
„Das haben Sie schön dargestellt, Herr Walther“ hatte die greise Anthroposophin mit dem weißen Haar in jenem Sommer 2013 in Tübingen gesagt, „Dass Ihnen kraft der Lehren Doktor Rudolf Steiners diese ganze DDR nichts anhaben konnte!“
Hä? Das hatte ich doch gar nicht sagen wollen!
Aber fangen wir von Anfang an.
Angefangen hat es nämlich vor 60 Jahren, als ich fünf Jahre alt war.

Da schickte uns unsere Mutter nach Naumburg zum Religionsunterricht. Der fand in der DDR außerhalb der Schule statt und hieß „Christenlehre“. Sie schickte uns in die anthroposophische Christengemeinschaft. Ja, auch so etwas Ausgefallenes gab es im Osten. Die gleich 1990 gegründeten drei Waldorfschulen in Dresden und Leipzig und Chemnitz hätten ja nicht eröffnen können ohne diesen Hintergrund.
Ich erinnere mich: Ich war sieben Jahre alt in jenem Jahr 1968 und rannte aus dem Zug von Naumburg nach Weißenfels durch den Bahnhof, hinaus auf die Straße. Völlig aufgeregt, denn unter dem Arm hatte ich diese riesige Mappe mit all diesen Malereien über Jakob und die Himmelsleiter und Joseph und seine Brüder. Gemalt mit diesen Wachsmalstiften der Firma Stockmar. Meinen Malereien. Die Ausbeute des ganzen Jahres Christenlehre.
Rums, Krach, Pardautz! Den Fahrradfahrer hatte ich übersehen. Da lag ich nun auf der verregneten Bahnhofstraße und er und sein Fahrrad auch. Und auch all meine Gemälde.
Ein Volkspolizist kam herbei, schimpfte zu meiner Verblüffung den Fahrradfahrer aus und nicht mich und sammelte all die Blätter wieder ein.
„Das hast Du aber schön gemalt!“ lobte er. „Du kommst bestimmt gerade von der Christenlehre aus der Kirche.“ – „Nö, das stimmt nicht! Gemalt habe ich das bei meiner Tante in Naumburg!“ – „Ach, Du brauchst mich doch nicht anzuschwindeln, Junge. Es ist sehr schön, was Du da gemalt hast.“ Aber ich bestand darauf.
„Das hast Du völlig richtig gemacht.“ Lobte mich die Mutter, als ich ihr, so betröpfelt wie alle die mitgebrachten Blätter, davon berichtete.
Ja, es war schon eine sehr maskierte Welt, in der ich mal das Pionierhalstuch und dann das Hemd der Freien Deutschen Jugend trug und mal meinen Namen tanzte.
„Aber jetzt!“ So rief dann der Geheimdienstleutnant Zahn vom Ministerium für Staatssicherheit, als ich 1980 mit 19 bei ihm im Roten Ochsen einsaß: „Aber jetzt haben wir Ihnen die Maske vom Gesicht gerissen!“
Irgendwie hatte er recht.
Theater spielte ich nur zu gern. Meine ersten Rollen spielte ich im Garten der Christengemeinschaft oder im Gemeindesaal. Die in jeder anthroposophischen Einrichtung gepflegten Oberuferer Weihnachtsspiele kannte ich als Teenager irgendwann auswendig. Das ganze Libretto. Was hatte ich nicht alles an Rollen darin dargestellt!
Als ich im Alter von 24 Jahren 1985 in Tübingen anlandete, suchte ich wie selbstverständlich, im dortigen anthroposophischen Studentenwohnheim zu wohnen. Dem Johann-Gottlieb-Fichte-Haus.
„Hallo, da bin ich. Und wenn ich schon einmal da bin: Gibt es schon jemanden, der in diesem Jahr bei uns die Oberuferer Weihnachtsspiele einprobt? Noch niemanden? Wie wäre es mit mir?“
Als Spielmeister, hatte ich die Truppe zunächst zusammenzusuchen und dann die Spielproben zu organisieren.
Ja und dann war ich später noch einmal dort gewesen. Mittlerweile als Anwalt. Zur Jubiläumsfeier. 2013 – „55 Jahre Fichte-Haus“.
Und Konrad Schily erzählte von den Anfängen, und dass das Haus 1988 sogar den ersten „Ex-DDR-ler“ beherbergt habe. Jemanden aus der Friedensgemeinschaft zu Jena.
Hä?
Da musste ich mich dann doch melden und sagen:
„Ich war doch, aus der DDR gekommen, schon drei Jahre zuvor im Haus. Aber Ihr habt mich gar nicht als Ex-DDR-ler wahrgenommen. Weil ich all diese anthroposophischen Lieder, Riten und Symbole kannte.“
Worauf die greise Anthroposophin mit dem weißen Haar in jenem Sommer 2013 in Tübingen hinterher auf mich zukam. Und meinte, dass mir „Kraft der Lehren Doktor Rudolf Steiners diese ganze DDR nichts anhaben konnte“.
Wollte sie einfach so sehen. Dass ich da herkomme, wo sie herkommt.
Was ist Herkunft? Was „Sozialisation“?
Ist es wirklich mehr als ein Schein? Eine Sammlung von Liedern, Riten und Symbolen?