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Demut vor dem Leben

Bild von Peter H auf Pixabay

Der Fall Jens Spahn lehrt auch etwas über die Grenzen des Wünschbaren. Das gilt für Leihmutterschaft genauso wie für Sterbehilfe, Gentests und andere medizin-ethische Fragen.

Es ist einer der heutigen Widersprüche: Auf der einen Seite verzeichnet Deutschland so wenige Geburten wie noch nie. Kinderkriegen ist out. Auf anderen Seite gibt es Frauen und Männer, die sich nichts sehnsüchtiger wünschen als ein Baby, das sie aber aus medizinischen Gründen oder wegen ihrer sexuellen Orientierung auf natürlichem Weg nicht bekommen können. Weshalb sie bisweilen zu höchst fragwürdigen Mitteln greifen.

„Ich habe lange mit mir gerungen, auch was das Thema Leihmutterschaft angeht“, sagte Jens Spahn vor seinem Rücktritt. Aber am Ende hätten er und sein Mann sich dafür entschieden. Man sollte ihm dieses ehrliche Bekenntnis der Zerrissenheit abnehmen, auch deshalb, weil Homosexuelle mit Kindern immer noch von vielen scheel angesehen werden, und ihn dafür nicht verurteilen. Schließlich gilt nicht nur für Christen wie ihn, wie er sagte: Das eine ist die reine Lehre, das andere das echte Leben. Und das ist nicht immer Schwarz und Weiß.

Ihn brachte es allerdings nicht nur in einen Gewissens-, sondern auch einen harten politischen Konflikt. Denn als Gesundheitsminister und CDU-Präsidiumsmitglied hatte er gemäß der Linie seiner Partei das Austragenlassen eines Kindes durch eine dafür bezahlte Frau stets abgelehnt. Dass er sich trotz des Verbots in Deutschland nun dennoch privat dazu entschlossen hatte, war glaubwürdig nicht zu vermitteln. An seinem Rücktritt führte deshalb kein Weg vorbei.

Was ist gesellschaftlich erwünscht?

Über den konkreten Fall hinaus bieten solche Skandale die Gelegenheit, sich als Gesellschaft immer wieder über die Grenzen des ethisch, moralisch und rechtlich Zulässigen und Erwünschten zu verständigen. Wertvorstellungen wandeln sich. So akzeptieren die meisten heute, dass Homosexuelle heiraten und dass sie Kinder haben dürfen. Große Übereinstimmung herrscht allerdings auch, wie sich gezeigt hat, dass dafür Frauen nicht benutzt werden dürfen. Und dass es kein Anrecht auf ein Kind gibt. Trotzdem fordern nun manche, das gesetzliche Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland aufzuheben, zumindest für sog. altruistische Fälle, also ohne Bezahlung.

Auch in anderen Fragen geraten persönliche Wünsche in Konflikt mit ethischen und gesetzlichen Normen. Nicht nur bei Abtreibungen, wo das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung gegen das Lebensrecht des ungeborenen Lebens steht, sondern etwa auch bei der Präimplantationsdiagnostik oder der aktiven Sterbehilfe. Kann es die Gesellschaft wollen, dass verschmolzene Ei- und Samenzellen darauf untersucht werden, ob der Embryo erwünschte Merkmale aufweist? Kann es einer Frau andererseits zugemutet werden, ein womöglich genetisch krankes oder behindertes Kind auf die Welt zu bringen? Ist Leben nicht mehr lebenswert, wenn Schmerzen unerträglich werden und keine Aussicht auf Heilung mehr besteht? Oder überwiegt auch hier das Selbstbestimmungsrecht am Lebensende, wie das Bundesverfassungsgericht entschieden hat?

Selbst beim Thema Transplantationen stößt sich der verständliche Wunsch derjenigen, die dringend auf ein Spenderorgan angewiesen sind, mit dem Willen anderer, damit nicht belästigt zu werden und keine Organe nach ihrem Tod zu spenden. Ein einfacher Weg existiert auch hier nicht. Für Christen, und nicht nur für sie, gibt es jedoch eine Lösung: Demut. Die kann bedeuten, auf ein Kind zu verzichten, auch wenn es schwer fällt, behindertes Leben als vollwertig zu betrachten, Schmerzen und Sterben als natürlichen Teil des Lebens hinzunehmen. Aber genauso zu respektieren, wenn sich andere anders entscheiden. Mit den Konsequenzen müssen sie jeweils selbst leben.

Grenzen der Biologie

Für Anhänger der Queer-Theorie, wonach Geschlecht ein bloßes soziales Konstrukt ist, würde es bedeuten, sich damit abzufinden, dass die Biologie natürliche Grenzen setzt. Männer können mit Männern und Frauen mit Frauen nunmal keine Kinder bekommen. Und auch für Heterosexuelle gilt: Es gibt keinen Anspruch auf ein Kind. Nicht alle Wünsche sind erfüllbar. Nicht alles, was medizinisch oder finanziell möglich ist, sollte getan werden. Und getan werden dürfen.

Wer dennoch ein Kind will, kann eins adoptieren. Es gibt genügend Mütter und Eltern, die eins bekommen, aber es nicht haben wollen. Ein weiterer gesellschaftlicher und privater Widerspruch.

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Über Ludwig Greven

Ludwig Greven hat für verschiedene Medien als politischer Autor, Bonner und Berliner Korrespondent, Politikchef, Redakteur und Reporter gearbeitet, zuletzt für ZEIT online. Als freier Publizist führt er u.a. Interviews für "Politik & Kultur", die Zeitung des Deutschen Kulturrats, und schreibt Meinungsbeiträge für den Kölner Stadt-Anzeiger. Er ist Administrator und presserechtlich Verantwortlicher dieses Blogs.

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