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Habermas oder Ratzinger? Eine Erinnerung aus aktuellem Anlass

Bild (c) Herder Verlag

Jürgen Habermas lebte lange genug, um eine Welt zu erleben, die sein Ideal eines vernunftgeleiteten, herrschaftsfreien Diskurses wie eine Diva ein altmodisches Kleid abgelegt hatte. Mehr als zwanzig Jahre zuvor allerdings hatte er im Dialog mit dem späteren Papst Joseph Ratzinger erlebt, vielleicht sogarzeigen wollen, dass die Vernunft gegen Dogmatiker machtlos ist.

Der Philosoph und der Kirchenmann waren Generationsgenossen: Habermas, Jahrgang 1929, und Ratzinger, Jahrgang 1927, wurden beide Mitglieder der Hitlerjugend. Beide schlugen nach dem Krieg eine universitäre Karriere ein. Beide galten in der frühen Bundesrepublik als geistige Erneuerer: Habermas des Marxismus, Ratzinger des Katholizismus. Beide gerieten mit den radikalen 68ern in Konflikt, zogen aber aus dem Konflikt gegensätzliche Schlussfolgerungen. Habermas verteidigte die offene Gesellschaft und den ergebnisoffenen Diskurs, Ratzinger den Vorrang des Dogmas vor der Vernunft.

Das Thema ihrer Diskussion am 19. Januar 2004 in München lautete: „Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Es ging also um das „Böckenförde-Diktum“, um die Behauptung, die Demokratie beruhe auf „vorpolitischen“ moralischen und philosophischen Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorzubringen vermöge. Der nach eigenen Angaben „religiös unmusikalische“ Habermas kam dem Kirchenmann weit entgegen. Nach dem Hinweis, die weltanschauliche Neutralität des modernen Staates verbiete es dem Staatsbürger, „religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotenzial abzusprechen“, forderte er sogar eine „Lernbereitschaft der Philosophie gegenüber der Religion“. Denn die Religionsgemeinschaften hätten bestimmte „Intuitionen von Verfehlung und Erlösung, vom rettenden Ausgang aus einem als heillos empfundenen Leben“ intakt erhalten und gewisse „Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“ bewahrt, die in der rational verwalteten und vermarkteten Welt verloren zu gehen drohten. Die Religionsgemeinschaften könnten diese Intuitionen und Sensibilitäten allerdings nur glaubhaft bewahren, „sofern sie Dogmatismus und Gewissenszwang vermeiden“.

Ratzingers Relativismus 

Ratzinger ging gar nicht auf dieses Dialogangebot ein, sondern antwortete mit einem Generalangriff auf „die säkulare Kultur einer strengen Rationalität, von der uns Jürgen Habermas ein eindrucksvolles Bild gegeben“ habe. Diese Kultur sei aber nicht universal gültig, sondern „an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden“ und daher als Produkt Europas „nicht in der ganzen Menschheit nachvollziehbar“: eine Relativierung, für die dem Kardinal der Dank autoritärer Dunkelmänner von Peking über Teheran bis in die arabische Welt gewiss sein dürfte.

Aber auch im Westen müsse angesichts des wissenschaftlichen Fortschritts „nun der Zweifel an der Verlässlichkeit der Vernunft aufsteigen“ denn: „Schließlich ist ja auch die Atombombe ein Produkt der Vernunft; schließlich sind Menschenzüchtung und -selektion von der Vernunft ersonnen worden.“

Man staunt ein wenig über die Trivialität solcher Vernunftkritik und ärgert sich über die allzu durchsichtige sprachliche Verschleierungstaktik. Um damit zu beginnen: Was meinte Ratzinger mit „Menschenzüchtung und –selektion“? Meint er etwa die Präimplantationsdiagnostik, die bei der künstlichen Befruchtung eine Erbkrankheit des künftigen Menschen ausschließen soll? Oder meint er die nationalsozialistische Rassenzüchtung, die zur Selektionsrampe von Auschwitz führte? Wollte Ratzinger gar mit seiner Rede von „Züchtung und Selektion“ bewusst den Unterschied zwischen Heilen und Morden relativieren? Vermutlich Letzteres, denn als Papst Benedikt XVI hat Ratzinger in der ersten Taufpredigt seines Pontifikats ausgerechnet die weltliche Kultur des Westens als „Anti-Kultur des Todes“ verdammt. Ähnlich starke Worte zur Verurteilung des Nationalsozialismus fand der Vatikan damals leider nie – und findet sie auch heute nicht zur Verurteilung etwa des islamischen Fundamentalismus.

Ratzinger Verwechslung von Zweckmäßigkeit und Vernunft 

Intellektuell ähnlich billig und moralisch genauso bedenklich ist es, eine fundamentale Kritik der Vernunft ausgerechnet mit der Atombombe zu begründen. Menschen können zweckgerichtet denken. Aber die Vernunft zu reduzieren auf die Zweckmäßigkeit, ist pure Demagogie. Die Todesfabrik von Auschwitz war zweckmäßig eingerichtet; aber sie diente nicht der Vernunft, sondern dem Rassenwahn.

Die Frage ist also nicht, ob Waffen an sich moralisch oder unmoralisch sind, sondern ob sie der Vernunft dienen oder dem Wahn. Albert Einstein forderte US-Präsident Franklin D. Roosevelt zum Bau einer Atombombe auf, weil er wusste, dass seine Kollegen in Nazideutschland – unter ihnen die Christen Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker – an der Bombe arbeiteten. Man muss sich nur einmal vorstellen, was es bedeutet hätte, wenn der Massenmörder Hitler zuerst in den Besitz dieser Massenvernichtungswaffe gekommen wären, um dem großen jüdischen Physiker für seine Initiative unendlich dankbar zu sein.

Die Steinschleuder in Davids Hand diente der Rettung Israels vor der Übermacht seiner Feinde. Die Atombombe in Israels Hand dient heute dem gleichen Zweck. Es ist weder unmoralisch noch unvernünftig, diese Waffe zu besitzen; im Angesicht eines wahnhaften Antisemitismus, der den Judenstaat von der Landkarte wischen will, wäre der Verzicht darauf sowohl unvernünftig als auch moralisch unverantwortlich. Anders gesagt: Die instrumentelle Vernunft wird Waffen ersinnen müssen, solange die existenzielle Unvernunft den Frieden verhindert. Eine Unvernunft, die in Gestalt des religiösen und pseudoreligiösen Wahns daherkommt.

Dass jeder wissenschaftlich-technische Fortschritt auch die Gefahr seines Missbrauchs in sich birgt, ist trivial; das lernt jeder Klippschüler. Was man mit Passagierflugzeugen oder Mobiltelefonen anstellen kann, weiß man spätestens seit den Terroranschlägen von New York und Madrid. Was man mit biologischen Viren aus medizinischen Labors oder mit Computerviren aus dem Internet alles anstellen könnte, wissen Sicherheitsfachleute nur allzu gut. Diese Erkenntnis spricht nicht gegen die Vernunft, die Flugzeuge, Mobiltelefone, Impfstoffe und Computerprogramme ersinnt. Sie spricht im Gegenteil dafür, auch die menschlichen Beziehungen vernünftig zu regeln, um Missbrauch nach Möglichkeit auszuschließen.

Die Verunft „unter Aufsicht stellen“? Und wer sollen die Aufseher sein? 

In der Diskussion mit Habermas forderte Ratzinger stattdessen jedoch ein Nachdenken darüber, „ob nicht die Vernunft unter Aufsicht gestellt werden“ müsse; eine Formulierung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte, um sich ihrer Implikationen bewusst zu werden. Denn wer würde diese Aufsicht stellen? Welches Konzept sollte über der Vernunft stehen, die Vernunft, um Ratzingers Wort zu benutzen, „reinigen“?

„Für Christen hätte es mit der Schöpfung und dem Schöpfer zu tun. In der indischen Welt entspräche dem der Begriff des ‚Dharma’, der inneren Gesetzlichkeit des Seins, in der chinesischen Überlieferung die Idee der Ordnungen des Himmels.“

Ratzinger ließ bewusst das schon damals und erst recht heute aktuelle Beispiel für eine religiöse Aufsichtsinstanz weg: den „Wächterrat“ der islamischen Republik Iran.

Sollte es den tapferen Iranern und Iranerinnen, die seit Jahrzehnten gegen die Diktatur der Mullahs rebellieren, mit Hilfe oder trotz amerikanischer und israelischer Bomben gelingen, ihre Peiniger loszuwerden: An wem werden sie sich orientieren? An dem Philosophen, der sich einen Staat wünschte, in dem ein herrschaftsfreier, vernunftgeleiteter Diskurs die Politik bestimmte, in dem aber die Philosophen ihrerseits ihren Hochmut gegenüber der Religion ablegten; oder am Kirchenmann, der – je nach Kultur verschieden – den Religionen – genauer: den Vertretern der Religionen – das letzte Wort bei der Definition dessen lassen wollte, was als vernünftig zu gelten habe?

Mehr zu Ratzinger und dem Iran hier:

https://www.welt.de/debatte/plus69aaccdcb9534a9bd25d8425/papst-benedikt-xvi-warum-ratzinger-als-irans-geheimwaffe-galt.html

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45 Gedanken zu “Habermas oder Ratzinger? Eine Erinnerung aus aktuellem Anlass;”

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    Vielleicht auch ganz interessant und passend (?): der Opa meines theologischen Familienteils meinte, ohne Offenbarung gebe es keinen Gottesglauben. Und ich denke, damit hatte er recht. Die Offenbarung ersetzt das, was normalerweise die Wahrheitskriterien leisten.

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    Unser Leben wird förmlich durchsetzt und bestimmt von Glauben und Wahrheit, aber ganz anders, als es die Kirchenleute sich denken. Wir äußern mehrere Tausend Sätze pro Tag. Meist sind das Sätze wie „Deine Zahnbürste liegt im Regal.“ , und eben nicht „Jesus verwandelte Wasser in Wein“. Wahrheit besteht, wenn jene Zahnbürste wirklich im Regal liegt. Und der Glaube verwirklicht sich, wenn ich nicht jedesmal die Wahrheit überprüfe, sondern sie glaube. Anders könnte ich gar nicht durch den Tag und die Tausende von Sätzen kommen. Hier liegen Wahrheit und Glaube begründet, nicht in Heiligen Büchern.

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    Wieviel kostet eine Atombombe? Es ist sicher gut, bei Bedrohung über sie zu verfügen. Deshalb schätze ich es auch hoch ein, dass Israel über diese Waffe verfügt.
    Aber die Gedanken zum Thema hier lassen mich auch darüber nachdenken, was passiert, wenn Liquidität einzig und allein über den Besitz oder Nichtbesitz entscheidet? Hierin sehe ich das wirklich brisante Problem unserer Zeit.
    Es ist deshalb verständlich, dass Religionen in der Regel als Endlösung das Paradies in Aussicht stellen. Ein Leben ohne Geld und persönlichen Besitz. Angesichts der aktuellen Bedrohung durch exzessives Besitztum sollten wir uns vielleicht darum bemühen, auch im Diesseits schon eine dem Paradies ähnliche Welt zu erschaffen, ganz egal ob das die Philosophie oder die Religion theoretisch ausarbeitet. Ok, eine Illusion, aber man könnte ja mal darüber nachdenken.

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    Nur kurz: Wer glaubt, Wahrheit wäre subjektiv oder relativ und es käme in Wirklichkeit nur auf Machtfragen an, verstrickt sich in fürchterliche logische Probleme.

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      Moment, lieber Roland Ziegler. Ich unterscheide zwischen Fakten – nicht subjektiv, nicht abhängig von Macht – und „Wahrheit“: subjektiv. Fakt: das Univesum entstand im „Big Bang“. Wahrheit (für Ratzinger und andere): Das war der Augenblick der Schöpfung durch Gott. Diese – offenbarte – Wahrheit kann, anders als ein Fakt, nicht widerlegt werden.

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        Bei Ratzinger wird Wahrheit lediglich behauptet. Es gibt aber keine Wahrheitskriterien. Wahrheit ohne Wahrheitskriterien ist sinnlos. Jeder Satz, der Wahrheit beansprucht, muss auch falsch sein können. Wahrheitsansprüche sind immer fallibel und wahrheitsfähige Sätze immer entweder wahr oder falsch.

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        Ich würde sagen, dass der Satz „Gott hat die Welt erschaffen“ nicht nur nicht wahr, sondern nicht einmal wahrheitsfähig ist. Nicht nur weil unklar bleiben muss, wer oder was Gott ist. Auch weil unklar bleiben muss, wer oder was die Welt ist.
        (Dazu vgl. „Warum es die Welt nicht gibt“ von Markus Gabriel)

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        Also es reicht jedenfalls nicht, zwei Substantive zu nehmen, denen sinnlose Referenzen zuzuweisen und sie dann in einer Kausalbehauptung miteinander zu verschrauben.

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    Naja, lieber AP, daß einige das „Ideal eines vernunftgeleiteten, herrschaftsfreien Diskurses wie eine Diva ein altmodisches Kleid abgelegt haben“ dürfte vielleicht auch der Erkenntnis geschuldet sein, daß dieses Ideal nicht existiert, wenn mehr als zwei Personen aufeinander treffen.
    Letztlich geht es immer um Macht (Deutungshoheit) die sich im besten Fall auf Vertrauen begründet und da scheint es vielen wieder vernünftiger zu sein, im eigenen Leben älteren, erprobteren Weisheiten zu vertrauen. Und die liefert in Europa immer noch vorwiegend das Christentum mit 2000 Jahren Erfahrung. ‚Die Wissenschaft‘ (eine Vorstellung von Wahrheit, die es nicht gibt) galt einige Jahrzehnte als Ersatzreligion und diese Zeit ist nun zu Ende. Es gibt keinen Alleinvertretungsanspruch für Vernunft. Damit stand (und fällt jetzt) auch Habermas‘ Vorstellung vom herschaftsfreien Diskurs der Vernünftigen, den es noch nicht mal in der Physik gab, wenn auch da noch am ehesten. Und das ist auch gut so, denn eine wissenschaftliche Ethik gerät zu einer technokratischen utilitaristischen Diktatur, was Kant – der zwar in so vielem Recht hatte – aber zu seiner Zeit noch nicht vorhersehen konnte: Der kategorische Imperativ benötigt Vernunft – aber wo ist die zu Hause?

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      Lieber KJN, als Pontius Pilatus, der Urvater des Relativismus, sagte: „Was ist Wahrheit?“ und seine Hände in Unschuld wusch, besiegelte er nicht nur das Schicksal des Mannes aus Nazareth, sondern auch seins. Aber die Frage war falsch gestellt. Sie hätte lauten sollen: „Ist dieser Mann eine Gefahr für die Herrschaft des Imperiums in dieser Provinz?“ Vermutlich war er das. Wie dem auch sei: „Wahrheit“ mag subjektiv sein; ob Jesus der Sohn
      Gottes oder bloß der vorletzte Prophet war oder vielleicht weder das Eine noch das Andere, mögen gläubige Christen, Muslime und Juden unter sich diskutieren, es ist nicht zu beweisen.
      Fakten aber sind nicht subjektiv. Die ständige Verwechslung von Wahrheit und Fakten ist die Basis jenes „eleganten Unsinns“ der französischen Poststrukturalisten, und dass er nun auch rechts der Mitte zuhause ist, betrachte ich als List der Vernunft, die damit Hölderlins Gebet für die Unbelehrbaren (damit meine ich nicht Sie) erfüllt:
      Eil, o zaudernde Zeit, sie ans Ungereimte zu führen,
      Anders belehrest du sie nie wie verständig sie sind.
      Eile, verderbe sie ganz, und führ‘ ans furchtbare Nichts sie,
      Anders glauben sie dir nie, wie verdorben sie sind.
      Diese Thoren bekehren sich nie, wenn ihnen nicht schwindelt,
      Diese … sich nie, wenn sie Verwesung nicht sehn.

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        Lieber AP, um gegen den Relativismus anzutreten und dabei den Unterschied zwischen „Fakten und Wahrheit“ zu berücksichtigen, müsste man eine ziemlich langwierige und wahrscheinlich auch langweilige erkenntnistheoretische Diskussion über den Unterschied zwischen empirischen Disziplinen im gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb (‚Evidenzbasiert‘ = Statistik ohne tragfähige Theorie, ‚belegt‘ bestenfalls durch mathematische Modellierung) und klassischer weltbilderschaffender klassischer Wissenschaft (theoriebasiert, erklärt alle bisher beobachtbaren Phänomene, kann aber durch neue Beobachtungen widerlegt werden, wie Karl Popper forderte). Jedenfalls wird der Relativismus nicht durch die Missachtung von Poppers Forderung befördert, sondern dadurch, daß Interessengruppen, sei es aus wirtschaftlichen oder aus ideologischen Gründen sog. Studien in Auftrag geben. Wissenschaftliche Tätigkeit ist in weiten Teilen längst zum Sammeln ‚passender‘ Daten verkommen. Interessant wäre, mal zu untersuchen, wo noch nicht und warum gerade da nicht..

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        Lieber KJN, Sie spielen vor allem auf die Klimawissenschaft an. Natürlich sind hier – wie natürlich in anderen Disziplinen, und übrigens schon immer – nichtwissenschaftliche Faktoren (Einwerben von Mitteln, Einfluss von Interessenverbänden und Ideologen, Angst um den eigenen Ruf usw. usf.) am Werk. Poppers Modell war nie Beschreibung des Ist-Zustands in der Wissenschaft, wie Thomas Kuhn nachgewiesen hat, sondern ein Idealmodell. Aber auch die „passenden Daten“ zur Verifizierung einer Theorie sind Fakten, wie die unpassenden Daten auch.

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        Pontius Pilatus ist ein Beispiel warum Menschen handeln, obwohl sie wissen, dass es falsch ist, insbesondere unter Druck, Entscheidung im Namen anderer zu treffen. Pilatus war in die politische Logik verstrickt.

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        Vielleicht. Aber es war ja Aufgabe des Pilatus, den Frieden zu wahren, und Jesus war ein Störenfried.

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        @AP
        „Poppers Modell war nie Beschreibung des Ist-Zustands in der Wissenschaft, wie Thomas Kuhn nachgewiesen hat, sondern ein Idealmodell.“
        Natürlich nicht. Es ist jedoch erstens eine Arbeitshaltung, ein Imperativ und eine Bedingung ohne die es nicht geht und zweitens eine Bedingung, die umso weniger möglich ist, desto komplexer/chaotischer der Untersuchungsgegenstand ist. Das genau wäre bei der Begründung von Politik auf sog. wissenschaftliche Aussagen (Fakten?) zu beachten. Und ja da meine ich tatsächlich nicht nur die Klimaforschung.
        Der Beamtenstatus von Professoren beruht genau auf dieser individuellen Verantwortung bzw. um die Unabhängigkeit eines Richters zu gewährleisten. ‚Follow the Science‘ ist hingegen eine rein politische Förderung in einem bestimmten Zusammenhang und hat mit Vernunft weniger zu tun, als mit dem Begriff ‚Wissenschaft‘ suggeriert werden soll.

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        Ja. „Follow the science“ ist unterkomplex, ob bei Covid oder dem Klima.

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      Lieber Alan Posener, lieber Klaus,
      Ihre Diskussion über Wissenschaft und Wahrheit verfolge ich immer gerne.
      Ich möchte hier einen Aspekt oder besser:eine Variante zum Thema einbringen:
      Zur Genese des Ukraine-Konflikts gibt es zwei Erzählungen. Ist Ihnen ja bekannt. Grob gesagt: Mearsheimer vs. Gloger/Mascolo- deren sauber recherchierten Buch ich als „Anhänger“ einer erheblichen Mitschuld „des Westens“ anerkenne.
      Eine gegenseitige Einbeziehung der Argumente der Gegenseite nehme ich nirgendwo wahr, geschweige denn eine Synthese. Liegt das an meiner Unbelesengeit? Wo istcdas „Grau“? „Grau“ in dunkel oder hell – das ist doch meistens das Resultat von Wissenschaft auch von Sozialwissenschaft.
      Ein schönes Wochenende! Ich habe gestern gelernt, dass man sich in der Karwoche keine Frohen Ostern wünscht. Erst am Ostersonntag.
      Herzliche

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        Lieber Stefan Trute, ich muss Sie enttäuschen. Auf diese Diskussion kann und will ich mich nicht jetzt einlassen. Wie auch nicht auf die Diskussion darüber, ob die späteren Alliierten gegen Nazi-Deutschland eine „erhebliche Mitschuld“ am Zweiten Weltkrieg hatten. Oder, oder, oder. In der Politik spielen Emotionen eine große Rolle, und erst wenn sie Geschichte geworden ist, kann man hoffen, sie halbwegs objektiv zu betrachten. Allerdings auch nur halbwegs. Ich erinnere mich an den arabischen Taxifahrer, der mir den Felsendom zeigte und anschließend nach Bethlehem fuhr, und die Fahrt mit einer Litanei der Verbrechen der Juden begleitete, kulminierend in der Feststellung: „Sie können in Ihrer Bibel nachlesen, wie sie schon immer waren: Schon Samson hat immer die Philister – unsere Vorfahren, darum heißt das Land ‚Filistin‘ – angegriffen.“
        Bei der Wissenschaft ist es, auch wenn KJN das vielleicht nicht ganz so sieht, anders. Bestimmte Fakten ändern sich nicht, egal, was man von ihnen halten mag. Anders ausgedrückt: Wir akkumulieren nicht Moral und Weisheit: Jede Generation muss sie neu lernen. Aber wir akkumulieren sehr wohl Wissen. Wir müssen nicht immer neu herausfinden, dass die Erde rund ist oder welche Kraft die Moleküle zusammenhält oder wie man Elektrizität herstellt und transportiert, wie Viren sich vermehren usw. usf.. Das sind nicht bloß „Diskurse“, das sind Fakten. Und es sind paradoxerweise gerade deshalb Fakten, weil sie infrage gestellt werden können. Wäre Columbus über den Rad der Erde gesegelt und ins Nichts gefallen, hätten alle Berechnungen der Griechen nichts daran geändert, dass die Erde doch eine Scheibe ist.
        Bei der aktuellen Politik ist es anders. Da spielen Werturteile eine Rolle. Etwa so: „Russland fühlte sich durch die Osterweiterung der Nato bedroht. George W. Bush hatte schon der Ukraine das Angebot gemacht, dem Bündnis beizutreten. Alles richtig. Aber musste Putin deshalb eine Invasion starten?“ Oder: „Der Iran war eine ständige Bedrohung für seine Nachbarn und destabilisierte die ganze Region. Aber war es deshalb richtig, einen Krieg anzufangen, der nun die ganze Weltwirtschaft destabilisiert?“ Und so weiter und so fort. Das sind andere Fragen als etwa die: „Wird der Temperaturanstieg durch die Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre eventuell dadurch begrenzt werden, dass ein Teil dieser Treibhausgase Wolken bilden und dadurch die Sonneneinstrahlung reduzieren wird?“ KJN wird zwar sagen: Das kann man nur durch Modellrechnungen herausbekommen, die man so zwicken kann, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt: Nein, wenn man für schärferen Klimaschutz ist, ja, wenn man dagegen ist. Aber ich denke: dass wir solche Berechnungen überhaupt anstellen können, ist ein Fortschritt.

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        Lieber Stefan Trute, ich muss Sie enttäuschen. Auf diese Diskussion kann und will ich mich nicht jetzt einlassen. Wie auch nicht auf die Diskussion darüber, ob die späteren Alliierten gegen Nazi-Deutschland eine „erhebliche Mitschuld“ am Zweiten Weltkrieg hatten. Oder, oder, oder. In der Politik spielen Emotionen eine große Rolle, und erst wenn sie Geschichte geworden ist, kann man hoffen, sie halbwegs objektiv zu betrachten. Allerdings auch nur halbwegs. Ich erinnere mich an den arabischen Taxifahrer, der mir den Felsendom zeigte und anschließend nach Bethlehem fuhr, und die Fahrt mit einer Litanei der Verbrechen der Juden begleitete, kulminierend in der Feststellung: „Sie können in Ihrer Bibel nachlesen, wie die Yahudi schon immer waren: Schon Samson hat die Philister – unsere Vorfahren, darum heißt das Land ‚Filistin‘ – grundlos angegriffen.“
        Bei der Wissenschaft – und ich meine damit die Naturwissenschaften – ist es, auch wenn KJN das vielleicht nicht ganz so sieht, anders. Bestimmte Fakten ändern sich nicht, egal, was man von ihnen halten mag. Anders ausgedrückt: Wir akkumulieren nicht Moral und Weisheit: Jede Generation muss sie neu lernen. Aber wir akkumulieren sehr wohl Wissen. Wir müssen nicht immer neu herausfinden, dass die Erde rund ist oder welche Kraft die Moleküle zusammenhält oder wie man Elektrizität herstellt und transportiert, wie Viren sich vermehren usw. usf.. Das sind nicht bloß „Diskurse“, das sind Fakten. Und es sind paradoxerweise gerade deshalb Fakten, weil sie infrage gestellt werden können. Wäre Columbus über den Rad der Erde gesegelt und ins Nichts gefallen, hätten alle Berechnungen der Griechen nichts daran geändert, dass die Erde doch eine Scheibe ist.
        Bei der aktuellen Politik ist es anders. Da spielen Werturteile eine Rolle. Etwa so: „Russland fühlte sich durch die Osterweiterung der Nato bedroht. George W. Bush hatte schon der Ukraine das Angebot gemacht, dem Bündnis beizutreten. Alles richtig. Aber musste Putin deshalb eine Invasion starten?“ Oder: „Der Iran war eine ständige Bedrohung für seine Nachbarn und destabilisierte die ganze Region. Aber war es deshalb richtig, einen Krieg anzufangen, der nun die ganze Weltwirtschaft destabilisiert?“ Und so weiter und so fort. Das sind andere Fragen als etwa die: „Wird der Temperaturanstieg durch die Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre eventuell dadurch begrenzt werden, dass ein Teil dieser Treibhausgase Wolken bilden und dadurch die Sonneneinstrahlung reduzieren wird?“ KJN wird zwar sagen: Das kann man nur durch Modellrechnungen herausbekommen, die man so zwicken kann, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt: Nein, wenn man für schärferen Klimaschutz ist, ja, wenn man dagegen ist. Aber ich denke: dass wir solche Berechnungen überhaupt anstellen können, ist ein Fortschritt.

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        S.T.: ‚Ich habe gestern gelernt, dass man sich in der Karwoche keine Frohen Ostern wünscht. Erst am Ostersonntag.‘

        … wie immer hart am Wind. 😉

        Am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag sollten keine ‚Frohe Ostern‘ gewünscht werden. Ich habe im Diskurs Mo, Di ‚Frohe Ostern‘ gewünscht. Ich kann in der ‚Diaspora‘ nämlich nie wissen, wie APos ‚Moderation‘ ausfällt. Daher! 😉

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        Lieber Alan Posener,

        ratlos bin nicht nur ich ob der ständig wiederholten Dämonisierung des Nationalsozialismus. Auch Timothy Snyder schreibt, dass die Beschreibung des Nationalsozialismus als aus der Hölle aufgestiegene Dämonen den Erkenntnisprozess eher behindert.

        Wie Sie wissen, bin ich ich mit Götz Aly der Auffassung, dass der Sozialneid Ausgangspunkt allen Antisemitismus war und ist. Und nicht nur nebenbei: Auch der so genannte Antizionismus hat diesen Urgrund: Der Jude habe jemandem was weggenommen. In dem Fall also den Landstrich Palästina.

        Marxisten erwidern dem Antisemitismus damit, dass sie behaupten, dass Juden nichts hätten, worauf man neidisch sein müßte. Gar noch ihn totschlagen müsste. Weil im Weltbild des Marxisten die Reichen ja durchaus totgeschlagen dürften. Und der Jude deshalb arm sein muß.

        Sie selbst beschreiben diese Legende mit Ihrem Urgroßvater Joseph Samuel aus Wirsitz in der Provinz Posen, der 1840 als „armer Schneidergeselle“ in die Welt aufbricht und ein Tagebuch hinterlassen hat.
        https://starke-meinungen.de/blog/2024/11/17/die-abenteuer-meines-urgrossvaters-joseph-samuel-aus-wirsitz-1/

        Und dabei gehörte doch jemand aus der preußischen Provinz Posen, der 1840 ein Tagebuch schrieb, zu den nur 30 % Prozent der Erwachsenen, die damals überhaupt lesen und schreiben konnten.

        Und wurde von dem übrigen 70 % der erwachsenen Posener gewiß dafür beneidet.

        Und war nach den damaligen Begriffen keineswegs arm.

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        Lieber Bodo Walther, zwar weiß ich nicht, was die angebliche Dämonisierung des Nationalsozialismus mit dem Dialog zwischen Ratzinger und Habermas zu tun hat. Ich weiß aber erstens das ich mit Götz Aly, obwohl wir durchaus freundschaftlich verbunden sind, in diesem Punkt nicht einverstanden bin, wo er, wie ich finde, Marxist geblieben ist; dass zweitens Timothy Snyder in „Schwarzerde“ erheblich tiefgründiger über die Ursachen des Massenmords an den Juden geschrieben hat; und dass drittens Alexander Gauland Recht hat, wenn er in seinem schmalen Buch über „Die Deutschen und ihre Geschichte“ (2009) schreibt: „Vor Auschwitz war das, was aus der Vergangenheit auf uns gekommen ist, nach dem berühmten Diktum Hegels gut und vernünftig, seitdem hat sich die Beweislast umgekehrt. Was einmal war, muss nachträglich beweisen, dass es keine Ursache für den Holocaust gesetzt hat.“ Das bedauert Gauland, das mag man bedauern, aber man kann an dieser Erkenntnis nicht vorbei.

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        Sehen Sie, lieber Alan Posener,

        auch ihr Zitat Gaulands, dass nun nachgewiesen werden müsse, dass Dieses und Jenes in deutscher Geschichte NICHT den Judenmord vorbereitet hätte, ….

        … auch dies ist ein Hinweis auf die Unrationalität der Ratio. Geschichte hat keine Gesetzmässigkeiten.

        Es gibt allerdings diesbezügliche Narrative. Glaubenssätze.

        Jeder hat sie. Nur Selbstbetrüger leugnen dies.

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        Sie sollten das Buch lesen. Und zwar genau lesen, wie meinen Kommentar. Gauland behauptet nicht, dass es so kommen musste. Und ich schon gar nicht.

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        Nun, lieber Stefan, die Politik ist chaotisch wie die Soziologie und das Wetter und das Klima und die Mikroorganismen und die Viren und überhaupt alle ‚Sphären‘ (Räume) in denen exponentielle Prozesse stattfinden und (Überraschung!) jede Simulation in der digitalen Matrix ist genauso chaotisch wie das Vorbild und das Ergebnis der Berechnungen hängt am Schmetterlingseffekt, also an kleinsten Änderungen eines eingegebenen Wertes.
        Da könnten oder müssten dann die Paläanthologen, Historiker usw. ins Spiel kommen. Und da kann man schon sehen, daß es einen Wissensfortschritt gibt: Für mich das eleganteste Beispiel dafür ist, daß Einstein Newton nicht widerlegt hat, sondern seine Theorie der Gravitation für physikalische Größen erweitert hat, die auf der Erde nicht direkt erkennbar existieren. Und ich glaube daher sehe ich das bis hierhin recht ähnlich wie AP. Und Simulationsrechnungen sind immer ein Gewinn für geschlossene Systeme und hier höre ich auf.

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        @A.Posener, Klaus
        Danke für die Antworten.
        Ich lese gerade Frank Böschs „Zeitenwende 1979“, in dem es auch um den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan geht. Ja, vielleicht ist es für eine Analyse sine ira et studio noch zu früh. Bei arte/im ÖRR und auf den nachdenkseiten vergibt man sich allerdings nichts, wenn man die Argumente der Gegenseite wenigstens zur Kenntnis nimmt. Offenbar ist sowas heute einfach zuviel verlangt, wo differenzierte Sichtweisen in der jeweiligen Blase nicht goutiert werden: Aber: Wie sagte ein alter Lehrer von mir sinngemäß? Man hat den Kopf nicht nur als Hutständer …
        @Hans: Danke für die Präzisierung meiner Behauptung bzgl Ostern. 😉 Die ging auch nicht gegen Sie oder irgend jemanden hier.
        Beste Grüße!

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    Ich glaube, lieber Apo, dass wir den „Hochmut gegenüber der Religion“ ablegen sollen, ist okay. Aber das allein ist zu wenig. Jedenfalls denke ich, dass nur der Verzicht auf Hochmut der Habermas’schen Intention nicht gerecht wird. Sein 1700-Seiten-Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ wollte Habermas im Untertitel zunächst die „Geschichte der Philosophie, am Leitfaden des Diskurses über Glauben und Wissen“ nennen. Und der Titel sollte „Zur Genealogie nachmetaphysischen Denkens“ lauten, also sozusagen den Ratzingers dieser Welt ihr Mittun bescheinigen. Habermas spricht in diesem Zusammenhang (vor dem Zusammentreffen mit Ratzinger, aber nach dem 9/11) von „unabgeschlossener Dialektik“.

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    Naja, Dinge passieren ja nicht von selbst. Überführen wir den theoretischen Diskurs in den dann praktischen Konsum. Wir reden nicht nur, was wir wollen, wir machen auch, was wir wollen. In einer Zivilgesellschaft gehen Bürger Verbindungen ein, um ihre Interessen zu vertreten. Es ist zunächst ein Verfahren und kein Inhalt. Inhalte werden durch Überzeugung vermittelt. Die Vermittlung kostet Geld (um es zu banalisieren). Wer mehr Geld hat, kann Überzeugungen besser verbreiten, was wieder zu einer verstärkten Interessenvertretung in der Gesellschaft führt. Beispiel: Wann Jugendliche Jugendliche sind, regelt ein Gesetz. Volljährigkeit könnte bei 14 liegen oder 30. Der Renner sind gerade Only Fans Seiten, auf denen 17-jährige Content-Createrinnen halbpornographisches Material im Sinne des Jugendschutzes anbieten. Ihre zugeschalteten Fans und sie zählen den Countdown zum Geburtstag gemeinsam herunter, wann das vollpornographische Material freigeschaltet wird. Ein Millionenmarkt. So weit, so frei. Es steht jedem zu, seine Moral seinen Kindern mitzugeben. Nun ist das nicht so einfach. Während auf Jugendliche zugeschnittene Programme die moralische Erziehung zu einem Glücksspiel machen, gibt es natürlich einen moralischen Ramen. Nämlich den denjenigen, dessen Produkte die Jugendlichen Konsumieren. Wir leben nicht auf dem Dorf, in einem geschützten System. Die meisten müssen arbeiten und die Erziehung an Schule delegieren. Und auch deren Moralerziehung unterliegt auch Gesetzmäßigkeiten. Den Aufseher Ratzinger (ich fand ihr Buch Benedikts Kreuzzug großartig, ist aber schon was her, müsste auffrischen), tausche ich gegen jeden, der genug Mittel hat, seine Moral (wie auch immer die zustande gekommen ist) zu verbreiten. Da Zivilgesellschaft ein Verfahren ist, sind alle Parameter verhandelbar. Also auch Kinderpornographie, Verhandlungssache. Wenn Sie Vernunft und Wahn gegenüberstellen, gehen Sie von einem Koordinatensystem aus. Woher haben Sie das? Woher haben kleine Mädchen vor dem ersten Gangbang ihres?
    https://www.zeit.de/kultur/film/2024-03/quiet-on-set-the-dark-side-of-kids-tv-nickelodeon-dokumentation-serie
    Wohlgemerkt hat niemand Stopp gesagt, als damit eine Generation von Mädchen sozialisiert wurde. Geld stinkt nicht und der Diskurs ist frei. Hätte der Macher nicht geltende Gesetze in der Produktion gebrochen, wäre alles fein geblieben. Die Zivilgesellschaft als Verfahren gibt darauf keine Antwort. Ich habe Ratzinger gegen ein schmieriges Arschloch ausgetauscht. Das Arschloch ist die Diktatur des Relativismus.

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      Lieber Stevanovic, wie wir wissen, ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern auch der Hl. Katholischen Kirche nicht fremd. Und sicher auch nicht der muslimischen Welt. Irgendwo las ich, dass die Heuchelei etwas Gutes ist, weil sie immerhin ein Indiz dafür ist, dass jemand die Existenz einer moralisch-ethischen Norm anerkennt. Immanuel Kant hat den Versuch unternommen, ein moralisches Gesetz ohne Rekurs auf die Religion zu entwickeln, und ich meine, das ist ihm gelungen. Zwar sah er „das moralische Gesetz in mir“ – das Gewissen – als Gottesbeweis an, ebenso wie „der gestirnte Himmel über mir“, aber sein kategorischer Imperativ hat die Entdeckung der Evolutionsgesetze und der biologischen Grundlagen des Altruismus ebenso überlebt wie die Entdeckung, dass der gestirnte Himmel ein chaotischer Haufen von Gas und Materie ist. Tatsächlich hat die Vernunft die Religion „gereinigt“ – von Aberglauben und Wahnvorstellungen – und nicht umgekehrt.

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        … wie kann das? ‚Wenn Heiden, die das Gesetz, die Tora Israels, nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie … sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab …‘ Röm. 2,14 f. (Benedikt im Bundestag.)

        … und Habermas‘ ‚richtigen‘ Werte, seine sozialistisch-moralischen Ansprüche, rauschen gerade den Bach hinunter. Ich werd‘ noch mal winken.

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      Oh! Lieber Herr Posener, ich will gar nicht gegeneinander abwägen, sondern ich versuche nur zu schauen, ob eine Zivilgesellschaft eine höhere Wasserdichte als eine Religion als letzte Instanz hat.
      On the one hand haben sie recht. Who watches the watchman? Da ist Gottes schweigen natürlich kontraproduktiv und die verschiedenen Auslegungen der Religionen der Beweis, dass die letzte Instanz nicht durchgehend gesprochen hat. Der Sunnitische Islam kennt Schulen. Christen den Protestantismus. Juden die Chassiden. Übersetzer des Wortes sind notwendig und ihre Fehlbarkeit evident.
      On the other hand funktioniert Kant auch nur, wenn eben von Fundamenten ausgegangen wird und die organisierte Ausbeutung des Sexualtriebes erscheint nicht jedem unvernünftig, der 18 Jährigen erscheint es sogar sehr vernünftig. Gewissen ist formbar, es entsteht nicht aus der Tiefe des Gemütes, es entwickelt sich. So vermag ich nicht unbedingt jedes mal zwischen einer von außen gesteuerten Normalisierung dessen, was gegen mein Gewissen verstößt und meiner eigenen Einsicht zu unterscheiden. Bin ich es oder mein Pornokonsum? Nur als Beispiel. Wenn es Pornokonsum ist, warum konsumiere ich ihn? Spricht da mein Gewissen oder mein instrumentalisierter Trieb? Und warum sind alle dauernd nackt?
      Und im Vergleich: Aberglaube hatte viele Funktionen, nicht nur die Intelligenz zu beleidigen. Er steckte auch Rahmen ab. Haben wir es wirklich besser, dass den Rahmen ein Peter Thiel mit seinen Ressourcen setzen kann? Es gibt auch in der Zivilgesellschaft Watchman, nur steht hinter denen nicht Gott sondern Ressourcen.
      Wasserdichter als Ratzinger erscheint mir das nicht. Drogenkultur, Only Fans, selbst Trump… alles das ist nicht gegen die Zivilgesellschaft gerichtet, sondern ihr Produkt. Kindesmissbrauch durch Priester wurde ersetzt durch eine quicklebendige Szene im Netz. Persuit of happines scheint bei der Zahl an Depressiven nicht von alleine zu gehen. Als das Schnapsbrennen erfunden wurde, soff sich halb London mit Gin tot. Der Staat griff ein, um seine Funktionsfähigkeit zu erhalten. Wo war da „das moralische Gesetz in mir“, das Gewissen? Der Staat als oberste Instanz griff ein, die Zivilgesellschaft brannte munter Schnaps.
      Wasserdicht würde ich sie nicht nennen. Vielleicht wasserdichter im Vergleich, aber verglichen mit der Zahl an Menschen, die so nicht leben wollen, liegt das vielleicht auch im Auge des Betrachters.
      Mit ratlosem Gruß

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        Peter Thiel ist nun wirklich ein schlechtes Beispiel, lieber Stevanovic. Er ist militanter Christ und erwartet in Kürze den Endkampf mit dem Antichrist.

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        Darum habe ich ihn als Beispiel genommen. Zivilgesellschaft ist ein Verfahren, kein Wertekanon. Wer kann, der kann. Thiel und der Antichrist, wenn sie liquide sind. Pädophile, wenn sie liquide sind. Islamisten, wenn sie kohärent auftreten und entsprechend interessant für Allianzen sind….die Verschiebung normativer Regeln ist kein bug, es ist ein feature. So wie Missbrauch der Autorität in autoritären Systemen, wie Sie es im Falle Ratzinger nachgewiesen haben

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        „Zivilgesellschaft ist ein Verfahren, kein Wertekanon.“ Genau, Stevanovic. Wie ‚die Wissenschaft‘ und ‚die Demokratie‘. Und damit das Verfahren überhaupt etwas brauchbares bewirkt, braucht es Anforderungen/Qualitätsmerkmale: Bei Demokratie der Rechtsstaat, bei Wissenschaft Karl Popper und bei Zivilgesellschaft die repräsentative Demokratie.. (und nicht ‚unsere Demokratie‘)

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        Lieber KJN, Qualitätskontrolle der Inhalte oder des Verfahrens? Das Internet ist nicht ohne Grund eine Hassmaschine geworden. Ist es auch Wahnsinn, so hat es Methode. Das Verfahren mendelt grundsätzlich Hass und Tabubruch auf die vorderen Plätze. Waren Debatten im Zeitalter des Gedruckten auf sektiererische Zirkel beschränkt, so beherrschen heute Blasen selbst Vorgärten. Die stehen nicht miteinander in Konkurrenz. Kein Hamas Mitglied liest Herr Greves „Dürfen Juden Terroristen töten oder nur Terroristen Juden?“. Im Artikel erfahren wir, dass Herr Greves zudem Thema eine differenzierte Meinung hat. Wen fragt er das denn hier? Die Konkurrenz ist innerhalb der Blase. Frau Hansen eröffnet mit Israelkritik ist ein beliebtes Hobby, besonders in Deutschland. Ich habe Internet, Israelkritik ist überall ein beliebtes Hobby. Die Beispiele nur hier, im den besonnen Starke Meinungen. Auf Tiktok sind wir bei der „richtigen“ Israelkritik bei schwarzen Amerikanern, die mit AI übersetzte, Hitlerreden als Reaktionsvideos hören und begeistert kommentieren. Härter, Schneller, Tiefer, Nackter. Pilatus Frage nach dem „Warum?“ ist eine normative Frage. Mit Antworten auf Verfahren werden sie mit keiner Qualitätskontrolle dieser Welt eine Antwort auf Normen bekommen. Die normativen Leerstellen füllen Messianische Gestalten wie Trump oder Musk oder Greta. Über die wir uns dann aufregen. It`s not a bug, it´s a feature. Da nützt kein Ermahnen oder Bewusstmachen. Weil es das Verfahren ist, wird immer das gleiche Ergebnis rauskommen. Nein, ich weiß nicht, wie es besser geht. Ich habe hier kommentiert, weil ich mich gerade genau mit dem Thema beschäftige. Ich kommentiere hier nur noch Musik, versprochen.

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        „It’s not a bug, it’s a feature“
        Lieber Stevanovic, nur zur Bestandsaufnahme: Ist das wirklich neu, oder gilt nicht doch wieder mal
        ‚It’s not a bug, it’s capitalism‘?
        50 Jahre her, als die blonde Queen von ABBA weltweit mit dem Hintern wackelte, die ‚Heftchen‘ nicht mehr unter dem Ladentisch durchgereicht, sondern offen im Supermarkt in der Zeitschriftenauslage präsentiert wurden, im ‚Stern‘ ein Päderast sich in einem Leserbrief bitterlich darüber beklagen durfte, daß er und sein „Päderasten e.V.“ (ja!) sich diskriminiert fühlte und eine Speiseeisfirma mit „Nogger dir einen“ (..runter?) warb. Gleichzeitig verteilten Anzugträger von Freikirchen vor der Schule Flugblätter, auf denen stand, daß jeder Akt der Selbstbefleckung zu 10 Jahren zusätzlichem Fegefeuer im Jenseits und im Diesseits führt, was ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist..
        Alice Schwarzer war die, die mit der „PornNo“-Kampagne dem Einhalt zu gebieten versuchte und man könnte meinen, mit Erfolg, allerdings haben die jungen Männer, mit denen man mal reden mùsste, jetzt das Hochglanzpapier gegen Pixel ausgetauscht, die Einblick in eine Welt geben, wo sich gerade eine Porno-Queen daran versucht ihren Porno-King zu verklagen, um Pornopolitik zu betreiben.. usw.
        Wer wirklich gedacht hat, Google & Co. wäre etwas anderes, als eine Werbeagentur, die mit allem wirbt, was nicht explizit verboten ist, darf weiter träumen, da fällt mir nichts mehr ein.
        Und der Markt hat es geregelt: ein Drittel des Bedarfs an Elektrizität ist für das Streaming von den einschlägigen Streamingdiensten und der Politporno, den Sie zu Recht beklagen, kommt noch zusätzlich hinzu.
        Die nächste Falle, in die jetzt getappt wird, dürfte die Diskussion darüber sein, wie das Chaos durch Gesetze wieder in die Pandoradose zu stecken sei, obwohl jeder weiß, daß das nicht geht und daß jegliche Form von Zivilgesellschaft damit überfordert sein dürfte, wenn nicht z.B. Leute wie Ratzinger mitspielen dûrfen, ja auch zusammen mit Leuten, die ‚wir‘ irgendwie illiberal finden (womit ich die Kurve zum Thema doch noch gekriegt hätte).
        Xi Jinping jedenfalls weiß ziemlich genau, daß Kapitalismus ohne allzuviel Zivilgesellschaft ziemlich gut funktioniert und die Wahlmöglichkeit ‚des Westens‘ dürfte sich auf seine Form der ‚Brave New World‘ und auf eine Zurückbesinnung auf Kirche & Co (2000 Jahre im Geschäft mit dem gesellschaftlichen Qualitätsmanagement) beschränken.
        Ich befürchte, auch wenn Sie nur noch über Musik reden wollen, wird Ihnen spätestens beim ersten Puristen eine ähnliche Diskussion nicht erspart bleiben.

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        Das alles gab es Randerscheinungen schon früher, wenn nicht schon immer. Ja. Nichts war besser, es war nur anders. Dank Vernetzung braucht niemand mehr etwas zu suchen, es findet uns. Und das ist der Unterschied zur Randerscheinung der alten Zeit. Was mich mit meinem Serben versöhnt hat, war der Dreck, der infolge von Gaza sich aus Israel/Westen einerseits und Pro-Palli/Westen anderseits in den Äther ausgeschüttet wurde. Dabei wären Tschetniks 1993 im tiefsten Bosnien rot geworden. Der Balkan hat ethische Standards, zumindest wussten die, wann sie Grenzen überschreiten und das trotz Kondensmilch. Wenn eine junge Israelin aus ihrem Kinderzimmer mit Affenlauten Kinder aus Gaza verhöhnt und dies ohne Selbstzweifel auf Tiktok hochlädt, dann hat sich etwas geändert. Wenn dann weiter ihr Clip von einem Antisemiten mit einer KI-Hitlerrede unterlegt wird, die über das Wesen des Judentums doziert, ist das neu. Und wenn ich dann beide Clips vom Algorithmus gezeigt bekomme, sind wir nicht mehr beim „gab es schon früher“. Der vermeintliche Erreger „Dürfen Juden Terroristen töten oder nur Terroristen Juden?“ ist das vorgereckte Kinn der 90er Jahre und fast schon niedlich in seiner Selbstvergewisserung und erst recht der ausgewogene Teil des Artikels. Das ist Boomer Diskurs. Die Welt ist viel weiter. Die kompromisslose Unversöhnlichkeit der bolschewistischen Intelligenzija hat dank KI gewonnen. Ich erinnere mich an Slavoj Zizeks naive Begeisterung für Greta. Ihr zielgerichteter Autismus sei das, was die Linke bräuchte, um zu gewinnen. I would prefer not to. Und so kommen wir zu Papa Ratzi. Wenn wir keine übergeordnete Autorität anerkennen, den Missbrauch durch sie ständig fürchten, dann wird KI den Diskurs schlucken und wir werden genau diese Autorität bekommen, sei es durch kommerzielle Verwilderung des Menschlichen oder durch autoritäre Regime. Denn auch die KI gehört „jemanden“. Deswegen wage ich eine Prognose: Nicht die Identität wird die entscheidende Frage der Zukunft, mit LGBT und der 3. Tempel Bewegung haben wir schon längst synthetische Produkte auf dem Markt. Es wird die Ethik. Die Heiligen Schriften haben alle eine Untergrenze des Moralischen. Und ohne Gott ist Ethik Gegenstand von Verhandlungen, Teil eines destruktiven Verfahrens. Der moralische Mensch von-sich-aus der Atheisten ist das erste Opfer der KI.

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        Nachtrag: gerade habe ich die Nachricht gesehen, dass die US mit dem Angriff auf Brücken begonnen haben, Israel bombardiert Universitäten und die Pharma-Industrie. Alles, wirklich alles, kann im Krieg verwendet werden. Jede Straße, jede Fabrik, jedes Fahrzeug kann militärischen Zwecken zugeführt werden. Was hindert uns daran, bis zum „kill it before it growes“ zu gehen? Die Frage „kann das im Krieg eingesetzt werden?“ gewiss nicht. Umgekehrt sind alle Krieger des Iran und ISIS religiös motiviert und haben mit „kill it when you see it“ kein Problem. Und darauf gießen wir KI. No way out. Ich wünsche allen politischen Autisten viel Glück, ich kümmere mich nur noch um Kacke auf dem Spielplatz neben an. Wie wäre es mit Musik?

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        Lieber Stevanovic, Sie haben aber schon gelesen, daß ich Ihnen nicht über „Randphänomene“, sondern über Aufmerksamkeitsökonomie bzw. die gewinnbringende Instrumentalisierung von Emotionen – früher Sex, jetzt Hass (und Liebe, vor allem zu Haustieren) – schrieb?
        Und Vorsicht: Alles was man sucht, findet man um so mehr, keine Erfahrung in sozialen Medien ist repräsentativ. Und so lange ich gewissen Dreck zwangsweise mitfinanzieren muss, braucht mir keiner mit Regulierungen des Internet kommen (Bericht darüber hier ab ca. 16:00 min)
        https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/lebenswelten/mann-und-frau/mann-und-frau-von-golgatha-bis-kebekus-kennen-feministen-keine-gnade
        „Mutter unser aus Köln,
        geheiligt werde dein Name,
        deine Show komme,
        deine Witze geschehen..“

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      Die Bibel, die Torah, genauer die ersten beiden Bücher „des Gesetzes“ hat zwei, einander entgegen gesetzte Aussagen:

      In Genesis, Kapitel 3 Vers 22 ist dem Menschen gesagt, dass er geworden sei wie der Schöpfer und SELBST wisse, was gut und böse sei.

      In Exodus, Kapitel 20, Vers 2 und folgende sind dem Menschen „die Gebote“, also die Mizwim gegeben, weil er halt doch nicht wisse, was gut und böse ist.

      Der Glaube an des Menschen Vernunft ist einer von vielen Aberglauben.

      Wie erlangt man „richtige Vernunft“ ?

      Sowohl die jüdische, als auch die griechische Antike empfehlen das Fasten und Beten als Training des Geistes.

      Meiner bescheidenen theologischen Ansicht nach sind auch alle jüdischen Speisevorschriften von der Annahme getragen, damit offener für den Willen des Herrn zu sein.

      Also besser unterscheiden zu können, was gut und böse sei.
      Vergleichbar mit heutigem Vegetarier- und Veganertum. Kultiviert in der Annahme, dadurch eine vollkommenerere Seele zu erlangen.

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