Bild (c) Herder Verlag
Jürgen Habermas lebte lange genug, um eine Welt zu erleben, die sein Ideal eines vernunftgeleiteten, herrschaftsfreien Diskurses wie eine Diva ein altmodisches Kleid abgelegt hatte. Mehr als zwanzig Jahre zuvor allerdings hatte er im Dialog mit dem späteren Papst Joseph Ratzinger erlebt, vielleicht sogarzeigen wollen, dass die Vernunft gegen Dogmatiker machtlos ist.
Der Philosoph und der Kirchenmann waren Generationsgenossen: Habermas, Jahrgang 1929, und Ratzinger, Jahrgang 1927, wurden beide Mitglieder der Hitlerjugend. Beide schlugen nach dem Krieg eine universitäre Karriere ein. Beide galten in der frühen Bundesrepublik als geistige Erneuerer: Habermas des Marxismus, Ratzinger des Katholizismus. Beide gerieten mit den radikalen 68ern in Konflikt, zogen aber aus dem Konflikt gegensätzliche Schlussfolgerungen. Habermas verteidigte die offene Gesellschaft und den ergebnisoffenen Diskurs, Ratzinger den Vorrang des Dogmas vor der Vernunft.
Das Thema ihrer Diskussion am 19. Januar 2004 in München lautete: „Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Es ging also um das „Böckenförde-Diktum“, um die Behauptung, die Demokratie beruhe auf „vorpolitischen“ moralischen und philosophischen Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorzubringen vermöge. Der nach eigenen Angaben „religiös unmusikalische“ Habermas kam dem Kirchenmann weit entgegen. Nach dem Hinweis, die weltanschauliche Neutralität des modernen Staates verbiete es dem Staatsbürger, „religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotenzial abzusprechen“, forderte er sogar eine „Lernbereitschaft der Philosophie gegenüber der Religion“. Denn die Religionsgemeinschaften hätten bestimmte „Intuitionen von Verfehlung und Erlösung, vom rettenden Ausgang aus einem als heillos empfundenen Leben“ intakt erhalten und gewisse „Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“ bewahrt, die in der rational verwalteten und vermarkteten Welt verloren zu gehen drohten. Die Religionsgemeinschaften könnten diese Intuitionen und Sensibilitäten allerdings nur glaubhaft bewahren, „sofern sie Dogmatismus und Gewissenszwang vermeiden“.
Ratzingers Relativismus
Ratzinger ging gar nicht auf dieses Dialogangebot ein, sondern antwortete mit einem Generalangriff auf „die säkulare Kultur einer strengen Rationalität, von der uns Jürgen Habermas ein eindrucksvolles Bild gegeben“ habe. Diese Kultur sei aber nicht universal gültig, sondern „an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden“ und daher als Produkt Europas „nicht in der ganzen Menschheit nachvollziehbar“: eine Relativierung, für die dem Kardinal der Dank autoritärer Dunkelmänner von Peking über Teheran bis in die arabische Welt gewiss sein dürfte.
Aber auch im Westen müsse angesichts des wissenschaftlichen Fortschritts „nun der Zweifel an der Verlässlichkeit der Vernunft aufsteigen“ denn: „Schließlich ist ja auch die Atombombe ein Produkt der Vernunft; schließlich sind Menschenzüchtung und -selektion von der Vernunft ersonnen worden.“
Man staunt ein wenig über die Trivialität solcher Vernunftkritik und ärgert sich über die allzu durchsichtige sprachliche Verschleierungstaktik. Um damit zu beginnen: Was meinte Ratzinger mit „Menschenzüchtung und –selektion“? Meint er etwa die Präimplantationsdiagnostik, die bei der künstlichen Befruchtung eine Erbkrankheit des künftigen Menschen ausschließen soll? Oder meint er die nationalsozialistische Rassenzüchtung, die zur Selektionsrampe von Auschwitz führte? Wollte Ratzinger gar mit seiner Rede von „Züchtung und Selektion“ bewusst den Unterschied zwischen Heilen und Morden relativieren? Vermutlich Letzteres, denn als Papst Benedikt XVI hat Ratzinger in der ersten Taufpredigt seines Pontifikats ausgerechnet die weltliche Kultur des Westens als „Anti-Kultur des Todes“ verdammt. Ähnlich starke Worte zur Verurteilung des Nationalsozialismus fand der Vatikan damals leider nie – und findet sie auch heute nicht zur Verurteilung etwa des islamischen Fundamentalismus.
Ratzinger Verwechslung von Zweckmäßigkeit und Vernunft
Intellektuell ähnlich billig und moralisch genauso bedenklich ist es, eine fundamentale Kritik der Vernunft ausgerechnet mit der Atombombe zu begründen. Menschen können zweckgerichtet denken. Aber die Vernunft zu reduzieren auf die Zweckmäßigkeit, ist pure Demagogie. Die Todesfabrik von Auschwitz war zweckmäßig eingerichtet; aber sie diente nicht der Vernunft, sondern dem Rassenwahn.
Die Frage ist also nicht, ob Waffen an sich moralisch oder unmoralisch sind, sondern ob sie der Vernunft dienen oder dem Wahn. Albert Einstein forderte US-Präsident Franklin D. Roosevelt zum Bau einer Atombombe auf, weil er wusste, dass seine Kollegen in Nazideutschland – unter ihnen die Christen Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker – an der Bombe arbeiteten. Man muss sich nur einmal vorstellen, was es bedeutet hätte, wenn der Massenmörder Hitler zuerst in den Besitz dieser Massenvernichtungswaffe gekommen wären, um dem großen jüdischen Physiker für seine Initiative unendlich dankbar zu sein.
Die Steinschleuder in Davids Hand diente der Rettung Israels vor der Übermacht seiner Feinde. Die Atombombe in Israels Hand dient heute dem gleichen Zweck. Es ist weder unmoralisch noch unvernünftig, diese Waffe zu besitzen; im Angesicht eines wahnhaften Antisemitismus, der den Judenstaat von der Landkarte wischen will, wäre der Verzicht darauf sowohl unvernünftig als auch moralisch unverantwortlich. Anders gesagt: Die instrumentelle Vernunft wird Waffen ersinnen müssen, solange die existenzielle Unvernunft den Frieden verhindert. Eine Unvernunft, die in Gestalt des religiösen und pseudoreligiösen Wahns daherkommt.
Dass jeder wissenschaftlich-technische Fortschritt auch die Gefahr seines Missbrauchs in sich birgt, ist trivial; das lernt jeder Klippschüler. Was man mit Passagierflugzeugen oder Mobiltelefonen anstellen kann, weiß man spätestens seit den Terroranschlägen von New York und Madrid. Was man mit biologischen Viren aus medizinischen Labors oder mit Computerviren aus dem Internet alles anstellen könnte, wissen Sicherheitsfachleute nur allzu gut. Diese Erkenntnis spricht nicht gegen die Vernunft, die Flugzeuge, Mobiltelefone, Impfstoffe und Computerprogramme ersinnt. Sie spricht im Gegenteil dafür, auch die menschlichen Beziehungen vernünftig zu regeln, um Missbrauch nach Möglichkeit auszuschließen.
Die Verunft „unter Aufsicht stellen“? Und wer sollen die Aufseher sein?
In der Diskussion mit Habermas forderte Ratzinger stattdessen jedoch ein Nachdenken darüber, „ob nicht die Vernunft unter Aufsicht gestellt werden“ müsse; eine Formulierung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte, um sich ihrer Implikationen bewusst zu werden. Denn wer würde diese Aufsicht stellen? Welches Konzept sollte über der Vernunft stehen, die Vernunft, um Ratzingers Wort zu benutzen, „reinigen“?
„Für Christen hätte es mit der Schöpfung und dem Schöpfer zu tun. In der indischen Welt entspräche dem der Begriff des ‚Dharma’, der inneren Gesetzlichkeit des Seins, in der chinesischen Überlieferung die Idee der Ordnungen des Himmels.“
Ratzinger ließ bewusst das schon damals und erst recht heute aktuelle Beispiel für eine religiöse Aufsichtsinstanz weg: den „Wächterrat“ der islamischen Republik Iran.
Sollte es den tapferen Iranern und Iranerinnen, die seit Jahrzehnten gegen die Diktatur der Mullahs rebellieren, mit Hilfe oder trotz amerikanischer und israelischer Bomben gelingen, ihre Peiniger loszuwerden: An wem werden sie sich orientieren? An dem Philosophen, der sich einen Staat wünschte, in dem ein herrschaftsfreier, vernunftgeleiteter Diskurs die Politik bestimmte, in dem aber die Philosophen ihrerseits ihren Hochmut gegenüber der Religion ablegten; oder am Kirchenmann, der – je nach Kultur verschieden – den Religionen – genauer: den Vertretern der Religionen – das letzte Wort bei der Definition dessen lassen wollte, was als vernünftig zu gelten habe?
Danke, lieber Alan Posener, für den Lektüretipp.
Und dazu: https://www.perlentaucher.de/buch/alan-posener/benedikts-kreuzzug.html