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Aus einem Reporterleben (1): Anruf um halb Zwölf

Der frühere FDP-Politiker Jürgen Möllemann. Foto: Ingo Kramer. Quelle: Wikimedia

Politiker benutzen die Medien, um die Öffentlichkeit zu manipulieren, heißt es. Der Mechanismus ist allerdings nicht neu. Ich erlebte ihn schon vor mehr als 40 Jahren in meinen journalistischen Anfängen durch einen Vorläufer des künftigen FDP-Chefs Wolfgang Kubicki.

Ich hatte 1983 gerade beim deutschen Dienst der internationalen Nachrichtenagentur Reuters in Bonn begonnen und verrichtete einen meiner ersten Sonntagsdienste, als kurz vor Mittag meine Telefon klingelte. „Jürgen Möllemann“, meldete sich die Stimme am anderen Ende, „haben Sie etwas zu schreiben?“ Ich erstarrte. Möllemann, damals prominenter, umstrittener FDP-Politiker, bald darauf erst Bundesbildungs-, dann Wirtschaftsminister und Vizekanzler, rief mich an! Und wollte mir, dem Anfänger, etwas durchgeben. Aufregend!

Ich spitzte die Ohren. Möllemann diktierte mir druckreif sein Pressestatement. Worum es ging, weiß ich nicht mehr. Nur dass er sich gegen innerparteiliche Gegner in einer Debatte richtete, die gerade die Bundespolitik bewegte – Lieblingssujet von Journalisten, wenn sich Parteifreunde oder Koalitionspartner beharken. Ich formulierte aus seinen Worten flux eine Meldung und gab sie an den diensthabenden Redakteur, der sie nach kurzer Prüfung an die Kunden schickte. Eine halbe Stunde danach hörte ich stolz, dass „meine“ Möllemann-Meldung als Aufmacher in den Nachrichten des Deutschlandfunks lief, damals wie heute ein Leitmedium für Politiker und Journalisten.

Später erfuhr ich, dass Möllemann das öfters machte. Denn er wusste, dass der Sonntag in der Regel ein nachrichtenarmer Tag ist und die Medien deshalb da besonders nach Meldungen lechzen, die Wellen schlagen. Ein geeigneter Zeitpunkt also für ihn, sich noch bekannter zu machen und seine Duftmarken zu setzen. Mein Reporter-Stolz war deshalb ziemlich unbegründet.

Viele Nachahmer

Möllemann endete 2003 tragisch durch einen Fallschirm-Absturz, den er mutmaßlich in suizidaler Absicht selbst herbeiführte, nachdem er die FDP zuerst in neue Höhen und dann durch eine antisemitische Kampagne an den Abgrund geführt hatte. Sein Vorbild hat jedoch viele Nachahmer gefunden. Kubicki, der nun die ebenfalls abgestürzte FDP zu neuem Leben führen will, bekannte mir einmal, dass er viel von seinem auch persönlichen Freund gelernt habe. Auch er versteht sich darin, auf der Klaviatur der Medien zu spielen.

Vor allem jedoch nutzt er wie andere Politiker die sozialen Medien. „Warum soll ich noch einer Zeitung oder einem Sender ein Interview geben, wenn ich über Twitter (X) und Instagram viel mehr Menschen direkt und ohne Filter erreichen kann?“, sagte er mir in aller Offenheit. Ralf Stegner, der ewige SPD-Linke, der zusammen mit Kubicki lange Zeit Fraktionschef im schleswig-holsteinischen Landtag war, beschrieb mir vor Jahren in einem langen Gepräch seinen Tagesbeginn: Während seine Frau dusche, setze er ein paar Nachrichten über die sozialen Meldungen ab. „Danach frühstücke ich mit meiner Frau, fahre ins Büro und twittere unterwegs weiter. Kurz danach rufen der Deutschlandfunk und andere Sender an und wollen Interviews. So verbreite ich meine Positionen, bevor andere aufstehen. Abends bin ich dann bei Lanz.“

Es kommt eben auch auf den Zeitpunkt an. Und auf Journalisten und Medien, die für so etwas empfänglich sind. Heute laufen die dem, was gerade auf den Digitalplattformen trendet, oft hinterher und übernehmen es ungeprüft. Einen Anruf bei einer Nachrichtenagentur braucht es nicht mehr.

Schein-exklusiv

In der keineswegs guten alten Zeit rief auch schon mal ein Pressesprecher des Auswärtigen Amts an. „Haben Sie die Rede unseres Ministers Genscher gelesen? Wir haben Ihnen sein Manuskript gerade exklusiv vorab gefaxt. Ich empfehle besonders die Seiten X und Y. Die wichtigsten Passagen haben wir für Sie markiert.“ Wenn dann nicht schnell eine Meldung mit dem entsprechenden Spinn folgte, bekam bei nächsten Mal eine andere Agentur die Rede „exklusiv“. Und man selbst vom Chefredakteur einen Rüffel: „Warum haben wir das nicht?“ So etwas macht entweder gefügig. Oder es ernüchternd einen und härtet ab für weitere Manipulationsversuche.

Beliebt ist auch schon immer, in Hintergrundrunden mit Journalisten Giftpfeile gegen politische Gegner abzuschießen – „unter Drei“, also so, dass man es nicht zitieren darf. Was umso mehr anspornt, es dennoch anonym mit Reaktionen der Angegriffenen und anderer zu verbreiten. Womit die Absender ihre Absicht erreichen, ohne dafür haftbar gemacht werden zu können. Auch hier kommt es darauf an, ob man sich zum Büttel macht, um der Klicks oder Auflage willen. Oder ob man das durchsichtige Spiel durchschaut und auf eine künstlichen politischen Zoff verzichtet.

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