
Bild oben: Helene Mayer 1936 (Foto aus Wikipedia)
„Ich weiß nicht, wo die größere Schamlosigkeit liegt,“ notierte Victor Klemperer am 13. August 1936 in seinem Tagebuch über Helene Mayer; „in ihrem Auftreten als Deutsche des Dritten Reichs oder darin, dass ihre Leistung für das Dritte Reich in Anspruch genommen wird.“
Sie haben noch nie etwas von Helene Mayer gehört? Der Weltklasse-Florettfechterin?
Gewinnerin der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam? Gewinnerin der Silbermedaille 1936 in Berlin? Die sie unbedingt haben wollte, weil sie zu den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles nicht genügend trainiert hatte und nur den fünften Platz belegen konnte?
Na ja, es ging eben um diese Olympischen Spiele im Jahr 1936 in Berlin.
Und um ihre Mittun in der Deutschen Nationalmannschaft. Helene Mayer galt nach den Nürnberger Gesetzen als Halbjüdin, Tochter eines jüdischen Zahnarztes und einer evangelischen Mutter. Und mit so einem Familienhintergrund sollte sie eigentlich gar nicht in der Olympiaauswahl antreten für dieses neue nationalsozialistische Deutschland.
Ihr Verein, der Offenbacher Fechtclub, so weiß Wikipedia, sei bedrängt worden, sie auszuschließen. Aber auch in einer Diktatur gibt es widerstreitende Interessen. Und 1936 wurden sie auch noch offen ausgetragen. Schließt man eine Weltklasse-Florettfechterin, die Olympiasiegerin, den ganzen Stolz des Sportclubs, den ganzen Stolz der Stadt Offenbach, schließt man die wirklich wegen „so was“ aus dem Verein aus?
War nicht vorgesehen im System
Unwillkürlich denke ich an meine jüngere Schwester, Sprinterin in ihrem damaligen Sportclub Turbine Erfurt und die DDR. Eigentlich hätte Gesine da gar nicht sein dürfen in der DDR-Olympia-Auswahl. Mit diesem Familienhintergrund: Oma und Opa im Westen, eine Tante und ein Onkel auch. Und die beiden Letztgenannten waren ohne jede Erlaubnis verschwunden aus der DDR, kurz vor dem Mauerbau am 13. August 1961. Zu allem Überfluss hatte sich Onkel Wiprecht dann auch noch als Fluchthelfer betätigt 1965. War erwischt worden mit einer DDR-Bürgerin im Kofferraum an der ungarisch-österreichischen Grenze. Saß ein Jahr im Gefängnis. In Ungarn. Hätten die Ungarn den damaligen Studenten zu Stuttgart in die DDR ausgeliefert – also mit einem Jahr wäre unser Onkel nicht davongekommen. Diese eine im Kofferraum, das war ja nur die eine, mit der er erwischt worden war.
Vorsichtshalber hatte Onkel Wiprecht bis 1990 die DDR nie wieder betreten. Wer weiß, vielleicht hatten die doch noch was gefunden.
Eigentlich hätte meine Schwester gar nicht Reisekader ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, NSW, hätte sie gar nicht Olympia-Kader werden dürfen. Wenn es nach den Vorgaben des Ministeriums für Staatssicherheit gegangen wäre. Viel zu hohes Fluchtrisiko bei diesem Familienhintergrund.
Deshalb hatte sie die Westverwandtschaft auch nicht angegeben, als Mutter und Geschwister 1977 nach Ilmenau zogen. In jenem Nest war auch nicht bekannt, was wiederum in dem Nest Weißenfels jeder unserer Lehrer wußte. Auf Nachfrage hatte sie in Thüringen sogar jeden Kontakt geleugnet. Und als das mit der Westverwandtschaft dann „rauskam“ im Sommer 1980, als ich einsaß im Roten Ochsen und sagte, ja ich wolle genau dorthin zu unserer Westverwandtschaft, …
…. da war sie bereits „drin“ im Sportkader.
Jedenfalls für die DDR-Diktatur weiß ich: Die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit zu Erfurt und der Sportclub Turbine Erfurt, die hatten da miteinander 1980 bis 1985 einen handfesten Zielkonflikt.

Aber zurück zu Helene Mayer: Wie konnte sie denn 1936 überhaupt für die Deutsche Olympiaauswahl starten wollen? Wikipedia weiß, dass Thomas Mann und andere ihr öffentlich den Ratsschlag gaben, das gefälligst sein zu lassen. Na höre mal, dieses Dritte Reich von 1936 war bereits ein Staat, in dem ihrem eigenen Bruder die Approbation als Arzt verweigert wurde. Wegen „Halbjude“ und so.
Aber Helene Mayer sagte 1936, es sei ihr eine Ehre, für das deutsche Team zu starten. Der Führer, der dann die Olympiasieger empfing, soll gesagt haben, sie sei „die beste und fairste Sportlerin der Welt“. Deswegen hatte sie ihm auch bei der Siegerehrung den Deutschen Gruß entboten.
Was könnte ihr durch den Kopf gegangen sein dabei? Vielleicht dieses „wenn das der Führer wüßte“?
Sie hätte doch einfach in den USA bleiben können, hatte Thomas Mann gemeint. Eine Weltspitzensportlerin dort im Westen hätte sie werden können.
Und wieder muss ich an meine Schwester denken, zu der unsere Tante Sigrun in Düsseldorf damals, 1984, als ich nun schon wieder vom Ministerium für Staatssicherheit verhaftet war, sagte:
Du mußt nicht in dieser DDR-Sportmühle treten, Gesine. Beim nächsten Start im Westen sagst Du Bescheid. Ich hole Dich ab, dann kannst Du bei mir bleiben.“
Warum tat Gesine das nicht? „Weil man seine Mannschaft nicht verrät.“ Sagt sie darüber.
Was bleibt am Ende des Lebens?
Hatte Helene Mayer vor ihrem Tod 1953 in Heidelberg (Brustkrebs) Angstträume, Depressionen? Öffentlich jedenfalls ist nichts darüber berichtet worden.
An ihrem Grab sagte Karl Ritter von Halt, vormaliger SA-Oberführer und nachmaliger Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Deutschlands des Jahres 1953: „Wir danken Dir, liebe, gute Hee, was Du für den deutschen Sport getan hast.“
Und wieder denke ich an diese DDR-Sportopfer und die zu ihnen geltend gemachten Gesundheitsschäden, die zu 62 % bis 75 % Depressionen seien.

„Wir müssen reden!“ heißt die Veranstaltung vom 24. April diesen Jahres dazu, die Sie sich im Netz anschauen können…
Seine Gesundheitsschäden, so erregte sich darin der ehemalige DDR-Boxer Andreas Wornowski, …
… seine Gesundheitsschäden, so habe ihm das Versorgungsamt beschieden, kämen gar nicht vom DDR-Sport.
Sie kämen aus der Tatsache, dass der Zusammenbruch der DDR und der anschließende Beitritt Neufünflands sein ganzes Leben, seine ganze Sportkarriere entwertet hätte.
Ein Wendeschaden.
„Unglaublich!“ entsetzten sich auf dem Podium die Bundes-Staatssekretärin für Sport und die herbeigeeilten Experten.
Aber ist es vielleicht doch so?
Macht es den Sport-Ossi vielleicht wirklich depressiv, diese Aussicht, dass am Ende des Lebens kein Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees am Grab stehen, nicht mal eine Staatssekretärin am Grab stehen wird und sagen:
„Danke für alles, was Du für den deutschen Sport getan hast.“?
Frei nach Gertrude Stein:
„Ein Mensch ist ein Mensch, ist ein Mensch, ist ein Mensch.“
Ich verstehe das gut, was Sie schreiben und fühlen. Ob es gerecht ist und Ihrer Schwester gerecht wird, kann ich nicht beurteilen.
Aber dieses mal habe ich das erste mal bei diesem Thema den Eindruck, dass Sie im Grunde Ihre Schwester und ihr „Leiden“ doch ein klein wenig versuchen zu verstehen. Ob Ihre Vermutung zutrifft? Keine Ahnung.
Das war eine Diktatur, wie Sie sagen, und Ihre Schwester war jung und wollte das machen, was sie am besten konnte, wollte Erfolg haben. Ist das so verwerflich? Und ist es nicht auch nachvollziehbar, dass man nach so einem Zusammenbruch krank werden kann?
Man hat versucht Sie zu brechen und Sie haben stand gehalten, wie Sie sagen. Ihre Schwester hat alle Anerkennung verloren und mag daran zerbrochen sein. Moralisch will ich das nicht werten, weil ich dort nicht gelebt habe. Unverständlich finde ich das Leiden Ihrer Schwester aber nicht.
Und Sie sollten froh sein, dass Sie die Zeit einigermassen heil überstanden haben, vielleicht auch weil Sie ein Gespür dafür hatten, dass das Mitlaufen im System einen irgendwann bricht.
Lieber 68er,
meine Schwester tritt wieder auf im Aufarbeitungszirkus der Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU am 25. Juni in Erfurt. Ihr Bildnis ziert sogar die Ankündigung der Veranstaltung.
Im Kampf um diese „DDR-Dopingopfer-Rente“, die wohl demnächst kommen wird. Dank dem Vorstandsmitglied der KAS, der Staatssekretärin für Sport.
„Na und?“ Sagt meine Frau. „Was mußt Du auch immer nach Deiner Schwester googeln, Du Stalker!“
Und mein Bruder sagt: „Warum gönnst Du ihr nicht eine Opferrente. So als
>>Danke für alles, was Du für den deutschen Sport getan hast.<<?"