Foto: Rowland Scherman National Archives / Public Domain
Kann Bob Dylan singen? Die Frage mag so altmodisch und irrelevant erscheinen wie die Frage, wer besser sei, die Beatles oder die die Stones, aber sie ist eben erst wieder, und zwar hier auf „Starke Meinungen“ aufgeworfen worden. In einem Stück, das eigentlich Ray Davies gewidmet ist, aber lauter Seitenhiebe gegen Bob Dylan enthält, schreibt Wolfgang Schäfer: „Kommen wir zu den Unterschieden. Ray Davies kann singen – daran besteht kein Zweifel. Dagegen an Bob Dylans Sangeskünsten nicht zu zweifeln, würde ein gewisses Maß an Großzügigkeit verlangen. Seine Stimme ist nasal, oft krächzend, und sein Tonumfang bleibt überschaubar. Dem Irrtum mit einem Crooner verwechselt zu werden, setzt Dylan sich zu keiner Zeit aus.“
Nun, die letzte Aussage stimmt nicht. Dylan „crooned like Caruso“ schrieb „Rolling Stone“ 2016 über „Nashville Skyline“, Dylans Album aus dem Jahr 1969. Über den „überschaubaren Tonumfang“ könnte man auch streiten. Aber darauf kommt es nicht an. Warum kann man nicht, wenn es um Sänger geht, einfach sagen: „Ich mag seine Stimme nicht.“? Warum muss man versuchen, dieser subjektiven und darum völlig legitimen und völlig irrelevanten Einstellung die Weihe einer objektiven Aussage geben?
Konnte Luciano Pavarotti singen? Natürlich. Aber konnte er Dylan singen? Das bezweifele ich. Übrigens muss man sich nur dieses Duett mit dem großen James Brown anschauen, um zu begreifen, warum sich Opernsänger nicht an Popmusik heranmachen sollten, wie sich umgekehrt Popsänger von der Oper fernhalten sollten. Es ist ein anderes Genre, eine andere Art zu singen.
Es gibt wohl kaum einen Komponisten, dessen Songs so oft von anderen Sängern und Sängerinnen gecovert wurden wie Bob Dylan. Wohl nicht, weil sie musikalisch anspruchslos wären. Aber wie dem auch sei: Selten erreichen die anderen Sänger, darunter solche Giganten wie Van Morrison und Eric Burdon, Etta James und Emmylou Harris, in ihren Coverversionen die Intensität des Originals. Finde ich. Finde ich. Das ist eine subjektive Einschätzung. Ich kann sie nicht belegen. Gestern schaute ich mit meiner Frau auf YouTube mehrere Fassungen von „Gotta Serve Somebody“ an, und meiner Frau gefiel die Version von Eric Burdon am besten. Was vielleicht nur daran liegt, dass wir – also meine Band, „Jumpin‘ Pete“ Burdons Arrangement geklaut haben.
Zurück zur Subjektivität des Urteils über Musik im allgemeinen und Stimmen im besonderen. Ich kann etwa mit der Stimme Frank Sinatras wenig anfangen, obwohl ich einen Swing-Klassiker wie „Come Fly With Me“ ebenso goutieren wie die Schnulze „Strangers in the Night“ oder das Duett mit Tochter Nancy, „Something Stupid“. Ich bewundere Sinatras Kunst, das Timing, die Phrasierung, auch das Understatement: seine Version von „My Way“ finde ich viel besser als die von Elvis. Aber Elvis hat eine Stimme, die mich anspricht, während die von Sinatra mich eher abstößt. Ich las irgendwo, dass die Stimmen der Big-Band-Sänger blechern sein mussten, um gegen die Blechbläser anzukommen, und das mag sein. Jedenfalls mag ich das Blecherne an Sinatra nicht, während ich das Warme an Elvis liebe.
Konnte Elvis singen? Das würde heute kaum ein ernsthafter Musikkritiker leugnen. Aber über Elvis sagte der Crooner Bing Crosby: „Er hat einfach gar nichts zur Musik beigetragen.“ Bing war wahrscheinlich sauer, weil Elvis seinen Song „Blue Moon“ gecovert hat. Es ist rein subjektiv: ich finde Bings Version großartig, aber die vom ganz jungen Elvis umwerfend.
Und nun könnte ein Bing-Crosby-Fan einwerfen, dass der Gesang von Elvis bei diesem Song jedenfalls ohne den irren Hall vermutlich gar nicht wirken würde. Aber das ist es: die Technik entwickelt sich, und die Stimmen verändern sich mit ihr. Man musste ab Anfang der 1950er Jahre nicht laut in ein Mikrofon brüllen, um laut rüberzukommen. Und heute kann eine Billie Eilish mit einer ganz leisen, gehaucht, gepressten, intim wirkenden Stimme Kinos und andere große Säle mühelos beschallen. Man muss die Stimme nicht mögen. (Ich mag sie.) Aber sie ist dem Stand der Technik angemessen.
Kann also Bob Dylan singen? Zunächst kann er ja Dylan singen. Und dann hat er mit seinen drei Alben mit Klassikern aus dem American Songbook und mit seinem Weihnachtsalbum gezeigt, dass er ganz andere Songs covern – oder wie er sagt „uncovern“ – kann. Hier zum Beispiel „Stardust“ – im Stil von Bing Crosby…
Man mag Paul McCartneys Songbook Album „Kisses on the Bottom“ besser finden als die Dylan-Alben. McCartneys Stimme ist auf jeden Fall gefälliger und geschmeidiger; aber das ist subjektiv. Kann McCartney „besser“ singen? Nun ja, er kann – oder konnte – Shouter wie „Long Tall Sally“ und „I’m Down“ singen, was Dylan nie gekonnt hätte. Aber könnte McCartney „Gotta Serve Somebody“ oder „It’s Alright Ma (I’m Only Bleeding)“ singen? Ich meine: so, dass es überzeugend wirkte? I don’t think so.
Auch deshalb, weil Dylan eine andere Auffassung von Schönheit hat als McCartney – oder als Joan Baez, wie er in einem Gedicht auf der Rückseite ihres Albums „Joan Baez in Concert vol 2“ schreibt:
For the railroad lines were not beautiful
They were smoky black an’ gutter-colored
An’ filled with stink an’ soot an’ dust
An’ I’d judge beauty with these rules
An’ accept it only ‘f it was ugly
An’ ’f I could touch it with my hand
For it’s only then I’d understand
An’ say ‘yeah this’s real’
Nur das Hässliche also sei echt und daher auch die Schönheit nur echt, wenn sie hässlich sei. In dem Gedicht sagt Dylan, dass ihn Baez eines besseren belehrt hätte. Aber wer die schönen Stimmen der Folk Music jener Jahre im Kopf hat, neben Baez etwa Peter, Paul & Mary oder Harry Belafonte in England Shirley Collins, in Australien die Seekers, begreift, weshalb Dylan mit seiner Stimme bewusst diese Gefälligkeit in Frage stellte. Das Volk, sagte Bertolt Brecht, gegen den DDR-Volkskitsch, ist nicht tümlich. Und die Volksmusik, sagte Dylan, sollte so wenig gemütlich sein wie ein Güterbahnhof.
Ach so: Kann Ray Davies singen? Klar. Er kann Ray Davies singen. Stücke von Elvis Presley oder Roy Orbison eher nicht. Und Dylan? Hat er nie versucht. Davies hat mal, wie John Lennon mit „You’ve Got to Hide Your Love Away“, ein Dylan-Imitat vorgelegt: „Don’t You Fret“. Nicht sein schlechtester Song:
Natürlich ist da mehr drin als nur die stimmliche Dylan-Anähnelung der Eingangsstrophen. Etwa eine Reminiszenz an schottische Volkslieder; dort, wo 1965 die frenetische Gitarre einsetzt, könnte, wollte man den Song covern, ein Dudelsack-Solo wie bei McCartneys „Mull of Kintyre“ passen. Übrigens bewundert Dylan Davies: “I think he’s a genius. Nobody ever asks me about him. I’ve always been a fan of Ray Davies ever since way back when. I’ve always liked him and his brother and that group.” Herrlich, wie ihm der Name nicht einfällt: „The Kinks“, Bob …