
Ich habe als Beobachter an der Berufungsverhandlung zum Angriff eines arabischen Palästinensers auf den jüdischen Studenten Lahav Shapira im Februar 2024 in Berlin teilgenommen. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, es könnte noch einmal ins Berufung gehen. Daher werde ich nicht viele Details nennen. Aber die zentrale Frage war, ob der junge Mann das Opfer deshalb schwer verprügelt hat, weil er jüdisch oder „bloß“, weil er Israeli ist.
Für das Opfer ist dies ein wichtiger Unterschied, und so hatte er dafür gekämpft, dass das wahre Motiv im ursprünglichen Urteil eindeutig festgestellt wurde. Über das Geschehene gab es keinen Streit – der Angreifer hatte gestanden, Ort, Zeit und das Ausmaß der Verletzungen waren akribisch festgestellt worden. Aber über das Motiv der Tat wurde viel diskutiert. Es stand viel auf dem Spiel.
Eine Person aufgrund ihrer Nationalität anzugreifen, aus sozusagen außenpolitischer Wut, könnte (anscheinend) vom Rechtssystem hier gerade noch als irgendwie „verständlich’“ angesehen werden und somit eine mildere Strafe nach sich ziehen. Bitte fragt mich nicht warum, aber wir wissen, dass es heute allgemein als zulässig gilt, russische Sport- und Kulturpersönlichkeiten einfach deshalb zu „canceln“ oder auszuschließen, weil sie Russen sind und nicht etwa, weil sie Drogen nehmen, während es derzeit als Tabu gilt, jemanden aufgrund seiner Religion (oder seiner Hautfarbe oder seiner sexuellen Orientierung) anzugreifen.
Das Verteidigungsteam des Angreifers hatte eine schwierige Aufgabe – es ist ohnehin schwer, das Unverteidigbare zu verteidigen –, aber sie wälzten sich hin und her, um zu erklären, dass der persönliche und familiäre Hintergrund des Angeklagten ihn fast dazu berechtigte, ja ihn geradezu dazu zwang, tiefe, berechtigte Wut auf jeden Israeli zu empfinden, „weil der Staat Israel ihr Land gestohlen hatte“. Denn – siehe da – sogar Benny Morris, ein seltsamer, abtrünniger israelischer Wissenschaftler, der inzwischen viele seiner radikaleren antizionistischen Ansichten zurückgenommen hat – habe dies gesagt!
Dieses Argument, so empfinden es manche, scheint immer den Ausschlag zu geben: „Ein Jude hat das gesagt, und da er mit uns übereinstimmt, haben wir das Recht, ihm zuzustimmen.“ Selbst wenn die meisten anderen Juden etwas anderes oder das Gegenteil sagen.
Es war offensichtlich, dass zumindest einer aus dem Anwaltsteam eine lange persönliche Geschichte von Hass auf Israel hat, einen Staat, den er wahrscheinlich nie besucht hat und über den er nur aus polemischen und feindseligen Quellen Bescheid wusste; daher glaubte er, mehrere zusammenhangslose Argumente aneinanderreihen zu können, um zu „beweisen“, dass die Abneigung gegen den derzeitigen israelischen Ministerpräsidenten es irgendwie rechtfertigte, jeden Israeli zu verprügeln, dem man vor einer Kneipe begegnete – selbst einen Kommilitonen, ja gerade einen Kommilitonen.
Nur antizionistische Juden werden akzeptiert
Dieses Phänomen führte zu einer parallelen Debatte und sogar zu einem parallelen Gerichtsverfahren zu der Frage, ob eine Universität jemals eingreifen sollte, um die starken Emotionen zu besänftigen oder begrenzen, die diese Gruppe junger Menschen im Alter von etwa 18 bis 25 Jahren hegen, die zu glauben scheinen, sie wüssten bereits alles und hätten daher das Recht, Fahnen zu schwenken, überall zu schreien und zu brüllen, feindselige Graffiti (nicht etwa der Art „A liebt B“) überall zu schmieren, Eigentum zu zerstören sowie andere Kommilitonen zu bedrohen und einzuschüchtern, nur weil diese andere Ansichten vertreten.
Ist die Uni “in loco parentis“ sozusagen, soll sie versuchen, diese großen, lauten, selbstbewussten heranwachsenden Kinder besser zu erziehen, ihnen Grenzen zu setzen? Man könnte naiv annehmen, dass die Universität ein Ort sein sollte, an dem Menschen mit unterschiedlichen Ansichten auf der Ebene einer respektvollen Debatte aufeinander treffen, doch in den letzten Jahren ist den meisten jüdischen Studierenden schmerzlich klar geworden, dass sie an solchen Einrichtungen gehasst und verachtet werden und nur dann – wenn überhaupt – toleriert werden, wenn sie ihrer Religion und jeglichem Gefühl der Loyalität gegenüber dem Staat Israel abschwören oder sogar dessen Existenzrecht leugnen. Und sie fühlen sich oft ausgeliefert, ungeschützt, sogar in Gefahr. Irgendwie ist das, sagen wir mal, ein bisschen zu weit gegangen.
Wenn man nun bedenkt, dass nicht alle Israelis Juden sind – tatsächlich sind etwa 20 Prozent der Staatsbürger Muslime oder Christen, Mormonen oder Bahá’í – und wenn man bedenkt, dass viele israelische Juden nicht besonders religiös sind (obwohl, um den theologischen Durchschnitt ein wenig wiederherzustellen, einige extrem religiös sind, an keinen Kriegen teilnehmen wollen und sich weigern, in die Streitkräfte einzutreten), ist es etwas schwierig, eine direkte Verbindung zwischen „Jude“ und „Zionist“, zwischen „Zionist“ und „Israeli“ sowie zwischen „Israeli“ und „Soldat der israelischen Streitkräfte“ herzustellen. Doch genau das tun diese ignoranten Fanatiker.
Wir haben einige Jahrzehnte damit zugebracht, die Kategorien „Deutscher“ und „Faschist“ vorsichtig voneinander zu trennen (wobei einige Deutsche „Kommunisten“ oder „Linke“ waren oder sind und einige andere Deutschen tatsächlich derzeit versuchen, diese Verbindung wiederherzustellen). All diese stark vereinfachten Stereotypen sind riskant. Nicht jeder Jude, der glaubt, dass Israel ein Existenzrecht hat, befürwortet zwangsläufig alle militärischen Maßnahmen, obwohl – wenn ein Land angegriffen wird – es normalerweise nur die einfache Wahl hat, sich zu verteidigen oder unterzugehen.
Großzügiger Hass
Nicht jeder Jude ist Zionist und nicht jeder Zionist ist Jude. Doch was Juden in den vergangenen zweieinhalb Jahren (erneut) gelernt haben, ist, dass keine dieser Unterscheidungen wirklich von Bedeutung ist. Antisemiten sind großzügig mit ihrem Hass und nutzen jeden möglichen Vorwand, um ihn zu rechtfertigen. Dass Juden reich oder arm sind, dass sie Bolschewiken oder Kapitalisten sind, dass sie versuchen, sich zu assimilieren, oder dass sie sich von “uns“ abgrenzen – all das hören wir schon seit Jahrhunderten. Dass sie Hier nicht gewollt sind – aber Dort auch nicht.
Einer meiner Lehrer, der verstorbene Rabbi Dr. Albert Friedländer, erzählte mir einmal wie er als Junge am Nollendorfplatz in Berlin vor dem Graffiti „Juden raus nach Palästina“ stand, während bei seinem erneuten Besuch vor einigen Jahren dort „Juden raus aus Palästina“ zu lesen war. Es gibt keinen Mittelweg.
Keiner derjenigen in Deutschland, die so vehement fordern, dass die Juden „Palästina verlassen“ sollen, scheint auch nur die geringste Vorstellung davon zu haben, wohin die Juden stattdessen gehen sollen. (Diejenigen, die im Nahen Osten leben, haben eine andere Antwort darauf – dass die Juden “vom Fluss ins Meer“ getrieben werden sollten … Die Juden hier wissen das, die antisemitischen Antizionisten hingegen nicht.)
Zusammenarbeit mit Menschenfeinden jeder Art
Um ihrem Hass auf Juden Ausdruck zu verleihen, sind sie bereit, mit jeder anderen Form antiliberaler Ideologie zusammenzuarbeiten, mit religiösen Fundamentalisten, mit Homophoben, Antifeministen, antichristlichen und friedensfeindlichen Gruppen – das Einzige, was zählt, ist, dass diejenigen, die sie angreifen (in Schulen und Synagogen in ganz Europa, Amerika und Australien), jüdisch sind und daher in gewisser Weise das Recht haben, schikaniert zu werden und verdienen, zu Opfern von Hass und Gewalt gemacht zu werden. Und auch auf den Straßen oder vor Bars.
Der konkrete Fall wird noch verhandelt, aber worum es eigentlich geht, ist eine ganz einfache Frage: Ist es irgendwie besser, legitimer, einen Israeli, einen Zionisten anzugreifen als einen Juden? Und wie trifft man diese Unterscheidung? Ist es zum Beispiel legitim, jemanden nicht zu mögen, einfach weil er Muslim oder Araber oder Iraker oder Somalier, Schiit oder Sunnit oder Ahmadiyya ist? Oder nur aufgrund dessen, wie er sich verhält?
Was ich bereits sagen kann, ist: Was auch immer das deutsche Rechtssystem zu gegebener Zeit entscheiden mag, für das Opfer spielt es eigentlich keine Rolle. Irrationalem Hass ausgesetzt zu sein, ist kein angenehmes Gefühl. Aber es ist eines, an das sich die Juden hier gewöhnt haben. Wieder einmal. Das ist alles, was man wissen muss.