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Muss man das lesen? „Landschaft ohne Zeugen“?

Ja klar, wenn ich so etwas wie eine Rezension zu dem Buch schreiben will, muss ich das lesen. Aber Sie? Sagen wir mal: Wenn Sie sich vor Ihrem geistigen Auge die AfD als eine Wiedergängerin der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei aufgebaut haben. Und wenn Sie davon überzeugt sind, dass alle AfD-Höhenflüge so eine Ossi-Sache seien…

Und wenn Sie dann auch noch wissen, dass in der DDR halt doch nicht diese Aufarbeitungsmedaillen gewonnen wurden, mit denen die Bonner Republik sich behängt hat, …

… dann kann Ihnen Ines Geipel dazu ein ganzes Buch verkaufen. In dem steht:

„Sie haben so was von recht.“

Buchenwald.

Eine Legende.

Ines Geipel beginnt mit dem DDR-Ritus, mit dem wir 14-Jährigen auf dem Appellplatz zu Buchenwald feierlich in die Freie Deutsche Jugend, FDJ, aufgenommen wurden. Sie beschreibt es als ihre Jugendweihe.

Oh, ich erinnere mich gut. Ich war immer der mit den besten Zensuren in der Klasse. Und deshalb der Vorsitzende des Gruppenrates der Jungen Pioniere. Jetzt, als 14-Jähriger, da wir nun das FDJ-Hemd bekamen, war meine neue Funktion als Erster Sekretär der FDJ-Gruppe eigentlich nur noch eine Formsache.

Doch, doch, Überlebende des Konzentrationslagers Buchenwald gab es damals, 1974/75 durchaus noch. Es gab Zeugen. Auch ich war eingeladen bei einem. Als Auszeichnung. Er wohnte in der Weißenfelser Luise-Brachmann-Straße, ein Stück hinter dem Haus meiner Großeltern, die jetzt im Westen wohnten und von dort die eindeutig bessere Schokolade darreichen konnten.

Was erzählte er uns? Dass wir fleißig lernen sollten, nach guten Noten streben, um ein besseres Deutschland aufzubauen. Gar nichts Schlimmes eigentlich. Erzählte er von Buchenwald? Ich erinnere mich nicht. Aber vielleicht war ich 14-Jähriger auch nicht bei der Sache. Ich starrte ihn an und dachte immer nur:

„Du warst einmal ein Held. Du hast etwas riskiert. Und heute, da ich meine Oma und meinen Opa im Westen nicht besuchen kann, da sagst Du gar nichts zu. Du bist eine feige Memme geworden, Du Held!“

War er überhaupt ein Held?

Auf den Seiten 23 bis 244 des 333 Seiten dicken Buches schildert Ines Geipel immer wieder die Rolle der kommunistischen Lagerältesten und Blockältesten, der Funktionshäftlinge in einem Lager, in dem die SS sogar noch die Transportlisten nach Auschwitz von Gefangenen schreiben ließ.

Alles sicher richtig. Und es ist ja auch nicht fein, wie Menschen, wie auch Gefangene sich bewegen, wenn es angesichts des Todes heißt: „Wen wird die SS ermorden? Mich und die meinen? Oder doch lieber die anderen?“

Ines Geipel hat eine Fleißarbeit hingelegt, Akten des Ministeriums für Staatssicherheit durchgearbeitet, in Archiven gesessen. Sie hat eine Geschichte geschrieben, mit der sie glaubt, einen Mythos zerstören zu müssen, der an den DDR-Schulen Pflichtlektüre war:

Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen.

Die Geschichte um den kleinen jüdischen Jungen Jerzy Zweig, der von den Häftlingen vor der SS-Kommandantur verborgen gehalten werden konnte. Und überlebte.

Auch Apitz kommte nicht gut weg in dem Buch Ines Geipels. Er habe den Mauerbau am 13. August 1961 begrüßt, weil „mit ihm die Annexion der DDR … verhindert wurde“ (Seite 241).

Auf Seite 65 zitiert sie aus den Akten des Bundesarchivs den vormaligen Funktionshäftling und späteren Vorsitzenden des Buchenwald-Komitees Walter Bartel, der 1950 beschuldigt wurde, er habe als Häftling Todes-Spritzen gesetzt dort in der Krankenbaracke:

„Selbst ein so geschworener Kommunistenfeind wie Dr. Eugen Kogon wagte es nicht, in seinem Buch >>Der SS-Staat<< diese Verleumdungen zu schreiben, weil er genau wusste, dass in allen Ländern, in denen Buchenwaldhäftlinge sind, Kogon wegen solcher Stellungnahmen aufs Heftigste angegriffen werde.“

„Wagte“ Kogon nicht, was Ines Geipel „wagt“? Oder hatte Eugen Kogon nicht vielmehr Schuld und Verantwortung so gewichtet, wie sie einfach zu gewichten waren?

Was fehlte an Zeugen?

In eher Kurzdarstellungen reißt Ines Geipel an, was in der DDR-Reflektion des Nationalsozialismus tatsächlich an Zeugen fehlte. Leider legt sie nicht dar, warum die Zeugen fehlten:

Von den 500.000 aus dem deutschsprachigen Europa emigrierten Menschen kamen nur etwa fünf Prozent zurück.  400.000 der Emigranten waren Juden und die Zahl der Rückkehrer unter ihnen war noch geringer.

Es kehrte zurück, wer sich politisch berufen sah, ein besseres Deutschland aufzubauen. Wer eingebunden war in eine Partei. Das waren in der Regel Kommunisten oder Sozialdemokraten.

Die Diktatur dampfte ja noch. Und Ines Geipel könnte selbst etwas davon erahnen.

„Denke nicht, Bodo, das sei ein großes Ding, dass ich da Dozentin für Verskunst bin an der Hochschule für Schauspielkunst in Ostberlin.“ Sagte sie mir einmal. „Ich besetze da nur eine Halbtagsstelle und zum Klima dort sage ich nur: Die Hochschule heißt noch immer ERNST BUSCH.“

Unwillkürlich erklang da in meinem Ohr ein Chor von Dozenten und Studenten der Hochschule, die mir des Kommunisten Ernst BuschsAmi go home!“ entgegenschmetterten.

Doch, Ines Geipel ist eine Meisterin im Umgang mit dem Wort. Das hat sie studiert.

Anderes aber eben doch nicht.

Ratlos bin ich deshalb über ihre Schilderung, die DDR habe, anders als der Westen, geraubtes jüdisches Vermögen nach 1949 nicht zurückübereignet. Kann das verwundern, dass der so genannte Sozialismus es nicht so hat mit dem Privatvermögen, auch dem jüdischen nicht?

Anders als der so genannte Kapitalismus, für den die genaue Zuordnung privaten Vermögens Grundlage aller wirtschaftlichen Betätigung ist. Weshalb die Rückgabe geraubter jüdischer Vermögenswerte in der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone schon ab 1947 per Besatzungsrecht angeordnet wurde (vgl. Anmerkung). Und keineswegs eine Entscheidung eines Bundestages war, wie Ines Geipel und viele andere glauben.

Noch ratloser bin ich über die ständige Darlegung, die DDR habe keine Entschädigungszahlungen an Juden in Israel oder den USA geleistet.

Hä?

In welcher Währung denn? In diesen DDR-Aluchips?

Wer als Überlebender des Holocoust in der DDR wohnte, der erhielt 1989 ab dem Alter von 60 Jahren monatlich 1.400 Alu-Chips, 1992 übergeleitet in Deutsche Mark.

Das Geld mußte in der DDR verbraucht werden. Mehr hatte der Sozialismus halt nicht zu bieten.

Aber

Falls Sie AfD-Wahlergebnisse noch immer erklären wollen damit, dass der Leipziger nicht diese US-amerikanische Reeducation genießen konnte, die der Mannheimer halt genoss, …

Ines Geipel hat Ihnen das Buch dazu geschrieben.

______________________

Anmerkung:

Die Rückgabe von im Dritten Reich geraubten Vermögenswerten ordneten an:

für die Amerikanische Besatzungszone: Gesetz Nr. 59 vom 10. November 1947 der Militärregierung Deutschland – Amerikanisches Kontrollgebiet – über die Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer nationalsozialistischer Unterdrückungsmaßnahmen (USREG / Amtsblatt der Militärregierung Deutschland -Amerikanisches Kontrollgebiet-Ausgabe G vom 10. November 1947 S. 1 ) mit 12 Ergänzungs- und Zusatzgesetzen und 11 Durchführungs-nund anderen Verordnungen

für die Britische Besatzungszone: Gesetz Nr. 59 vom 12. Mai 1949 der Militärregierung Deutschland – Britisches Kontrollgebiet – über die Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen (Br.REG, Amtsblatt der Militärregierung Deutschland – Britisches Kontrollgebiet – Nr. 28 S. 1169) mit 12 Durchführungsverordnungen und 3 Änderungs- und Ergänzungsverordnungen

für die Französische Besatzungszone: Verordnung 120 der Militärregierung Deutschland -Französisches Kontrollgebiet- über die Rückerstattung geraubter Vermögensobjekte 10. November (VO 120, Amtsblatt des französischen Oberkommandos in Deutschland Nr. 119 vom 14. November 1947 S. 1219)

für Berlin (W): Anordnung BK/0 (49) 180 vom 26. Juli 1949 der Alliierten Kommandantur Berlin über die Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen (Verordnungsblatt für Groß-Berlin Teil l 1949 S. 221)

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

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