde ins Leben zurückgezerrt. Rührend die Bemühungen, ihn mit nassen Tüchern zu trösten, die von den bemitleidenswerten Mit-Leidern am Ufer mit eigenen Tränen benetzt wurden. Es half nix. Als Pferdezüchterinnen und Medienunternehmer eine Barge heranschafften, um Jimmy aus der Ost- in die Nordsee zu bugsieren, hielt erst Jimmy, dann die Welt den Atem an. Jimmy erhielt einen eigenen Sender, etwas, was manche Parteien bis heute nicht haben, weigerte sich aber, zu funken. Selbst wenn, nur Eingeweihte hätten Vitaldaten und Standorte von Jimmy empfangen dürfen: das Walgeheimnis. Und wie die Menschheit immer meer (sic!) aus der Welt der Buckelwale erfuhr, wie sie atmen, was sie essen (3 kg Shrimps zum Beispiel), wie sie sprechen und wie tief sie tauchen, so lernten die Interessierten plötzlich den Namen Anholt kennen. Ein winziges Eiland vor der Küste Dänemarks. Dort, nicht weit vom Ufer, liegt ein toter Wal. Ist es Jimmy?
Eine flunkernde Fluke
Ein auf allen Gebieten anerkannt desinformiertes Medium berichtet am Samstag über eine Walfluke am Himmel über Anholt, jener kleinen Insel, der derzeitige Aufenthaltsort des Walkadavers. Zweifelsohne ein Wink aus Walhalla. Jimmy, aka Hope, wird von Möwen langsam, aber ausdauernd verspeist. 1.237 Möwen können von einem verendeten Wal ziemlich genau elfeinhalb Monate leben. Das weiß man deshalb so genau, weil sich Jungmöwen nach etwa 350 Tagen Wal-Menü über das abwechslungsarme Essen beschweren.
Wagen wir noch einen letzten Blick in die Zukunft. Unerfreulicherweise werden sich jetzt Meeresmuseen, Sushibar-Betreiber, Walforscher und Schausteller um den Wal streiten, weil sich der Leichnam hervorragend als Forschungsobjekt, Snack, Ausstellungsobjekt und Geisterbahnzubehör eignet. Haben die Dänen Vorrechte oder doch die Deutschen, die dem Tier ja nun die letzte Harpune verweigert hatten? Gewiss wird auch im Wahlkampf zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern der Wal symbolisch wiederauferstehen und am 21. September, dem Tag nach dem Urnengang, wird die eine oder andere Partei das unselige Wort endlich aussprechen: Walbetrug.
Köstlich. Jetzt kann man Wahlbetrug ohne ‚h‘ schreiben.