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Partizipations-Populismus

Obschon tragischerweise im guten, alten Deutschlandfunk eindeutig zu häufig gegendert und gewoket (gewoked, was weiß ich, egal) wird, bleibe ich ihm treu. Nüchterne Nostalgie: Mein Vater öffnet, es sind die End-1970er, im Bad, morgens, das Klappradio und jene fünf berühmten Pieptöne schallwellen den Fokus auf die erste Nachricht: 7 Uhr. Bonn. Der Kanzler…

Seitdem ist alle möglichen Flüsse jede Menge Wasser runtergeflossen. Der DLF-Programmablauf blieb. Somit lauschte ich am Samstag Vormittag just einem Zeitzeugen, der sich offenbar seit Jahrzehnten wohltätig betätigt: Ulrich Schneider, der paritätische inklusive Linkenvorstandsmitglied*schaft. Der rote Faden des DLF-Dialogs war die Teilhabe. Über diese denke ich schon längere Zeit nach.

Rechtspopulismus

Teilhabe – an was? In welcher Menge, welchem Umfang? Gibt es darauf einen Anspruch? Sofern es kollektive Teilhabe gibt, wo bleibt die Teilgebe?

Gegenwärtig geht das Gespenst des Rechtspopulismus um in Europa, nein, auf dem gesamten Globus. Und diejenigen, die sich für Wohltaten (idealiter mit/als Vollkasko) passioniert einsetzen, engagieren sich parallel dazu, falls der Eindruck nicht trügt, tagtäglich gegen die Rechten. »Die« = diese werden allesamt verheerend unterreflektiert und frappierend differenznegiert in einen Sack gepfropft, auf den hypermoralaffektiert dreingeschlagen werden kann, soll und darf – was ist schon dabei? (Wenn Kant das wüsste…)

Ich meine, dass jenes penetrante Partizipationseinfordern gleichfalls nichts anderes ist denn Populismus, will sagen Partizipations-Populismus.

Gefühlte Armut

Was ist Populismus? Dem Volk aufs Maul geschaut und all das im Maul Befindliche möglichst lautstark-belästigend in die Welt posaunen, das, was richtig gut = billig ankommt, Massen anzieht. Period. Demnach ist, behaupte ich, jedwede Partei, egal wo sie sich auf dem politischen Spektrum verortet oder sie verortet wird, populistisch – und wenn’s monothematisch ist (siehe Piratenpartei, VOLT, Graue Panther, ÖDP, all jene „Sonstigen“, unter denen, ei der Daus, immer öfter die FDP verschwindet). Was kommt nicht besser bei den Massen an denn das ins Jetzt gehievte »Brot-und-Spiele«-Phänomen: Das Wahlvolk bei Laune und in Schach halten.

In Deutschland gilt, gesetzlich festgeschrieben, derjenige als arm, welcher, allein lebend, monatlich weniger als 1446 € netto auf’e Tasche hat. Ich musste stutzen, als mir diese Zahl ins Auge sprang. Konkret, flugs ein Miniabriss meines Arbeitslebens, der Transparenz wegen:

Bevor ich in die Studienratwelt quer (nicht queer) einstieg, einsteigen durfte – Dank sei Steinbrück/Rüttgers in der Höhe –, lebte & arbeitete ich als freischaffender Jazzmusiker, 1996–2006. Solitär lebend, keine Kinder. Lass es am Ende knapp DM (!) 30.000, dann eben € 15.000 im Jahr gewesen sein, brutto=netto, ungefähr. Habe das irgendwie einkommenssteuertechnisch hingebogen (das B durch ein L zu ersetzen, sei jedem unbenommen). Ergo: circa € 1.250 im Monat mit drei Musikschulstellen (Honorarkraft) und gelegentlichen Gigs. Offiziell kratzte ich, eingedenk der steten Geldentwertung = Lohnanstieg bei proportional höher steigenden Lebenhaltungskosten, bis einschließlich 2006 an der Armutsgrenze.

Gefühlter Reichtum

Ab 2006 – mit 33 Lenzen auf dem Buckel – überwies mir das erste Mal, als Referendar (= Beamter auf Widerspruch), in meinem Dasein ein Arbeitgeber steady einen Monatstausender aufs Konto. Seit 2008 A 13. Und damit offiziell nicht-arm – ist man denn daraufhin sogleich reich? Linksparteimitglieder (Schneider, Ulrich, siehe oben) würden mich jetzt nicht unmittelbar erschießen lassen, Glück gehabt. So viel Marie bedeutet A 13 dann doch nicht. Vor 2008:

Offiziell arm. Indes: Fühlte ich mich denn auch arm? Vor zehn, fünfzehn Jahre automodulierte unsere Demokratie sich sehenden Auges in eine Emokratie, mit der Jüngstklimax Selbstbestimmungsrecht – Sie kennen die Regularien und die daraus resultierende chronische Gemütsparalyse. So ergeht es zumindest mir.

Also Gefühle: Ich? Arm? Nein. Sicher war ich als Jazzmusiker von dutzenden, ach was, hunderten, tausenden Dingen, Zuständen, Menschen, wie auch immer, exkludiert. Hie und da grämte ich mich. Ich wurde hingegen so erzogen: Komme mit dem, was Du hast, aus – gern auch hasst, ergänzte mein Spaßvogelvater (RIP). Und so war es dann auch (ohne Hass). Ich fühlte mich frei. Jawoll! Musikschule ist easy-peasy und Gigs, hey, die werden allein des Vergnügens, der Freude an sich wegen absolviert – getreu unseres Urgermanen Richard Wagner, ich zitiere:

»Was Deutsch sei, nämlich: die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen treiben.«

Exklusion

Ferner: Ein gemütliches Leben in Miniwohnungen, entweder im »Kernassi-Norden« von Dortmund (60 qm, € 400 warm) oder unterm Dach in Köln, Arme-Poet-Interieur, 30 qm mit Duschkabine in der Küche und Klo auf dem Flur (auch so knapp € 400, meine ich). Grandiose Zeiten.

Das Lehrerdasein erbrachte und erbringt ungeahnte Sicherheiten. Gesichert heiterer wurde ich allerdings durch den Beruf an sich sicher nicht – anderes Thema (es ist ein Schleichen, ein Simmern, ein Kriechen & Siechen in die Adorno’sche Ohnmacht, die einen dumm macht…).

Trotz aller Beamtenprivilegien bin ich weiter exkludiert von dutzenden, ach was, hunderten, tausenden Dingen, Zuständen, Menschen, wie auch immer. Und nun?

Vollendete Partizipation, das inklusive Paradies auf Erden – die hehrste Schimäre des Kosmos inklusive perennial-gigantischer Attraktion. Zwei Philosophen bringen unsere Paradiesvögel gewaltig ins Straucheln:

»Wer den Himmel auf Erden sucht, hat im Erdkundeunterricht geschlafen« – S. J. Lec.

»Immer noch haben die die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen« – F. Hölderlin.

Das tapfere Schneiderlein

Der Schneider samt dessen tapferen Schneiderleinchen, die sind nichts weiter denn linientreue Gastgeber*innen jenes ubiquitär veranstalteten Weltenwohltätigkeitsball. Entweder wissen sie um den monströsen Selbstbetrug, was die zu sinistren (= linken, notabene) Demagogen macht und sich daran keine Sekunde lang stören, als ob jemals Zweifel aufkeimten. Oder die Wohltäter, obschon sie von der Behauptung der eigenen uneinholbaren Einmaligkeit leben und zehren, die sind dann trotz alledem (siehe Hannes „Darth“ Wader) einfach nur saudumm. Ich vermute, es ist eine Melange aus beidem.

Zuletzt tritt der Wohltatenschwindler aufs Parkett (oder aufs Massengrab) in unzähligen Varianten wie Intensitäten: sei es vom Aufschneider, der seine Mitmenschen mit Spontanlangvorträgen über Kapitalismus an der Theke, auf dem Spielplatz oder einfach immer in den Wahnsinn treibt, bis hin zum empathietoten Halsabschneider. Die Geschichte des Realexistierenden stellte ihn millionenfach unter Beweis inklusive ins Heute, siehe brutal-prominent in China, Nordkorea, Kuba etc. pp.

Unerforschtes Leben

Menschen leben exklusiv. Schon immer. Different. Auf allen Ebenen, physisch wie psychisch, mit dem Resultat Hierarchie – »die Hierarchien sind himmlisch, in der Hölle sind alle gleich« – Gómez Dávila. Manchmal ist all dies schier nicht zu ertragen. Man muss es aber lernen, das Hierarchische zu ertragen. Erkenne dich selbst – die ewiggültige Binse. Sie einschließt das Erkennen der Grenzen des eigenen Vermögens. Nicht total, besser nicht katergorisch-final, »[riecht] der kategorische Imperativ nach Grausamkeit« – F. Nietzsche.

Weder existiert grenzenlose Freiheit/Gerechtigkeit, noch entgrenzte Selbsterkenntnis: »The biggest lie ever propagated by a philosopher was Socrates‘ self-aggrandizing assertion that the unexamined life is not worth living« – N. Podhoretz.

Der sekündliche Abgleich meines individuellen Lebens mit Restwelt – endet der Wohltätigkeitspopulismus sonach an den Landesgrenzen? – ist Wahn. Der Vergleich meines wie auch immer gelebten Daseins, ob mickrig-elend oder celestial-opulent mit allen anderen Erdenbewohnern – theoretisch wie praktisch durchs WWW realisiert – aufzeigt erneut die Schimäre:

Unversöhnlich

Wie, zum Gottseibeiuns, soll all dies triebhafte Gezucke, narzisstische TikToke und obszöne Autoprostituieren nivelliert werden in eine Globalteilhabe? Und: Weshalb? Wozu? Wer denkt sich so einen BS aus? Wie weit soll sie getrieben werden, jene emanzipierte Gesellschaft, ohne Herrschaft, Ausbeutung, der vollkommenen paritätischen Partizipation, in und mit der alles versöhnt sei? Zu welchem Preis?

»Am Ende aller Emanzipation steht, so Gott kein Einsehen hat und eine neue Flut schickt, der androgyne, herkunftslose, offiziell gleichbegabte, belanglose Einheitsmensch« – (unbekannt).

An diesen Gedanken würde ich Herrn Schneider gern teilhaben lassen, sofern er es denn wollte…

 

 

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Über Axel Claudius Knappmeyer

Axel Claudius Knappmeyer, geb. 1973 in Ibbenbüren/Westf., ist Jazz-Musiker, Komponist, Lehrer, Verleger und Autor. 1993–1998 Jazzstudium an der Folkwanghochschule, Essen, freischaffendes Dasein. 2006–2008 Referendar in Düsseldorf als Quereinsteiger. Seit 2008 Studienrat für Musik und seit 2010 auch Praktische Philosophie in Mönchengladbach. 2021 Gründung eines eigenen Verlags "oea" (odi et amo) – www.oea-verlag.de. Daneben tätig als Tenorsaxophonist/Komponist – www.axel-knappmeyer.de

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