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Es l?be der Sozialismus

So, ihr Lappen, jetzt gibt’s vom alten Papa aber so richtig eins auf die zwölf: Die Farbe ist kaum lesbar, eure Schmiererei ist handwerklich ein Totalausfall (das B bei „es lebe“ ist eine Zumutung), und ihr habt ein denkmalgeschütztes Gebäude verhunzt – errichtet aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs. Geht in den Volkspark Friedrichshain: Monte Klamotte – kein Hügel, sondern Kriegsschutt. Diese Prachtallee ist Europas längstes zusammenhängendes Baudenkmal, als am weitesten westlich gebaute Paradestraße im „stalinistischen Zuckerbäckerstil“. Hier haben am 17. Juni 1953 die Werktätigen gegen den Sozialismus der DDR protestiert. Genau die Leute, die das hier gebaut haben, während ihr „Es lebe der Sozialismus“ an die Wand schreibt.

Und dann dieser Antifa-Stern im O. Ihr historischen Minderleister instrumentalisiert den Stern einer antifaschistischen Bewegung, einer Bewegung, die mit dem Unterschied zu eurer Bewegung eben keine Bewegung ist, mit Vereinssiegel, Vorstand und Kassenwart. Es ist die Bezeichnung für eine Haltung, und diese Haltung zieht sich quer durch alle möglichen politischen und gesellschaftlichen Gruppen. Ihr macht da draus einen Kleingartenverein in eurer unendlichen Spießigkeit. Und das Schlimme ist: Ihr vermieft eine Haltung, Antifaschist, und instrumentalisiert sie, und ihr instrumentalisiert sie an einem Haus, in dem heute noch die Opfer des Sozialismus leben, den ihr wiederhaben wollt. Ehemalige Dissidenten, die in der DDR Berufsverbot hatten. Im Haus lebten sogenannte Trümmerfrauen, mittlerweile verstorben, mit denen ich lange gesprochen habe und die an eurem Sozialismus aber auch gar kein grünes Haar ließen.

Es ist ja schon zum Brüllen komisch. Eure Spießigkeit ist ja eigentlich kaum zu überbieten. Die Liste, mit wem ihr nicht redet, weil er oder sie die falsche Meinung hat oder nicht versteht – und das ist entscheidend, dieses Nichtverstehen, denn eigentlich gibt es nur euch, die alles richtig verstehen –, also diese Liste ist ganz schön lang und unterscheidet sich überhaupt nicht, außer dass sie im Spektrum woanders verordnet ist, von irgendwelchen rechtsradikalen Burschenschaften, die auch nicht mit denen reden, die nicht ihrer Meinung sind oder ihre Haltung haben. Fällt euch eigentlich gar nichts auf?

An der Häuserwand hätte genauso stehen können: „Deutschland den Deutschen.“ Es wäre genauso falsch gewesen. Weil, noch mal zum Mitschreiben: Das Haus wurde gebaut aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs, von Menschen, die in den Sozialismus gezwungen wurden. Und dieser Sozialismus hatte ähnliche Merkmale wie die Nazidiktatur. Im Haus ganz konkret: Es gab eine Concierge-Box am Eingang. Jeder und jede, der jemand im Haus besuchte, musste sich dort eintragen und beim Verlassen des Hauses wieder austragen. Überwachung und Kontrolle, um die Werktätigen, genau was – vor sich selber zu schützen? Zu streng?

Ihr habt nicht nur hingekritzelt „Es lebe der Sozialismus“. Ihr habt daneben auch noch Hammer und Sichel untergebracht. Das Symbol der bolschewistischen Revolution. Eine Revolution, die mit Geheimdiensten, Arbeitslagern, Deportationen, Verschleppung oder ganz simpel Hinrichtung irgendwas um die zwölf Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Und dieses Symbol klatscht ihr jetzt an eine Häuserwand. Ihr kriegt nicht mal die Trennung zwischen Sozialismus und Kommunismus hin. Wobei der gelebte Sozialismus ja nichts anderes war als Hardcore-Kommunismus im kleinen Blümchenkleid.

Als Internetadresse habt ihr angegeben: komauafbau.org. Noch so ein Highlight. Wie soll man das lesen? Koma Aufbau? Das geht mir immerhin relativ nah an eure Zustandsbeschreibung. Und für die Lesenden mit feinem Humor: .org – darüber solltet ihr mal eine Diskussion im Plenum führen. Ihr liefert euch einer imperialistischen Macht aus, indem ihr Internetadressen multiglobaler Konzerne benutzt. Wie kriegt man das denn in Einklang mit eurer radikalen Ideologie? Ich verrat euch: gar nicht. Und das ist euer Problem. Ihr bemächtigt euch irgendwelcher Symbolik, ohne zu verstehen, wofür diese Symbole stehen, weil ihr einfach zu blöd seid. Und wenn man blöd ist, hat man in der Regel nur die Sicherheit einer richtigen Ideologie und ein moralisch hohes Ross. Auch da seid ihr euch komplett eins mit rechts außen und fanatischen Bewegungen, wie es sie auf diesem Planeten bis hin zu Isis gibt.

Ihr armen kleinen unterdrückten Opfer des Systems. Ihr wollt ein System, das genau das aus Menschen macht. Arme kleine unterdrückte Opfer. Und weil die Medien ja alle lügen – auch da seid ihr euch komplett eins mit rechts außen – bleibt euch kein anderes Mittel als Häuserwände zu beschmieren. Hier eine Häuserwand, die manifestiert, wie Sozialismus funktioniert. Unten die Werktätigen, während die Elite in Wandlitz im Supermarkt Ferrero in sich reinschaufelte.

Jetzt seid nicht zickig: „Mit Nazis habt ihr nichts zu tun?“ Das sehen die aber ganz anders: „Nationalsozialisten waren Sozialisten“, gellt es von dort. Nehmt das doch als Angebot, um gemeinsame Sache zu machen. Beim Feindbild Westen, beim Gerede über NATO-Erweiterung und einem angeblich zur Verteidigung gezwungenen Russland werdet ihr auch da schon auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Und das Ganze an einem Ort, an dem am 22. März 1540 der Sozialrebell Hans Kohlhase am Rabenstein vor dem Georgentor – heute Strausberger Platz –  gerädert wurde.

Ich habe mir alle Mühe gegeben, meine tiefe, tiefe Verachtung für euch in Worte zu fassen. Ich hoffe, es ist mir gelungen.

Postskriptum: In meiner überbordenden Erregung über diesen ästhetischen und inhaltlichen Totalausfall ist mir ein gravierender Fehler passiert: Ich habe den Antifa-Stern mit dem Davidstern verwechselt. Peinlich, wenn man anderen vorwirft, nicht sauber zu arbeiten. In meiner Wahrnehmung lag das irgendwie nahe – begründet in der aktuellen Situation, wie sich links außen gegenüber jüdischen Menschen weltweit verhält. Den Text habe ich gelöscht (Selbstzensur) und entsprechend neu verfasst. Meiner Erregung tut das keinen Abbruch. Für den Lapsus entschuldige ich mich in aller Form.

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Über Andreas Tölke

Andreas Tölke hat 25 Jahre Hochglanz-Magazine vollgeschrieben mit Porträts und Interviews mit Größen von Zaha Hadid bis Jeff Koons. Seit 2015 ist Tölke „Gutmensch“, hat Be an Angel e.V. initiiert, um soziale und ökonomischer Integration voranzutreiben, und das Restaurant Kreuzberger Himmel gegründet, das ausschließlich von Menschen mit Fluchterfahrung betrieben wird. Eer ist meist in der Ukraine, hat mit dem Be an Angel-Team 24.000 Menschen evakuiert und 5.000 Tonnen Hilfsgüter bis in Frontgebiete geliefert. [display-posts include_date="true" date_format="d.m.Y" author="Toelke" excerpt_more="Continue Reading" display-posts posts_per_page="999" excerpt_more_link="true" title="Autorenbeiträge"]

3 Gedanken zu “Es l?be der Sozialismus;”

  1. avatar

    Sehr geehrter Herr Tölke,
    ein wahrer Genuss, endlich mal einen saftigen polemischen Artikel hier zu lesen. Nichts gegen die vielen wohlformulierten und wohlbegründeten Meinungem, die die ich hier lese – und mit denen ich mal mehr, mal weniger übereinstimme, gelegentlich auch gar nicht. Aber hin und wieder gehört doch auf einen grober Klotz ein grober Keil. Vor allem dann, wenn es um die bei der Geburt getrennten und später wieder flott zusammengefügten Zwillinge rechter und linker Antisemitismus geht (meist nur mühsam getarnt als Antizionismus aka Israelkritik – bei den Linken oder gar Solidarität mit Israel heuchelnd – bei den Rechten) . Zum linken Antisemitismus ist übrigens gerade ein lesenswertes Buch erschienen – von dem sicher eher als links zu verortenden taz-Journalisten Nicholas Potter: Titel „Die neue autoritäre Linke“. Kann ich nur empfehlen. Vielleicht bespreche ich das hier mal, wen ich Zeit finde. Und nur am Rande: Kürzlich habe ich einer jüdischen Freundin gegenüber geäussert, ich wollte die Jüdische Allgemein abonnieren. Sie legte mir dringend nahe, das Abo „mit Schutzumschlag“ zu wählen, weil ich mich sonst möglicherweise in Gefahr bringe. Soweit ist es also schon.

  2. avatar

    A.T.: ‚… Volkspark Friedrichshain, 500 m weiter, da gibt es den sogenannten Monte Klamotte … ‚

    … ähm … keine Belehrung! Ein Hinweis; nicht ‚Monte Klamotte‘, das ist der Mont Klamott. 😉

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