avatar

Ausgehtipp: Anna Mateur, die komischste Frau Deuschlands.

Kürzlich hatte ich mich hier beschwert, es gebe zu wenig komische Frauen in Deutschland. Dafür entschuldige ich mich in aller Form. Ich hatte Anna Mateur vergessen. „Schreiben Sie das auf!“ hat sie mir – dem Rezensenten – früher mal mehrfach zugerufen.

Aber, zu Hülf: Wie soll man all das mitstenografieren, was sie in diesem Kaleidoskop hochintelligenten Irrsinns auf das Publikum einprasseln lässt? Das ist ein paar Jährchen her, 2022 war es. Jetzt habe ich die Mateur wieder erlebt, diesmal im Zentral-Zelt des schrägen Entertainments, der Berliner „Bar jeder Vernunft“. (Fotos von früheren Auftritten in Karlsruhe)

Seit Jahren spielt sie das „Kaoshüter“ betitelte Programm. Der Titel ist ein Gefäß, das sich beliebig neu befüllen lässt. Der Inhalt aber ist jedesmal gleichermassen amüsant, irritierend, philosophisch und mit reichlich Zoten gesegnet. Plus Körpereinsatz. Plus Gesang. Plus überschäumender Improvisationswut.

Nur Diktaturen brauchen Ordnung

„Ich glaube immer noch, dass Menschen, die in der Ordnung das Allheilmittel suchen, weil sie das Chaos nicht verstehen, uns in eine Diktatur treiben“ hat sie mal einem Aufschreiber der Thüringer Allgemeinen erklärt. „Dazu muss man meine persönliche Definition von Chaos kennen: Chaos ist das Neue, das Fremde, das Unbekannte, das, was uns überrascht, uns angreift – also auch alle Emotionen.“ Die sind immer präsent in den satten zwei Stunden, in denen die Mateur auf der Bühne der (von ihr so betitelten) Kaschemme wütet und schwitzt. Sie kann ätzend sein, wenn sie unvermittelt das Publikum anbrüllt. Wer ihre Gastspiel-Ankündigung auf Facebook gelesen hat, hätte es ahnen können: „Du stehst auf Diktatur? Komm gefälligst in mein Programm, Du mieses Stück Scheisse! Anna Mateur, Ärgertherapeutin nach Erich Fromm (autoritäre Persönlichkeit), bis einschliesslich Sonntag spielen wir in der Bar jeder Venunft. Bereite mich auf den Wahlsonntag vor. Stehe wieder, tanze wieder! Bin noch fruchtbar……betreffs Fachkräftemangel in Sachsen-Anhalt“. Zack, erster Wirkungstreffer ins braune Herzchen. Man hört unterschwellig das fiese Raunen neurechter Diskurse, während sie stimmlich und gestikulierend eskaliert.

Stimmlich ist bei ihr alles in Ordnung: „Anna Maria Vogt aka Anna Mateur, geboren 1977 in Dresden, studierte Musik, hätte sich aber lieber für Grafik oder Schauspiel beworben. Nach Kindspause und Studium vereint sie nun alles Musische in ihren Programmen“ steht auf ihrer Homepage, und es ist die Wahrheit. Zum Musischen gehört auch bodenloser Blödsinn: Da führt sie quälende Minuten lang mit dem Handy, das sie einem Opfer aus der ersten Reihe abgenommen hat, die nichtssagende Geschwätzigkeit einer Influencerin vor. Bei der man am Ende keinen blassen Schimmer hat, wofür sie eigentlich so influenzt. Bald schon liest ein Pflegeroboter Pornos vor, bevor sie ihre Pläne für ein Rhönrad-Makramee vorstellt. Was eigentlich in den Friedrichstadt-Palast, nicht in diese Kaschemme gehöre.

Tschorkau ist überall

Da ist immer wieder dieser hinterhältige Schrecken, den man minutenlang ahnt, bevor er offenbar wird. Der bräsigen Strunz-Spießigkeit zupft sie die Maske vom Gesicht, indem sie eine aufsetzt. Im Cat Woman-Kostüm hält sie vor den Honoratioren der Stadt Tschorkau eine Eröffnungsrede für einen Swingerclub. Mit der gleichen Ernsthaftigkeit, den linkischen Bewegungen, den vollkommen falschen Betonungen, die bei solchen Reden erste Bürger(meister)pflicht sind. Der dazugehörige Song „Alles sauber und maskiert, es wird im Takt penetriert“ wird garantiert kein Radiohit im MDR.

Bei all dem kann sie sich auf die kongeniale Begleitung ihrer beiden „Beuys“ – den Gitarristen Samuel Halscheidt und Kim Efert – verlassen. Zusammen entwickeln sie ein unfehlbares Gespür für perfektes Timing. Die beiden sind im Übrigen das absolute Gegenteil von Chaos, sondern Meister einer bis ins Detail ausgetüftelten musikalischen Dramaturgie. Einer strengen Ordnung, ohne die das Chaos der Diktatorin nicht funktionieren würde. Dafür werden sie den ganzen Abend lang von ihr aufs Übelriechendste beschimpft und beleidigt.

Allergisch gegen Autoritäten

Fast möchte man die abgegriffene Plattitüde vom „Lachen, das im Hals stecken bleibt“ anwenden, aber nein: Das Lachen muss raus, gleichwohl ist das, was die Künstlerin aufführt, eine in Teilen höchst absurde, in Teilen sehr konkrete Collage des Unwohlseins angesichts gesellschaftlicher Verwerfungen. Biografisches: Aufgewachsen als DDR-Kind. Beide Eltern nicht in der Partei, stattdessen auf Demos. „Ich habe es früher als Kind nicht wirklich verstanden, aber dieser Satz ‚Wenn wir mal nicht nach Hause kommen, ist die Großmama da‘ fiel relativ oft, und er bewegt mich heute noch“, hat sie der EMMA 2019 erzählt.

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt und angepisst vom allgegenwärtigen Rechtsruck im Land. Das ist das Grundbrummen im „Kaoshüter“-Programm seit Jahren. Anno 2026 braucht es nur noch Andeutungen. Mal eben so nebenbei mit diabolischem Blick rausgekotzt: „Wir holen und unser Land zurück“ reicht. Vor ein paar Jahren war sie noch konkreter. In Dresden ist sie den „Montagsdemos“ der braunen Spinner als Gegendemonstrantin mit Schildern wie „Dicke gegen rechts“ oder „100 Kilo Schokolade für ’ne effektive Sitzblockade“ entgegengetreten.

Wenn sie schließlich gegen Ende des Abends einen Blues in allen Nuancen und mit erschütternden Kreisch, Flüster-, Ächz- und Jammer-Varianten zelebriert, wirkt das wie Heilung und Hoffnungslosigkeit, Trost und Tragödie zugleich. Schnappatmung bei Publikum. Standing Ovations Dieses Mal ist der Rezensent als zahlender Besucher da. Er muss nichts aufschreiben. Nur eines: Gehen Sie hin und lassen sie sich anschreien von einer ganz großen Kleinkünstlerin.

Infos und Tourdaten hier. https://www.anna-mateur.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

Folge uns und like uns:
avatar

Über Thomas Zimmer

Wollte mal Lehrer werden. Anglistik und Geschichte studiert, Journalist geworden. Erst Radio, dann Print. Alles, nur nicht Wirtschaft und Sport. Vorzugsweise Rock, Pop und Folk. Vier Semester Dozent für Pop- und Rockgeschichte an der Musikhochschule Karlsruhe. Biografie des BAP-Drummers Jürgen Zöller und ein Buch mit Konzertkritiken aus 20 Jahren. Interviews mit Rock-Größen wie Phil Collins, Ian Gillan, Beth Hart u.v.a. Interview-Podcast „Das Ohr hört mit“ - mit Musikern und anderen Kulturmenschen. Bei "Starke Meinungen" schreibe ich über alles, was mir gerade durch den Kopf rauscht. Zunehmend auch Politisches. Die Zeiten sind danach. Podcast hier: https://open.spotify.com/episode/18TWjOfWR07gezCpidAsKV Homepage: www.thomaszimmermusik.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top