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Die Lust des Lehrers: Sting und „Don’t Stand So Close to Me“

„Lolita“-Filmposter. Wikimedia Commons – Public Domain

Der Musiker Gordon Sumner hat ein gewisses Händchen für Texte, die doppeldeutig sind, ohne hintersinnig zu sein. Schon sein Pseudonym “Sting” bedeutet einerseits Stachel, Stich, aber auch Betrug, Falle. Was dann doch widerwillig hintersinnig sein könnte.

Die Pointe in Stings Lied „Russians“ aus dem Jahre 1985, das der damaligen Friedensbewegung im Westen nach dem Mund redete, lautet: “But what might save us, me and you / Is if the Russians love their children too”. Auf die Kinderliebe der Gerontokraten im Kreml zu setzen war damals schon unsinnig, zumal in der sowjetischen Diktatur die kinderlieben russischen Menschen keinen Einfluss auf die Politik hatten. Und heute, da das ohnehin von einer demographischen Katastrophe betroffene Russland in der Ukraine etwa 1,2 Millionen tote und verwundete junge Männer verloren hat und täglich weitere 1000 bis 1400 in den Fleischwolf schickt, muss man sich allerdings fragen, was es mit der Kinderliebe eines Volks auf sich hat, das keine Kinder haben will und die wenigen Kinder, die es gibt, einer Fantasie imperialer Größe opfert.

Nur in Parenthese merke ich an, dass Sting mit der Zeile “How can I save my little boy / from Oppenheimer’s deadly toy?” so tut, als sei James Robert Oppenheimer allein für die Atombombe verantwortlich, und nicht etwa das riesige Manhattan-Projekt der USA; als habe Oppenheimer die Bombe als „Spielzeug“ betrachtet, während er in Wirklichkeit schwere berufliche Nachteile erlitt, weil er nach den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki für die internationale Kontrolle der Atomkraft eintrat, um ein Wettrüsten und einen erneuten Einsatz der Bombe zu verhindern.

Über „Every Breath You Take“, einen der erfolgreichsten Popsongs aller Zeiten, sagte immerhin Sting selbst: „Es klingt wie ein tröstliches Liebeslied. Ich erkannte in dem Moment nicht, wie unheimlich das Lied ist.“ In der Tat. Es ist der Song eines Stalkers. Über „You Don’t Know Me“ von Eddy Arnold – die beste Fassung ist von Ray Charles – schreibt Bob Dylan: „Ein Serienmörder würde diesen Song singen. (…) Sting hätte diesen Song statt ‚Every Breath you Take‘ schreiben können.“ Stimmt.

„Message in a Bottle“ klingt ein wenig wie Werbung für Whisky. Tatsächlich wurde – und nun sind wir beim Song, den ich besprechen will – „Don’t Stand So Close to Me“ mal als Deo-Werbung benutzt. Und das geht gar nicht, denn es handelt sich um einen Song über den sexuellen Missbrauch einer Schülerin durch ihren Lehrer. (Den Text findet man wie immer unten.)

Der ehemalige Englischlehrer Sting hat – als er noch offen über den Song sprach, später wurde er, vermutlich als Reaktion auf die beginnende #MeToo-Bewegung und weil der Song offensichtlich autobiographische Züge hat, vorsichtiger – die „Progression des Lieds“ wie folgt beschrieben: „Der Lehrer, die offene Seite, die Jungfrau, die Vergewaltigung im Auto, gefeuert werden.“

Im Song wird die “Vergewaltigung im Auto“ nur angedeutet: „Nasse Bushaltestelle, sie wartet, sein Auto ist warm und trocken.“ Ansonsten spiegelt der Song die Ambivalenz der Zeit – er ist aus dem Jahr 1980 – gegenüber dem, was man in Anspielung auf den Roman von Vladimir Nabokov, der auch im Song erwähnt wird, den „Lolitakomplex“ nennt.

Denn im Song wird dem Lehrer viel Sympathie entgegengebracht; verurteilt werden einzig die Freundinnen des Opfers, die „eifersüchtig“ sind und ihr als „teacher’s pet“ das Leben schwer machen: „You know how bad girls get“: Ihr wisst, wie übel Mädchen sein können. Und der Refrain schiebt dem Mädchen die Schuld für seinen Kontrollverlust zu: Komm mir bloß nicht so nah.

Am Ende zittert und hustet der Lehrer, „wie der alte Mann im Roman von Nabokov.“ Nun ja, vermutlich hustet er nur – „cough“ – weil Sting einen Reim für „Nabokov“ brauchte. Dabei hätte er sicher was mit „jerk off“ finden können. „His lust is her downfall / He ought to jerk it off / instead he’s like Humbert / in that book by Nabokov.” Oder so.

Zwei Jahre vor dem Song von Sting (mit „The Police“) hatte Christian Anders „Verliebt in den Lehrer“ aufgenommen: „Erst seit ein paar Wochen gibt er Unterricht / Alle Mädchen schwärmen / Doch er sieht es nicht.“ Gemessen an dieser Verlogenheit, als habe es nicht schon damals tausendfach Beziehungen zwischen Schülerinnen und Lehrern gegeben, ist allerdings Stings Schilderung der sexuellen Begierden eines hübschen jungen Lehrers immerhin ehrlich. Ich meine mich zu erinnern, dass eine Gestalt in Jochen Schimmangs Debütroman von 1979 (den ich seitdem nicht mehr gelesen habe)  fragt: „Warum schlafen wir nicht mit unseren schönen Schülerinnen?“

Ja, warum nicht? Außer den “strong words in the staff room” und „loose talk in the classroom” gibt Sting auf diese Frage keine Antwort. Schon merkwürdig, dass der Song als Deo-Werbung fungieren sollte. Er riecht schon ziemlich stark nach Männerschweiß.

 

Young teacher, the subject
Of schoolgirl fantasy
She wants him so badly
Knows what she wants to be

Inside him, there′s longing
This girl’s an open page
Book marking, she′s so close now
This girl is half his age

Don’t stand, don’t stand so
Don′t stand so close to me
Don′t stand, don’t stand so
Don′t stand so close to me

Her friends are so jealous
You know how bad girls get
Sometimes it’s not so easy
To be the teacher′s pet

Temptation, frustration
So bad it makes him cry
Wet bus stop, she’s waiting
His car is warm and dry

Don′t stand, don’t stand so
Don’t stand so close to me
Don′t stand, don′t stand so
Don’t stand so close to me

Loose talk in the classroom
To hurt they try and try
Strong words in the staff room
The accusations fly

It′s no use, he sees her
He starts to shake and cough
Just like the old man in
That book by Nabokov

Don’t stand, don′t stand so
Don’t stand so close to me

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Ein Gedanke zu “Die Lust des Lehrers: Sting und „Don’t Stand So Close to Me“

  1. avatar

    APo: ‚… was es mit der Kinderliebe eines Volks auf sich hat, das keine Kinder haben will und die wenigen Kinder, die es gibt, einer Fantasie imperialer Größe opfert.‘

    … kaum vorstellbar, dass ein Volk keine Kinder haben will und von imperialer Größe fantasiert. Ich unterstelle den Russen gleiche Kinderliebe wie sie andere Völker auch haben. Jetzt müssen Sie nur noch ‚rausfinden wer von imperialer Größe fabuliert und dafür eigene und die Kinder anderer opfert.

    Ich mag Every Breath You Take I’ll Be Missing You mit Puff Daddy …

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