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Wenn der Daueralarm nicht mehr haltbar ist: Klimarealismus statt Klimareligion

Klimarealismus anstatt Klimareligion! Grafik: DALL-E

Es gibt Sätze, die lange als unanständig galten. Einer davon lautet: Vielleicht geht die Welt doch nicht unter. Nicht, weil es keinen Klimawandel gibt. Nicht, weil CO₂ in der Atmosphäre keine Wirkung hätte. Sondern weil aus einem realen Problem ein politisches Erlösungsprogramm geworden ist, das immer weniger nach nüchterner Abwägung klingt und immer mehr nach Glaubensbekenntnis.

Der entscheidende Punkt ist nicht, ob sich das Klima verändert. Das tut es. Der entscheidende Punkt ist, welche Schlüsse daraus gezogen werden. Über Jahre wurde der Öffentlichkeit eine Dramatik verkauft, die häufig auf den extremsten Szenarien beruhte. RCP8.5, später SSP5-8.5, stand für eine Welt, in der die Emissionen weiter explodieren und die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts in apokalyptische Höhen steigt. Dieses Szenario wurde in Politik, Medien und Aktivismus viel zu oft behandelt, als sei es der normale Weg, auf dem die Menschheit unterwegs ist.

Nun wird genau diese Grundlage neu sortiert. In der neuen ScenarioMIP-Grundlage für CMIP7 heißt es, die hohen Emissionswerte aus SSP5-8.5 seien inzwischen unplausibel geworden. Als Gründe werden unter anderem die sinkenden Kosten erneuerbarer Energien, bestehende Klimapolitik und jüngere Emissionstrends genannt. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist keine Randnotiz. Das ist eine Korrektur an einem Szenario, das lange genug als Angstmaschine gedient hat.

Apocalypse not now

Damit ist nicht bewiesen, dass Klimaschutz überflüssig wäre. Aber es ist bewiesen, dass die apokalyptische Erzählung neu begründet werden müsste. Wer jahrelang mit dem Worst Case Politik gemacht hat, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn dieser Worst Case plötzlich nicht mehr als plausibler Normalpfad gilt. Dann muss auch die Politik auf den Prüfstand. Heizungsgesetz, Verbrenner-Aus, Klimaneutralität 2045, immer neue Vorgaben, immer neue Kosten und immer weniger industrielle Luft zum Atmen dürfen nicht wie Naturgesetze behandelt werden.

Das Bundesverfassungsgericht hat seinen Klimabeschluss im März 2021 wesentlich auf die damalige IPCC-Lage und die Logik eines knappen CO₂-Restbudgets gestützt. Juristisch mag man daraus viel ableiten. Politisch bleibt aber eine einfache Frage: Was passiert, wenn sich die Risikokulisse verschiebt, auf deren Grundlage massive Freiheitseingriffe, Zukunftslasten und Milliardenprogramme begründet wurden? Dann braucht es keine Trotzreaktion, sondern eine ehrliche Neubewertung.

Säkulare Heilsziele contra wirtschaftliche Vernunft

Genau die fehlt. Deutschland diskutiert Klimaneutralität 2045 noch immer, als sei sie eine Art säkulares Heilsziel. Wer fragt, was das alles kostet, gilt schnell als unsolidarisch. Wer wissen will, welchen messbaren Temperatureffekt deutsche Alleingänge haben, stört die Andacht. Wer darauf hinweist, dass Deutschland nur einen kleinen Anteil an den weltweiten CO₂-Emissionen hat, wird nicht selten moralisch verdächtigt, statt sachlich beantwortet zu werden. Die Internationale Energieagentur bezifferte Deutschlands Anteil an den energiebedingten CO₂-Emissionen aus Brennstoffen zuletzt auf etwa 1,6 Prozent.

Dabei ist die Kostenfrage keine Nebensache. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages halten fest, dass die Bundesregierung keine eigene Gesamtkostenrechnung für die Energiewende erstellt. Verschiedene Studien kommen je nach Zeitraum, Methodik und betrachteten Kostenbestandteilen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, bis hin zu Billionensummen bis 2045. Gerade deshalb wäre eine offene politische Abwägung Pflicht. Wer in Schulen, Straßen, Pflege, Rente, Bundeswehr und kommunaler Infrastruktur überall Mangel sieht, kann Klimapolitik nicht aus dem Haushalt der Realität auslagern.

Eine ganze Branche existiert gut vom Problem. Was wäre, wenn das Problem weniger würde?

Hinzu kommt ein unbequemer Punkt, über den viel zu selten gesprochen wird. Um den Klimakomplex herum ist längst eine ganze Wissenschafts-, Beratungs- und Förderindustrie entstanden. Institute, Lehrstühle, Behörden, Gutachter, Modellierer, Klimaberater, Aktivisten, Medienformate, Stiftungen und politische Apparate leben nicht nur ideell von diesem Thema, sondern auch und vor allem ökonomisch. Das bedeutet nicht, dass jeder Forscher trickst. Es bedeutet auch nicht, dass jede Studie falsch ist. Aber es bedeutet, dass die Anreize nicht neutral sind.

Eine Branche, deren Bedeutung, Finanzierung und Deutungshoheit von der Dringlichkeit eines Problems abhängt, hat ein strukturelles Interesse daran, dass die Dringlichkeit nicht verschwindet. Alarm ist Karrieretreibstoff. Katastrophe ist Drittmittelargument. Panik ist medienfähig. Entwarnung ist schwierig. Sie macht weniger Schlagzeilen, rechtfertigt weniger Programme und gefährdet im Zweifel Budgets, Stellen und politische Macht. Genau deshalb darf Wissenschaft nicht wie eine Priesterschaft behandelt werden. Sie muss befragt, geprüft und gegen ihre eigenen institutionellen Interessen gelesen werden.

Der Antichrist CO₂

Das gilt umso mehr, weil CO₂ in der öffentlichen Debatte fast religiös dämonisiert wurde. CO₂ ist kein Giftgas. Es ist Teil des Lebenskreislaufs und Grundlage der Photosynthese. Pflanzen brauchen CO₂. Das macht hohe Konzentrationen nicht automatisch harmlos, aber es entlarvt die moralische Vereinfachung. Die Wirklichkeit ist komplizierter als die Parole. Klima, Böden, Wasser, Nährstoffe, Technik, Anpassung und Wohlstand spielen zusammen. Eine Politik, die nur noch auf CO₂ starrt, verliert den Blick für das Ganze.

Vielleicht liegt genau dort der eigentliche Fehler. Der Klimaschutz hat den Umweltschutz verdrängt. Während Deutschland über Wärmepumpen, Verbrennerverbote und immer neue Berichtspflichten streitet, bleiben klassische Aufgaben liegen. Die Vermüllung der Meere. Der Schutz großer Naturwälder. Überfischung. Artenverlust. Sauberes Wasser. Böden. Schutz indigener Völker. Das sind konkrete Aufgaben, bei denen weniger moralischer Weltrettungston und mehr praktischer Nutzen möglich wäre.

Was wir brauchen, ist Klimarealismus

Was wir brauchen, ist kein Klimaleugnen. Wir brauchen Klimarealismus. Wir brauchen die Fähigkeit, zwischen Wissenschaft und Alarmverwertung zu unterscheiden. Zwischen Szenario und Prognose. Zwischen globalem Problem und nationaler Symbolpolitik. Zwischen sinnvoller Anpassung und teurer Selbstbeschädigung.

Die Geschäftsgrundlage der deutschen Klimapolitik ist nicht mehr dieselbe. Wer jetzt einfach weitermacht wie bisher, handelt nicht wissenschaftlich, sondern dogmatisch. Eine demokratische Gesellschaft darf Billionenkosten, Freiheitseingriffe und industrielle Risiken nicht auf Szenarien stützen, die selbst in der Fachwelt neu bewertet werden. Deshalb gehören Klimaneutralität 2045, Heizungsgesetz, Verbrenner-Aus und die gesamte Kosten-Nutzen-Rechnung neu in den Bundestag, ins Europaparlament und in die Landtage.

Nicht als Rückkehr zur Sorglosigkeit. Sondern als Rückkehr zur Vernunft.

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Über Till Becker

Langjähriger Journalist mit breiten Interessen. Aufgewachsen in Hildesheim, Zeitsoldat bei der Marine, seit einigen Jahren heimisch in der ostfriesischen Idylle. Lokalredakteur mit Leidenschaft, aufmerksamer Beobachter. Hat eine starke Vorliebe für Musik, die andere als Krach bezeichnen könnten. War Jugend-Fußballtrainer und versteht nicht, warum man einen SUV fahren sollte. Liebt Fischbrötchen!

Ein Gedanke zu “Wenn der Daueralarm nicht mehr haltbar ist: Klimarealismus statt Klimareligion

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    … frei nach Schillers ‘Wallenstein’; spät kommt die Wahrheit, doch sie kommt … allein sozialistische Ideologie – entschuldigt ihr säumen … aaaber; ‚versuch doch mal einem Bekloppten zu erklären, dass er bekloppt ist.‘ Dieter Bohlen.

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