
„Der Irankrieg ist nicht unser Krieg“ – kaum ein Satz klingt vernünftiger und ist zugleich so bequem. Er erlaubt Distanz, ohne Verantwortung. Er beruhigt das eigene Gewissen, während andere den Preis zahlen.
Denn wer so spricht, verkennt die Realität im Iran fundamental: Dort geht es nicht nur um Geopolitik. Es geht um Menschen, die gegen Unterdrückung aufstehen. Um Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung – und um den Mut, dafür alles zu riskieren.
Gerade hier versagt die westliche Zivilgesellschaft.
Sie inszeniert sich gern als moralische Instanz, als Verteidigerin von Menschenrechten. Doch ihr Engagement ist oft selektiv – und vor allem folgenlos. Empörung richtet sich bevorzugt gegen Ziele, bei denen sie nichts kostet und Applaus garantiert ist. Haltung wird zur Pose, nicht zur Verpflichtung.
Echte Solidarität dagegen ist unbequem. Und genau deshalb bleibt sie aus.
Im Iran kämpft eine mutige Bevölkerung gegen ein Regime, das seine Macht durch Gewalt, Angst und ideologische Kontrolle sichert. Die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ ist kein Symbol – sie ist ein Aufstand. Ein Aufstand für einen säkularen, demokratischen Staat.
Und der Westen? Zögert, relativiert, schweigt – oder lenkt ab. Warum solidarisiert sich die deutsche Zivilgesellschaft nicht mit dem iranischen Volk, anstatt sich ausschließlich über Trump zu empören?
Denn statt den Blick auf die Täter im Inneren zu richten, verliert sich die Debatte immer wieder in äußeren Konflikten. Dabei ist die Lage eindeutig: Das Regime ist kein Opfer. Es ist der Unterdrücker. Es bekämpft systematisch genau jene Werte, die im Westen beschworen werden.
Wer das verwischt, stabilisiert das System
Autoritäre Regime leben von Verzerrung. Sie profitieren davon, wenn sie sich als Opfer inszenieren können. Jeder Diskurs, der diese Erzählung bedient, lenkt vom eigentlichen Konflikt ab: dem Kampf der eigenen Bevölkerung gegen ihre Unterdrücker.
Deshalb braucht es Klarheit: Nicht reflexhafte Abgrenzung gegenüber äußeren Akteuren, sondern entschlossene Parteinahme für die Menschen im Iran.
Das bedeutet nicht, Kritik aufzugeben. Es bedeutet, Prioritäten zu setzen.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer ist im Westen moralisch anschlussfähig zu kritisieren?
Sondern: Wem hilft unsere Haltung konkret?
Echte Solidarität ist kein Hashtag. Sie verlangt Konsequenzen: Sichtbarkeit für die iranische Zivilgesellschaft, politischer Druck, internationale Isolation des Regimes. Alles andere ist Selbstberuhigung.
Europa steht vor einer Entscheidung – und drückt sich zu oft davor. Wirtschaftliche Interessen werden über Werte gestellt, kurzfristige Stabilität über langfristige Glaubwürdigkeit. Doch wer seine Prinzipien relativiert, verliert am Ende beides.
„Das ist nicht unser Krieg“ ist daher keine nüchterne Analyse. Es ist eine Ausrede.
Denn es geht sehr wohl auch um uns: um die Glaubwürdigkeit jener Werte, auf die sich der Westen beruft. Wer sie ernst nimmt, kann nicht neutral bleiben. Er muss Stellung beziehen – nicht für Staaten oder Machtblöcke, sondern für Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen. Die Iranerinnen und Iraner haben diese Entscheidung längst getroffen.
Die Frage ist nur: Wann hört der Westen auf, sich selbst zu täuschen?
Die deutsche Öffentlichkeit sollte sich deutlicher an die Seite der Menschen im Iran stellen. Wer sich ausschließlich darauf beschränkt, den Krieg gegen das Mullah-Regime zu kritisieren, läuft Gefahr, indirekt eben dieses gewaltsame System zu stützen. Gerade jetzt gilt es, den Menschen dort unmissverständlich zu zeigen, dass wir solidarisch hinter ihnen stehen.
Denn wie sollen sie den Mut finden, auf die Straße zu gehen, wenn sie den Eindruck gewinnen, ein Teil der westlichen Öffentlichkeit wünsche sich, dass die USA und Israel scheitern? Für die Menschen im Iran ist diese Situation tragisch – für uns ist sie beschämend.
Die Vorstellung, die Mehrheit der iranischen Bevölkerung oder auch nur die Mehrheit derer, die gegen das Regime aufbegehren, wolle einen säkularen, demokratischen Staat, halte ich für Wunschdenken.
Würden morgen im Iran freie Wahlen stattfinden, stelle ich mir den Ausgang etwa so vor:
Neben einem starken konservativen Block, der wahrscheinlich von Apologeten der Islamischen Republik getragen würde, gäbe es im Idealfall auch so etwas wie eine progressive Sammlungspartei – vielleicht mehr monarchistisch, vielleicht mehr republikanisch-nationalistisch, aber sicher nicht vergleichbar mit den deutschen Grünen. Eventuell würden die Monarchisten eine eigene Kraft bilden. Daneben gäbe es vermutlich auch eine Partei der iranischen Kurden, die vielleicht auch die übrigen ethnischen Minderheiten integrierte. Auch diese Partei wäre nicht eigentlich liberal. Zur Abrundung des Spektrums könnte ich mir eine Kommunistische Partei und, was toll wäre, eine Frauenpartei vorstellen. Die Gegner der Islamischen Republik wären hoffentlich gemeinsam so stark und so kompromissbereit, dass sie eine staatstragende Koalition bilden könnten, die Zeit hätte, die wirtschaftliche Erholung in die Wege zu leiten und die gesetzliche Basis für eine wirkliche Liberalisierung zu schaffen.
Das wäre, wohlgemerkt, aus meiner Sicht der Idealfall unter den realistischen Szenarien, das heißt, gegenüber einem „gemäßigten“ islamistischen Regime wie in Syrien oder einer dauerhaften Spaltung des Landes, womöglich gar Bürgerkrieg (oder richtiger vielleicht: Fortdauer des Bürgerkrieges, denn wenn Zehntausende auf offener Straße getötet werden, kann man ja nicht mehr von innerem Frieden sprechen). Aber auch der von mir erdachte Idealfall ist mit einer Menge Risiken und Möglichkeiten gepflastert, die von Demokratie, Säkularismus und Menschenrechten wegführen.
Gewiss, Exiliraner*innen, mit denen ich so gesprochen habe, erzählen mir gerne, dass viele Menschen heimliche Atheisten seien und dass man nicht ablassen werde, für die Freiheit zu kämpfen. Darunter habe ich aber immer wieder auch eine Gedankenschicht gefunden, die von tiefem Misstrauen gegenüber Europa und Nordamerika durchtränkt ist und die mehr als nur einen Schuss Rassismus und aggressiven Nationalismus enthält.
Vielleicht täusche ich mich, was mich freuen würde. Aber ich rechne nicht wirklich mit einer totalen Verbannung der Scharia aus der Rechtsprechung, und auch nicht mit der Bildung einer vollständigen Demokratie.
Am Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ lässt sich das ja wunderbar ablesen: Es ist und bleibt immer noch die PKK, die ihn geprägt und wesentlich verbreitet hat. Und steht diese vielleicht für pluralistische Demokratie und Menschenrechte? Man mag einwenden: Die Formel ist zu breit, zu allgemein, trotz ihrer Herkunft zu sehr auf liberaler Linie, um sie deshalb gleich zu problematisieren. Sie zeigt aber, dass die Forderung nach dem Ende des Islamischen Republik ein Spektrum an Meinungen überdacht, und dass sich darunter manche Hypothek für einen neuen Iran befinden kann.
Deutschland ist 1945 auch nicht von einer Welt in die andere gefallen. Der Vergleich hinkt natürlich sowieso massiv, denn im Iran wird es kaum zu einer Besatzung kommen, und die Zerstörung des gesellschaftlichen Untergrundes reicht (zum Glück!) noch nicht an den Zweiten Weltkrieg heran. Trotzdem kann man mit dem Geschenk des Rückblicks die ersten zwanzig Jahre der Bundesrepublik heute auch nicht mehr als säkular-demokratisch bezeichnen (wenn Deutschland überhaupt „säkular“ ist, was man ja bezweifeln kann). Wie viel weniger ist ein krasser Bruch im Iran zu erwarten, wo die Ideologie des Regimes zwei Generationen Zeit hatte, sich einzuwurzeln?
Ich weiß nicht, wer wörtlich gesagt hat, der Irankrieg sei nicht unser Krieg. Falsch ist das natürlich schon deshalb, weil die Auswirkungen und der Ausgang des Krieges uns erheblich betreffen (werden). Aber ich bleibe vorsichtig und lieber ein paar Töne zu pessimistisch, was die nähere Zukunft des Iran betrifft.