Auf der Demo in Tel-Aviv, 25. März 2025. Foto: Alan Posener
Als ich sah, wie der Rassist und Terrorbefürworter Itamar Ben-Gvir mit Champagner auf die Verabschiedung eines Gesetzes in der Knesset anstieß, das die Todesstrafe für arabische Terroristen vorsieht, wurde mr übel. Ich musste an ein Gespräch denken, das ich vor Jahren mit meinem israelischen Cousin Yohanan und seiner Frau Hanna führte.
Es ging um irgendeine Maßnahme der damaligen Regierung von Ariel Sharon, glaube ich. Ich habe sie verteidigt, Yohanan und Hanna lehnten sie ab. Nun muss man wissen, dass die meisten meiner Verwandten in Israel linke Zionisten sind. Manche sind linker als andere, aber viele vertreten Positionen, die ich hier ungern in einer Zeitung lesen würde.
Und doch war es Yohanan, der mir Mitte der 1980er Jahre klar machte, weshalb Israel nicht auf die Atombombe verzichten kann. Alle haben selbstverständlich in der Armee gedient und gekämpft – Yohanan war 1948, 1967 und 1973 dabei – und schicken selbstverständlich ihre Kinder in die Armee. Anders als so manche, die für Ben-Gvir und Co. stimmen – und als Ben-Gvir selbst, der nicht dienen durfte, weil seine rassistischen und sexistischen Ansichten der IDF zu weit gingen.
Nun saßen wir also da, in Hannas Küche, und ich verteidigte eloquent, wie ich es in Artikeln hierzulande getan hatte, Scharons Politik. Ich merkte, dass meinem Cousin und meiner Cousine die Argumente ausgingen. Es wurde ein wenig ungemütlich. In dieser Situation hätten sie anmerken können, wie absurd es ist, wenn jemand, der nie gedient hat und im sicheren Deutschland lebt, ihnen sagen will, was die Realpolitik verlange: Sie hätten darauf hinweisen können, wie absurd es ist, dass ein Ex-Maoist, dessen Partei den Zionismus bekämpft und den Terrorverein PFLP unterstützt hatte, der in den 1970er Jahren keinen Kontakt mit den israelischen Verwandten haben wollte und noch nach dem Austritt aus der KPD Probleme mit dem Konzept des Zionismus oder der israelischen Atombombe gehabt hatte – dass also ein Ex-Antizionist nun den Ultra-Zionisten gebe. Und mit alledem hätten sie Recht gehabt und hätten mich und mein Maulheldentum beschämen können.
Aber sie taten das nicht. Stattdessen rief Hanna gequält aus: „Das mag alles richtig sein, was du sagst. Aber ein Jude tut so etwas nicht!“ Dagegen hatte ich kein Argument. Wie gesagt, den genauen Anlass habe ich vergessen. Aber diesen Ausspruch habe ich nie vergessen.
Zu Recht gelten „double standards“ als ein Merkmal des israelbezogenen Antisemitismus, eins der „3D“: Dämonisierung, Delegitimierung, Double Standards“. Von Israel also mehr zu verlangen, als man etwa von seinem eigenen Land – oder von einem beliebigen anderen Land in einer vergleichbaren Situation – verlangen würde: diese Heuchelei ist im Mund der Gojim antisemitisch.
Aber das zionistische Projekt war – jedenfalls für die Mehrheitsfraktion der Zionisten unter der Führung von David Ben-Gurion – immer auch ein utopisches Projekt; Israel sollte eine Leuchte sein, das Modell eines Entwicklungslands; hier sollte ein neuer Jude, ja ein neuer Mensch entstehen: dafür standen die Kibbuzim, dafür stand die Bürgerarmee IDF, dafür standen die einst mächtigen Gewerkschaften, die Universitäten. Israel verlangte immer mehr von sich als andere Länder von sich, und deshalb ist der jüdische Staat eine Erfolgsgeschichte.
Wie meine Verwandten über den jetzigen Krieg denken, weiß ich nicht; ich führe ungern politische Gespräche per WhatsApp und Co.; erfahre lieber persönlich vor Ort, was los ist. Als wir vor 14 Monaten da waren, fuhren wir an einem Tag in das von der Hamas zerstörte Kibbuz Nir Oz, nahmen am nächsten Abend an der großen Friedensdemo in Tel Aviv statt und diskutierten am Morgen danach mit einigen der Kinder und ihren Freunden, die gerade Urlaub vom Militärdienst hatten. Solche Widersprüche – wenn es denn welche sind – muss man erleben, sie sind wichtiger als abstrakte Diskussionen. Jedenfalls für mich.
Doch wenn es um Ben-Gvirs Todesstrafe geht, bin ich mit ziemlich sicher, wie sie antworten würden: „So etwas tun Juden nicht!“ Jenseits aller denkbaren und nachvollziehbaren Gründe, und übrigens auch unabhängig davon, was die Welt dazu sagt.
Für den 22. April haben wir einen Flug nach Tel Aviv gebucht. Eines der Enkelkinder heiratet, die Familie will zusammenkommen, und wir sind eingeladen. Ob die Hochzeit und die Feier stattfinden können, ob El Al fliegen wird, weiß ich nicht. Auch nicht, an welchen Fronten die jungen Leute kämpfen, mit denen wir damals zusammenkamen. Jede Generation hat kämpfen müssen, und es ist kein Ende in Sicht. Natürlich ist das also auch mein Krieg, ob er mir gefällt oder nicht. Und natürlich bin ich für Israel, auch wenn ein Ben-Gvir in der Regierung sitzt. Und natürlich darf ich mir nicht anmaßen zu beurteilen, was ein Jude tut oder nicht tut. Und doch denke ich, dass die Menschen, die in Israel gegen die Regierung, gegen Ben-Gvir, gegen die Todesstrafe und, ja auch, gegen den Krieg demonstrieren, selbst wenn sie in der Sache Unrecht haben sollten, zu den Besten Israels gehören, zu jenem Teil der Gesellschaft, der Israel zu dem gemacht haben, was es ist: zu einem Land, das Juden in aller Welt stolz macht.
Immerhin gibt es in Israel eine Demokratie, ein Parlament, das Gesetz kann bei entsprechenden Mehrheiten, geändert oder ganz abgeschafft werden. In Staaten wie dem Iran, Russland oder auch China ist das anders. Dort gibt es absolute Herrscher, die fest daran glauben, dass ihre Meinung über dem Gesetz steht.
Als ich 1973/74 in einem israelischen Kibbuz gelebt habe, wurde in der Nähe des Kibbuz eine Grundschule von Terroristen überfallen, alle Kinder wurden brutal ermordet. Da die Schule damals nicht, wie zum Beispiel der Kibbuz selbst, streng bewacht wurde, konnten die Terroristen ohne Probleme eindringen und genauso wieder verschwinden.
Eltern die mit solchen Erfahrungen weiterleben mußten, haben sich verändert. Das würde jedem von uns so gehen, behaupte ich jetzt mal. Wäre damals auch nur ein einziger Terrorist geschnappt worden, ich würde es verstehen, wenn Eltern für die Todesstrafe votiert hätten.
Nach dem Überfall der Hamas ist die Stimmung in Israel vermutlich ähnlich emotional.
Ich hoffe, dass – wenn schon Todesstrafe die Lösung sein muß – diese für alle Mörder gelten sollte, auch in Israel.
In Bezug auf das Christentum ist trotz des Gebotes „Du sollst nicht töten“ auch immer wieder das Gegenteil passiert, sogar im Namen des „Kreuzes“. Und es gibt Bibelstellen im Neuen Testament, die auch nicht besonders pazifistisch klingen. Zum Beispiel erinnert der Brief von Paulus an die Korinther mit dem Satz:“Jeder, der den Herrn Jesus Christus nicht liebt, ist des Fluches würdig!“ doch in gewisser Weise an Texte aus dem Koran, die Islamisten gern in Erinnerung bringen, um mit Verweis auf Allah Ungläubige töten zu können.
„Ein Jude tut so etwas nicht“? Scheinbar doch. Und egal ob Jude, Christ, Hindu, Moslem oder sonst eine Richtung: Wer so ein Gesetz erlässt und es gar feiert, ist ein Rassist (und damit gar nicht weit von der Haltung der Hamas Terroristen entfernt) !
… eine schwierige Frage, weder die hebräische Bibel noch die Evangelien plädieren gegen die Todesstrafe.
Es gibt immer eine Vorgeschichte.
Das mosaische Recht schreibt die Todesstrafe für viele Handlungen vor, etwa für den Ehebruch der Frau und den coitus interruptus beim Mann. Ist insofern irrelevant. Die Evangelien entstanden in einer Zeit, da die Juden weitgehend machtlos waren. Immerhin aber konnten die Hohenpriester das Todesurteil gegen Stephanus wegen Häresie aussprechen und vollstrecken lassen. Saulus bewachte die Mäntel der frommen Mörder. (Was übrigens der legende widerspricht, Jesus sei von den Priestern zum Tode verurteilt, das Urteil aber von den Römern vollstreckt worden. Hätten die Priester Jesus töten wollen, hätten sie es gekonnt.) Und hätten Sie richtig gelesen, wäre Ihnen freilich aufgefallen, dass es hier nicht um eine religiöse Frage geht. Meine Verwandten sind fast alle säkulare Juden.
… werter APo, Sie wollen streiten. Ich habe lediglich geschrieben, das hebräische und neutestamentliche Schriften nicht gegen die Todesstrafe plädieren. Dass die Todesstrafe in bestimmten Fällen, von ‚Religiösen‘ und ‚Säkularen‘, gefordert wird, ist auch mir bekannt. Darum ging es mir nicht.
Im Übrigen kommt, wie immer Ihr Text auch gelesen wird, kein ‚Säkularer‘ um diese Schriften herum.
Außerdem begründen weder Sie noch Ihre Verwandten, warum Sie und sie gegen die Todesstrafe sind. Müssen sie und Sie auch nicht.
Danke für den Gedanken bezüglich des Vergleichs der Fälle Jesus-Stephanus. Das habe ich mir so noch nie bewusst gemacht.
Wobei m. E. einzuwenden wäre: Es handelt sich nicht um einen Widerspruch. Selbst wenn der Sanhedrin selbst Todesurteile vollstrecken durfte (was ich weder bestätigen noch verneinen kann; mir fehlt das Wissen), konnte der Umweg über die römischen Strukturen politisch nützlich sein. Dass Besatzungsmacht und religiöse Autorität sich die Verantwortung für den Mord am Anführer einer Bewegung gegenseitig zuspielen wollen, während die Tötung eines seiner Anhänger nach dem Abflachen der Bewegung als überschaubares Risiko erscheint, kommt mir nicht unplausibel vor.
Aber wie Sie richtig sagen: Das ist ohnehin Religion, nicht Tagespolitik.
Lieber Matt Sand, es sind natürlich Spekulationen. Aber die Evangelien sind in manchen Punkten erstaunlich detailliert, was nahelegt, dass sie auf Ereignisse anspielen, die den Zeitgenossen bekannt waren. So wurde das Vergehen des Jesus von Nazareth am Kreuz proklamiert: INRI – Iesus Nasarenus Rex Iudaeorum. Er habe sich als „König der Juden“ ausgegeben, also als den erwarteten Messias. Er wurde also nicht als Häretiker, sondern als Unruhestifter hingerichtet. Dass das auch im Sinne der Hohenpriester war, steht auf einem anderen Blatt. Später hat Matthäus die Römer zu exkulpieren versucht, indem er – ausgerechnet! – den als korrupten Bluthund bekannten Statthalter Pontius Pilatus die Unschuld des Nazareners bezeugen ließ.
Vom theologischen Standpunkt, lieber Hans, möchte ich sagen: Schon das Wort Jesu in der Bergpredigt, wonach bis zum Ende nicht ein Strich des Gesetzes vergehen werde und dass auch nicht eines der kleinsten Gebote aufzuheben sei, lässt sich durchaus als Bestätigung der alttestamentlichen Todesstrafe lesen.
Einigermaßen verwundert lese ich als Christ folglich auch immer wieder die Empörung von Mitchristen über solche Deutungen (oder die absurde Behauptung, sie seien gar nicht möglich); oder setzt die von Jesus immer wieder angekündigte und für gerecht erklärte Zerstörung Jerusalems, die ja wohl durch bewaffnete Soldaten erfolgte, nicht voraus, dass es durchaus dem Willen und Plan Gottes entsprechen kann, dass Menschen getötet werden? Und zwar nicht in einem jenseitigen Sinn – in der Hölle. Ganz so einfach ist es also nicht. Auch wenn man dergleichen sicher unter Rückgriff auf andere Stellen entschärfen kann, was ich selbst auch immer wieder tue.
Das Neue Testament hat für Menschen des 21. Jahrhunderts den bequemen Zug, dass es vollständig auf Menschen zurückgeht, die sich gar nicht in der Situation befanden, Staat machen zu müssen, und für die sich die Frage nach der Berechtigung der Todesstrafe folglich nur begrenzt stellte. Einer völligen Abwesenheit einer Meinung kommt das trotzdem nicht gleich.
Und ja, eine Vorgeschichte, die gibt’s immer.
… ich meine; wer glaubt das das Morden von Menschen, dem Ebenbild Gottes, einschließlich seiner Würde, Vernunft, Moral und Beziehungsfähigkeit, ohne Konsequenzen bleibt, der irrt.
Gegner der Todesstrafe meinen Mörder sind auch ein Ebenbild Gottes. Ist das so? Ich denke an 2. Mose 20,13. Das sollten selbst ‚Sekulare‘ hinbekommen.
… aaaber wie geschrieben; eine Antwort ist schwierig. Allein der Missbrauch der Todesstrafe in der Historie macht die Beantwortung schwierig … für mich auch.
glaubt, dass … meinen, Mörder seien … Säkulare. Vielleicht einfach länger nachdenken und dann auch Rechtschreibung und Grammatik überprüfen. Die deutsche Sprache hat Besseres verdient als das, was viele Rechte ihr antun.
@APo
… Rechtschreibung zuvor geschenkt. Ich
schlaferuhe noch. 😉Alan Posener
10. April 2026 um 14:23 Autor
… ich merke, wie genussvoll Sie Rechtschreibefehler anderer hervorheben. Ich gönne es Ihnen. Gerade weil allein Sie hier korrigieren können. Auch sich selbst. 😉
Und ‚was viele Rechte‘ … gääähn, ich sehe mich Richtung Norden und immer geradeaus. Wie oft noch?
Netzfund
Zum Rechtschreibfehler: Es ist schön zu sehen, dass sich jetzt auch die Linken um Deutschland sorgen. Fehler passieren im Eifer des Gefechts – und leider auch solche, die nicht passieren dürfen. Sorgfalt ist schließlich auch eine deutsche Tugend. Aber wenn das alles ist, was der Gegner gegen uns ins Feld führt, dann haben wir wirklich keinen Grund zur Sorge. Eure Häme sei euch gegönnt, liebe Linke. Wir gewinnen trotzdem.
Das ist Ihr Problem, hans. Sie betrachten Diskussionen als „Gefechte“, bei denen Sie „Eifer“ an den Tag legen, weil sie „gewinnen“ wollen. Das sind totalitäre Denkweisen, Relikte Ihrer DDR-Sozialisierung, die Sie daran hindern, einfach in einen Meinungsaustausch mit anderen zu treten. Das ist der Grund, weshalb ich viele Ihrer Kommentare lösche. Hier herrscht Meinungsfreiheit. Nicht Freiheit für Eiferer, die nur „gewinnen“ wollen.
Ja. Auch die Israelis können moralische Zweifel haben und entsprechende Debatten führen. Ohne Hilfe aus Europa. Daß aber eine Radikalisierung in Israel (auch mit Gründen) stattfindet, kann man aber aufgrund der Vorkommnisse und Übergriffe der Siedler z.B. im Westjordanland schon feststellen. Inwieweit ausländische Pro- oder Contra- Israel -Aktivisten damit Innenpolitik bzw. Stimmung in ihren jeweiligen Ländern machen wollen, versuche ich stets, von den Meinungsäußerungen über Israel zu subtrahieren. Überhaupt scheint mir die Beschäftigung mit Außenpolitik ohne etwas Kenntnis und Verbindungen zu den betreffenden Ländern nicht besonders gewinnbringend zu sein.
Danke für die Zwischentöne!