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Die Sechziger: Panorama eines Jahrzehnts wie kein anderes (2/3)

Kein Jahrzehnt gleicht dem anderen – geschenkt. Doch die Sechziger markieren mehr als nur eine weitere Etappe der Nachkriegsgeschichte. In dieser – gemessen an einem Menschenleben – kurzen Epoche ballen sich politische Umbrüche, gesellschaftliche Aufbrüche und technologische Neuerungen in einem Ausmaß, gegen das spätere Dekaden fast verblassen. Einige dieser damaligen Geschehnisse habe ich aus der Erinnerung wiederbelebt, aktuell nachrecherchiert und auf ihren Kern verdichtet. Die Schilderungen stammen aus der Perspektive eines in Bonn lebenden Westdeutschen; für diese Einseitigkeit bitte ich Ostdeutsche um Nachsicht. Nun denn – ein Jahrzehnt wird besichtigt, stilistisch inspiriert durch Florian Illies, der dieses Genre erdacht hat.

≡≡≡ 1963 ≡≡≡

Hunderttausende sind in Deutschland Ende Juni auf den Beinen, um einen Mann zu sehen: den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auf Deutschland-Visite. Das Land befindet sich in einer Art Ausnahmezustand. Fernsehen und Radio berichten tagelang live von Kennedys Besuch. Überall ist Kennedy das Thema Nummer eins. Der Höhepunkt seines Besuchs ist zweifellos die Rede vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin. Rund 400.000 Berliner versammeln sich am 26. Juni 1963, um Kennedy zu sehen und – wichtiger noch – um ihn zu hören. Dabei kann er den Berlinern nur eines bieten: das Versprechen, dass die USA fest zu West-Berlin stehen. Seine Zusicherung besiegelt er mit einem Vergleich aus der Antike. So wie vor zweitausend Jahren der Satz „Ich bin ein Bürger Roms“ überall im Römischen Reich die Bürgerrechte garantierte, so gelte in der freien Welt sinngemäß nun der Satz: „Ich bin ein Berliner“. Der Jubel der Berliner nimmt keine Grenzen. Nie wieder erlebt ein Staatsgast in Deutschland eine derart überwältigende Zuneigung seines Gastlandes.

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Immer noch herrscht 1963 in den USA zum Teil strikte Rassentrennung. In einem gewaltigen Marsch auf Washington demonstrieren am 28. August 1963 rund 250.000 Bürger gegen Rassendiskriminierung und für ihre Bürgerrechte. Ihr Anführer ist der Baptistenpfarrer Martin Luther King. Seine Rede ist eine historische und rhetorische Glanzleistung. Gegen Ende seiner Ansprache weicht er von seinem Manuskript ab und improvisiertformuliert er seine Vision von Freiheit und Gerechtigkeit in den USA – ungeachtet der Hautfarbe. Die Wucht seiner Worte erzeugt ein weltweites Echo, das bis in die Gegenwart hallt.

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In der Eisenerzgrube in Lengede ereignet sich am 24. Oktober 1963 eines der schwersten Grubenunglücke der Nachkriegszeit. Nach dem Dammbruch eines Klärteichs fluten 460.000 Kubikmeter Wasser die Schachtanlage. 79 Bergleute können sich retten. Für die übrigen ist die Hoffnung nach einer Woche verloren; die offiziellen Bergungsarbeiten werden eingestellt. Doch freiwillige Helfer machen weiter und hören am 3. November tatsächlich Klopfzeichen. Mit einer schmalen Stahlkapsel von knapp 40 cm Durchmesser, der sogenannten Dahlbusch-Bombe, gelingt nach 14 Tagen die Bergung von elf Bergleuten. Das ARD-Fernsehen überträgt die Rettung teilweise live. Bald ist vom „Wunder von Lengede“ die Rede.

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Es ist Mittag in Dallas, Texas, am 22. November 1963. Die Sonne scheint, es sind etwa 20 Grad. US-Präsident John F. Kennedy fährt in offener Limousine durch die Stadt. Plötzlich fallen Schüsse. Der dritte trifft ihn im Kopf. In rasender Fahrt geht es ins nächste Krankenhaus, doch Kennedy ist bereits tot. Die Nachricht von dem Attentat auf Kennedy erschüttert die ganze Welt. Auch in Deutschland, wo sein Besuch erst wenige Monate zurückliegt, bangen die Menschen zunächst um sein Leben. Um 20.20 Uhr jedoch meldet die Tagesschau: „Soeben teilt die Deutsche Presseagentur mit, dass Präsident Kennedy tot ist.“ Tage später ereilt die Nemesis den Attentäter selbst – er stirbt durch tödliche Schüsse.

≡≡≡ 1964 ≡≡≡

Das Jahr 1964 beginnt mit einem lauten Skandal. Auslöser ist ein Film des schwedischen Regisseurs und Drehbuchautors Ingmar Bergman mit dem Titel „Das Schweigen“. Am 24. Januar 1964 kommt der Film in die deutschen Kinos – und löst sogleich heftige Proteste aus. Insbesondere kirchliche Kreise stoßen sich an einzelnen Sexszenen. Es gibt Boykottaufrufe und mehr als 100 Strafanzeigen gegen den Film. Überall diskutiert man über Bergmanns Streifen. Eine „Aktion Saubere Leinwand“ fährt eine Kampagne gegen „Das Schweigen“, weil sie Moral, gute Sitten und die Jugend gefährdet sieht. Am Ende bleibt nur ein zum Skandal beförderter Sturm im Wasserglas.

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Seit dem Herbst 1963 erlebt England ein neues Massenphänomen: die Beatlemania. Jugendliche geraten bei Auftritten der Beatles in eine Art wilde Raserei, etwa bei dem Song „She loves you“. Ab dem 9. Februar 1964 schwappt das Virus auch auf die USA über. Auslöser ist der erste TV-Auftritt der Beatles in Amerika in der „Ed Sullivan Show“. Rund 73 Millionen Zuschauer sitzen vor den Bildschirmen – etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Während das Land noch unter dem Eindruck der Ermordung seines Präsidenten wenige Wochen zuvor steht, trifft das alte Amerika in Gestalt des etwas ungelenk wirkenden Ed Sullivan auf die Sendboten einer neuen, dynamischen Jugendkultur aus England. In einer Art freundlicher Übernahme erobern die Beatles die Gemüter der amerikanischen Jugend im Sturm – und schließlich die der ganzen Welt. .

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Wer ist der Größte? Seit dem 25. Februar 1964 kennt die Welt die Antwort. Es ist ein Boxer. Sein Name: Cassius Clay. An diesem Tag tritt der 22-Jährige gegen seinen Landsmann Sonny Liston um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht an. Clay gewinnt. Unmittelbar nach dem Sieg verkündet er: „Ich bin der Größte.“ Diese Selbstzuschreibung wird zum Mantra seiner weiteren Kämpfe, die er fortan unter dem Namen Muhammad Ali bestreitet. In Teilen der deutschen Presse gilt Ali als Großmaul. Vielleicht ist es gerade dieses demonstrative Selbstbewusstsein, das seine weltweite Faszination ausmacht. Eine Faszination, die später so weit reicht, dass in Deutschland Millionen Menschen seine Kämpfe im Fernsehen anschauen – der Zeitverschiebung wegen mitten in der Nacht.

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Reisefreiheit ist in der DDR ein Fremdwort. DDR-Bürger dürfen maximal ins sozialistische Ausland reisen. Für Rentner – Frauen ab 60, Männer ab 65 – ändert sich das ab dem 2. November 1964. Einmal im Jahr dürfen sie nun Verwandte in Westdeutschland für bis zu 30 Tage besuchen. Dazu müssen sie bei der Volkspolizei einen Antrag stellen, eine Einladung aus dem Westen vorweisen und einen Reisepass beantragen. Mitnichten ist dies eine humanitäre Geste der SED-Führung. Angesichts der wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung gilt es, Druck aus dem Kessel zu lassen. Kehren Rentner nicht in ihre sozialistische Heimat zurück, spart der Staat zudem Rentenzahlungen und Krankheitskosten für seine abtrünnigen Bürger.

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Die Planwirtschaft der DDR leidet unter chronischer Devisenknappheit. Und wenn Geld fehlt, werden Politiker erfinderisch – so auch die Führung des SED-Staates. Ab dem 1. Dezember verlangt die DDR von Gästen aus dem Westen faktisch ein Eintrittsgeld für ihre Republik. Besucher müssen nun einen sogenannten verbindlichen Mindestumtausch vornehmen: Pro Tag in der DDR sind 5 DM, für Besuche in Ost-Berlin 3 DM im Verhältnis 1:1 gegen Mark der DDR umzutauschen. Medien und Bevölkerung nennen die neue Anordnung das, was sie ist: Zwangsumtausch.

≡≡≡ 1965 ≡≡≡

Hochbetagt stirbt am 24. Januar 1965 in London der frühere britische Premierminister Winston Churchill. Er gilt als eine der prägenden Führungspersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Churchill ist ein brillanter Redner, Literaturnobelpreisträger, Hobbymaler und nicht zuletzt Politiker. Im Laufe seiner Karriere bekleidet er zahlreiche Ministerämter, wechselt zweimal die Partei und wird zweimal Premierminister. Bereits in den 30er-Jahren warnt er als einsamer Mahner vor Deutschlands Wiederaufrüstung. Als Regierungschef schwört Churchill seine Bevölkerung auf den Überlebenskampf gegen Hitler ein – er habe nichts zu bieten außer Blut, Mühen, Tränen und Schweiß. Es ist Churchills stetes Drängen, das die USA zum kriegsentscheidenden Alliierten für England werden lässt. Nach dem Krieg warnt er früh vor dem Machtanspruch der Sowjetunion und prägt 1946 den Begriff des „Eisernen Vorhangs“.

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Die Luftwaffe der Bundeswehr hat seit Beginn der sechziger Jahre ein neues Kampfflugzeug. Sein Name: Starfighter. Von Beginn an gibt es vereinzelt Abstürze des Düsenjets. Ab dem 24. Februar 1965 entwickeln sich diese zu einer Absturzserie. Auf das Jahr gesehen stürzen 26 Maschinen ab; insgesamt 17 Piloten sterben dabei. Vom „Witwenmacher“ Starfighter ist bereits die Rede. Die Öffentlichkeit diskutiert rat- und fassungslos über die Starfighter-Affäre. Bis zur Ausmusterung 1991 stürzen von 916 beschafften Maschinen 269 ab; 116 Piloten verlieren dabei ihr Leben.

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Seit Jahren forciert das kommunistische Nordvietnam einen Guerillakrieg gegen das westlich orientierte Südvietnam. Die USA haben bereits Tausende sogenannte Militärberater zur Unterstützung Südvietnams im Land. Am 2. März jedoch treten die USA faktisch als Kriegspartei in den Vietnamkrieg ein. An diesem Tag beginnt die US Air Force eine massive Luftoffensive gegen Nordvietnam. Sechs Tage später landen in Da Nang die ersten regulären US-Bodentruppen: 3.500 US-Marines. In den folgenden Jahren entwickelt sich einer der entsetzlichsten Kriege der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erst 1973 ziehen die Amerikaner ihre letzten Kampftruppen ab. Der Krieg endet im März 1975 mit der Einnahme der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon durch Nordvietnam – und dem schmachvollen Abzug der letzten verbliebenen Amerikaner.

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Die Berliner Waldbühne ist am Abend des 15. September mit rund 21.000 Zuschauern ausverkauft. Gegen 21 Uhr treten sie endlich auf: die Rolling Stones. Nach nicht einmal einer halben Stunde brechen sie ihren Auftritt wegen Unruhen im Publikum ab. In der Folge eskaliert die Situation: Zuschauer demolieren große Teile der hölzernen Sitzbänke, die Freilichtbühne gleicht anschließend einem Trümmerfeld. Die Polizei greift ein. Bei den bis in die Nacht andauernden Ausschreitungen gibt es Dutzende Verletzte. Deutschlandweit machen die Krawalle Schlagzeilen. Erst 57 Jahre später, am 3. August 2022, treten die Rolling Stones erneut in der Waldbühne auf – ohne Krawalle.

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Kann man ein monströses Verbrechen wie den Holocaust juristisch ahnden? Seit dem 20. Dezember 1963 stehen im ersten sogenannten Auschwitz-Prozess in Frankfurt 22 Angeklagte vor Gericht – fast zwanzig Jahre nach Kriegsende. Mehr als 200 Überlebende des Vernichtungslagers berichten als Zeugen vom Leben und Sterben in Auschwitz. Der Prozess zieht sich über 20 Monate hin. Am 19. Dezember 1965 verkündet das Gericht die Urteile: sechs lebenslange Haftstrafen, mehrere zeitlich begrenzte Freiheitsstrafen und einige Freisprüche. Viele Kommentatoren in der Presse kritisieren die Strafen angesichts der grausamen Verbrechen als zu milde. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die 22 Anklagen erfassen nicht annähernd die Dimension des nationalsozialistischen Vernichtungswillens in Auschwitz.

≡≡≡ 1966 ≡≡≡

Bereits in den sechziger Jahren spricht man vom Bildungsnotstand in Deutschland. Henri Nannen, Chefredakteur des Magazins „Stern“, redet nicht nur darüber. Ganz der Macher, schreitet er 1965 zur Tat. Er nutzt die immense Reichweite des „Stern“ für den Gründungsaufruf zur Förderinitiative „Jugend forscht“. Die Idee dahinter ist, naturwissenschaftlich interessierten Jugendlichen ein Forum für eigene Forschungsprojekte aus den Bereichen Mathematik, Physik, Biologie und Chemie zu bieten und diese in einem Wettbewerb vorzustellen. 244 Jugendliche beteiligen sich bereits im ersten Jahr. Am 1. April 1966 erhalten die ersten Preisträger in der Hamburger Universität ihre Auszeichnung. „Jugend forscht“ ist ein Erfolgsprojekt – bis in die Gegenwart.

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Mao Tse-tung, Chinas kommunistischer Diktator, hat wieder einmal eine fatale Idee: Am 16. Mai 1966 lässt er durch sein Politbüro die sogenannte Große Proletarische Kulturrevolution ausrufen. Mit ihr versucht er, Partei und Gesellschaft seiner eigenen Lesart der marxistisch-leninistischen Ideologie zu unterwerfen. Zu diesem Zweck mobilisiert er Hunderttausende politisierte und gewaltbereite Jugendliche und nennt sie Rote Garden. Landesweit verfolgen, demütigen und misshandeln diese Jugendbanden Lehrer, Intellektuelle, Funktionäre und alle, die sie einer kapitalistischen oder traditionellen Denkweise bezichtigen. Wer den Furor der Rotgardisten überlebt, wird aufs Land zur Umerziehung deportiert und dort zu harter körperlicher Arbeit gezwungen. Historiker schätzen die Zahl der Todesopfer der Kulturrevolution auf etwa 1,5 bis 2 Millionen. Die Kampagne dauert zehn Jahre und stürzt China in politisches Chaos und wirtschaftlichen Niedergang. Während 1968 in China der Terror der Rotgardisten seinen Höhepunkt erreicht, huldigen im Westen Studenten mit übergroßen Porträts ihrem Idol Mao und studieren dessen Agitprop-Bändchen „Zitate des Vorsitzenden Mao Tse-tung“, genannt „Mao-Bibel“.

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Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle schwört auf die „Grandeur“ der französischen Nation und agiert extrem eigenwillig. So wundert es kaum, dass Frankreich auf seinen Willen hin am 1. Juli 1966 aus der militärischen Integration der NATO austritt. Zudem muss das NATO-Hauptquartier Paris binnen Jahresfrist verlassen; neuer Standort wird Brüssel. De Gaulles politischer Sonderweg sieht jedoch die weitere Mitwirkung in den politischen Strukturen der Allianz vor – einschließlich der Beistandspflicht nach Artikel 5 des NATO-Vertrags. Dieser Sonderstatus bleibt bis 2009 unangetastet.

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Spricht man über die wichtigste Nebensache der Welt, ist Fußball gemeint. Am 30. Juli 1966 jedoch wird Fußball in Deutschland zur Hauptsache. Schon Tage zuvor fiebert das Land dem Finale der Weltmeisterschaft im Londoner Wembley-Stadion entgegen: England gegen Deutschland. Beide Mannschaften zeigen sich im Spiel in etwa gleich stark. Doch in der Verlängerung entscheidet sich das Spiel mit 4:2 zugunsten Englands. Das Tor zum 3:2 ist jedoch hochumstritten. Das „Wembley-Tor“ bleibt bis in die Gegenwart ein nationales Dauerthema unter Deutschlands Abermillionen Fußballexperten.

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In Berlin-Spandau steht eine weltweit singuläre Einrichtung: das alliierte Kriegsverbrechergefängnis. Ursprünglich für 600 Insassen konzipiert, ist der Bau im Jahr 1966 nur noch mit drei Männern belegt: Rudolf Heß, Albert Speer und Baldur von Schirach. Als hochrangige NS-Funktionäre verbüßen sie dort als letzte der im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess Verurteilten ihre langen Haftstrafen. Die Haftanstalt untersteht direkt den vier alliierten Kontrollmächten für Berlin; monatlich wechselt die Zuständigkeit für die Wachmannschaften zwischen den USA, der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich. Am 1. Oktober 1966 entlassen die Alliierten Speer und von Schirach nach exakt zwanzig Jahren. Heß, zu lebenslanger Haft verurteilt, bleibt als letzter Gefangener zurück, bis er 1987 im Alter von 93 Jahren Suizid begeht. Unmittelbar nach seinem Tod beginnt der Abriss der Gebäude.

 

 

 

 

 

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Über Wolfgang Schäfer

Wolfgang Schäfer, 1951 in Bonn geboren und in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen, lebt bis heute dort. Seine berufliche Erfüllung fand er in der Verlagsbranche – unter anderem beim Handelsblatt-Verlag, im Europa Union Verlag sowie als Verlagsleiter der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung (heute: Jüdische Allgemeine). Im Herbst 2025 erschien sein Buch "Beatles für Eilige".

Ein Gedanke zu “Die Sechziger: Panorama eines Jahrzehnts wie kein anderes (2/3)

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    Kleine Ergänzung:

    Ab 1964 (nach 1964?) durften DDR-Rentner nicht nur zu Besuchsreisen in den Westen, sondern ganz offiziell dorthin umziehen.

    Meine Großeltern packten dazu einen ganzen Container ein. Großmutter lebte dann bis zu ihrem Tod 1997 in Pforzheim in den aus dem Osten mitgenommen Möbeln. Den Edelmöbel aus den Werkstätten in Dresden-Hellerau (Vorkriegs-Ware?).

    Die Bonner Republik, genauer die DRV bzw.die damals noch bestehenden Landesversicherungsanstalten, zahlten Renten nach dem Fremdrentengesetz. Also Renten für fiktive Beitragsjahre, die aber gar nicht in das Bonner Altersversorgungssystem eingezahlt waren, sondern in ein fremdes.

    Deshalb auch der Name: Fremdrentengesetz (mal googeln).

    Grossvater als ehemaliger Telefonist beim Rat des Kreises erhielt ne Rente, als wäre er beim Landratsamt Pforzheim angestellt gewesen.

    Großmutter, die als Selbständige in der DDR versichert sein musste, erhielt ne Rente, als hätte sie sich in dieser Zeit bei der DRV und co. freiwillig rentenversichert.

    Das waren alles diese „versicherungsfremden Leistungen“, welche der westdeutsche Beitragszahler mitzufinanzieren hatte.

    Es war eine westdeutsche Waffe im Kalten Krieg.

    Manche protestieren noch heute dagegen, dass Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges diese Waffe 1993 mit dem Rentenüberleitungsgesetz verschrottet hat.

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