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Geschlecht als Wissenskategorie

Warum sind National-Körper weiblich – Britannia, Deutschland, die Fußballmannschaft? Das Individum aber männlich, wie der „deutsche Michel“ oder „John Bull“? Alan Posener hat dazu ein Interview mit Christina von Braun geführt. Und weil er darin „starke Meinungen“ verspricht, hier nun ausnahmsweise kein Kommentar, sondern ein Interview.

Vom 2. bis 4. Dezember findet an der Humboldt Universität zu Berlin eine internationale Konferenz zum Thema „Fundamentalism and Gender“ statt:

http://www2.hu-berlin.de/gkgeschlecht/Fundamentalismus/

Zu dieser Konferenz ist auch die „Queer-Theoretikerin“ Jasbir Puar aus New Jersey eingeladen, die einige merkwürdige Ansichten über Israel hat:

http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/jul/01/israels-gay-propaganda-war

Im Zuge der Recherche zu einem Artikel über Kategorien wie „Homonationalism“ und „Pinkwashing“, die bei Puar (aber auch etwa bei Judith Butler) eine zentrale Rolle spielen, sprach ich mit einer der Organisatorinnen der Konferenz, Christina von Braun. Da das Interview über diese Fragestellungen hinaus (und trotz des kürzlich erschienenen Interviews mit Professorin von Braun in der „Zeit“, das in einigen Punkten die gleichen Themen behandelt) von Interesse ist, veröffentliche ich es hier, da die „starken Meinungen“ von Interviewer und Interview-Gast ganz gut zum Ausdruck kommen.

Was bedeutet eigentlich „Geschlecht als Wissenskategorie“?

Es geht in erster Linie um Geschlechterbilder in den Wissensformationen. Warum sind alle alle National-Allegorien weiblich? Der individuelle Brite oder Deutsche ist zwar männlich – John Bull, der deutsche Michel und so weiter – aber der National-Körper wird immer weiblich gedacht: Britannia, Germania, Marianne. Gilt übrigens für alle Gemeinschaftskörper, selbst die Fußballmannschaft ist weiblich. Es geht dann auch darum, wie solche Kategorien in die Wissenschaft einwandern und mächtig werden, warum die Universität ‚alma mater’ heißt und sich das Seminar von ‚semen’, dem männlichen Samen, ableitet.  Geschlechterbilder waren sehr wirkmächtig bei der Herausbildung wissenschaftlicher Paradigmen.

Gut, aber was ist eine „Wissenskategorie“? Was wäre eine andere Wissenskategorie?

Berechenbarkeit zum Beispiel, also die Mathematisierung der Wissenschaft ab dem 18. Jahrhundert. Gender als Wissenskategorie bestimmt die Metaphorik vieler Wissenschaften, auch die Wissenschaftspraxis selbst: Über Jahrhunderte durften Frauen nicht studieren – angeblich, weil es nicht zu ihrer Natur passte. Ein kulturelles Konstrukt, das biologisiert wurde und das Wissen und die Wissenschaft prägte.

Das verstehe ich eher als Kategorie der Wissenschaftskritik.

In der Tat: Die Frage nach Geschlecht ist Wissenschaftskritik, Wissenschaftsanalyse, auch Wissenschaftsgeschichte.

Und jetzt „Fundamentalismus und Gender“. Es scheint so selbstverständlich zu sein, dass der monotheistische Fundamentalismus eine merkwürdige Obsession mit dem weiblichen Körper hat…

Mit dem Geschlecht und den Geschlechterrollen überhaupt.

Aber wo betritt diese Konferenz denn Neuland?

Wissen Sie, es gibt nicht viele Bücher, die sich mit dem Fundamentalismus beschäftigen, auch die Geschlechterfrage erwähnen, aber sie fragen selten danach, warum die Geschlechterfrage in den interkulturellen Konflikten derartig fokussiert wird. Sie spielte schon im Antisemitismus – vor allem im rassistischen Antisemitismus – eine wichtige Rolle. Und nun tritt die Art, wie Geschlechterrollen definiert werden, auch in den Konflikten zwischen dem Islam und der christlichen oder christlich-säkularen Gesellschaft ins Zentrum. Die muslimische Gesellschaft wird permanent über die Frage des Kopftuchs definiert – es wird zur Projektionsfläche für viele unterschiedliche Kategorien, die von Rückständigkeit bis zu Terrorismus reichen. Und umgekehrt wird der Westen aus muslimischer Sicht über die Kommerzialisierung des weiblichen Körpers oder die sexuelle Freizügigkeit definiert und kritisiert. In beide Richtungen ist also die Kritik am Anderen eine Kritik an der Art, wie Geschlecht und Geschlechterrollen definiert werden. Das verschärft sich noch im Zusammenhang mit den fundamentalistischen Bewegungen.

Aber das Thema der Konferenz ist ja „Fundamentalismus und Gender“ und nicht „Westliche Islam-Kritik“.

Auf der Konferenz sprechen Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler, Islamwissenschaftler, aber eben auch christliche Theologen – und sie thematisieren ganz unterschiedliche Perspektiven, die vom religiösen Fundamentalismus bis zur modernen Wissenschaftskritik reichen. Ich selbst habe mir vorgenommen, die Gemeinsamkeiten der Fundamentalismen aufzeigen – etwa eine hohe Ambivalenzunfähigkeit, also das Verlangen nach Eindeutigkeiten; dann die Tatsache, dass diese Bewegungen zwar von Männern getragen, aber auch oft von begeisterten Frauen mitgetragen werden; es gibt eine starke Textgläubigkeit, von den Bible-Belt-Fundamentalisten über islamische Fundamentalisten bis hin zu jüdischen Fundamentalisten. Natürlich gibt es Unterschiede – die jüdischen Fundamentalisten haben keine Probleme mit der Evolution und Darwin, jüdische Gelehrte wie Maimonides haben schon vor Jahrhunderten gesagt, dass man die Bibel nicht wortwörtlich nehmen soll. Aber es gibt eben auch Gemeinsamkeiten, und zu denen gehört meistens der Wunsch einer Rückkehr zu den traditionellen Geschlechterrollen. Gemeinsam ist auch, dass in allen drei Religionen des Buches – Judentum, Christentum und Islam – das geschriebene Wort immer gedacht wird als an den männlichen Körper gebunden,  während Oralität mit Weiblichkeit gleichgesetzt wird. Für Skripturalismus und Literalismus gibt es also auch bestimmte geschlechtliche Kategorien, die wenig mit dem biologischen Körper der Frau oder des Mannes zu tun haben, aber viel mit kulturellen Mustern, wie man Männlichkeit und Weiblichkeit denkt.

Was war zuerst da: die Schriftgläubigkeit oder das Patriarchalische?

Interessante Frage. Die beiden Dinge sind eng miteinander verbunden. Alle drei Religionen basieren auf Heiligen Schriften. Und alle drei sind in alphabetischer Schrift niedergelegt. Beim Alphabet werden Phoneme, also gesprochene Laute, in visuelle Zeichen überführt, die Sprache trennt sich vom Körper des Sprechenden, und die Worte – auf Papier oder Stein verewigt – beginnen ein Eigenleben zu führen. Dieses Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird immer stark sexuell kodiert. Die Schrift wird von einem Mann verkündet, nur ein männlicher Priester oder Geistlicher darf die Schrift verkünden, interpretieren und so weiter, während die gesprochene Sprache mit Weiblichkeit verbunden wird.

Im Judentum doch am allerwenigsten. Da gibt es doch Prophetinnen wie Deborah…

Im Gegenteil. Das Judentum ist gerade in dieser Hinsicht sehr interessant. Weil die Oralität sich etwa beim osteuropäischen Judentum im Jiddischen kundtut, die immer als Sprache der Frauen angesehen wurde, während das Hebräische die Sprache der Schrift, der Jeschiwa und der Männer ist.

Aber noch einmal: Gerade die Juden haben Prophetinnen…

Ja, und auch Interpretationen der Gestalt Gottes als weiblicher Gestalt in der Kabbala, in der jüdischen Mystik. Das haben Sie im Christentum auch, denken Sie an Maria, an die Ecclesia. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten, die Gestalt der Gemeinde zu denken, etwa Israel oder die Kirche als die Braut Gottes, oder die islamische Umma als mütterlicher Körper, die alle umschließt. Das gibt es in allen drei Religionen. Aber ich spreche von der mündlichen Kommunikation in der Gemeinschaft. Im christlichen Mittelalter nannten die Gelehrten das Lateinische die Vatersprache, die gesprochenen National- oder Regionalsprachen hießen Muttersprachen.

Ich möchte auf die Frage unserer Kopftuchobsession zurückkommen. Gibt es nicht einen fundamentalen Gegensatz zwischen einer aufgeklärten Gesellschaft, in der die Unterdrückung der Frau als anstößig gilt, und einer religiös bestimmten Gesellschaft, in der ihre Emanzipation als anstößig gilt?

Natürlich sind diese Gesellschaften sehr unterschiedlich. Aber vieles von dem, was mit „dem Islam“ in Verbindung gebracht wird, ist eher archaisch als islamisch. Die Klitoris-Beschneidung zum Beispiel, die ja auch bei christlichen Kopten durchgeführt wird, ist nichts Islamisches. Oder der Ehrenmord. Den gab es in Griechenland, auf Kreta bis in die 1950er, 1960er Jahre hinein.

Wir haben alle „Alexis Sorbas“ gesehen.

Genau. Es wird aber nicht differenziert zwischen archaischen Erbschaften und der Erbschaft des Islam. Das zum einen. Und dann: im islamischen Raum gab es eine Blüte der Wissenschaft, die erst im 12. und 13. Jahrhundert zu uns kam und zum großen Wissensschub und Säkularisierungsschub der christlichen Welt beitrug…

Geschenkt. Aber warum ist die islamische Welt heute so rückständig? Auf Kreta wird kein Ehrenmord praktiziert. In vielen islamisch geprägten Teilen der Welt schon. Diesen unterschied muss man doch machen.

Absolut. Und es gibt darüber durchaus eine Reflexion in der islamischen Welt. Inzwischen werden auch weibliche Imame ausgebildet in Marokko und Ägypten, nicht nur in Europa, während unsere katholische Kirche bis heute keine Frau zum Priesteramt zulässt. So einfach können wir es uns nicht machen, dass sich alle Rückständigkeit im islamischen Raum abspielen, während es in unserer christlich-säkularen Welt keine Rückständigkeit gibt. Oder denken Sie an die Gewalt gegen Frauen. Wenn man die Berichte über den Islam hört, könnte man meinen, das gebe es in der westlichen Welt nicht. Die EU-Kommission hat in ihrem Bericht über Gewalt gegen Frauen gerade das Gegenteil nachgewiesen.

Was denn nun: christlich oder säkular?

Das wissen die westlichen Gesellschaften selber nicht. Die Franzosen haben das Kopftuch an den Schulen für Lehrerinnen und Schülerinnen verboten, mit der Begründung, das Frankreich ein laizistisches  Land ist. Deutschland hat das Kopftuch für Lehrerinnen verboten mit der Begründung, dass Deutschland christlich geprägt sei. Das Resultat ist das gleiche.

Nein, es ist nicht das gleiche. Denn in Frankreich dürfte ja auch kein Kreuz in einer staatlichen Schule hängen.

Ja, aber das Kopftuch wird einmal mit säkularer, einmal mit christlicher Begründung verboten. Und so sind wir im Westen. Wir gehen zwar nicht mehr in die Kirche, aber wir berufen uns ständig auf christliche Werte und Traditionen. Auch wenn wir noch so atheistisch sind, dürfen wir am Sonntag nicht einkaufen. Wir leben in einer viel christlicheren Welt als wir wahrhaben wollen. Und darüber werde ich auch referieren: Was für Kategorien in die säkulare, wissenschaftliche Welt hinübergewandert sind, die eigentlich christlichen Ursprungs sind.

Geschenkt.

Keineswegs. Sie haben ja die Entweder-oder-Frage säkular oder christlich gestellt. Wir leben als kulturelle Christen, auch wenn wir säkular sind. Im Übrigen halte ich es auch nicht für einen Zufall, dass der Säkularisierungsprozess in der christlichen Welt eingesetzt hat: Die Aufklärung verdankt sich, viel mehr als sie sich selbst hat träumen lassen, christlichen Paradigmen. Von einer religiösen Heilsbotschaft mit einem Mensch gewordenen Gott ist es nicht weit bis zur Selbstermächtigung des Menschen.

Aber die Gesellschaft, in der ich lebe, ist auf andere Weise christlich, als jede muslimische Gesellschaft, die ich kenne, islamisch ist. Bei uns könnte nicht passieren, was im Iran passiert, dass eine Frau gesteinigt werden soll wegen Ehebruchs. Und zwar von Staats wegen.

Ich verteidige das nicht. Unterstellen Sie mir das bitte nicht. Ich finde ganz schrecklich, was sich im Iran abspielt. Entsetzlich. Und das in einem Land, wo es so viele intelligente und gut ausgebildete Frauen gibt, dass man an manchen Universitätsfakultäten Männerquoten eingeführt hat. Wissen Sie übrigens, dass man im Iran Schwule dazu drängt, Geschlechtsumwandlungen vorzunehmen? Andernfalls riskieren sie die Todesstrafe. Sie wissen, was das bedeutet – diese transsexuellen Operationen. Also, Sie werden mich nicht dazu bringen, das zu verteidigen. Dennoch sage ich: Es gibt bei uns eine bestimmte Art, den Islam generell mit Rückständigkeit zu identifizieren, mit der man es sich zu einfach macht.

Sie haben Jasbir Puar zu Ihrer Konferenz eingeladen, und zwar explizit zum Thema: „Beware the Pinkwashing of Israel“.

Eben nicht explizit zu diesem Thema. Wozu wir sie eingeladen haben, war „Nation Building and Gender“. Der Titel ihres Vortrags lautete „A Queer Turn to Life? Homonationalism and Biopolitics“ Deshalb ist sie auch in diesem Panel zur Biopolitik. Kurz vor Drucklegung des Konferenzprogramms hat sie uns einen anderen Titel geschickt – und der ist in der Tat ein Problem, vor allem seitdem sie in einem Artikel im Guardian gesagt hat, was sie darunter versteht. Der Artikel erschien, nachdem das Programm gedruckt und verschickt war. Mir haben schon vor Jahren Feministinnen aus Israel, israelische Intellektuelle, ihre Sorge darüber mitgeteilt, wie die liberalen Gesetze Israels zur Sexualität benutzt werden, um gegen moslemische Rückständigkeit zu argumentieren. Insofern ist Puars These nicht ganz neu, und sie wird sogar in Israel formuliert. Problematisch an ihren Argumenten ist, dass sie Israel nur unter dieser Perspektive zu sehen bereit ist.

Aber bei Frau Puar ist es so: Wenn Israel schwulenfeindlich wäre, so würde man das benutzen, um zu zeigen, dass eine imperialistische Gesellschaft auch repressiv nach innen ist. Da Israel aber schwulenfreundlich ist, so ist das „Pinkwashing“, eine imperialistische Strategie, um die Palästinenser als Muslime abzuwerten. Kopf ich gewinne, Zahl du verlierst.

Absolut. Die Kritik, die auch in Israel geäußert wird, ist dass israelische Politiker die selbst mit Gays nicht viel am Hut haben, dieses Bild Israels verwenden, um Israel auf- und die Araber abzuwerten. Bei Frau Puar finde ich es absolut töricht, dass sie ganz Israel in die Kritik einschließt. Es ist viel komplexer, und wenn sie Israel einen totalitären Staat nennt, dann denkt man, ja, die hat sie nicht alle. Israel ist alles andere als totalitär. Israel ist repressiv gegenüber Palästina, ja, das kann man vielleicht behaupten, aber Israel als totalitären Staat zu bezeichnen ist absoluter Quatsch. Sie sind übrigens keineswegs der einzige, der nachhakt. Seit dem Artikel im Guardian kommen einige Mails mit der Frage, warum wir Frau Puar nicht wieder ausladen. Das wäre auch falsch. Erstens hat sie wirklich interessante Sachen über das Verhältnis von queer und moderne Nationalkonstruktionen geschrieben – bisher vor allem am Beispiel anderer westlicher Länder – und zweitens kann man mit solchen Kontroversen auch konfrontativ umgehen. Wir haben uns diese Kontroverse nicht gewünscht, aber nun werden uns dieser Diskussion stellen müssen.

Es geht das böse Wort um vom „Homonationalismus“. Judith Butler redet davon, Frau Puar auch. Man mag es merkwürdig finden, wenn reaktionäre Politiker, die noch gestern gegen Schwule waren, heute die Rechte von Schwulen als Knüppel gegen den Islam gebrauchen. Aber der Hauptimpuls ist eben nicht Nationalismus, also Partikularismus, sondern  Universalismus. Alle Menschen sollen die gleichen Rechte haben. Wenn man wie Frau Puar im Namen der palästinensischen Befreiung redet, dann stellt gerade sie den Nationalismus über die Menschenrechte. Das ist doch ein Rückschritt gegenüber der Aufklärung.

Richtig. Da wird sie zu einer Aktivistin – und das bekommt der Analyse meist nicht gut. Interessant ist doch nur, dass mit sexueller Liberalität Politik gemacht wird. Damit wird aus der Kategorie „Schwulsein“ eine symbolische Kategorie, ein leerer Signifikant, mit sich dem Nationalpolitik machen lässt.

Aber hat eine Nation, die demokratisch und schwulenfreundlich ist, nicht das Recht, damit zu werben?

Natürlich. Berlin tut das ja auch.

Genau. Ist es nicht im Interesse aller Schwulen überall, wenn diejenigen, die schwulenfreundlich sind, damit werben?

Wenn damit die Situation der Schwulen gemeint ist, ist es ja in Ordnung…

Das ist ja in Israel der Fall.

… Aber wenn es verwendet, um andere als rückständig abzuwerten, dann wird daraus etwas anderes. Wenn Berlin zum Beispiel das eigene Image einer schwulenfreundlichen Stadt verwenden würde, um das nahegelegene Polen abzuwerten, wäre das problematisch. Tut Berlin zum Glück nicht.

Ich kenne keine offizielle israelische Stellungnahme, in der es heißt, die Palästinenser können keinen eigenen Staat haben, weil sie schwulenfeindlich sind.

Das habe ich auch noch nie gehört. Aber es ist halt dort wie im Westen allgemein, wo über die Rückständigkeit des arabischen Raums gesprochen wird und etwa Ehrenmorde ins Feld geführt werden, um den Islam zu charakterisieren. Das tun auch Israelis durchaus.

Aber niemand hat die Rückständigkeit der arabischen Welt so vernichtend dargestellt wie der jährliche „Arab Human Development Report“ der Vereinten Nationen, geschrieben von arabischen Forschern.

Das Wort Rückständigkeit taucht dort nicht auf. Es ist von niedrigen Alphabetisierungsraten die Rede und anderem mehr. Nur, diese niedrigen Alphabetisierungsraten haben wenig mit dem Islam zu tun. Es gibt islamische Länder, deren Alphabetisierungsraten kaum niedriger sind als die der westlichen Industrieländer. Auch arabische übrigens. Einige Emirate haben große Anstrengungen unternommen und beachtliche Erfolge erzielt.

Es ist von menschlicher Entwicklung die Rede, und es heißt dort, dass sie gehemmt wird, vor allem durch autoritäre Strukturen und Staaten. Nirgendwo entwickeln Menschen ihr Potenzial weniger, allenfalls in einigen Teilen Afrikas. Wie würden  Sie das nennen?

Ich verteidige es ja auch nicht. Auch was im Iran passiert, ist furchtbar. Aber all das scheint doch eher ein Problem autoritärer Regimes zu sein als eine Folge des Islam. Der Islam wird in vielen dieser Länder – auch in Saudi Arabien – als Mittel der Unterdrückung verwendet, das ist richtig. Auch die Nazis haben christliche Symbole verwendet, um ihrer Politik Rückhalt zu verschaffen. Aber dieser Missbrauch ist nicht notwendigerweise der Religion selbst inhärent, wie viele im Westen vom Islam behaupten.

17 thoughts on “Geschlecht als Wissenskategorie

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    @Lieber Herr Posener: Sie und ich setzen sich für gleiche Inhalte ein – für eine kritische und objektive Sicht auf den Islam und, selbstverständluch für uns beide, gegen jede Form von Rassismus und gegen jegliche Verletzung der Menschenwürde.
    Das Thema Islam ist diskussionsbedüftig- und würdig. Gerade in dieser Zeit wird die Akzeptanz, was den Islam betrifft immer größer, zumindest in meinem Microkosmos. Die Kopftücher sind – zumindest in BW – beinahe verschwunden, was hauptsächlich darauf zurückzuführen ist – wie mir z.B. eine Muslima persönlich erklärte – daß sich die Muslime in Deutschland seit Sarrazin, nicht seit der Äußerung von softy Christian, erstmalig in Deutschland überhaupt wahrgenommen fühlen!!!! Ein interessanter Aspekt, oder nicht??

    Und seit der Indiskretion von Wiki leaks hat sich die Einstellung zu Israel auch einigermaßen „positiviert“, denn die Mitläufer in diesem Land müssen sich immer am starken amerikanischen Leitwolf orientieren, und dessen wahre Einstellung zu Israel, die auf den Erfordernissen basiert, nicht auf den Präferenzen von Herrn Obama, vermutlich, macht jetzt die „Nazi-Israelis“ bei manchen Deutschen wieder plötzlich gesellschaftsfähig.

    Mich erstaunt nun doch sehr, daß ein Liberaler, der wie ich auf Verletzungen der Menschenrechte immer etwas allergisch reagiert, die gesellschaftlche Diskriminierung von Jesuiten in keiner Zeile kommentiert. Seit dem Schlichter-Versuch von Dr. Geißler wurde Deuschland in der Presse, sogar in der abgeblich seriösen, immer wieder als Jesuiten Republik, Herr Geißler sehr übel als Jesuitenzögling diskreditiert.

    Ist die Würde von Herrn Dr. Geißler. bzw. der Jesuiten, weniger wert, als die von Muslimen, oder Protestanten?
    Gute Frage, oder?

    Sie kennen meinen religiösen Hintergrund. Im Nachkriegsdeutschland mußte ich bei Nazi-Lehrern zur Schule gehen, die in der Schule laut verkünden durften:
    „Mit den Juden sind wir fertig, jetzt kommen die Katholiken dran“.
    Ich vermisse schmerzlich Ihre gewohnte Ausgewogenheit und Ihren Kommentar dazu.
    LG Ihre Landplage

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    Sehr sehr interessant! Wer erklärt mir bitte, was mit dem Begriff „pinkwashing“ genau gemeint ist? Scheine da nicht mehr auf der Höhe des Diskurses zu sein… Danke!

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    @ Burkhard Wahle: Mit „Pinkwashing“ ist die finstere imperialistische Taktik der zionistischen Aggressoren gemeint, Schwule nicht zu verfolgen, an Baukränen aufzuhängen usw., sondern volle Freiheit und Selbstbestimmung zu gewähren, wodurch das zionistische Gebilde in den Augen mancher irregeleiteten westlichen Homosexuellen als liberaler oder gar „fortschrittlicher“ erscheint als jene Organisationen wie Hamas usw., die für die Befreiung ganz Palästinas kämpfen.
    @ Rita Groda: Wenn sie mir Quellen nennen, kann ich mich gern der Thematik annehmen. Selbstverständlich sollen Jesuiten – trotz ihrer üblem Rolle etwa in der Geschichte meiner Heimat England – nicht als Jesuiten diffamiert werden. Allerdings: Es mag in BaWü schwer vorstellbar sein, aber im Rest der Republik ruft Stuttgart 21 mittlerweile einen einzigen Gähnreflex hervor. Man sagt sich, baut euren Bahnhof oder lasst es bleiben, aber bitte verschont uns mit diesem „Stuttgart steht auf!“-Pathos. Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken, sagte der große Schwabe Friedrich Schiller, und, so folgere ich, er schrumpft mit seinen kleineren.

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    @ Alan Posener: Danke, habe verstanden. Man kann also aus guten Gründen „irregeleitet“ sein. Viele Grüße, B. Wahle

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    @Alan Posener: Wenn der Gähn-Effekt so groß ist, sei die Frage erlaubt, warum die Medien über dem Thema nicht einschlafen? Keiner aus BW hat sie aufgefordert die Republik 21 auszurufen!
    Wenn das Thema Demokratie Sie zum Einschlafen bringt, lieber Herr Posener, dann ist dies sicherlich ein Generationenproblem;oder er liegt daran, daß Damen im Klimakterium anders reagieren, als Männer.

    Der Mensch schrumpft nicht nur mit den kleineren Aufgaben, auch mit dem Alter. Was der, der empfiehlt mit der Peitsche zum Weib zu gehen über den Zustand sagt, in dem Menschen sich kleiner machen, oder kleiner werden, wissen Sie.

    Es geht nicht um die Jesuiten, es geht um den Grundsatz.
    Und es geht um Ausgewogenheit, als deren herausragendster Vertreter, in der Deutschen Presse, bisher Sie mir erschienen. Da mir ebenso erscheint, Ihnen ist gerade Ihr Humor abhanden gekommen, kümmere ich mich lieber weiterhin selbst um die Thematik.

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    @ Rita E. Groda: Gut gebrüllt, Löwin! Trotzdem beharre ich darauf: es geht in Stuttgart nicht um die Demokratie, sondern um einen Bahnhof.

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    @ Alan Posener

    Es geht um Demokratie im klassischen Sinne, etwas, das in unserer „Parteien-Demokratie“ eigentlich nicht vorgesehen ist. Da kümmern sich in Stuttgart, wenn auch ein wenig spät, wie in der griechischen Polis die Menschen um ihr Gemeinwesen.

    Ich habe als Aussenstehender über meine Stuttgarter Verwandten die Sache seit über einem Jahr verfolgt. Wie auch die „Schlichtung“ gezeigt hat, war die ganze Sache von der Bahn grottenschlecht und absolut rücksichtslos geplant. Wenn Sie, lieber Herr Posener, das nicht im Detail verfolgt haben, was ich gut nachvollziehen kann, mächte ich Ihnen versichern, dass diese Vielzahl an Fehlern dazu geführt haben, eine absolut heterogene Masse zusammen zu bringen. Und durch das ausserparlamentarische der Bewegung war es möglich, dass über Parteigrenzen hinweg der Öko mit der Oma, der Schüler mit dem Pensionierten Richter, der Schauspieler mit den Studenten und der Spießer mit der Punkerin demonstriert hat.

    Das sollten Sie nicht unterschätzten. Es ging sicherlich nicht nur um den Bahnhof. Es ging einigen vor allem um den Schlosspark und die alten Bäume, andere wollten keine 15-jährige Baustelle, wieder andere (wohl die meisten Schwaben) wollten einfach nicht so viel Geld verbuddeln.

    Der Bahnhof selbst war dabei nur ein sentimentales Symbol. Architekonisch ist das Ding, unter uns gesagt, doch eine Zumutung, die nur einem gebürtigen Stuttgarter ans Herz wachsen kann. Und städtebaulich zerteilt dieser Klotz und auch das Gleisfeld, das Tal brutal in zwei Teile.

    Wenn man wirklich etwas für die Stadtentwicklung hätte machen wollen, wäre die einzige Lösung der vollständige Abriss des Bahnhofs und des Gleisfeldes gewesen. Der Fernbahnhof wäre dann nach Untertürkheim gekommen und hätte mit einer gut ausgebauten – gerne auch unterirdischen – U-Bahn-Strecke mit der Innenstadt verbunden werden können. (Als ich noch in Pankow wohnte, war der nächste Fernbahnhof um einiges weiter entfernt als Untertürkheim zur Stuttgarter Innenstadt.) Mit dem ersparten Geld und dem Erlös aus dem Verkauf der Grundstücke des Gleisvorfeldes hätte man noch die unsägliche B 14 in einen Tunnel verbannen können, so dass auch diese brutale städtebaulische Wunde hätte geheilt werden können.

    http://maps.google.de/maps?f=q.....&z=15

    Da die Stuttgarter offenbar an ihrer verbauten Stadt und ihrem (hässlichen) Bahnhof hängen, wäre dieser Vorschlag „demokratisch“ wohl nicht durchsetzbar. Aber der Stadt würde, ein wenig Dynamit vielleicht wirklich gut tun.

    P.S.: Liebe Rita E. Groda, bitte nehmen Sie mir den Ausfall gegen den „Klotz“ nicht übel, über Geschmack läßt sich eben wunderbar streiten und ich fand den Steinkoloss schon immer schrecklich häßlich und irgendwie kathedral menschenverachtend.

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    Lieber Alan, ich erlaube mir Sie unverschämterweise so zu nennen, weil ich Sie eben doch richtig eingeschätzt habe. Sie stehen immer noch für Brtisch fair!!
    Gebe Ihnen doch 100% Recht. In Stuttgart geht es den Stuttgartner in erster Linie nur um ihren Bahnhof, ihr ganz ureigenes Ding, und es ist absolut legitim daß sich jeder erst einmal um“ sei Sach“ um seine Angelegenheit kümmert.
    Wenn die Medien darauf hin gleich die Republik 21 Plus daraus machen, und den armen“Jesuiten“ von Plessberg zu Illner bis weiß nicht was schleifen, kann man die Schwaben nicht dafür verantwortlich machen!!!!!!!!!

    Wie Ihnen sicher bekannt ist ,sind die Schwaben traditionell maulfaul und nicht unbedingt tageslichttauglich, sie können zwar alles, außer Hochdeutsch – aber diese bundesdeutsche Aufmerksamkeit ist ihnen langsam so peinlich, wie dem „armen Heiner“.
    Sie kennen die alte Legende, ich möchte nicht die „Jungfrau“ sein, die ihn von seinem Unglück erlöst.

    LG Ihre REG

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    @68er: Eigentlich mit allem einverstanden, was Sie schreiben, sowohl ästhetisch (insbesondere ästhetisch!) wie auch verkehrstechnisch und politisch.

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    Prof. Dr. Christina von Braun sagt im Interview mit Alan Posener:
    „Die Aufklärung verdankt sich, viel mehr als sie sich selbst hat träumen lassen, christlichen Paradigmen.“
    Wenn das so sein soll, dann bestehe ich auch darauf, daß der Feminismus auf patriarchalischen Paradigmen beruht.
    Weiterhin:
    „Berechenbarkeit zum Beispiel, also die Mathematisierung der Wissenschaft ab dem 18. Jahrhundert. Gender als Wissenskategorie bestimmt die Metaphorik vieler Wissenschaften, auch die Wissenschaftspraxis selbst: Über Jahrhunderte durften Frauen nicht studieren – angeblich, weil es nicht zu ihrer Natur passte. Ein kulturelles Konstrukt, das biologisiert wurde und das Wissen und die Wissenschaft prägte.“
    Schon klar: Mathematik ist natürlich männlich>/i>. Frau Prof. Dr. Braun! Das, was Sie als die „Mathematisierung von Wissenschaft“ bezeichnen, ist die Entstehung der Naturwissenschaft. Und die hat auch so rein gar nichts mit der mittelalterlichen Scholastik zu tun. Auch klar, das können Sie ja nicht wissen, weil Physik in der Oberstufe abgewählt, mein volles Verständnis…und Hildegard von Bingen war die erste Wissenschaftlerin und Feministin..
    Was die DFG so alles finanziert.. ich hab‘ definitiv das falsche studiert!
    So werden
    Glaubensinhalte als Wissenschaft deklariert. Das ist die Methode von Scientology (und, @Alan Posener, zustimmend gemeint, vieler Fundis unter den Christen, die den Urknall so gut finden).

    Andererseits, ich kann Sie, Frau Professor, ja schon verstehen:
    Sie möchten aufzeigen, daß die Front zwischen den Zivilisationen nicht zwischen Islam und, ja, dem Westen verläuft, sondern zwischen Frauen und – westlichen – Männern. Die Frauenfeindlichkeit im Islam kann ja gar nicht so schlimm sein, denn die Männer sehen einfach besser aus da, glutäugig, temperamentvoll, die können nicht wirklich schlecht sein. Außerdem sind die auch nicht so lasch, wie die mitteleuropäischen Nerds, denen macht ’ne Abfuhr nix aus, da fühlt man sich doch mal so richtig als Frau, nicht wahr? Kommen Sie!

    Ich will jetzt meine Bedürfnisse auch von der DFG gefördert haben! Als Gender-Minderheit: männl., hetero, Naturwissenschaftler..

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    Lieber 68-er: Warum sollte ich Ihnen den Klotz denn übel nehmen? Der Klotz ist wirklich nicht besonders schön, andererseits ist er für die Stuttgarter zum Symbol geworden.

    Es geht tatsächlich um ganz pragmatische Erwägungen und um Geld.
    Bahnfahrer, wie z.B. ich, die schon vor einigen Jahrzehnten aus dem Umland in die Schule gependelt sind, wissen genau wovon sie Sprechen. Bei den geringsten Abweichungen, z.B. einem sog.Personenschaden, wenn sich also wieder ein verzweifelter Mensch vor den Zug geworfen hat, was inzwischen zur wöchentlichen Normalität geworden ist, ist das Chaos schon heute vollkommen. Wenn ein bestimmtes Gleis zukünftig stillgelegt ist, werde ich ganz bestimmt nicht mehr mit der Bahn fahren.Bereits vor 2 Jahren stand meine 80-jährige Mutter in der Stuttgarter Pampa, im Winter bei einigen Minusgraden, über 2 Stunden, ohne jegliche Information und Heizung. Sie war aber tatsächlich die Einzige, die ihr Handy dabei hatte, und so konnte ich zum heiligen Nothelfer der Deutschen Bahn werden und einige Menschen vor größeren gesundheitlichen Schäden bewahren.

    Mit Verlaub, den Vorschlag mit Untertürkheim kann nur ein Nichteinheimischer machen. Daimler Schichtwechsel zu den Stoßzeiten. Das muß ich mir nicht zumuten, wenn ich eigentlich nur nach Stuttgart, oder in die Metropolen der Welt muß.

    Es geht auch nicht um die Beeinträchtigungen, die der Bürger während der langjährigen Bauzeit auf sich nehmen muß. Wer, wie ich, seine komplette Schulzeit mit dem Drama des S-Bahn-Baus in dieser Stadt verbracht hat, den kann Stuttgart 21 wahrlich nicht schrecken.

    Angesichts der Tatsache, daß Bahnfahren tatsächlich immer teurer, umständlicher und unübersichtlicher wird(
    für die selbe Strecke, zum gleichen Termin, erhält man unterschiedliche Preise, egal ob mit oder ohne Bahn-Card) und Stuttgart eine Autobauerstadt ist, werden immer mehr zum Auto greifen. Dann wird das Atmen im stickigen Kessel vollends zum Gesundheitsrisiko – und das viele Jahre lang.Da aber in der eigentlichen Innenstadt sowieso nur noch das Prekariat wohnt und die vielen bildungsfernen und unerwünschten Fremdbürger,macht das nichts!

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    Also noch einmal: sehr gutes Interview, der Deutschlandfunk könnte sich davon mal eine Scheibe abschneiden. Hier wird nachgehakt und Ideologie, die sich hinter Wissenschaftlichkeit versteckt, offengelegt. Well done!

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    Frau von Braun irrt: Semen, wovon sich die „Pflanzschule“ metaphorisch herleitet, ist neutrum, und in der Sache ist der Samen die weibliche Frucht, der männliche Samen wäre dem Pollen vergleichbar.

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    @ Theodor Ickler

    Ich habe die „Antwort auf die Preisfrage der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vom Jahr 1974“ aus dem Regal links neben mir genommen. – Sie müssten etwas zur Möglichkeit der Idee „Europa“ sagen können. Die war hier, auf dem Blog, strittig. Ist, sozusagen zwischen Dichten und Denken, die/ eine Idee „Europa“ eher zu finden oder eher herzustellen? Haben wir die Idee „Europa“ irgendwie schon und müssen sie nur entdecken? Oder müssen wir die Idee „Europa“ überhaupt erst entwickeln (und damit das „reale“ Europa)?

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