Die Geschichte moderner Musik, von Richard Wagner und Arnold Schönberg, über Frank Sinatra und die Beatles, bis hin zu Tangerine Dream und Pink Floyd, ist voll von Beispielen für Konzeptalben. Mike Hans Steffl schreibt diese Geschichte konsequent fort. Schon mit früheren Werken wie „SUCCESSFUL FAILUR,“ das die Geschichte der Apollo 12-Mission thematisiert oder „CALABOOSE ISLANDS,“ das ein feines Netz spinnt, dessen End-und Startpunkte Geschichte von Gefängnisinseln sind, hat Steffl die Kunstform „Konzeptalbum“ immer weiter der Perfektion entgegen getrieben. Nun also „avarage of the avarage.“
Immer strebet zum Ganzen…
Steffl folgt über die Gesamtlaufzeit des Albums von ungefähr 62 Minuten der Idee, dem scheinbar gesellschaftlich geforderten Auftrag an den Einzelnen sich stetig weiter zu perfektionieren und dem eingeflüsterten Drang sich selbst zu optimieren, etwas entgegenzusetzen. Die Antwort darauf, was das sein könnte, oder auch sein sollte, versucht „avarage of the average“ nicht zu geben, sondern delegiert sie an das Publikum. Die Zusammenschau aus Titel und Musik kann und soll für jeden zu anderen Ergebnissen führen. Klar wird aber, dass, wenn man die Oberfläche dieses gesellschaftlichen Vibes beginnt abzulösen, die letzte Sicherheit erscheint, die jeder hat: die eigene Einzigartigkeit.
Steffl selbst beschreibt sein Album als einen „Schutzraum, in dem man niemanden etwas beweisen muss.“ Die Erkenntnis, die Reflektion, ausreichend zu sein, mag, wie Steffl sagt, „verstörend und schmerzhaft“ sein. Man kann das aber, wenn man dazu bereit ist, auch „Erdung,“ wie Steffl meint, empfinden und sich dadurch einen ganz natürlichen Wert zuzugestehen. Sich selbst akzeptieren durch den Schmerz des Bewusstwerdens. Das ist nichts fundamental Neues. Bereits Goethe hat das in seinem Gedicht „Streben“ thematisiert. Allerdings gelingt es Steffl mit seinem Werk, das in das Über-Jetzt zu holen und, ja, auch sich selbst Mut zu machen, an der möglicherweise empfundenen eigenen Mittelmäßigkeit nicht zu verzweifeln.
Stufen der Ebene
Die Titel der sieben Stücke des Albums variieren das Thema erkenntnistheoretisch, aber eben vor allem musikalisch, natürlich, möchte man ausrufen. Dabei verzichtet Mike Hans Steffl ganz bewusst auf Spitzen, auf die Aufdringlichkeiten, die Beherrschung musikalischer Techniken zu präsentieren. Er lässt seine Themen sich ineinander verweben und ermöglicht damit eine neue Art sich wahrzunehmen und sich auf eine Reise zu sich selbst zu begeben.
Im Eröffnungsstück des Albums, „repeated irrelevance“ (Wiederholte Bedeutungslosigkeit) öffnen erdige Cluster, deren Obertöne Orgelklänge und elektronische Wellen zu einem Klangraum verschmelzen, die Suche nach der Tür, hinter der eine „mühelose“ Ebene zu liegen scheint. Jeder hat schon versucht eine dieser Türen zu öffnen, oder immer dieselbe, und ist daran wiederholt gescheitert. Steffl verliert nichts, indem er sich in diesem Stück musikalisch wiederholen scheint. Ganz im Gegenteil. Das wird sich im Verlauf des Albums sehr variantenreich fortsetzen.
In „middle of nowhere“ (Mitten im Nirgendwo), dem kürzesten Stück des Albums, erlebt der Suchende, auf einem Level der Verlorenheit, sein scheinbares Scheitern. Treibende Drums wechseln mit Unwetter assoziierbaren Tonfolgen eines schwer lastigen
Synthesizers ab. Die bewusst unterspannte Komplexität des Stückes animiert den Hörer, das Scheitern als Weg zu begreifen, bevor das „Mitten im Nirgendwo“ aufgegeben werden kann.
In „gaussian dreams“ (Gaußsche Träume) referiert Steffl auf seine These, dass, wer dem mathematischen Mittelmaß perfekt entspricht, bereits einzigartig ist. Dass Steffl sich dafür ausgerechnet das Universalgenie Gauß zum Titelhelden wählt, darf getrost als ironisch interpretiert werden. Die Gaußsche Einheit, mit der die magnetische Flussdichte bezeichnet wird, entwickelt durch Klänge, die entstehen, bewegt man einen Magneten durch stromführende Spulen, ist die zweite, ganz unironische Ebene des Stückes, die die erste nahezu auflöst. Steffl spielt hier nahezu alle Möglichkeiten durch, sich in dieser Technik bewusst zu verlieren. Der Traum als Möglichkeit sich selbst und in dem So-sein zu verwirklichen. Zunächst wechseln sich Leichtigkeit und Schwere ab. Etwas, was sich anhören könnte wie ein Xylophon kontrastiert mit einer kontinuierlichen Basslandschaft auf einer hypnotischen Fläche. Im zweiten Teil bäumt sich die Musik in kleinen Rhythmuswechseln auf, um dann wieder zu ihrer exponierten Mitte zurückzufinden.
Das wahrscheinlich eindrücklichste, man könnte es auch das „wichtigste“ Stück des Albums nennen, ist „slanted average“ (Schräger Durchschnitt). Man möchte diesen Titel als Summe aller Stücke begreifen, quasi als Endpunkt, aber auch als Fortsetzung in die nächste Bewusstheit, oder als Kreis des vollendet unvollendeten Raumes. Steffl variiert hier ein, sich im Laufe des Stückes entwickelndes monochromes Thema aus Sequenzermustern und wallenden Synthesizerflächen lediglich durch Lautstärkendynamiken im Zusammenspiel mit feinen Accessoires aus mal nahen, mal fernen, mal harmonischen, mal disharmonischen Klangwelten. Hypnotisches Schweben über eine sich konstituierende Klanglandschaft, deren einzelne Bestandteile sich dem konkreten Zugriff zunächst entziehen, sich dadurch „schräg“ anfühlen mögen, formieren sich zu einem Treiben aus Untertönen und dunklem Wabern.
Tradition und moderne Moderne
Mike Hans Steffl gibt eindeutig zu erkennen, welche musikalischen Wurzeln sein Gesamtwerk prägen. Die Berlin School genannte Richtung elektronischer Musik, die sich Anfang der 70er Jahre konstituierte und die scheinbar aus einem ideologischen Reflex heraus entstand, ist Steffls „Heimat.“ Zu den bekanntesten Vertretern dieser Schule gehören die Tangerine Dream der frühen Jahre, As Ra Tempel und Agitation Free. Steffl tradiert mit seinem Werk diese Ursprünge, hebt sie gleichzeitig in eine ganz unprätentiöse Postmoderne und lädt sie mit philosophischen Inhalten auf. Das ist unbedingt Steffls Alleinstellungsmerkmal. Damit konzentriert das, woher er kommt, zu einem neuen Weg, der das Zeug dazu hat, eine eigene Stilrichtung zu werden. Dass er sich mit dem vorliegenden Album mit musikalischer Meisterschaft dem Thema des Besonderen des Mittelmaßes widmet, ist in diesem Zusammenhang genau das Gegenteil davon und nachgerade außergewöhnlich.
Das Album ist bei dem amerikanischem Label „Aural Films“ – https://auralfilms.bandcamp.com/yum – erschienen und kann ab dem 02.09.2026 auch aufMike Hans Steffls Bandcamp Seite gehört und erworben werden.
Bandcamp: https://mikehanssteffl.bandcamp.com/
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(c) Vorschaubild: Cover von Mike Hans Steffl
Daniel Anderson: Berufsausbildung zum Bootsbauer. Regiestudium an HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Berufsverbot als Filmregisseur in der DDR. Oberspielleiter, Autor und Schauspieler am Theater Senftenberg. Nach dem Mauerfall freier Regisseur, Autor (TV-Serie, Theater, Synchron), Schriftsteller und Musiker. Studium Vergleichende Religionswissenschaften in Bonn. Gründer und Leiter der „Theaterbrigade Berlin.“ Andersons Bücher sind im Spiegelbergverlag erschienen. https://spiegelberg-verlag.com/component/eshop/daniel-anderson. Anderson lebt in Berlin und immer mal wieder in Tel Aviv.
Das ist eine sehr interessante Perspektive: Wer mit einer Eigenschaft im Maximum der Gauß-Verteilung liegt, ist bereits „einzigartig“. Hat sich also bereits optimal an seine Umgebung angepasst. Ein Paradigmenwechsel? Früher wollten wir immer alle ‚besonders‘ und ‚individuell‘ sein. Ich frage mich gerade, ob auch das nicht nur ein Ausdruck des (kleinbürgerlichen?) Strebens nach Perfektion war. Danke für den Denkanstoß, werde später auch mal in die Musik reinhören.