
14 Autoren aus der Zeit der 68er und danach erklären in dem Sammelband „Wenn das Denken die Richtung ändert“, warum sie nicht mehr links sein können. Für mich gilt das genauso. Um so verrückter, das der Traum vom Sozialismus heute wieder viele in seinen Bann zieht.
„Wer in der Jugend kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer im Alter immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.“ Diesen Satz bläute mir mein Vater schon früh ein. Seine eigene Richtung hat er jedoch nie grundlegend revidiert: Als Wehrmachtsoffizier und NSdAP-Mitglied nahm er am verbrecherischsten aller Kriege teil, um danach als braver CDUler alles zu verdrängen wie die meisten seiner Mittäter-Generation. Mich hat das genauso geprägt wie die meisten Autoren des Buchs von Henryk M. Broder bis zum APO-Veteran Peter Schneider und die Protestgeneration der 1960er Jahre, deren Teil sie entweder waren oder in deren Sog sie standen.
Für sie und uns, die wir uns ab den 1970er Jahren in den neuen sozialen Bewegungen engagierten, hieß die Schlussfolgerung, eine ganz andere, nicht-kapitalistische Gesellschaft aufzubauen, die nie wieder Krieg führen, Gerechtigkeit schaffen und die Ausbeutung von Menschen und der Natur durch andere Menschen ein für allemal beenden würde. Ein schöner Traum, für den wir auf die Straßen gingen, vor AKW-Baustellen demonstrierten, unsere Geschlechterrollen infrage stellten, am liebsten aber miteinander feierten im stolzen Bewusstsein, bessere Menschen zu sein als die Braven, die Mehrheit, die nicht aufmuckte, sondern nur ihre Karriere und dem Konsum nachging.
Die Autorinnen und Autoren des Buchs beschreiben anhand ihrer Lebensverläufe, wie ihnen diese Illusion – der ehmals felsenfeste linke Glaube – nach und nach verloren ging und sie zu dem wurden, was heute von anderen als „rechts“ verleumdet wird: nachdenkliche Menschen. Sie waren Mitglieder des SDS, in einer der diversen K-Gruppen, maoistischen kommunistischen Neugründungen, wie der nun abgretetene baden-württembergische Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann, oder der moskautreuen DKP.
Auf alle Fragen eine Antwort
Sie und uns einte das Selbstbewusstsein, an der bevorstehenden Revolution mitzuwirken, die die Welt zu einer glücklicheren wenden würde. „Mit ideologischen Versatzstücken aus China und der Sowjetunion, einer harschen Kritik am postnazistischen Westdeutschland“, schreibt die frühere ZEIT-Autorin Antonina Grunenberg, und mit Marx-Lektüre „bauten wir uns eine geschlossene Welt, in der es auf alle Fragen eine Antwort gab.“
Schon bald merkten sie (und wir) indes auf verschiedene Weisen, dass diese vermeintlichen Antworten brüchig oder falsch waren. Der real-existierende Sozialismus entpuppte als keineswegs Paradies der Werktätigen, in Osteuropa, beginnend in Polen, begehrten Menschen gegen die linke Unterdrückung auf, der Kapitalismus erwies sich als nicht absterbend, wie die kommunistischen Urväter vorhergesagt hatten, sondern als quicklebendig und wandlungsfähig.
Der Zusammenbruch der realsozialistischen Diktaturen besiegelte dann das Ende der linken Träume. Jedenfalls für Klardenkende. Nicht aber, wie die Autoren unisono kritisieren, für die Neolinke von der Linkspartei, dem linken Flügel der SPD bis zu Teilen der Grünen. Weil jedoch die Arbeiterklasse als unwilliges Werkzeug der Revolution abhanden gekommen ist, ersetzen sie es in „woker“ Weise durch ihre postkolonalistischen, antirassistischen, queeren Ideologie-Versatzstücken, unter Berufung auf diverse Minderheiten und den „globalen Süden“. Wie vordem vereint im Hass auf den Westen und den Kapitalismus, allerdings nicht mehr auf die Kapitalisten, sondern den „weißen alten Mann“, die „Reichen“ und Juden (oder Zionisten) als Lieblingsfeindbilder.
Abgrenzung von den Anderen
Gleichgeblieben ist, wie Peter Schneider in dem klügsten Aufsatz des Bands selbstkritisch schreibt, dass das Hauptmotiv für linkes Engagement nicht eine überzeugende Theorie war und ist, sondern der „Wunsch nach Zugehörigkeit und Bindung in der Gruppe“. Linkssein oder sich so zu definieren erfüllt damit vor allem eine Funktion: sich abzugrenzen von den „Rechten“, also allen, die rechts von ihnen stehen: Liberale, Konservative, Teile der Sozialdemokratie, vor allem aber der AfD, dem Bösen schlechtin. Dumm nur, dass viele aus der ehemaligen Arbeiterklasse nun sie wählen.
„Warum ist es eigentlich so schwer, einen Irrtum zuzugeben?“, fragt Peter Schneider, obwohl es nach Meinung des Philosophen Karl Popper zum Besten gehöre, was kreative Menschen hervorzubringen imstande sind. Die Autoren jedenfalls haben ihre Irrtümer und Illusionen eingestanden. Heutige Linke wie die Internet-Ikone Heidi Reichinnek hingegen mühen sich mit Erfolg, sie neu zu wecken.
Zu hoffen ist, dass sie nie in die Verlegenheit kommen, sie zu verwirklichen, um nach deren erneutem Scheitern erklären zu müssen, warum es niemals funktionieren kann. Ihnen wäre die Lektüre dieses Buchs besonders zu empfehlen. Sie werden es aber so wenig anfassen wie der Teufel das Weihwasser.
Wenn das Denken die Richtung ändert
Kohlhammer-Verlag, 259 S., 24 €
1909 erschien in Russland der Sammelband Vechy, in dem sich sieben Autoren mit der Rolle der marxistischen Intelligenzija auseinandersetzten. Alle waren mehr oder weniger zuvor Teil der Intelligenzija. Besprechung in „Petersburg: das Laboratorium der Moderne,1909 bis 1921“ von Karl Schlögel. Hintergrund war die gescheiterte Revolution/Reform des Jahres 1905.
Der Vorwurf, dass „Wenn das Denken die Richtung ändert“ Gefahr läuft, eine ewige Wiederholung des Liedes „Alles ist 68 schuld“ zu sein, dass die meisten Autoren in Endlosschleife seit nun Jahrzehnten spielen, ist nicht von der Hand zu weisen. Deswegen muss das Buch nicht schlecht sein, aber es hyped nicht wie Vechy, das eben 4 Jahre nach einer Eruption geschrieben wurde. Zumindest wüsste ich nicht, welchen Winkel zumindest die mir bekannten Autoren nicht Online, in Zeitungen, Büchern oder Auftritten nicht hunderte Male ausgeleuchtet hätten.
Vechy wurde von der Intelligenzija gelesen. Vorurteilsbeladen glaube ich nicht, dass die Richtungsänderung das gleiche Echo haben wird. So wenig wie Martin Sellner innehält, wenn Omas gegen Rechts „Nazis Raus“ brüllen. Mir erscheint es wie Content für die eigene Blase. Wer regelmäßig Youtube schaut, dürfte wenig neues finden.
Aber das ist nur ein Urteil nach dem Versuchsaufbau. Vielleicht irre ich mich. Für Blasenmitglieder könnte es tatsächlich ein Standardwerk werden. Viel Spaß beim Lesen oder bei dem, was man stattdessen macht.
Liebe Leute,
die Zeit verändert sich und rast an einem vorbei.
Da ist es schade, dass die MS so old school sind und keine Emojis und likes ermöglichen.
LG 68er
Die Autoren haben lediglich ihre früheren Irrtümer eingestanden, die aktuellen aber nicht. Das wäre aber viel wichtiger.
Was sind Ihrer Meinung nach ihre angeblichen aktuellen Irrtümer? Dass sie daran festhalten, dass die Neolinke auf den ideologischen Hund gekommen ist?
Der Irrtum, der als erster ins Auge fällt, ist die Annahme, dass das Denken die Richtung ändern würde, nur weil 14 Personen heute anders denken als früher.
Des weiteren scheint mir die Gefahr, die von 68 ausgeht, im Angesicht der Afd- Umfrageerfolge verschwindend gering. Man könnte sich also fragen, an welchen Stellen man hieran beteiligt war oder ist. Vielleicht erkennt man auch noch nicht, dass diese Mitwirkung ein Irrtum ist. Das wird man dann vielleicht auch wieder erst dreißig Jahre später erkennen. So wie 68.
…einfacher gesagt: man muss vor den Neolinken warnen. Die Neolinken haben nicht die geringste Machtoption. Man muss vor der AfD warnen. Diese Partei richtet sich gegen „den Mainstream“, sie ist keine Opposition, sondern eine Systemalternative. Und hierzu schweigen die 14 Autoren oder machen sogar irgendwie mit. Wieder in einem revolutionären Impetus. Wie 68.
Es sieht so aus, daß bis auf Ludwig Greven niemand der Kommentatoren das Buch gelesen hat – einer möchte sogar mit den Verfassern „nichts zu tun haben“, vermutlich aus Angst, seine in allen Fragen fest einbetonierten starken Meinungen / Gewissheiten könnten Risse bekommen.
Wie angenehm inspirierend demgegenüber ’smartere‘ Altvordere:
„„Warum ist es eigentlich so schwer, einen Irrtum zuzugeben?“, fragt Peter Schneider, obwohl es nach Meinung des Philosophen Karl Popper zum Besten gehöre, was kreative Menschen hervorzubringen imstande sind.“
Oder vielleicht hat Irrtümer zuzugeben mehr mit Erwachsenwerden zu tun, als das Festhalten daran ‚aus Prinzip‘ (?)
@RZ
Erstens: Diese Partei richtet sich gegen „den Mainstream“, sie ist keine Opposition, sondern eine Systemalternative.
Zweitens: Und hierzu schweigen die 14 Autoren oder machen sogar irgendwie mit.
Soisses!
Dann sollte man aber lieber gleich Karl Popper lesen. Oder besser Sokrates, den Begründer dieser skeptischen Denkschule („Ich weiß dass ich nicht weiß“). Statt anderen dabei zuzuschauen, wie sie Politik-Irrtümer gestehen, die mittlerweile 30 Jahre zurückliegen.
Wem bringt das was oder wem macht sowas Spaß? Wahrscheinlich allen, die eine rotgrünversiffte Republik zu erleben glauben. Die nicken dann mit den Köpfen und glauben, sie hätten einen ähnlichen Erkenntnisgewinn erlebt und wären jetzt schlauer, während andere sich dem versperren würden, was das eigentliche Problem darstellen würde.
So stelle ich mir das Bewusstmachen und Eingestehen von Irrtümern aber nicht vor. Zunächst muss man ja auch erstmal den Irrtum bemerken, bevor man ihn eingestehen kann.
Wenn man politische Sachbücher danach beurteilt, ob irgend jemand davon seinen politischen Nutzen zieht, braucht man keine mehr zu schreiben. Ich habe die meisten der Beiträge mit Gewinn gelesen, nicht nur, weil ich mich darin selbst wiederfand. Sondern weil sie Mechanismen aufzeigen, wie Menschen in den Sog extremistischer Ideologien geraten und sich davon auch wieder freimachen können. Das gilt genauso für Rechtextreme. Dazu gibt es ja auch schon eine Menge solcher Selbsterfahrungsberichte. Aber natürlich steht Ihnen frei, die alten Griechen zu lesen. Oder die Bibel. Die enthält auch viele interessante Erkenntnisse.
Apropos Irrtümer gestehen: Es sind ja nicht 30, sondern 60 Jahre vergangen (den Irrtum muss ich gestehen), als jene gestandenen Irrtümer das Licht der Welt erblickten. Selbst wenn der Groschen damals sehr langsam fiel, so dass es, sagen wir: zehn Jahre dauerte, bis der Irrtum bemerkt wurde, dann liegt dieses Erweckungserlebnin schon fünfzig Jahre zurück.
Und heute wird dazu ein Buch veröffentlicht. Da stellt sich doch die Frage, wie lange es dauern wird, bis das nächste Buch über den heutigen Irrtum veröffentlicht wird? Oder glauben Sie, es gäbe keinen heutigen Irrtum?
Ihre Frage habe ich schon in der vorherigen Antwort beantwortet. Wenn das Buch Sie nicht interessiert, warum schreiben Sie dann so viele Kommentare zu meiner Rezension?
Das ist eine berechtigte Frage, warum ich so viele Kommentare schreibe. Weil es mir Spaß macht und das Denken anregt. Ich höre aber gerne damit auf, wenn es Sie stört.
Sie können so viele Kommentare schreiben wie Sie möchten. Wir leben ja zum Glück in einem freien Land, nicht in einem totalitären.
Lieber Roland Ziegler, das ist nun mal einfach so: Es gibt weder Philosophen, noch Bücher, die einem die Beobachtungen und das Nachdenken darüber abnehmen und einem irgendeine Blaupause liefern, noch nicht mal von Sokrates oder Plato. Der Punkt ist der, daß manche Menschen Essays darüber schreiben, wie sie sich von einer überkommenen Ideenkonstruktion befreien und mich persönlich interessiert diese Emanzipation schon. Vielleicht weil mir das selber auch so gegangen ist. Wenn Sie mir unterstellen möchten, daß mich dieser emanzipatorische Akt nur interessiert, weil er sich gegen links wendet, ist das Ihr gutes Recht, ich kann Ihnen aber versichern, daß das nicht so ist. Ich bin weder Politiker, noch Kostgänger von ‚rechten‘ Interessenten und kann auch nichts dafür, daß von linker Seite soviel Stuss kommt. Und die Zukunft ist offen und die Evolution verwirft auch Ideen gnadenlos. Und das ist gut so.
Lieber KJN, dem stimme ich völlig zu. Man liest Bücher und lässt sich idealerweise zum Nachdenken anregen. Ich für meinen Teil habe, wie ich zugebe, nicht das Buch, sondern nur die Rezension, die Autorenliste und den Titel gelesen und das – womöglich unbefriedigende – Ergebnis des so angeregten Nachdenkens hier präsentiert. Und mich dabei auch ein wenig belustigt, muss ich ebenfalls zugeben.
So ist es . Einige dieser Autoren finden es ja schick, rechtsextremen Portalen wie NIUS oder Apollo News Interviews zu geben oder sn der Verharmloungs-Propaganda der AfD als „normale Partie“ mitzuwirken. Sprich: Sie kommen aus demokratiefeindlichen Verirrungen und sind jetzt genau da wieder, nur auf der anderen Seite. Das erschreckendste Beispiel ist die skandalöse AfD-Verteidigung von Martenstein im Thalia-Thater. Ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, deren Leben von der drohenden Machtübernahme der AfD bedroht ist.
Ich empfehle, das Buch zu lesen, statt über Menschen den Stab zu brechen, ohne sich mit ihren gewandelten Positionen auseinander zu setzen. Denn eine solche ignorante Haltung unterscheidet sich nicht sehr von der Rechts- wie Linksextremer.
Lieber Herr Greven, die betroffenen Herrschaften exponierten sich allenthalben so prominent, dass man sich mit ihren Positionen auseinandersetzen kann, ohne Geld für das Buch auszugeben.
Meinen Sie damit auch Ulrike Ackermann und Antonia Grunenberg, die beide sehr überzeugende Beiträge für das Buch geschrieben haben, und andere der Autoren und Autorinnen, die keineswegs ständig prominent in den Medien sind? Lesen hilft grundsätzlich. Nur Meinungen abzusondern, nicht.
@L.Greven:
„Ulrike Ackermann und Antonia Grunenberg, die beide sehr überzeugende Beiträge für das Buch geschrieben haben, und andere der Autoren und Autorinnen, die keineswegs ständig prominent in den Medien sind?“
Ja.
Ein sehr kluger Kommentar, Herr Ziegler! Früher wollte man als (Salon-)Linker andeblich die Welt retten. Heute vollzieht man die Wende hin zur „Nachdenklichkeit“ als performativen Akt, urbi et orbi mitgeteilt. Das Schubladendenken als Konstante.
Da sind mir Typen wie Herr Zimmer, siehe seinen Kommentar unten, weitaus näher. Weil sie interessanter sind.
Ich bin nicht so interessant. ich bin eher ein langweiliger stinknormaler Demokrat der bürgerliche-liberalen Mitte und habe als solcher eine Abneigung gegen Rechtsextreme und deren Steigbügelhalter. Sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Statt einer Antwort: Wenn es ums Soziale geht, bin ich eher Heidi Reichinnek. Wenn es um Innere Sicherheit geht, Cem Özdemir. Wenn es um die Gefahren des Islamismus geht Ahmad Mansour. Wenn es um Israel geht, bin ich am ehesten bei der CDU, aber auch bei Jutta Ditfurth. Wenn es um Medien geht, Daniel Günther. Wenn es um die Ukraine geht bin ich Roderich Kiesewetter. Wenn es um Familienpolitik geht, Lisa Paus. Ich wähle Grün, weil ich ein Konservativer bin. Aber mit keinem der Autoren des Buches will ich auch nur das geringste zu tun haben.
Warum? Darunter sind sehr kluge Leute. Vielleicht schreibt die eine oder der andere Mal in diesem Blog