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„Es lebe der Sozialismus!“

Bild oben bei Andreas Tölke

„Hä?“ Dachte ich, als ich in der Morgenausgabe des Neuen Deutschland vom 9. November 1989 diesen Aufruf Gerd Poppes und anderer las.

Den Apell an die DDR-Bürger, die noch nicht über Ungarn in den Westen entschwunden waren:

„Fassen Sie Vertrauen!

…Wir bitten Sie, bleiben Sie doch in Ihrer Heimat, bleiben Sie bei uns! … Helfen Sie uns, eine wahrhaft demokratische Gesellschaft zu gestalten, die auch die Vision eines demokratischen Sozialismus bewahrt!“

„Hä? Gehts noch?“ Dachte ich. In der DDR bleiben wegen Sozialismus? Konnte es überhaupt eine wirksamere Aufforderung zum Davonlaufen geben, als diese Drohung mit diesem Sozialismus?

Aber natürlich geht so was noch zu toppen. Mit diesem Aufruf, den dann Ulrike Poppe und andere los ließen:

„Für unser Land! 

… Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind.“

„Hä? Gehts noch?“ Dachte ich.“Humanistische Ideale“ von denen die damals mit ihrem Väterchen Stalin ausgegangen sein wollen?

Und auch so was geht noch zu toppen. Mit diesem Aufruf, den dann Grit Poppe und andere 2014 losgelassen haben:

„Jesus hätte gekotzt! 

Weihnachtsgruß von Neunundachtzigern:

Habt ihr euch nie gefragt: Wer liefert die Waffen für die Bürgerkriege, die die Menschen vertreiben?
Es ist das System das ihr nicht schnell genug bekommen konntet
Dem ihr den ’89er Versuch geopfert habt
Den Versuch einer alternativen Demokratie.“

„Hä? Gehts noch?“ Dachte ich. Die Menschen aus Syrien als Opfer des Kapitalismus? Und alles wäre anders, wenn die Sachsen nicht am 18. März 1990 diesen Kapitalismus gewählt hätten?

Obwohl:

Wenn es 2014 in Dresden diesen Kapitalismus nicht gegeben hätte, sondern diese „alternative Demokratie“, dann hätten Syrer oder Afghanen sich vielleicht wirklich einen anderen Zielort als Sachsen gewählt.

Ach so:

Bild oben: Die ersten Seiten von Ilko-Sascha Kowalczuks „Freiheitsschock“

Was ist eigentlich aus den Poppes geworden danach?

Na Gerd Poppe wurde der erste Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung.

Und Ulrike Poppe wurde zur ersten Beauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg ernannt.

Und Grit Poppes Erzählung wurde Pflichtliteratur in den Schulen Baden-Württembergs.

Ja doch: „Es lebe der Sozialismus!“

 

 

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

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