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Das Kubicki-Prinzip: Nach mir die Sinflut

FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Foto: Olaf Kosinsky. Wikemedia CC BY-SA 3.0 de

Als Anwalt verteidigte der FDP-Politiker einst Firmenbosse, die Giftmüll in der DDR-Deponie Schönberg entsorgt hatten. Nun will er seine Partei als Vorsitzender davor bewahren, auf dem Abfallhaufen der Geschichte zu landen. Ein Mission impossible.

Wolfgang Kubicki war immer schon da. Und blieb und blieb. Als ich vor 40 Jahren atemlos über die Barschel-Affäre berichtete, war er bereits Abgeordneter, später jahrzehntelang FDP-Fraktionschef im Kieler Landtag. Abends trafen sich in seinem Büro aufgewühlte Mitstreiter und Journalisten bei gutem Rotwein. Am nächsten Morgen verhandelte er dann wieder mit Barschel und der CDU über eine Koalition, obwohl die keine Mehrheit im Landtag hatte, als wäre nichts passiert. Nur Fotos durfte es davon nicht geben. Von Kommunikation verstand er schon immer etwas. Vor allem von Eigen-PR.

Gelernt hat er das, gestand er mir mal in einem Gespräch, von Guido Westerwelle und dessen Bruder im Geiste Jürgen Möllemann. Der trieb den damals aufstrebenden Parteichef 2002 zum „Projekt 18“ und zur Kanzlerkandidatur. Heute, wo die Partei in Umfragen bei unter drei Prozent liegt, nicht mehr im Bundestag ist und gerade wieder aus zwei Landtagen geflogen ist, würde sich die Republik darüber mehr als noch als damals ausschütteln vor Lachen. Möllemann stürzte später ab – im tragischen Sinn.

Kubicki jedoch hat behalten: Man muss nur genug Wirbel um sich machen, dann halten einen die Leute irgendwann für das, wovon er wohl selbst zutiefst überzeugt ist – unersetzlich. Und so hockte er wie Sarah Wagenknecht, sein Kieler Antipode Ralf Stegner und früher Gregor Gysi gefühlt in jeder zweiten Talkshow, gab Interviews in Serie, twitterte wie ein Weltmeister und hat es damit zu großer bundesweiter Bekanntheit gebracht. Eigentlich erstaunlich für einen Mann aus der nördlichen Randlage, der Politik immer als Nebenjob zu seiner gut bezahlten Tätigkeit als Strafverteidiger betrachtete, nie ein höheres Amt in der Bundespolitik bekleidete, vom Posten des Bundestagsvizepräsidenten abgesehen, und für Bundespolitiker lange Zeit nur Spott übrig hatte.

„Bin sicher nicht die Zukunft“

Als er mal gefragt wurde, ob er für den Bundestag kandidieren wolle, wehrte er ab. Das habe ihm seine Frau verboten, weil da nur gesoffen und gehurt werde. Das hinderte ihn später jedoch nicht, doch Bundestagsabgeordneter zu werden. Und nun, in der höchsten Not, für den Parteivorsitz der sterbenden Partei zu kandidieren. Obwohl er auch das eigentlich nach seinem und dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag 2025 ausgeschlossen hatte. Er sei „sicher nicht die Zukunft“.

Wo Kubicki Recht hat, hat er ausnahmsweise Recht. Deshalb möchte er seine Kandidatur nun zur Heldentat deklarieren: Er wolle dazu beitragen, dass die FDP überhaupt noch eine Zukunft habe.

Die steht allerdings so oder so in den Sternen. Ob mit oder ohne ihn. Mit ihm wahrscheinlich sogar noch mehr. Denn eine Idee, wofür die FDP eigentlich (noch) steht, hat er in all den Jahrzehnten nie entwickelt oder geäußert. Wenn, war es immer nur Abgrenzung und Anfeindung von anderen, bevorzugt der Grünen, bis zu ziemlich rechtspopulistischen Entgleisungen.

Vor allem aber ging es ihm immer um ihn selbst. Ein Egomane, der auf andere herabschaut. Damit steht er prototypisch für das, was andere an der FDP ablehnen: die Selbstbezogenheit eines skrupellosen Wirtschaftsliberalismus von Anwälten, Zahnärzten und Handwerksbetrieblern.

Vergessen die Zeiten, als liberale Politiker wie Ralf Dahrendorf, Werner Maihofer, Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff, Gerhard Rudolf Baum, Burkhard Hirsch und große liberale Frauen wie Hildegard Hamm-Brücher und Sabine Leitheusser-Schnarrenberger die Republik und Debatten prägten. Diese Zeiten werden nicht wiederkehren. Aber solch kleines Karo wie mit Kubicki darf es nicht werden, wenn die FDP ganz vielleicht doch noch eine Restzukunft haben soll.

Dann lieber der unbekannte, brave, aber entwicklungsfähige NRW-Landeschef Henning Höne, der auf dem Parteitag im Juni gegen das 74 Jahre alte „Schlachtross“ Kubicke antritt, wie seine Rivalin Strack-Zimmermann, selbst auch nicht mehr die Jüngste, ihn verhöhnt.

Keine Zukunft zu haben, ist das eine. Wenigstens in Ehren unterzugehen, das andere.

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