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Der Teufelskreis. Juden – unerwünscht.

Die Freie Universität Berlin sagt eine Ausstellung zu Pogromen an Juden ab. Die Begründung ist ein Zeichen der Geschichtsvergessenheit, der Furcht vor demokratischem Diskurs und der Toleranzbesoffenheit. Ist die Freie Universität noch ein Ort der Freiheit?

Es kann nicht überraschen, dass nach den Reaktionen an der FU Berlin auf das Pogrom der Terrororganisation Hamas vom 07. Oktober jüdische Studierende in Zukunft die FU meiden werden. Im Namen der Meinungsfreiheit geduldete Hörsaalbesetzungen von sogenannten „propalästinensischen Aktivisten,“ antisemitische Demonstrationen auf dem Campus und jetzt die Absage der Wanderausstellung „The Vicious Circle“des britischen National Holocaust Centre and Museum – ein weiteres Teil im Judenhasspuzzle, das sich seit einigen jahren in Deutschland ausformt. Dagegen durfte ausgerechnet eine ausgewiesene Judenhasserin wie die französische Politologin Emilia Roig („Wenn es um Palästina geht, darf mit Antisemiten protestiert werden.“) an der Universität über das Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus auf Einladung der Stabsstelle „Diversität“ an der FU referieren. Man fragt sich, ob Diversität für die Verantwortlichen Judenhass bedeutet, wenn so ein Vortrag von dieser Stelle initiiert wird.

Die Ausstellung, die tatsächlich erst im Januar zum Holocaust Gedenktag in London eröffnet und vorher in öffentlichen Räumen gezeigt werden soll, ist keine weitere Veranstaltung zur Shoa im Allgemeinen, sondern thematisiert gewaltsame Angriffe auf fünf jüdische Gemeinden von der Nazizeit bis in die Gegenwart. Es werden Parallelen zum Angriff der Hamas auf das Nova-Festival und den Kibbuz Reʿim gezogen und damit evoziert, dass sich dieses Ereignis in der Tradition antisemitisch motivierter Massenmorde befindet.

Rote Hände

Die Begründung der Absage durch die Universität, dieser Ausstellung im Foyer der Uni keinen Raum zu geben, atmet Angst vor konstruktiven Diskussionen im öffentlichen Raum und ist ein Zeichen der Unterwerfung vor religiös-faschistischen Ideologien. Die Ausstellung könnte starke Emotionen hervorrufen, heißt es, und vor Ort intensive und möglicherweise unangemessene Debatten auslösen. Man hört diese Begründung uns ist fassungslos, ob der Feigheit. Wie kann eine Universität, die ein Hort für Meinungsstreit und Demokratie sein sollte, Debatten als „unangemessen“ framen? Welche „Unangemessenheit“ könnte damit gemeint sein? Vielleicht die Unangemessenheit des Angriffs auf den jüdischen Studenten an der FU, Lahav Shapira, dem, nur weil er Jude ist, die Nase und ein Wangenknochen gebrochen wurde? Oder referiert „Unangemessenheit“ auf die Vorgänge an der UdK, wo im Januar eine Gruppe von Terrorunterstützern sich mit rotbemalten Handflächen einfand? Dort wurde das Bild eine Arabers angebetet, der seine vom Blut zweier Israelis, die in Ramallah gelyncht wurden, rot gefärbten Hände triumphierend einem Mob entgegenstreckte? Oder meint „Unangemessenheit“ die Sprechchöre „Hamas, Hamas – Juden ins Gas,“ deren Ohrenzeuge ich an der Gedächtniskirche nach dem 07.Oktober wurde?

Kapitulation

„Wir sind tief betroffen. Die Freie Universität Berlin steht für Offenheit und Toleranz und distanziert sich von jeglicher Form von Hetze und Gewalt.“ Das Statement des Präsidiums der FU zum Angriff auf Shapira bekommt im Zusammenhang mit der Absage der Ausstellung eine neue Dimension, die der Heuchelei einer Sonntagsrede. Die FU steht mit dieser Absage eben nicht mehr für Offenheit und Toleranz, sondern für die Kapitulation vor mutmaßlichen Gewaltausbrüchen von Terrorunterstützern, denen somit gesellschaftliche Relevanz zugestanden wird.

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Brechts Worte sind in diesem Zusammenhang mehr als zutreffend. Denn die FU ist nicht bereit, für die Erinnerung und gegen Judenhass zu kämpfen. Man ist nicht bereit, sich gegen faschistische Ideologien zu positionieren und man ist auch nicht bereit, gegen das Vergessen einzustehen, sondern gibt im Namen der moralischen Hybris universitäre Werte auf. Die FU hat sich mit dieser Absage zum Alliierten von Terrorunterstützern erklärt. Der Kreis zum Vortrag von Frau Roig schließt sich. Unsere Zivilgesellschaft hat mit dieser Schande eine weitere Niederlage erlitten.

Die Universität sollte sich ehrlich machen und das „Freie“ aus ihrem Namen streichen.

Daniel Anderson: Regiestudium an HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Berufsverbot als Filmregisseur in der DDR. Oberspielleiter, Autor und Schauspieler am Theater Senftenberg. Nach dem Mauerfall freier Regisseur, Autor (TV-Serie, Theater, Synchron), Schriftsteller und Musiker. Studium Vergleichende Religionswissenschaften in Bonn. Gründer und Leiter der „Theaterbrigade Berlin.“ Anderson lebt in Berlin und immer mal wieder in Tel Aviv.

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