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Vom Sein des Scheins

Das anthroposophische Goetheanum in Dornach (Bild : Wikipedia)

„Das haben Sie schön dargestellt, Herr Walther“ hatte die greise Anthroposophin mit dem weißen Haar in jenem Sommer 2013 in Tübingen gesagt, „Dass Ihnen kraft der Lehren Doktor Rudolf Steiners diese ganze DDR nichts anhaben konnte!“

Hä? Das hatte ich doch gar nicht sagen wollen!

Aber fangen wir von Anfang an.

Angefangen hat es nämlich vor 60 Jahren, als ich fünf Jahre alt war.

Da schickte uns unsere Mutter nach Naumburg zum Religionsunterricht. Der fand in der DDR außerhalb der Schule statt und hieß „Christenlehre“. Sie schickte uns in die anthroposophische Christengemeinschaft. Ja, auch so etwas Ausgefallenes gab es im Osten. Die gleich 1990 gegründeten drei Waldorfschulen in Dresden und Leipzig und Chemnitz hätten ja nicht eröffnen können ohne diesen Hintergrund.

Ich erinnere mich: Ich war sieben Jahre alt in jenem Jahr 1968 und rannte aus dem Zug von Naumburg nach Weißenfels durch den Bahnhof, hinaus auf die Straße. Völlig aufgeregt, denn unter dem Arm hatte ich diese riesige Mappe mit all diesen Malereien über Jakob und die Himmelsleiter und Joseph und seine Brüder. Gemalt mit diesen Wachsmalstiften der Firma Stockmar. Meinen Malereien. Die Ausbeute des ganzen Jahres Christenlehre.

Rums, Krach, Pardautz! Den Fahrradfahrer hatte ich übersehen. Da lag ich nun auf der verregneten Bahnhofstraße und er und sein Fahrrad auch. Und auch all meine Gemälde.

Ein Volkspolizist kam herbei, schimpfte zu meiner Verblüffung den Fahrradfahrer aus und nicht mich und sammelte all die Blätter wieder ein.

„Das hast Du aber schön gemalt!“ lobte er. „Du kommst bestimmt gerade von der Christenlehre aus der Kirche.“ – „Nö, das stimmt nicht! Gemalt habe ich das bei meiner Tante in Naumburg!“ – „Ach, Du brauchst mich doch nicht anzuschwindeln, Junge. Es ist sehr schön, was Du da gemalt hast.“ Aber ich bestand darauf.

„Das hast Du völlig richtig gemacht.“ Lobte mich die Mutter, als ich ihr, so betröpfelt wie alle die mitgebrachten Blätter, davon berichtete.

Ja, es war schon eine sehr maskierte Welt, in der ich mal das Pionierhalstuch und dann das Hemd der Freien Deutschen Jugend trug und mal meinen Namen tanzte.

„Aber jetzt!“ So rief dann der Geheimdienstleutnant Zahn vom Ministerium für Staatssicherheit, als ich 1980 mit 19 bei ihm im Roten Ochsen einsaß: „Aber jetzt haben wir Ihnen die Maske vom Gesicht gerissen!“

Irgendwie hatte er recht.

Theater spielte ich nur zu gern. Meine ersten Rollen spielte ich im Garten der Christengemeinschaft oder im Gemeindesaal. Die in jeder anthroposophischen Einrichtung gepflegten Oberuferer Weihnachtsspiele kannte ich als Teenager irgendwann auswendig. Das ganze Libretto. Was hatte ich nicht alles an Rollen darin dargestellt!

Als ich im Alter von 24 Jahren 1985 in Tübingen anlandete, suchte ich wie selbstverständlich, im  dortigen anthroposophischen Studentenwohnheim zu wohnen. Dem Johann-Gottlieb-Fichte-Haus.

„Hallo, da bin ich. Und wenn ich schon einmal da bin: Gibt es jemanden, der in diesem Jahr bei uns die Oberuferer Weihnachtsspiele einprobt? Noch niemanden? Wie wäre es mit mir?“

Als Spielmeister, hatte ich die Truppe zunächst zusammenzusuchen und dann die Spielproben zu organisieren.

Ja und dann war ich später noch einmal dort gewesen. Mittlerweile als Anwalt. Zur Jubiläumsfeier. 2013 – „55 Jahre Fichte-Haus“.

Und Konrad Schily erzählte von den Anfängen, und dass das Haus 1988 sogar den ersten „Ex-DDR-ler“ beherbergt habe. Jemanden aus der Friedensgemeinschaft zu Jena.

Hä?

Da musste ich mich dann doch melden und sagen:

„Ich war doch, aus der DDR gekommen, schon drei Jahre zuvor im Haus. Aber Ihr habt mich gar nicht als Ex-DDR-ler wahrgenommen. Weil ich all diese anthroposophischen Lieder, Riten und Symbole kannte.“

Worauf die greise Anthroposophin mit dem weißen Haar in jenem Sommer 2013 in Tübingen hinterher auf mich zukam. Und meinte, dass mir „Kraft der Lehren Doktor Rudolf Steiners diese ganze DDR nichts anhaben konnte“.

Wollte sie einfach so sehen. Dass ich da herkomme, wo sie herkommt.

Was ist Herkunft? Was „Sozialisation“?

Ist es wirklich mehr als ein Schein? Eine Sammlung von Liedern, Riten und Symbolen?

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

4 Gedanken zu “Vom Sein des Scheins;”

  1. avatar

    Sie, Bodo Walther, fragten: Was ist Herkunft? Was ist „Sozialisation“? Das könnten Sie leicht googeln. Die Sozialisation, so antwortet die KI: „beschreibt einen lebenslangen Prozess, in dem der Mensch Werte, Normen und Verhaltensweisen erlernt und verinnerlicht.“ Diese „werden nicht nur kognitiv verstanden, sondern durch affektive Prozesse (wie Emotionen, Bindungen und Reaktionen) körperlich und psychisch verinnerlicht“. Die Herkunft prägt den Prozess der Sozialisation maßgeblich. Sozialisation ist für mich auch, wenn ein 7-jähriger Junge schon weiß, dass er den Polizisten belügen sollte und die Mutter ihn auch darin noch bestätigt. Dazu gehört die Warnung, dass in der Schule, im Fernsehen und in den Zeitungen gelogen wird und mensch besser nicht seine Meinung sagt. Dann hat der Ruf „Lügenpresse“ und der Satz „Das wird man ja noch sagen dürfen“ einen entsprechenden Resonanzraum, egal wie real das dann ist. Das berührt die Affekte, die ebenfalls mit der Sozialisation eng verwoben sind. Sozialisation, und Gewalt sind eng miteinander verknüpft. Mensch erlernt durch sein soziales Umfeld (Eltern, Schule, Medien) Einstellungen und Verhaltensmuster. Deshalb auch immer wieder mein Hinweis auf das Erbe des NS und der DDR. Vorurteile sind ebenfalls das Ergebnis eines tiefgreifenden Sozialisationsprozesses. Erinnern Sie sich, wie in der DDR über Menschen und Gruppen gesprochen wurde? Die Beschämung diente in der DDR in der Sozialisation oft als Instrument der gesellschaftlichen Kontrolle oder Disziplinierung. Deshalb war es für mich nicht verwunderlich, dass Dirk Oschmann mit seinem Buch »Der Osten: eine westdeutsche Erfindung« gerade im Osten so erfolgreich war. Die oft überbordende Auseinandersetzung mit den Ostdeutschen knüpfte da m. E. an. Viele Ihrer Beiträge spannen einen großen Bogen, doch bleiben sie oft im ICH, ICH, ICH. Dabei finde ich Ihre Geschichte und Ihr Wissen ja nicht uninteressant, wuchsen wir nicht einmal 50 km und gerade mal 4 Jahre von einander entfernt und doch in manchem so unterschiedlich auf. Vielleicht waren Sie ja die Ausnahme von der Regel. Oder war ich das mit meiner Herkunft? Der Satz der Anthroposophin ist vermutlich Sozialisation, Affekt, Vorurteil, Selbstvergewisserung. Nun ist die Sozialisation ein lebenslanger Prozess der Anpassung, der in Ostdeutschland wieder als aufgezwungen wahrgenommen und deshalb oft abgewehrt wurde.

    1. avatar

      Was war die Regel, was die Ausnahme unter DDR-Jugendlichen, liebe Kerstin?

      Wenn Westdeutsche mich in den 1990ern fragten:
      „Wie kam es, dass Sie den Glauben an den Sozialismus verloren hatten und mit 19 abhauen wollten?“ …

      … Dann machte es bei mir immer

      „Hä?“

      Vielmehr denke ich: Der Glaube an „den Sozialismus“ war schon in den 1970er Jahren die Ausnahme unter DDR-Jugendlichen. Und gedieh ausschließlich in den Familien der Nomenklatura. Unter den „Edelkommunisten“. Und deren Kinder wandten sich dann tatsächlich von diesem Glauben ab.

      Es war allerdings so, dass in die DDR-Nomenklatura nicht die dööfsten gezogen wurden. Und deren Kinder sind dann auch nicht doof. Haben sogar eine ausgezeichnete Ausbildung genossen. Können sich gut ausdrücken und ihre Bücher sind nicht nur lesbar, sondern auch lesenswert.

      Thomas Brussig würde ich hier nennen. Oder Eugen Ruge.

      Und die Nachwende-Darstellung der DDR ist eben geprägt von diesen. Von den aufbegehrenden Kindern der Kader. Die selbstverständlich den Prozeß der Abnabelung vom Vater schildern.

      Also wie sie den Glauben an den Sozialismus verloren hatten.

      Aber diese Biografien sind meiner bescheidenen Auffassung nach nicht die Regel. Sondern die aus den oben geschilderten Gründen überproportional dargestellte Ausnahme.

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        Ich wurde in eine Familie des antifaschistischen Widerstands geboren. Das ist nicht so normal in Deutschland, auch wenn sich viele inzwischen eine solche Herkunft („Opa war kein Nazi“) imaginieren. Mein Großvater wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Meine Mutter trauert ein Leben lang um ihn. Er war nach deren Aussage ein antikommunistischer Sozialdemokrat. Dies bekam ich manchmal in der Familie vorgeworfen. Sicher ist es so, dass jene die Geschichte schreiben, die es können. Wir sind nicht im Land der Arbeiterschriftsteller, deren Bücher dann Pflichtliteratur wurden. Zur DDR-Nomenklatura gehörte ich nicht, auch wenn es Berührungspunkte gab. Ich war jung und in mancher Beziehung unwissend. Dies lag nicht alleine in meiner Verantwortung. Es ging mir auch nicht alleine um die DDR-Jugendlichen. Schon Dirk Oschmann – er war 17 Jahre zur Friedlichen Revolution – glaubte mit Hegel: „am Besonderen kann das allgemeine aufscheinen.“. Dabei vergaß er, dass die DDR 40 Jahre auf Menschen einwirkte. Die DDR ist nicht zusammengebrochen, weil ein paar Jugendliche der Nomenklatura gegen deren Väter rebellierten und es war nicht immer nur ein „Vatermord“, sondern richtete sich oft gegen den Staat. Kurt Drawert hat dies in seinem Buch »Dresden Die zweite Zeit« eindrücklich beschrieben. Der Zusammenbruch der DDR folgte, neben dem Abschleifen der Ideologie, vor allem wirtschaftlichen Gründen. Marcel Dirsus hat solche Szenarien in seinem Buch »Wie Diktatoren stürzen« beschrieben. Mir ging es hier immer um das Gestern im Heute, dabei auch um die Zukunft. Ideologien, weder die des NS noch der DDR, verschwinden einfach, sondern brauchen einen Prozess der Auseinandersetzung (Aufarbeitung), den Sie ständig zu delegitimieren suchen. Ihr Denken scheint noch nie die Richtung geändert haben, weshalb Sie anderen immer wieder deren Denken vor 30, 40, 50 Jahren vorwerfen und sich kaum dafür interessieren, was die Personen heute sagen.

      2. avatar

        In dem Sammelband „Der Westen, eine ostdeutsche Empfindung“, liebe Kerstin,…

        … schreibt Thomas Brussig, „der Westen“ habe seine 40-jährige „Aufarbeitung der NS-Diktatur“ einfach drübergestülpt über die so genannte „Zweite Deutsche Diktatur“.

        Ohne tatsächlich erforschen oder gar nur wissen zu wollen, was die DDR war.

        Etikett drauf. Fertig.

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