
Fern aller Politik molto presto ein Ausflug in die Musik. Ein unvollständiger, wohlgemerkt. Ich weiß, dass der ein oder die andere das Näs- oder Ohrlein rümpfen wird angesichts und angeohrs dessen – »der Kampf um Vollständigkeit ist wahrscheinlich nichts anderes als Todesangst« (Th. Mann) –, was ich freilich mit dem großen Zauberwort der Erziehungswissenschaft kompensieren kann: didaktische Reduktion.
Dazu sei ergänzt: Die Rede ist allein von westlicher Musik. Mit all den anderen Musiken kenne ich mich noch weniger aus. E viola.
Singsang
Musik kommt von Muse. Als Begriff. Musik wird gemacht. Muss produziert werden. Keine Forschung hat bislang bewiesen, ob entweder Sprache oder Gesang (= Musisches) die Evolution und somit die sukzessiv-wesentliche Trennung des Menschen vom Tier in Gang setzte. (Lesetipp: Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen, Sloterdijk.)
Wir kennen alle den Singsang der Sprache, fachmännisch Prosodie genannt. Gefühle werden artikuliert. Bewusst wie unbewusst. Der für den Menschen erste unbewusste Gefühlsausbruch ist dessen Schreien als Neugeborener, das Mutter und Neugeborenes selbst wahrnimmt – wo auch immer der Erzeuger nebst Verwandtschaft bei der Niederkunft sich aufhalten.
Kreischsaal
Das Weltwunder der Geburt eines Kindes mag oftmals Jubelschreie hervorrufen, die aber hurtig verstummen: Kein Mensch erachtet fortlaufendes Schreien als probates Mittel lebensbejahender Kommunikation mit dem eigenen Kind. Das Kind würde über kurz oder lang fort laufen. Die Mutter ebenso.
In den Nachmomenten einer Geburt wird aus Geräusch Klang produziert: Jeder Klang ist ein Geräusch, aber nicht jedes Geräusch ist ein Klang. Geräusche der Beschwichtigung, des Wunsches nach Ruhe, Seelenruhe, ubiquitär mittels wohliger Gestik, Mimik, Körpernähe inklusive eines leichten Säuselns, dem liebevollen Klang eines Summens und dem In-den-Armen-Wiegen des Kindes.
Schwerwiegender Rhythmus
Kein Singsang ohne Periodizität, will sagen Gleichmäßigkeit. Symmetrie. Hin und Her. Der Musiker spricht von Rhythmus. Und von Melodie. Monodie, dem einstimmigen Gesang. Ein Ton folgt auf den nächsten in klar erkennbaren, besser gesagt hörbaren Mustern. Der Fachjargon dafür lautet Intervall, Zwischenraum.
Trotz dieses Dazwischen fließen die Melodietöne. Der Rhythmus bringt Ruhe ins Fahrwasser. Diese beiden Parameter können nur wechselseitig passieren – im doppelten Wortsinne: sie passieren das Ohr, indem sie passieren. Es fließt, es erklingt zusammen, was zusammen gehört (!).
Zusammen-/Entgegengesetzes
Das bezeichnet der Musikfachmann als Konsonanz, von lateinisch consonare: zusammen klingen. Jedem Zusammen wohnt ein Entgegnen inne: Dissonanz. Der Gegenklang, unwissenschaftlicher gesprochen: schräg, schrill, hässlich und klingt einfach, sit venia verbo: scheiße.
Eine weitere und wesenswichtige Differenz in der Musik sind Dur und Moll, sprich hell oder dunkel, fröhlich oder traurig (etymologisch: hart und weich). Gleichsam Hochzeit und Beerdigung (teils wird’s anders herum empfunden). Diese beiden Tongeschlechter – es gibt nur zwei (kommt mir irgendwie bekannt vor) – sind nicht ohne Grundtonbezug zu haben. Wer nicht weiß, was allgemein ein Grundton sein mag, stelle sich kurz ein Haus vor ohne Fundament. Ein Schiff ohne Rumpf. Ein Auto ohne Motor.
Kleine Experimente, große Wirkung
Trotz faktisch menschenmehrheitlicher Unkenntnis ob dieser Musikwissenschaftsterminologie findet all dies einfach statt, seit es Menschen gibt. Jahrhundert(tausend)e lang.
Und Mensch suchte offenbar und fand sogleich – über einen ellenlangen wie wellenförmig ablaufenden Zeitraum hinweg – den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Monodie in den Eingang der Vielstimmigkeit (griech. Polyphonie), ähnlich zur Entwicklung von mannigfacher Gerätschaft. Diese multipliziert(e) unsere recht bescheidene Menschenkraft (physisch/psychisch) – im Gegensatz zur physischen Teilüberlegenheit nicht weniger Tiergattungen – und minimiert(e) die Anstrengung für Mensch.
Parallel dazu klimaximiert(e) Mensch sowohl die Organisation von Tönen in hochkomplexe Kompositionen (componere, lat. für zusammensetzen) als auch das Herstellen eines filigran-ausgefeilten und teilbombastischen Musikinstrumentariums. Vergegenwärtigen Sie sich flugs den Weg von der Panflöte über eine Kirchenorgel bis hin zur verzerrten Elektrogitarre mit vierzig angeschlossen Marshall-Amps (»Rock am Ring«). Die virtuell generierte Musik am PC eingedenk der KI sei vorerst exkludiert – dazu demnächst mehr.
Mit Natur gegen Natur
In der Natur des Menschen ist folglich Progress angelegt, »gäbe (es) keinen Prozess, wenn nicht ein Ungelöstes, dann gar Hemmendes in der Welt wäre, das nicht sein sollte« (ein ausnahmsweise guter Bloch, der alte Stalin-Apologet). Die Menschennatur neigt also dazu, innere wie äußere Menschennatur modulieren zu wollen – in welche Richtung(en) auch immer. Und scheint dies zu können.
Unmittelbar aufkeimende Fragestellungen: ja, in welche Richtung(en)? Und: wie weit? Wozu? Progress um des Progress willen? In der westlichen Kultur schien – unabgesprochen – Ende des 19. Jahrhunderts kollektiv eine Art Neophilie ausgebrochen zu sein, wenn nicht Neomanie. Alles Alte weg, her mit dem Neuen. Es vorherrschte ein »konfuses Verlangen nach totaler Andersheit« (Sloterdijk).
Tabubruch
Musikalisch akkumulierte das Neomanische ins oder als Genre »Neue Musik« zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dessen Pionier war Arnold Schönberg. Die Herren Hauer und Obuchow erschufen zwar wenige Jahre vorm Schönberg Gleichwertiges. Es blieb ihnen jeweils allerdings versagt, ein Säulenheiliger, wie es Schönberg gelang, der Musikavantgarde zu werden. Neue Musik? Franz Marc kann sie erklären (1911):
»Schönberg geht von dem Prinzip aus, dass die Begriffe Konsonanz und Dissonanz überhaupt nicht existieren. Eine sogenannte Dissonanz ist nur eine weiter auseinanderhegende Konsonanz.«
Das nenne ich Chuzpe. Stark. Ebbe und Flut existieren ja auch nicht. Tag und Nacht sind wie Muta und Fata Morgana. Und hält sich das Kind die Hände vor seine eigenen Rehäuglein, hört (!) Welt auf einmal auf zu existieren.
Übrigens: Eigentlich strebte Schönberg vehement die sogenannte »Emanzipation der Dissonanz« an. Ja, was denn nun, Arnold?
Trans-Musik
Übrigens II: Schönberg hatte mit dessen Prinzip die elende Genderdebatte – nolens volens – über einhundert Jahre vorgezogen und an der Musikwelt exerziert, den Diskurs lediglich flüchtig geführt und ad hoc mit folgendem Ergebnis abgeschlossen: Es gibt weder Tongeschlecht noch Klangdifferenz. Und nur allein, weil Schönberg das so will – wie jeder heutzutage halt der oder die das sein kann, weil ich das so will! Ab 14. Zwei Mal pro Jahr. Ferner: Nun ist’s sonnenklar, weshalb der Titel der Sammlung ausgewählter Schriften von Schönberg der ist, der er ist: »Stile herrschen, Gedanken siegen« (2007). Chuzpe 2.0.
Das hochheilige Schönberg-Komponieren mit den uns bekannten zwölf Tönen (Sie erinnern sich sicher noch an die PoC-weiß-aufgebaute Klaviertastatur) schimpft sich, ganz profan, Zwölftonmusik. Alle zwölf Töne müssen gesetzt sein, bevor sich einer der zwölf wiederholt. Nicht verstanden? Okay. Also noch einmal: Du hast zwölf Bauklötze in Deinem Plastikeimer, was machst Du damit, mein liebes Kind? Ich tu‘ einen nach dem anderen rausnehmen und dann tu‘ ich die alle wieder rein und fang erneut von vorn an, is‘ voll lustig. Spitzenidee.
Große Experimente, keine Wirkung
Wie dem auch sei: Auf jeden Fall ist all das, was Sie unter Musik verstehen, einerlei ob mit oder ohne Fachtermini, Studium oder Proberaum, laut Zwölftonideologie verboten. Jawoll: untersagt. Wer derart komponiert, wie es Menschen Jahrhunderte lang vollzogen, ist demzufolge sinistrer Reaktionär, Verräter am Fortschritt und Zuhälter des Faschismus – Sie kennen das passiv-aggressive Sponti-DaDa-Avantgarde-Dauergequassel derjenigen, die, ganz bescheiden des Weltfriedens willen, das Schöne, Gute und Wahre im Herzen tragen.
Schönberg ging sogar so weit und behauptete 1921 voller Stolz (= Hochmut), er habe mit der Zwölftonmethode eine Erfindung gemacht, die der deutschen Musik die Vorherrschaft für die nächsten einhundert Jahre sichere. Hört, hört, welch überraschend nationale Duftnote! Und schon wieder ein Österreicher. Wenn sich da der Arnold mal nicht krass verhochrechnet hatte.
Still, still, still…
Ja, Neue Musik wird weiter komponiert und aufgeführt, jedoch nur weil »vom deutschen Steuerzahler gesäugt, genährt, aber nimmermehr abgestillt« (Klonovsky). Denn, werter Leser, Hand aufs Herz: Wann hörten Sie das letzte Mal Neue Musik? Wann das erste Mal? Oder ihre Freunde? Bekannten? Da wird’s ganz schnell ganz schön still.
Fürs erste Mal: Ich darf annehmen, Sie sitzen momentan am Rechner. Gehen Sie zu oder auf YouTube und – Sie wissen Bescheid. Kommentieren Sie hier und schildern Sie Ihre Höreindrücke. Danke.
Meines Erachtens könnte es ruhig still werden um Neue Musik. Braucht niemand außer der endogamen subventionsdependenten Neue-Musik-Koterie. Ich gehe erfreulich prinzipienlos, dafür voller Realleben davon aus, dass eine Neue-Musik-Subvention überhaupt nicht existieren muss. Eine derartige Subvention ist nur weiteres Anzeichen römischer Dekadenz.
Wir sind Peanuts!
Weshalb ist denn nun Neue Musik eine Musik, »der sich jedes wohlgeborene und wohlerzogene Ohr augenblicklich verschließt« (Proust)? Lou Reed gibt Antwort. Ich liebe seine Musik. Vornehmlich dessen Soloalben. Mr. Reed soll hiermit das letzte Wort haben, das mir selbst erst vor Kurzem jener YouTube-Algorithmus (Rhythmus?) auf meinen Laptop-Bildschirm spülte.
Wir alle lieben den Beat. Wollen Musik körperlich erfahren. Das geht nur – ich weiß, ich weiß, es gibt hunderttausende Ausnahmen, siehe oben, von wegen Vollständigkeit –, bebt der Tanzboden und es fällt das Glas Bier vom Tisch oder ich in die Arme einer wunderschönen Frau – und erfreuen uns am „sound of love“…
Bei oder mit »Neue Musik« passiert das nicht. Garantiert. You know that.
Agreed ?
(Der Link verweist direkt auf die entscheidende Stelle; gern ganz anschauen, es sind lediglich knapp 7 Minuten).
Zugabe
»Hasset die schlechte Musik, verachtet sie nicht. Da man sie häufiger spielt oder singt und viel leidenschaftlicher als die gute, hat sie nach und nach den Traum und die Tränen der Menschen in sich aufgenommen. Deshalb gebührt ihr eure Ehrfurcht. So unbedeutend ihre Stellung in der Geschichte der Kunst ist, so unermeßlich ist sie in der sentimentalen Geschichte der Gesellschaft. […]
Wie viele in den Augen eines Künstlers wertlose Melodien hat die Menge der jungen, romantischen und verliebten Leute sich nicht zu Vertrauten erwählt. […] – geistvolle und begeisternde Vertraute, die den Kummer veredeln und den Traum überhöhen und im Austausch mit dem glühenden Geheimnis, das man ihnen anvertraut, die berauschende Illusion der Schönheit geben.
Wie das Volk, das Bürgertum, die Armee und der Adel die gleichen Briefträger haben, Träger der Trauer, die sie trifft, oder des Glücks, das sie erfüllt, so haben sie auch die gleichen Liebesboten, die gleichen vielgeliebten Beichtväter. Es sind die Komponisten von schlechter Musik. Irgend so eine ärgerlich alte Leier, der sich jedes wohlgeborene und wohlerzogene Ohr augenblicklich verschließt, hat den Schatz von tausenden von Seelen empfangen, bewahrt das Geheimnis von Tausenden von Leben;
[…] sollte uns bewegen wie ein Friedhof oder wie ein Dorf. Was macht es aus, wenn die Häuser keinen Stil haben und die Gräber unter der geschmacklosen Inschriften und Ornamenten verschwinden. Aus diesem Staub kann vor den Augen einer einfühlsamen und achtungsvollen Phantasie, wenn sie für einen Augenblick ihre ästhetische Geringschätzung zum Schweigen bringt, sich der Schwarm der Seelen sich erheben, im Schnabel den noch grünen Zweig des Traums, der sie die andere Welt erahnen und sie in dieser genießen und weinen ließ.«Marcel Proust: Freuden und Tage, Frankfurt am Main 1998, S. 166–168.
PS: fremde Federn: 1.) Volltreffer, was die Schimäre „atonal“ resp. „dodekaphon“ betrifft und 2.) die Anmaßung, die an Musik im allg. gelegt ward und wird.
»Für Arnold Schönberg sollte die Zwölftonreihe die Faßlichkeit garantieren. Sie tat es nicht. Für Schönbergs Anhänger sollte sie die Atonalität garantieren. Auch dafür war sie ungeeignet. […] Es ist schwer, wenn nicht sogar unmöglich, eine atonale Zwölftonreihe aufzustellen. Quinten und Quarten wirken stets stark tonal. Terzen werden als Dreiklangsbrechungen aufgefaßt. Eine wechselnde Folge von Ganztönen und Halbtönen wird im Sinne der diatonischen Skala, eine stärkere Verwendung des Halbtons wird im Sinne der Vorhaltsmelodik der erweiterten Tonalität gehört. Sexten und Septimen sind in der Zwölftonreihe, für die es auf die Oktavlage der zwölf Töne nicht ankommt, nur die Umkehrungen der Terzen und Sekunden und wie diese mit dem tonalen Makel behaftet. Es bleibt nur der Tritonus, auf den auch kein Verlaß ist, da er ja in jeder Dur- oder Molltonleiter und in der simpelsten Dissonanz, im Dominantseptakkord, vorkommt. In der Einstimmigkeit ist es bei enger Lage nicht möglich, atonal zu werden. Die Atonalen haben sich daher in die weiten Melodiesprünge und in ein gezacktes Melos gerettet.«
Martin Vogel: Die Lehre von den Tonbezeichnungen, Bonn-Bad Godesberg (Verlag für systematische Musikwissenschaft GmbH) 1975, S.271/272.
2.) »Dass ein hemmungsloser Musikgenuss eine öffentliche Ordnung untergraben könne, ist ein albernes Märchen, an das bisweilen haltlose Hoffnungen wie Befürchtungen gleichermaßen geknüpft worden sind, und zwar in maßloser Verkennung der Rolle, welche die Kultur in der Weltgeschichte in den Kulturnationen wirklich spielt.«
Franz Sauter: Die tonale Musik, Hamburg 2001, S. 45.
@alle: Funktionsharmonik vs. Atonalität (den Begriff lehnte SB zurecht ab, es bleiben schließlich tonale Zusammenhänge) resp. grundtonlose Musik. Für diesen Widerspruch sorgte Schönberg „als Erster“ (was nicht ganz stimmt, siehe Text). Nicht ich.
Einerseits gab es laut dessen Deklaration nur noch Konsonanz, andererseits, das Mantra 2.0 der „Neutöner“, strebte er nach der sog. „Emanzipation der Dissonanz“ – ja was denn nun?
Mit keiner Zeile schreibe ich, dass da irgendwas „weg kann“. Das, was weg kann, ist die Subvention. Von aller Klassik – also als Gattung, nicht Epoche? Ja, warum denn nicht?
Auf alles weitere zu antworten, dazu habe ich just keine Zeit. Wie es Herr Greven hier auch mal erwähnte:
Es neigt zum Ausufern inkl. der hohen Wahrscheinlichkeit an Missverständnisakkumulation.
Alles Weitere gern per Mail: info@axel-knappmeyer.de Bin offen für jeden Schlagabtausch – puff-puff!
„Neue Musik wird weiter komponiert und aufgeführt, jedoch nur weil »vom deutschen Steuerzahler gesäugt, genährt, aber nimmermehr abgestillt« (Klonovsky)“
Gilt das nicht für die klassische Musik überhaupt? Welches Opernhaus, welches Sinfonieorchester ist ohne Subventionen lebensfähig? Von klassischer Musik kann doch nur leben, wer sie gnadenlos vergeigt …
Nur ein paar hingeworfene Gedanken:
Zwölftonmusik heute noch als „Neue Musik“ zu bezeichnen – hm. Kaum eine Musik ist heute älter als die „Neue Musik“.
Und steckt nicht auch die Musik eines JSB in einem sehr engen Korsett, wenn auch in einem tonalen? Warum erkennt man sie so leicht? Weil sie so langweilig ist?
Ludwig van war ein Pop-Musiker („klassische Musik“ gab es zu seiner Zeit noch nicht) und Revolutionär – Freunde, nicht diese Töne!
Bartok – ein kluger Kopf meinte einmal, seine Musik sei für Leute die Schach spielen und das Kreuzworträtsel in der „Zeit“ mögen – finde ich zuweilen sehr sperrig (also „neu“), manchmal aber auch einfach schön (obwohl „neu“).
Und dann vergleiche man John T. Williams „Sinfonietta for Wind Ensemble“ mit seinen Filmmusiken, womit er wohl mehr verdient?
Wie auch immer: bitte mehr solcher Artikel!
Bei „nur zwei Tongeschlechter“ wollte ich eigentlich aufhören zu lesen – der Autor sollte mit seinem fachlichen Hintergrund schon mal was von modalen Skalen gehört haben, wenn man schon von „westlicher“ Musik spricht (bis zum Heavy Metal, oder ist das auch „dekadent“?). Und auch die platte Assoziation „Dur“ = „fröhlich“, „Moll“ = „traurig“ geht völlig am Thema vorbei. Mehr Simplifizierung geht kaum noch. Das Problem heutiger Zeit sind weder Zugänglichkeit noch Vermittelbarkeit von „Neuer Musik“ (unter der sich mehr versammelt als Schönberg und Serialisten, die zudem nicht gerade „neu“ sind), sondern eher, dass in der Popularmusik noch vor wenigen Jahrzehnten übliche Modulationen inzwischen praktisch fast ausgestorben sind. Und was Dissonanzen angeht – ohne die wäre Musik stinklangweilig.
Ich weiß nicht, was Sie unter „Neuer Musik“ verstehen. Nur die Zwölftonmusik im Gefolge Arnold Schönbergs? Oder auch Igor Strawinskis Feuervogel? Krysztof Pendereckis schaurig-schöne religiöse Musik? Die seriellen Stücke von Philip Glass oder John Adams? Alles „kann weg“? Ich höre die Musik gern.
Und was den Spruch Franz Marcs angeht, „Eine sogenannte Dissonanz ist nur eine weiter auseinanderhegende Konsonanz“: Hören Sie sich den Anfang von „Hey Joe“ an. Was Jimi Hendrix dort macht, ist eine Illustration dieser Aussage.
Lou Reed hat mit dem Herzschlag vermutlich recht. Aber das Mutterherz schlägt nicht im Dreivierteltakt, und doch tanzen wir dazu. Das Mutterherz schlägt nicht im Tango-Takt. Das Mutterherz schlägt nicht im Offbeat, und viele ältere Deutsche können das bis heute nicht klatschen, aber Elvis konnte nicht anders und hat damit das rhythmische Empfinden aller nachfolgenden Generationen geprägt.
Kurzum: man kann sich über das Getue mancher Musiker und Musikkritiker ärgern (ich zum Beispiel finde die Überheblichkeit mancher Jazzmusiker und -Adepten schwer erträglich): aber die Vorstellung, es gebe eine natürliche Musik, der die Musik in der Schönberg-Nachfolge nicht entspreche, ist für mich so wenig nachvollziehbar wie die Vorstellung, Lyrik müsse sich reimen oder Malerei gegenständlich sein.
Gibt es die Jazzmusiker-Überheblichkeit wirklich noch? Mir will scheinen, die hat sich spätesten seit 20 Jahren in Wohlgefallen aufgelöst… aber wer bin ich, das zu beurteilen