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Das Problem heißt Klasse

Warum die Leugnung sozialer Unterschiede Fremdenfeindlichkeit befeuert

Ein Gastbeitrag von Konstantin Sakkas

Wenn es je eine Leitkultur des Westens gab, dann hieß sie Ständegesellschaft. Die Unterteilung der Gesellschaft erst in Stände, dann Klassen, dann Schichten ist der vielleicht entscheidende Unterschied des Westens als Kulturregion zum Rest der Welt. Die ursprüngliche Funktion dieser Unterteilung war, die Arbeitsteilung in der agrikulturellen Gesellschaft zu gewährleisten – und die sich daraus ergebenden Unterschiede in der Vermögensverteilung zu zementieren.

Die agrikulturelle Gesellschaft ist heute längst Geschichte, sozialer Aufstieg im Westen für jedermann möglich. Zwischen 1789, dem Jahr des Ausbruchs der Französischen Revolution, und 1968, dem Geburtsjahr der Neuen Sozialen Bewegungen, vollzieht sich die Transformation der europäischen Stände- und Klassengesellschaft in das, was der Soziologe Helmut Schelsky bereits 1953 die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ nannte. Die Mittelstands- (genauer: Mittelschicht-) Gesellschaft ermöglicht faktisch jedem, ein auskömmliches Gehalt zu verdienen, eine Familie zu gründen, kulturell aktiv zu sein und die Welt zu bereisen.

Trotzdem sind natürlich nicht alle Menschen gleich. Sozialer Stand wird heute durch den Bildungsabschluss und eine adäquate Berufstätigkeit signalisiert, und zwar nicht ganz, aber weitgehend unabhängig vom Einkommen. Abitur und Hochschulabschluss markieren die Wasserscheide, die oberhalb der unteren Mittelschicht verläuft und die die Gesellschaft in zwei Hälften trennt. Das mag ungerecht sein, aber es sorgt für eine gewisse Ordnung, ohne die ein funktionales Gemeinwesen sich nicht vorstellen lässt.

Die Ständegesellschaft bezieht nämlich ihre historische Legitimität daher, dass dank ihr jeder wusste, wo sein Platz in der Gesellschaft ist. Und nur so war der Aufstieg Europas, aber vielleicht auch der technische und damit zivilisatorische Forstschritt der Welt überhaupt möglich. Die Entdeckungsfahrten der europäischen Expansion ließen sich ebenso wenig ohne eine klare Ordnung an Deck durchführen wie die industrielle Produktion von Gütern in Manufakturen und später Fabriken oder der Aufbau einer möglichst rationalen Verwaltung, etwa in Preußen. Noch das deutsche Wirtschaftswunder nach 1948 kann man als späten Ausfluss einer intensiven Sozialdisziplinierung werten, die im Kaiserreich und dann im Nationalsozialismus ins Extrem gesteigert worden war. Und Management heute funktioniert ganz wesentlich nach militärischen Schemata, die wiederum der Ständegesellschaft entlehnt sind. Nicht umsonst spricht man im Management von Officers, also „Offizieren“.

Die sozialen Bewegungen in der westlichen Welt seit den Sechzigerjahren, die im  Wesentlichen Gleichheitsbewegungen waren, haben die Realität der sozialen Schichtung übertüncht, durch sozialstaatliche Umverteilung, aber auch durch eine bestimmte Steuerung des öffentlichen Diskurses. Trotzdem ist soziale Schichtung eine Realität, über die wir uns nicht belügen sollten.

Denn die soziale Schichtung ist der Ansatz zur Erklärung sozialer Probleme, der mit dem wenigsten Ressentiment auskommt. Was geschieht, wenn man sich – wie die Linke – über die Realität der Gesellschaftsschichten belügt, sehen wir am Beispiel des Migrationsdiskurses. Dann heißt es nämlich ganz schnell, die Krawalle in Stuttgart und Frankfurt seien „von Ausländern“ bzw. „von Orientalen“ begangen worden, und ergo – Thilo Sarrazin lässt grüßen – könnten die sich qua natura nicht integrieren und hätten bei uns im Westen bzw. im Globalen Norden nichts verloren.

Das eben ist Unsinn. Der Nationalismus und im engeren Sinne auch der Rassismus und der Antisemitismus sind eine Erfindung der Moderne, also der Zeit nach 1789. Nach der Französischen Revolution wurde in den west- und mitteleuropäischen Staaten die formelle Trennung der Stände und damit die juristisch fixierte Ungleichheit der Menschen aufgehoben. In jenem berühmten Edikt zur preußischen Bauernbefreiung von 1807 etwa hieß es: „Mit dem Martinitage ( = 31. Oktober) 1810 gibt es nur noch freie Leute.“

Weil freie Leute aber nicht zugleich gleiche Leute sind (davon träumt der Sozialismus), traten alsbald soziale Spannungen (den Begriff gab es vorher nicht) auf, die dadurch abreagiert wurden, dass man ein neues Distinktionsmerkmal einführte: nicht mehr Stand, sondern Nation.

Es ist also kein Zufall, dass das erste große antijüdische Pogrom der Moderne in Mitteleuropa, die so genannten Hep-Hep-Unruhen, nur wenige Jahre nach der Aufhebung der Ständegesellschaft und der Bauernbefreiung stattfand (1819). Es ist kein Zufall, dass der moderne Nationalstaat mit seiner nicht nur physischen, sondern ideologischen Mobilisierung der Massen ein Geschöpf des 19. Jahrhunderts ist. Und es ist auch kein Zufall, dass das soziale Minderwertigkeitsgefühl dieser Massen auf vermeintlich niederrangige Menschen außer- (Kolonien) und innerhalb Europas (Juden) abgelenkt wurde. Die rassistischen Kolonialkriege von 1830 bis in die 1960er und der europäische Antisemitismus mit der Shoa als Höhepunkt sind beides indirekte Folgen der großspurigen Verkündung sozialer Gleichheit im Revolutionszeitalter, deren Heilsversprechen faktisch – natürlich – nie eingelöst werden konnte.

Hannah Arendt übrigens hat all das, was ich hier schreibe, lang und breit und wesentlich brillanter als ich hier in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft erörtert. Vielleicht ist es Zeit, dass man sich nicht nur mit Arendt brüstet, sondern sie auch liest.

Heute, da man sich einerseits scheut, das Wort „Unterschicht“ öffentlich auszusprechen, da aber andererseits freier Handel, Tourismus und Migration die Welt zum global village machen, haben wir es gleichsam mit einem umgekehrten Klassismus zu tun. Wenn sich manche Einwanderer oder Kinder von Einwanderern wie in Stuttgart und Frankfurt nicht „integrieren“, liegt es nicht an ihrem „Migrationshintergrund“, sondern daran, dass der Gleichheitsdiskurs in Deutschland, wie in der westlichen Welt generell, ihnen suggeriert, sie seien ungeachtet ihres sozialen Standes mit allen anderen gleichrangig und könnten sich daher zu Herren der Gesellschaft aufschwingen, ohne entsprechende Leistungen zu erbringen bzw. ohne sich habituell entsprechend entwickelt zu haben.

Aber das sind sie eben nicht. Es sind zwar alle Menschen gleich – aber sie „sind“ es eben auch doch nicht. Dieser großen Paradoxie des gesellschaftlichen Lebens gilt es, sich zu stellen. Das Problem ist nicht die ethnische Herkunft, sondern die soziale. Und die muss deutlich adressiert werden. Das Problem ist nicht der türkische Intellektuelle, mit dem ich mich über Byzanz und Erdogan unterhalte, sondern vielleicht der türkische Dönermann, dem Deutschrap erzählt, er sei in Wahrheit der König der Welt, und der diese Botschaft glaubt und aggressiv umsetzt. Das Problem ist nicht der ägyptische Professor, mit dem ich mich ganz entspannt über den Nahostkonflikt unterhalte, sondern der arabische Späti-Besitzer, der zwar schriftlich keinen geraden Satz (weder auf Arabisch noch auf Deutsch) herausbringt, aber mir im Brustton der Überzeugung vom bösen Israel, den geknechteten Palästinenser und den Freimaurern erzählt (und bei abweichender Meinung „gibt’s paar aufs Maul“). Das Problem ist nicht die libanesische Tierärztin, die meine Katze operiert hat, sondern der libanesische Drogendealer, der glaubt, ein illegal erworbener Lamborghini mache ihn zum Angehörigen der Oberschicht. Aber ein Drogendealer – und übrigens auch ein biodeutscher, Schnurrbart und Goldkettchen tragender Puffbesitzer aus Gelsenkirchen oder Castrop-Rauxel – sind eben keine Oberschicht. Sie sind nicht mal Mittelschicht. Sie stehen gesellschaftlich weit unter Leuten wie mir oder meinen Eltern mit ihrem Haus in Berlin-Zehlendorf, auch wenn wir Akademiker vom Monatseinkommen eines Dealers oder Zuhälters nur träumen können.

Wer verhindern will, dass immer breitere Gruppen, ob in Deutschland oder anderswo, mit dem Finger auf „die Ausländer“ zeigen, der muss sich wieder trauen, das Wort „Unterschicht“ in den Mund zu nehmen. Denn es sind nie „die Türken“, „die Araber“ oder „die Kurden“, die Krawall machen, sondern es sind Angehörige der Unterschicht – ob mit oder ohne „Migrationshintergrund“, ist dabei völlig egal. Genauso wie die Baseballschläger und Wohnheimanzünder von Rostock, Mölln und Solingen oder die Mörder des NSU nicht „die Deutschen“ waren, sondern (mehrheitlich) deutsche Proleten.

Konstantin Sakkas (Jahrgang 1982) studierte Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin und arbeitet seit vielen Jahren als Publizist. Seine Beiträge erscheinen u.a. im SWR2, Deutschlandfunk Kultur und Tagesspiegel.

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7 Gedanken zu “Das Problem heißt Klasse;”

  1. avatar

    Fremdenfeindlichkeit ist ein unklarer Begriff. Die “Fremdenfeinde” missachten ja nur diejenigen, die sie “minderwertig” finden. Also ist es nicht die Leugnung sozialer Unterschiede, das würde ich naiv nennen, sondern die Abwertung bestimmter Gruppen. Abwertung kann eine Lizenz zum Töten werden, so der NS und so der Dschihad. Aber mit der Leugnung von sozialen Unterschieden hat das wenig zu tun. Naive Menschen sind mir nicht sonderlich sympathisch, aber an dem Entstehen von Makro-Verbrechern sind sie sicher nicht schuld.

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    Ich kenne viele junge Menschen, die 2005 kein deutsch (allerdings englisch) konnten, die mittlerweile in weiterführenden Schulen sind und teilweise auch gute Abschlüsse gemacht haben. Probleme sind die über das Mittelmeer (teilweise Balkan Route) gekommene Desperados, verzweifelt ob der Perspektivlosigkeit in ihren Ländern. Das ist ein ganz anderes Problem, das in Europa zurecht entweder Abwehr oder eine illusionäre ‘open border-Ideologie’ hervorgerufen hat.
    Der Satz: “Trotzdem sind natürlich nicht alle Menschen gleich” ist rührend und verräterisch zugleich. Menschen waren und sind und werden ungleich sein. Sie sollen jedoch nicht unter ein Mindestmaß fallen dürfen (basic needs) und sie müssen als Staatsbürger/Innen angemessene Chancen (die sie aber selbst nutzen müssen) bekommen. Wenn dies nicht angestrebt wird, ist eine Gesellschaft inakzeptabel. Aber keine Gesellschaft kann und soll dieses hohe Ziel weltweit umsetzen. Keine politische Philosophie setzt solche unerfüllbaren und unangemessenen Pflichten!
    Chancengleichheit – nicht Ergebnisgleichheit – und Respekt sind realistische Forderungen und humanistische Werte. Aber sie beschreiben keine Realität, sondern ein Ziel.

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    “Die Unterteilung der Gesellschaft erst in Stände, dann Klassen, dann Schichten ist der vielleicht entscheidende Unterschied des Westens als Kulturregion zum Rest der Welt.”

    Indisches Kastensystem? Japanisches Vier-Stände-System mit den Samurai an der Spitze? Chinesisches Adelssystem? Vier-Klassen-Gesellschaft der Azteken? Die soziale Hierarchie der Inkas? Die fünf Gesellschaftsschichten des alten Ägypten?

    Wikipedia ist da sehr informativ.

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    “Wenn es je eine Leitkultur des Westens gab, dann hieß sie Ständegesellschaft. Die Unterteilung der Gesellschaft erst in Stände, dann Klassen, dann Schichten ist der vielleicht entscheidende Unterschied des Westens als Kulturregion zum Rest der Welt. ”

    Ich habe mich ernsthaft um eine verständige und freundliche Interpretation des Textes bemüht. Aber der gesamt Gedankengang beruht auf diesem Axiom – und das Axiom ist blühender historischer Unsinn!

    Eine Myriade von Zivilisationen vor den europäischen kannten eine wie auch immer geartete Schichtung der Gesellschaft, gegründet auf Religion (Hinduismus anyone? Islam, altägyptische Religion etc. pp), biologische Natur”gesetze” oder was sonst. Noch genauer – das gilt für alle Gesellschaften, die sich aus dem Rahmen einer reinen Selbstversorger-Stammesvereinigung in eine Zivilisation entwickelt haben, nach meiner Kenntnis zeiten- und kontinentüberspannend und darüber hinaus – ausnahmslos.

    Wie auch immer man den Entwicklungsvorsprung der Europäer im 1500 ff begründet (explizit zu diesem Thema kenntnisreich: Ian Morris, Why the West rules – for now), diese Begründung habe ich historisch noch nie gesehen und sie macht überhaupt keinen Sinn. Und das gilt dann leider auch für den Rest des Beitrages – auf einem fehlenden Fundament steht nun mal keine Säule.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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    “Wenn es je eine Leitkultur des Westens gab, dann hieß sie Ständegesellschaft. Die Unterteilung der Gesellschaft erst in Stände, dann Klassen, dann Schichten ist der vielleicht entscheidende Unterschied des Westens als Kulturregion zum Rest der Welt. ”

    Was für ein Nonsens.
    Jede Kultur, die über den Status der Jäger und Sammler hinaus ist, hat ihre Mitglieder einer
    Hierarchie unterworfen, in Indien z.B nennt man diese Hierarchie übrigens Kaste statt Stand oder Klasse.
    Noch nicht mal der Kolonialismus ist eine Spezialität des Westens, wie die Kolonialreiche der Araber, Osmanen oder Russen belegen.

    Ansonsten sind Ihre Gedankengänge ja durchaus nachvollziehbar, gerade was die Problematik mit der “Unterschicht” betrifft.
    Allerdings frage ich mich, was die Unterschicht anderer Länder bei uns verloren hat.
    Denn ein großer Teil der Unterschicht mit “Migrationshintergrund” ist ja nicht das Ergebnis unserer Gesellschaft, die sind schon so gekommen.
    Ich suche heute noch die vielen Akademiker und Fachkräfte, die die Medien ausgemacht hatten unter den “Flüchtlingen”, die 2015 die Einladung von Frau Merkel angenommen haben.

  6. avatar

    … soziale Unterschiede befeuern keine Fremdenfeindlichkeit. Fremdenfeindlichkeit ist allein ideologisch begründet.

    Christen sind Fremde – ‘Mensch, ruh dich nicht auf dem aus, was Du denkst, besitzen zu können, sondern sei Dir bewusst, dass Dein Weg immer weiter nach vorne geht. Dein Ziel wird der Himmel sein und deswegen bist Du hier in der Fremde.’ Fremdenfeindlichkeit ist somit allein antichristlich.

    Jetzt müssen Sie, werter K.K., nur noch herausfinden welche Ideologie fremdenfeindlich ist.

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