
Bild: Bodo Walther
Ein beeindruckender Film. Gemacht von Jamie Coughlin Silverman und Gabriel Silverman.
„Zum ersten Mal stehen ein Stasi-Opfer und ein Stasi-Täter gemeinsam vor der Kamera!“ So preist die unvermeidliche sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (im Bild oben) das 94 Minuten lange Werk an.
Richtig daran ist: Den vormaligen Generalmajor des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, den Heinz Engelhardt so vor die Kamera zu bringen, das könnte kein deutscher Aufarbeiter. Schon auf das Narrativ vom „Stasi-Opfer und Stasi-Täter“ würde sich ein vormaliger Stasi-General nicht einlassen.
Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, sollte man wissen, hat außerhalb Deutschlands keineswegs nur den Ruf des verruchten, weil perfekten Unterdrückungsapparates. Es hat auch den Ruf, perfekt gewesen zu sein. Und perfekte Geheimdienste haben durchaus ihre Fans. In den USA, in Großbritannien und in Israel. Das wissen schließlich auch MfS-ler.
„You are from East Germany? Do you know Markus Wolf?“ So zitierte mein erster Vorgesetzter am Regierungspräsidium in Halle seinen israelischen Reiseleiter, der 1992 die frisch gebackenen Landesbediensteten Sachsen-Anhalts durch die Behörden Tel Avivs geführt hatte. „Do you know Markus Wolf? The East German intelligence chief? A Jew! One of us! One of our best!”
Doch, einem US-amerikanischen Kamerateam, noch dazu zwei Juden, hatte sich Heinz Engelhardt vom Ministerium für Staatssicherheit, der Generalmajor a.D. gern und mit Freude geöffnet. Und fühlte sich ganz böse hintergangen, als dann Peter Keup das Interview führte. Das „Stasi-Opfer“.
Peter Keup wiederum stellt sich uns als jemand vor, der sich 1981 als 23-Jähriger nach jahrelangen Ausreiseanträgen seiner Eltern und Familie auf den Weg gemacht hatte. Nach Bratislava. Um von dort über die Grenze nach Ungarn und dann über die Grenze nach Österreich zu entwischen. Und der schon am Übergang zur Tschechoslowakei verhaftet wurde, aus dem Zug heraus:
„Sie haben gar keine Rückfahrkarte?!“
Versuchte Republikflucht. Gestanden nach 24 Stunden Verhör. Haft. Nach 10 Monaten Freikauf in die Bonner Republik.
„Sehen Sie,“ sagt Heinz Engelhardt, der Generalmajor a.D.: „Zu einer wasserdichten Legende hätte die Rückfahrkarte gehört. Das hatten Sie falsch gemacht. Deshalb konnten wir Sie überführen!“
Oh doch – ich kenne die Diskussionen unter uns jungen, der „versuchten Republikflucht“ überführten Gefangenen 1981 in Brandenburg.
„Was hätte ich anders machen müssen, auf dass es funktioniert hätte?“
Es war das Thema in unseren abendfüllenden Diskussionen.
Und dann 1989/90.

Bild oben: „Sturm auf die Stasi-Zentrale“, 15. Januar 1990, aus Wikipedia
Zehntausende Menschen hatten am 15. Januar 1990 vor den Toren des Ministeriums für Staatssicherheit gestanden. Die obersten Genossen des Apparates, so berichtet uns Heinz Engelhardt, hätten zu dem damals 45-jährigen gesagt:
„Heinz, Du bist der jüngste und stabilste von uns. Du übernimmst jetzt das Kommando!“
Dann hätten die sich zu den Sowjets nach Karlshorst verdrückt. Und er, Engelhardt hätte den ihm Verbliebenen befohlen, alle Waffen wegzuschließen und die Parole „Deeskalieren“ ausgegeben.
„Ja,“ erzählt er, „die Demonstranten haben das Ministerium gestürmt, es gingen ein paar Scheiben zu Bruch und sie rissen Akten aus den Schränken. Wir hatten nicht alles vernichten können – leider!“

Bild oben: „Sturm auf die Stasi-Zentrale“, 15. Januar 1990, aus Wikipedia
Heinz Engelhardt, der geblieben war als Kapitän auf der Kommandobrücke des sinkenden Schiffes. So kommt er rüber. So will er rüberkommen.
Was Engelhardt nicht erzählt und auch der Film nicht erzählt:
Die Akten der DDR-Auslandsspionage bekamen die aufgebrachten Demonstranten auch nach dem 15. Januar 1990 nicht in die Finger. Diese landeten in der geheimnisumwitterten Aktion „Rosewood“ als „Die Rosenholz-Dateien“ beim CIA. Sicher auch deshalb sieht Engelhardt US-amerikanische Filmemacher mit anderen Augen als deutsche.
In einer Bildfolge steht Peter Keup, der ehemalige Stasi-Häftling, vor einer Wand, auf die er Zettel mit den Namen seiner Verwandtschaft angepinnt hat. Sein Bruder hat als Informant für das Ministerium für Staatssicherheit gedient. Die Tante auch. Wer war eigentlich nicht dabei? Der Vater zum Beispiel, der einst aus der Bonner Republik in die DDR umgezogen war, der war es nicht. Obwohl Peter Keup ihm zuallererst so etwas zugetraut hätte.
Aber der Bruder? Der doch immer aufbegehrt hatte gegen alle Autoritäten in der DDR?
„Er kann doch niemals aus Überzeugung Informant geworden sein – niemals!“, sagte Peter Keups Schwester im Dokumentarfilm.
Wenn er in den Sachverhalt richtig verstehen, sagt Jochen Girke, einstiger Dozent für Operative Psychologie an der Stasi-Hochschule in Potsdam-Golm …
… der Bruder habe bereits im ersten Verhör Informationen geliefert. Und sei damit als als informeller Mitarbeiter in Frage gekommen. Ein Jahr lang. Dann sei er unzuverlässig geworden.
„Aber was richtet das an in einer Familie: Den eigenen Bruder, den eigenen Vater an die Staatssicherheit zu verraten?“, fragt Peter Keup.
„Ein Geheimdienst ist kein Kräutersammelverein.“ Sagt Heinz Engelhardt. „Wissen ist Macht. Wenn ich Wissen über Sie haben will, Herr Keup, dann ist es sehr egal, woher dieses Wissen stammt und wie ich es erlange.“
„Aber was richten Sie da an in den Seelen der Menschen, in der Psyche!“
Und Heinz Engelhardt erwidert: „Es ist niemand zu Schaden gekommen. Die, die solches behaupten, wollen Geld dafür. Die Dollarzeichen funkeln bereits in deren Augen!“
Sagt er das, weil er das glaubt? Oder sagt er das, um seine eigene Psyche stabil zu halten?
Unwillkürlich erwische ich mich dabei, dass ich dies ähnlich sehe.
„Meine Erfahrung aus der Kriegsopferversorgung, Herr Walther“, so hatte mir einst, 1994, der westdeutsche Aufbauhelfer, der pensionierte vormalige Chef des Landshuter Versorgungsamtes gesagt:
„Meine Erfahrung aus der Kriegsopferversorgung ist, dass diejenigen meiner Mitarbeiter, die selbst Kriegsversehrte waren, besonders hart mit den Antragstellern auf Kriegsopferversorgung verfuhren. So nach dem Motto: Die sollen sich nicht so haben, ich habe es doch auch hinbekommen.
Und sie vergaßen dabei, Herr Walther, dass sie verbeamtet waren und Einkommen und Altersversorgung hatten, die der Antragsteller nicht hat.“
„Jedenfalls,“ sagt Heinz Engelhardt, der Generalmajor a.D. im Film zu Peter Keup, dem Stasihäftling a.D.:
„Jedenfalls sind Sie jetzt der Sieger der Geschichte!“
Und Peter Keup steigt die Treppen im Gebäude in der Normannenstraße empor in sein Zimmerchen dort. Wo er, der nun promovierte Historiker, in Stasi-Akten forscht.
Aber sehen Sieger wirklich so aus?
Heinz Engelhardt verlässt das Haus über den Flur im Erdgeschoß, in dem gerade jemand lautstark eine angekommene Reisegruppe über die Geschichte der Einrichtung belehrt.
„Wenn der da hinten wüsste,“ sagt der Generalmajor a.D. in die Kamera an der Ausgangstür: „Wenn der da hinten wüsste, wer ich bin, der da gerade sein Museumsstück verlässt.“

Bild oben: Haus 1 des vormaligen Ministeriums für Staatssicherheit, die „Stasi-Zentrale“, aus Wikipedia
Ein großartiger Film, ein verstörender Film.
„Er tut Deiner Psyche nicht gut, Peter!“ So sagt Peter Keups Lebenspartner in dem Streifen.
„Und Waltherchen“, so hatte mir meine Frau zuvor gesagt: „Wennste jetzt nach Dresden fährst, extra um Dir diesen Film anzugucken, dann biste wieder drei Tage nicht ansprechbar!“
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HIer noch der Link zum Film.
Bisher ist es mir nicht gelungen, eine Möglichkeit zu finden, mir diesen Film anzusehen. Ich gehe nicht zu solchen Veranstaltungen (Vermeidungsverhalten), da es für mich ebenfalls emotional schwierig ist. So kann ich nichts zum Film, sondern nur zu Ihrem, Bodo Walther, Beitrag schreiben. Die Stasi hat selbst, z. B. durch (Propaganda-)Filme, zum eigenen positiven Mythos beigetragen, z. B. mit der Serie »Das unsichtbare Visier«. Im Buch »Bilder der Allmacht« von Dr. Andreas Kötzing (Hrsg.) kann mensch mehrere Beiträge unterschiedlicher Autoren dazu lesen. Im Grunde begann erst 1992, mit der Öffnung der Akten, die Aufarbeitung des Wirkens der Stasi, so dass Aussagen damals (1992) wohl eher diesen Mythen und Projektionen entsprachen. Sicher hatten wir in der DDR unsere Erfahrungen. Daraus kann mensch m. E. etwas für die Zukunft lernen. Ich bekam oft zu hören: in der BRD gibt es den Verfassungsschutz. Peter Keups Eltern gingen 1956, so las ich einem anderen Beitrag, nach dem KPD-Verbot in die DDR. Mit solchem Wissen wuchs ich auf. Das war meine „Tiefengeschichte“. Ein Vergleich kann schnell in eine Gleichsetzung abgleiten. Den Begriff „Tiefengeschichte“ las ich gerade im Buch »Fremd in ihrem Land« von Arlie Russell Hochschild. Es ist kein Buch über Ostdeutschland, sondern über Tea Party-Anhänger in Louisiana in den USA. Da ich im Chemiedreieck der DDR aufwuchs, kommt mir vieles, vor allem die Umweltverschmutzung und der Umgang damit, bekannt vor. Wie Arlie Russell Hochschild habe ich versucht die Empathiemauer zwischen den Blase hier im Blog zu durchbrechen, um mich in der Sache verständigen zu können. Ich habe mich viele Jahre, später auch unter dem Eindruck des NSA-Skandals (2013), mit der Stasi und Datensammlungen beschäftigt. Die Akten der HVA wurden vernichtet. Die Rosenholz-Akten sind m. E. eher Karteikarten und für die einfachen Antragsteller weitgehend wertlos. Ob noch mehr Akten zur CIA gegangen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht wissen Sie ja mehr. Gleichzeitig hat der Antragsteller kaum Möglichkeiten die Arbeit der BstU und die Rechercheergebnisse zu prüfen und zu hinterfragen. Die BstU erwies sich für mich als eine Black-Box, die weitestgehend mit standardisierten Textbausteinen reagiert. Wahrscheinlich muss mensch, der tiefer eindringen will, tatsächlich Geschichte studieren, um sich besser mit den Quellen auseinandersetzten zu können und auch eine Institution zu finden, die weitere Recherchen (Forschungsanträge) unterstützt.
– „Passauer Neue Presse“ vom 4.9.1951
Die Aufgabe der Christen in der Sowjetzone
Dr. Adenauer nennt das Christentum die einzige geistige Macht, die der Unterdrückung standhalte
Lübeck. Die Stärke und die Größe des Christentums gegenüber den Mächtigen des Bösen in Vergangenheit und Gegenwart stellte Bundeskanzler Dr. Adenauer in dem Festakt aus Anlaß der Richtfeier der wiederhergestellten Marienkirche im Lübeck heraus. Immer wieder sagte Dr. Adenauer im Stadttheater in Lübeck habe sich gezeigt, daß die Kirche heute wieder wie früher die Retterin der abendländischen Kultur ist….
– Ost-CDU-Zeitung „Neue Zeit“ vom 11. April 1990
Wende in der DDR auch durch Vorarbeit der Kirchen
Natho: Irrtum im Blick auf Dauer des Sozialismus
Berlin (NZ/idea). Der Präsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Eberhard Natho (Dessau), hat einen „fundamentalen Irrtum“ in den DDR-Kirchen im Blick auf den Sozialismus eingestanden. Man habe geglaubt, „lebenslänglich“ unter diesem Gesellschaftssystem existieren zu müssen, sagte er auf der Jahrestagung der Evangelistenkonferenz der DDR in Woltersdorf bei Berlin. Die in den siebziger Jahren aufgekommene Selbstbezeichnung „Kirche im Sozialismus“ war nach Nathos Darstellung eine „Ausweichformel“, um eine Anerkennung der DDR zu umgehen. Die Wende im letzten November konnte sich, so der Kirchenpräsident, nicht nur auf Oppositionsgruppen, sondern auch auf eine zwanzigjährige Vorarbeit der Kirchen stützen. Jetzt wünscht er sich eine Ruhepause, besonders im Blick auf die wachsenden Vorwürfe gegen Verantwortliche, mit dem Staatssicherheitsdienst zusammengearbeitet zu haben. ….
Berlin, Pastor Uwe Holmer.
Sie werten den Hinweis möglicherweise als „oberlehrerhaft“ ab, aber der Plural von „spy“ ist „spies“.
Danke für die Korrektur,
habe es berichtigt.
… moin, ich kann den Hype um Ex-Stasi-Mitarbeiter nicht nachvollziehen. Was für eingebildete Schnösel.
… ich musste immer lachen, wie Markus Wolf, Ex-Leiter des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, sich nach der Wende in den ÖRR selbst überhöht hat. Mit ‚wichtigem Gesicht‘ noch wichtiger tat.
Was hat der ‚Auslandsnachrichtendienstes der DDR‘ besonderes geleistet? Diese eingebildete Gurkentruppe hat aus ideologischen Gründen, also aus Gründen reiner Machterhaltung oder Machtverbreiterung ‚ausbaldowert’*), was in allen westlichen Medien ohnehin nachlese, hör- und sichtbar war oder etwa Willy Brandts Schuhgröße ausspioniert? Meine Güte.
*) Baldowern; das Wort stammt aus dem Rotwelschen (der alten deutschen Gaunersprache) und geht letztlich auf das hebräische ba’al-dābār (wörtlich ‚Herr der Sache‘ oder ‚Herr des Wortes‘) zurück. Ursprünglich war ein ‚Baldower‘ der Kundschafter oder Tippgeber einer Diebesbande.
… no comment