avatar

Dumm klickt gut: Lokaljournalismus am Abgrund. Eine Polemik

Bild von pexels by pixabay

Kürzlich hatte ich Post in meinem E-Mail-Fach. Die Zeitung, für die ich noch gelegentlich schreibe, teilte mir mit: „Wir möchten die Mitarbeiter belohnen, die in einem Jahr die stärksten Artikel, gemessen nach Mediatime, schreiben. Dafür loben wir Prämien aus, die wir zum Ende des Jahres vergeben… Für den ersten Platz gibt es 300 Euro, für den zweiten 200 Euro, für den dritten 100…“ Ich traute meinen Augen nicht. Stand das da wirklich?

Ich schaute nochmal hin, blinzelte kurz, und ja. Es stand da immer noch. Mensch, Zimmer. Jetzt ruhig bleiben, sagte ich mir. Nicht den Kaffee in die Tastatur schütten. Nicht bei der Redaktion anrufen und die unschuldige Sekretärin anbrüllen. Keine Gläser gegen die Wand werfen. Ich nahm eine Blutdrucktablette und las weiter. Viel Schönes bei den pämiierten Beiträgen: „Maultaschen-Manufaktur stellt drei neue Automaten in der Region mit goldenen Tickets auf“. 210,62 Stunden Mediatime konnte dieser herausragende Content erzielen. Die Thinktanks im Backoffice des Verlagshauses werden sich vor Begeisterung zur Ader gelassen haben. Das ist Street Credibility hart am Mageninhalt der Leserinteressen. Wow.

Maultaschen-Rezension statt Konzertkritik?

Ich überlegte, ob ich von Kultur auf Maultaschen umsatteln sollte, obwohl Zwiebelmettbrötchen oder Käse mit Senf eher meine Themen wären. Ob das Mediatime generiert? Bestimmt mehr als immer diese langweiligen Konzertkritiken, die sowieso niemand lesen will. Hatte mir schon der damalige Geschäftsführer des Verlags im Beisein des Feuilleton-Chefs vor drei Jahrzehnten mit den Worten prophezeit: „Die Kultur nimmt im Blatt viel zu viel Raum ein“. Jetzt endlich ist die Kettensäge ausgepackt. Lokale Kuktur hat nur noch an wenigen Tagen ein Plätzchen in der Printausgabe. Mehr braucht es ja ganz bestimmt nicht in einer 300.000-Einwohner-Stadt. Vollkommen nachvollziehbar, dass man da Kultur mit der Lupe suchen muss, und die Redakteure händeringend hoffen, irgendetwas für ihre wenigen Seiten zu finden. Dazu gibt es noch ein bisschen „große Kultur“ im Mantel. Da findet man dann neuerdings prominent spannende Themen wie: „Verursacht das Erscheinen eines neuen Taylor Swift-Albums mehr Verkehrsunfälle?“ Dafür wird ein Drittel Kulturseite freigeräumt. Man staunt und wundert sich.

Entscheidend für die vermeintliche Relevanz eines Themas ist zudem immer mehr der „Servicecharakter“. Lieber im Vorfeld PR für einen Künstler machen, als sich danach kritisch mit den Darbietungen auseinanderzusetzen. Interessiert doch eh nur diejenigen, die beim Konzert waren, also eine kleine elitäre Minderheit, und „was im Jazzclub läuft, interessiert unsere Leser nicht.“ Verstanden. Dazu kommt noch Folgendes: ein Konzert, eine Lesung, eine Theateraufführung finden an einem Donnerstag statt, und das kommt nicht ins Blatt. Die die nächste Lokalkulturseite erscheint erst am folgenden Dienstag, und dann ist das „Schnee von gestern“. Ja, dann werde ich mal die Künstler bitten, am Sonntagabend in unserem Kaff aufzutreten.

Der Editor als Terminator

Durfte man ausnahmsweise eine Rezension schreiben, kommt die nächste Klippe. Denn den Text bearbeitet nicht etwa der Kulturredakteur, der den Auftrag erteilt hat, sondern ein sogenannter Editor. Von dem ich als Autor weder einen Namen noch eine Telefonnummer habe. Der selbstverständlich nicht die leiseste Ahnung von meinem Thema hat. Der redigiert flott ein paar alternative Fakten in den Text oder setzt eine reißerische Überschrift drüber, die mit dem Inhalt wenig zu tun hat. Hauptsache, zwei Sekunden Mediatime gewonnen.

Zurück zu den Kriterien, die zum Clickbait-Wahn führen. Was den Leser wirklich interessiert, finde man nämlich, so meinen die Medienphilosophen, indem man eine Lesewertanalyse veranstaltet. Für so etwas gibt es Spezialisten. Die bieten ihre Dienste beispielsweise so an: „Mit unseren Technologien lernen Sie Ihre Nutzer besser kennen. Mit unseren Services erschließen Sie die Themenwelten Ihrer Region“. Aha. Butter bei die Fische: „Ihre Leser:innen erhalten von uns einen Scanstift und lesen ihre Zeitung wie gewohnt. Mit dem Scanstift erfassen sie die Zeile, an der sie aufgehört haben, einen Artikel zu lesen. So zeigt Lesewert nicht nur, in welche Artikel Ihre Leser:innen einsteigen, sondern auch sehr genau, wie weit sie diese Artikel gelesen haben.“

The Evil Is Always And Everywhere

Jetzt wird es sehr persönlich. Es erinnert mich an die Zeit, als man in den 80er-Jahren den Privaten Rundfunk erfunden hatte. Was heute die Lesewertanalyse für Printmedien ist, war dort der sogenannte Auditoriumstest fürs Musikprogramm. Man spielte einem Zufallspublikum Zehn-Sekunden-Schnipsel gängiger musikalischer Teppichware vor, und fragte dann: „Wollen Sie Modern Talking zehn- oder hundertmal pro Tag hören?“ Transparenzhinweis: Ich war da mal ein paar Jahre Musikchef. Das „Chef“ stand auf meiner Visitenkarte. In Wirklichkeit rief mich ein sogenannter Musikberater an, diktierte mir die zehn heissen Hits in mein Programm und kassierte für ein paar Minuten Telefonat jedes mal die Hälfte meines Monatsgehalts.

Zu dieser Spezies gehörten die Herren Kreklau und Fitzek (Genau, dieser Fitzek), die ein Büchlein geschrieben hatten über „Radiogeheimnisse“, 128 Mark kostete dieses Werk. Kreklau war zuvor Programmdirektor des Berliner Rundfunks gewesen, Fitzek sein Stellvertreter. Sie wurden gefeuert, weil der Berliner Rundfunk in der Hörergunst von Platz 1 auf Platz 4 gefallen war. Das qualifizierte sie zu Höherem, was seinen Ausfluss in diesem Buch fand. Sein Inhalt in Kürze: Dünne dein Program soweit aus, dass es auch von grunzenden Primaten verstanden wird. Beschäftige möglichst wenige Leute, spiele immer die gleichen Songs, reduziere den Wortanteil auf homöopathische Dosis. Alles andere überfordert deine Hörer. Herr Kreklau lebt nicht mehr, Herr Fitzek schreibt heute Krimis, die offenbar ebenfalls auf bildungsresistente Primaten zielen. Der Literaturkritiker Denis Scheck hat ihm einmal attestiert, kein Autor habe mehr für die Verblödung der deutschen Gegenwartsliteratur getan. Aber – und hier schließt sich der Kreis meiner unmaßgeblichen Gedanken: Damit schafft man es heute auch auf die übrig gebliebene Kulturseiten der Lokalen Presse. Ist es nicht eine schöne neue Welt?

Folge uns und like uns:
avatar

Über Thomas Zimmer

Wollte mal Lehrer werden. Anglistik und Geschichte studiert, Journalist geworden. Erst Radio, dann Print. Alles, nur nicht Wirtschaft und Sport. Vorzugsweise Rock, Pop und Folk. Vier Semester Dozent für Pop- und Rockgeschichte an der Musikhochschule Karlsruhe. Biografie des BAP-Drummers Jürgen Zöller und ein Buch mit Konzertkritiken aus 20 Jahren. Interviews mit Rock-Größen wie Phil Collins, Ian Gillan, Beth Hart u.v.a. Interview-Podcast „Das Ohr hört mit“ - mit Musikern und anderen Kulturmenschen. Bei "Starke Meinungen" schreibe ich über alles, was mir gerade durch den Kopf rauscht. Zunehmend auch Politisches. Die Zeiten sind danach. Podcast hier: https://open.spotify.com/episode/18TWjOfWR07gezCpidAsKV Homepage: www.thomaszimmermusik.de

2 Gedanken zu “Dumm klickt gut: Lokaljournalismus am Abgrund. Eine Polemik;”

  1. avatar

    Ich würde sagen: klickt euch alle – analog zum auf wahrer Reflexion, echtem Schöngeist und sehr gut vom System-Genährtsein, das man eigentlich verachtet und abzuschaffen gedenkt, gepinselten Transparent der Volksbühne in Berlin – auf die Kritik an dem öff. „Baden nur für Schwarze“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top