
Gedanken eines Komponisten über die Leere im Kulturbetrieb und die Kraft der Biografie.
Ich hatte als Musiker das Glück, Menschen zu begegnen, deren Biografien von den harten Bruchkanten der Geschichte gezeichnet waren. Da war Leon Schwarzbaum, ein Auschwitz-Überlebender, dessen Zeitzeugengespräch mit Volker Schlöndorff ich musikalisch umrahmen durfte. Ganz anders, doch nicht weniger interessant, war der Lebensweg des Komponisten Klaus Wüsthoff, über den ich eine Biografie verfasste. Nachhaltig beeindruckt bin ich von der Vitalität und Selbstbehauptung ukrainischer Künstler – dazu wird zukünftig noch viel zu sagen sein.
An der Seite der Biografieforscherin Judith Kessler erzählte ich auf dem jüdischen Kulturschiff MS Goldberg Lebenswege am Klavier nach. Mit Rabbiner Walter Rothschild, der ironisch-humoristisch aus seinem Leben erzählt, war ich mehr als zehn Jahre auf Tour. Lebensreisen interessierten mich immer schon, natürlich nicht nur die „historisch gewaltigen“. Im Lebensweg eines Menschen liegt aus meiner Sicht der Ur-Keim jeder kulturellen Erzählung. Als Musiker und Komponist gehe ich so weit zu sagen: Eine Melodie oder musikalische Struktur ist im Grunde nichts anderes als eine biografische Linie in der Zeit – stets gibt es eine untrennbare Verbindung zum gelebten Leben. Weiterlesen