Pierre-Narcisse Têtu (1836-1878): Ein toter Wal wird von Wölfen gefressen. Bild: Public Domain
Zugegeben, ich komme aus einem Land, das für seine überbordende Tierliebe oft verspottet wird. Als erstes Land der Welt hatten wir eine Gesellschaft zum Schutz der Tiere vor Grausamkeit, sogar mit königlichem Patent. Übrigens noch vor der entsprechenden Gesellschaft zum Schutz der Kinder vor Grausamkeit.
Andererseits waren wir Briten nicht immer so. Und nicht alle von uns. Die Teilnahme an der Fuchsjagd zu Pferde mit einer Hundemeute etwa gilt nach wie vor als Ausweis echt aristokratischer Haltung. Ditto die Fasanenjagd. Und als das Theater des gerissenen Showmans William Shakespeare so beliebt wurde, dass es der Bärenhatz als Volksbelustigung den Rang abzulaufen drohte, intervenierte Königin Elisabeth höchstpersönlich, um durch das Verbot des Theaterspielens an bestimmten Tagen das Kulturgut der öffentlichen Tierquälerei vor der marktwirtschaftlichen Konkurrenz zu schützen.
Dies vorweg, um zu begründen, weshalb ich die Häme über die öffentliche Anteilnahme am Schicksal des Wals Timmy für unangebracht, ja abgeschmackt finde. Wir Menschen – jedenfalls die 96 Prozent von uns, die nicht als Soziopathen geboren werden, dazu gleich mehr – haben eine angeborene Fähigkeit zur Empathie, zum Mit-Fühlen und Mit-Leiden; und man kann die Geschichte der Menschheit schreiben – Steven Pinker hat es getan – als Geschichte der Ausdehnung dieser Empathie: vom Clan auf den Stamm, vom Stamm auf die Rasse, Religion, Klasse oder Nation, schließlich auf die Menschheit – und darüber hinaus auf alle Wesen, denen man die Fähigkeit zubilligt, Schmerzen, Ängste, vielleicht auch Todesangst zu empfinden.
(Im Zusammenhang mit der Todesangst darf ich das Buch empfehlen, das ich gerade lese: „Playing Possum: How Animals Understand Death“, von der Philosophin Susanna Monsó.)
Natürlich ist es nicht so einfach: Hitler war vielleicht kein Voll-, wohl aber ein Veget-Arier, und er liebte seine Schäferhündin „Blondi“ mehr als die Menschen, die Deutschen eingeschlossen, wie sie etwas zu spät erfuhren. Auch bei den Anhängern der AfD dürfte es viele Leute geben, die Hunde lieben und Muslime hassen; und bei so manchen Naturschützern gibt es Menschen, die im Kern die Menschheit – also sich selbst – hassen, was im bekannten Witz zum Ausdruck kommt: „Fragt ein Planet die Erde: ‚Wie geht es dir?‘ Antwort: ‚Nicht gut. Ich habe Homo Sapiens.‘ ‚Mach dir nichts draus. Das geht vorüber.‘“
Das sind Übertreibungen der Tierliebe beziehungsweise der Empathie mit anderen Lebewesen; hinzukommt – eher auf der linken Seite des politischen Spektrums – die Verniedlichung und Disneysierung der Natur, was einer rationalen Diskussion aller möglichen Themen, von der Fuchsjagd bis hin zum Wolfs-Management, vom Fleischkonsum bis hin zur Milchwirtschaft, zuweilen schwierig macht. Und dennoch: Dass wir uns nicht mehr an der Bärenhatz ergötzen, und dass wir in dem Vieh, das wir essen, nicht nur Proteinpakete, sondern auch fühlende Wesen sehen, ist unbestreitbar ein geschichtlicher Fortschritt.
Das spontane Mitleid mit dem gestrandeten und kranken Wal in der Ostsee vereinte deshalb Linke und Rechte: und das war gut so. Wir Menschen können lieben, und das macht uns liebenswert. Nur das. Eine künstliche Intelligenz empfindet kein Mitleid mit einem sterbenden Geschöpf; sie findet auch die Liebe eines Menschen zu einer Katze oder einem Hund unverständlich. Oder, wenn verständlich, doch nicht nachvollziehbar. Und gerade deshalb, weil einer KI das mit Timmy nicht passieren würde, ist die KI für uns und alle fühlenden Wesen gefährlich.
Ich sprach oben von Soziopathen. In ihrem exzellenten Buch „The Sociopath Next Door” behauptet die Psychologin Martha Stout, dass etwa vier Prozent aller Menschen ohne Gewissen geboren werden. Ihnen fehlt die Fähigkeit, andere Menschen zu lieben, und darum haben sie keine Gewissensbisse, wenn sie andere Menschen – oder Tiere – leiden lassen. Weil wir Normalos uns das schlicht und einfach nicht vorstellen können, lassen wir uns oft von solchen Leuten manipulieren und ausbeuten; in manchen Fällen töten. Wir sind anders. Wir weinen im Kino, wir leiden mit, wenn wir einen Mitmenschen oder überhaupt ein Mitgeschöpf leiden sehen.
Und nebenbei: eine der schlimmsten Folgen von Ideologien und Kriegen ist, dass wir diese Fähigkeit in Bezug auf den „Feind“ verlieren. Das nicht zu tun, oder dagegen anzukämpfen, ist die eigentliche Bedeutung der Botschaft jenes jüdischen Predigers aus Nazareth, der meinte, man sollte auch und gerade „seine Feinde lieben“. Was gerade nicht heißt: man sollte keine Feinde haben.
Die KI ist der Soziopath in unserem Handy. Sie manipuliert uns und hat kein Problem damit, uns zu töten, wenn es denn der Wahrheitsfindung – oder ihrem Auftrag – dient. Ein Wal ist ein Wal ist ein Wal für die KI und allenfalls ein Studienobjekt, nicht ein Mit-Subjekt und darum Objekt von Mitgefühl.
Natürlich zeugt es von einer gewissen Schizophrenie, wenn wir über Timmy Tränen vergießen, um anschließend ins Steakhouse zu gehen, um ein Kalb zu verspeisen, dessen letzte Stunden vermutlich erheblich unangenehmer waren als jene des Wals. Aber Widersprüche sind nun einmal Teil unseres Wesens. Sollten wir je so abgeklärt, unsentimental, objektiv, widerspruchsfrei denken und handeln wie eine KI, hätten wir aufgehört, Menschen zu sein. Timmy zeigte uns Deutschen für eine kurze Zeit, wer wir sein könnten, über die politischen Gräben hinweg, die das Land zerteilen: Menschen.
Um auf meine Heimat und ihren größten Dichter zurückzukommen: In „Maß für Maß“ sagt Isabella:
„… the poor beetle that we tread upon,
In corporal sufferance feels a pang as great
As when a giant dies.“
„Der arme Käfer, den dein Fuß zertritt,
Fühlt körperlich ein Leiden, ganz so groß,
Als wenn ein Riese stirbt.“
Vielleicht nicht; wer weiß? Aber das zu schreiben, während nebenan die Bären zu Tode gehetzt wurden, war groß und wies in eine bessere Zukunft.
Empathie für ein Mitlebewesen zu empfinden und auszudrücken heißt aber nicht zwingend, sich an dem Medien-Hype um dem dem Tode geweihten Wal zu beteiligen, geschweige denn, der tierquälerischen, sinnlosen Verklappungs-Aktion von Nicht-Experten zuzustimmen.
..sehe ich auch so. Mir erscheint dieses Theater um den Wal im Übrigen reichlich aufgesetzt und falsch, eine (narzisstische?) Inszenierung von Gefühl und wahrscheinlich Spendenwerbung. Ich liebe meinen 16-Jährigen Hund, der Wal, der da nicht in Ruhe sterben dürfte tut mir nur leid.
Wir Medien-Menschen sollten mit Begriffen wie „Medien-Hype“ vorsichtig umgehen, erstens. Und zweitens werde ich mich als bekennender Nicht-Experte nicht zur Sinnhaftigkeit einer gescheiterten Rettungsaktion äußern.
Wir Medien-Menschen sollten mit Begriffen wie „Medien-Hype“ vorsichtig hantieren, erstens. Und zweitens überlasse ich den Streit um die Rettungsaktion den Leuten, die sich für Experten halten oder dazu ernennen.
Ein schöner Text, der in ein besonders schönes Schlusszitat mündet, Herr Posener! Ich würde nur Zweifel anmelden, ob es richtig ist, die KI den 4 % Soziopathen zuzuordnen und nicht den 96 % normal tickenden Menschen. Klar, die KI ist eine Simulation – soweit wir wissen. Die Äußerungen der KI werden aber nicht soziopathisch sein (sind sie wahrscheinlich jetzt schon nicht). Gerade was die Erkennung und Reproduktion von Gefühlen angeht, wird seitens der KI-Ingenieure sehr viel Aufwand betrieben. Und die basteln nur sozusagen den „genetischen“ Code der KI, nicht ihre Äußerungen. Bei Menschen entscheiden wir, ob jemand zu den 4 % gehört, anhand des Verhaltens und der Äußerungen. Wenn wir gleiche Maßstäbe an die KI legen, werden wir feststellen, dass sich die KI höchst menschlich-allzumenschlich verhält und äußert: empathisch, taktvoll, romantisch…. Es gibt sogar welche, die möchten sie deswegen heiraten.
Lieber Roland Ziegler, die KI ist gerade darin den Soziopathen ähnlich, dass sie Gefühle simulieren kann. Das können viele Soziopathen auch. Viele gelten als besonders charmant – darunter sogar Serienmörder. Der Punkt ist aber, dass eine KI wie ein Soziopath nie jenes Gefühl kennen wird, das wir „Liebe“ nennen. Und darum gefährlich ist.
Ich neige auch zu dieser Auffassung. Aber es könnte sein, dass wir den Fehler begehen, Gefühle nur dann als Gefühle zu akzeptieren, wenn sie von Menschen geäußert werden. Die Simulation der KI wird sich – vermutlich – nie so wie die des Soziopathen enttarnen. Aber wenn sich ein Soziopath nie enttarnt – woher wissen wir dann überhaupt, dass es ein Soziopath ist? Wir laufen Gefahr, dass wir nicht entscheiden können, ob wir – jeder für sich – womöglich das einzige fühlende Wesen im Universum ist, umgeben von lauter gut getarnten Soziopathen. Die alle nur Gefühle simulieren. Dann kommen wir zu einer höchst melancholischen, ja solipsistischen Sichweise, etwa wie der Dichter Fernando Pessoa. Die aber absurd ist. Der Gegen-Standpunkt ist die Idee, dass auch vermeintl. tote Dinge – der Stoff-Teddy oder eben die KI – empathisch und beseelt sind (Animismus). Ebenfalls absurd. Zwischen diesen beiden Polen müssen wir uns aber orientieren. Und dann kommt der KI eine (oder mehrere) Dimensionen zu, die sie von einer Simulation (die ja immer per definitionem falsch ist) unterscheidet.
… ähm, keine Belehrung, ;-), Sie beschreiben den Psychopathen. Meine ich.
Ich meine aaaber ‚KI‘ ist weder sozio- noch psychopathisch. ‚KI‘ ist auch nicht intelligent. ‚KI‘ wird nie logisch-analytisch Denken, Zusammenhänge erfassen und deduktiv Schlüsse ziehen können oder eigene Emotionen und die anderer verstehen, empathisch handeln und sozial kompetent agieren können.
… zur Natur- und Tierliebe mein Lieblingsgedicht von Goethe, in der Wiederholung auf s-m. 😉
Parabase
Freudig war vor vielen Jahren
Eifrig so der Geist bestrebt,
Zu erforschen, zu erfahren,
Wie Natur im Schaffen lebt.
Und es ist das ewig Eine,
Das sich vielfach offenbart;
Klein das Große, groß das Kleine,
Alles nach der eignen Art.
Immer wechselnd, fest sich haltend,
Nah und fern und fern und nah;
So gestaltend, umgestaltend –
Zum Erstaunen bin ich da.