Zehn Jahre alt und kein bisschen veraltet: So lässt sich Stefan Austs Buch Hitlers erster Feind – Der Kampf des Konrad Heiden aus dem Jahr 2016 beschreiben.
Die Nazis sind wieder da – das vermitteln uns zumindest das linke politische Spektrum und die Medien, die sich diesem Lager verbunden wissen. Der sogenannte „Kampf gegen rechts“ ist allgegenwärtig, wobei „rechts“ häufig mit „Nazi“ gleichgesetzt wird. Es ist ein eifernd geführter Kampf – die eigene moralische Gipfellage stets im Blick. Der tatsächliche Kampf gegen die Nazis wurde vor Jahrzehnten geführt. Und der war lebensgefährlich.
In seinem Buch über Konrad Heiden skizziert Aust die historischen Nazis und Heidens frühen Widerstand gegen sie. Es ist keine Biografie im strengen Sinne, sondern eher eine historische Erzählung mit Heiden als zentraler Figur. Wer war Konrad Heiden? Er war Journalist und – wie der Buchtitel verrät – einer der ersten konsequenten Gegner Hitlers und seiner Bewegung.
Ein früher Warner in gefährlichen Zeiten
Heiden, 1901 geboren, begegnete dem „ersten Nazi“ – Hitler – bereits zu dessen Anfängen in München. Das war 1921 während der damals üblichen Kneipenauftritte des späteren Diktators. Von da an wurde Heiden gewissermaßen Hitlers journalistischer Schatten.
In zahllosen Artikeln beschrieb und analysierte er Hitlers Auftritte – und warnte früh vor ihm und der sich formierenden NSDAP. Offenbar erkannte Heiden sehr früh die Brisanz des hitlerschen Weltbildes. Vom Holocaust konnte er zu jener Zeit selbstverständlich noch nichts wissen; der systematische Völkermord an den europäischen Juden begann erst 1941. Umso erstaunlicher ist, mit welchem Nachdruck er sein Thema verfolgte.
Hellsichtige Analyse vor dem Abgrund
1932 veröffentlichte Heiden das erste umfassende kritische Buch über den Nationalsozialismus: Geschichte des Nationalsozialismus. Die Karriere einer Idee. Ähnlich scharf- und hellsichtig gelang das in jenen Jahren nur Sebastian Haffner mit seinem 1939 im englischen Exil erschienenen Werk Germany: Jekyll & Hyde.
Stefan Aust, selbst Journalist und Buchautor, gebührt das Verdienst, Konrad Heiden aus der Vergessenheit bzw. Unkenntnis ein wenig ins öffentliche Bewusstsein der Gegenwart zurückgeholt zu haben. Flüssig und spannend beschreibt Aust Heidens Weg als Journalist in der Weimarer Republik, seine Stationen auf der langen Flucht vor der Gestapo und seinen Neubeginn in den USA. Recht früh im Buch lässt Aust Heiden selbst zu Wort kommen. Mit bestechender Sprache beschreibt Heiden die Wirkung Hitlers auf seine Anhänger:
Die Zuhörer saßen wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede schon gar nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte.
Exil und existezielle Realität der Flucht
Der Aufklärer Heiden blieb der NSDAP – und damit der Gestapo – natürlich nicht verborgen. Nach der Machtübernahme 1933 war er in akuter Lebensgefahr. Was ihm blieb, war die Flucht. Erst nach Zürich, dann ins damals noch freie Saarland, schließlich nach Paris. Nach der Okkupation Frankreichs durch Hitlers Armee floh Heiden – nach zeitweiliger Internierung in französischen Lagern – ins nicht besetzte Marseille. Zu Fuß überquerte er 1940 die Pyrenäen und gelangte schließlich in Sicherheit: in die USA.
Kleiner Exkurs: Die Beschreibung von Heidens Flucht vor den Häschern der Gestapo verdeutlicht den Unterschied zu heutigen Migranten, die in den Medien zumeist pauschal als Flüchtlinge bezeichnet werden und unbehelligt mit geladenen Smartphones durch beliebig viele Staaten in das Land ihrer Wünsche ziehen und sich dort sogar in das Sozialsystem einklagen können.
Ein Tod ohne Nachruf in Deutschland
Nach Deutschland kehrte Konrad Heiden nur noch selten zurück, erstmals 1951. Für das US-Magazin Life schrieb er darüber:
Ich bin nicht darauf gefaßt gewesen, einen geradezu klagenden Pazifismus in einem Volke zu finden, das noch vor kurzem von Militarismus berauscht war.
Konrad Heiden starb 1966 in New York. Sein Grabstein würdigt ihn schlicht als Autor und Feind der Nazis, wörtlich: KONRAD HEIDEN – WRITER – FOE OF NAZIS – 1901–1966. Die New York Times, so schreibt Aust, widmete ihm einen ausführlichen Nachruf. In Deutschland dagegen erschien kein einziger Nachruf – lediglich kurze Notizen.