1976 ff. soll es eine Punkwelle gegeben haben, liest man immer wieder. Dergestalt, das alles andere weggefegt wurde. Ich weiss nicht, was ich mit diesem Mythos anfangen soll. Ich jedenfalls fuhr 1977 mit Freunden in einem klapprigen R 4 zu einem Festival im rappelvollen Stadion in Saarbrücken, und dort war keine Punkwelle. Wir liessen uns den ganzen Tag und die halbe Nacht vollregnen, und hörten Lake, der John Miles Band, Manfred Mann‘s Earthband und vor allem Genesis zu. Also: Unser Punk war Progressive Rock.
Das hiess aber damals noch progressive Rockmusik, nur mal so nebenbei – und dazu gehörte eigentlich alles, was instrumentale Soli, ideenreiche Kompositionen und ein Mindestmass an handwerklichen Fähigkeiten bot, also nicht nur Räucherstäbchen- und Michael-Ende-Versteher-Musik wie sie Mike Oldfield machte. Es nahte bedrohlich brummend das Ende der 70er Jahre, und wir seinerzeit 20- bis 25jährigen standen zum ersten Mal vor dem Problem einer rasend sich auffaltenden Blüte verschiedenster Musikstile, die alle irgendwie den Anspruch erhoben, die allein seligmachende Rock´n´Roll Kirche zu vertreten, im weitesten Sinne „progressiv“ zu sein.
Musikalische Kopfgeburten
Wer das bildungsbürgerliche Zwangsklavier genossen hatte, hielt wahlweise „Tales from Topograhic Oceans“ von Yes oder „The Lamb Lies Down on Broadway“ von Genesis für der Weisheit letzen Schluß. Weisheit, das war wörtlich gemeint: Eine Freundin pinselte mir die kompletten Texte der kruden Genesis-Geschichte handschriftlich ab, alldieweil ich das Pech hatte, eine Doppel-LP ohne Textbeilage erstanden zu haben. Nun konnte ich mich trefflich versenken- aber es half nichts: Wer behauptet, Zugang zu dieser Story zu haben, bei dem würde ich gerne eine Razzia durchführen. Mit dem Ziel vor Augen, bislang unbekannter Drogen habhaft zu werden.
Wir aber wollten es wissen, damals. Also setzten wir uns auf einen Motorroller und fuhren zu einer Art Kultstätte. Zusammen mit meinem Freund Michi, der wie ich Angehöriger der Genesis-Glaubensgemeinschaft war, brach ich Wochenende für Wochenende nach Neckargemünd auf. Das Ziel war ein Jugendzentrum, in dem wir eine kultische Handlung aufführten. Wir fuhren, bewaffnet mit einer 18 cm BASF-Tonbandspule dort hin, liessen sie in ein passendes Bandgerät einlegen, und abspielen. Darauf zu hören war das komplette Doppelalbum „The Lamb lies Down on Broadway“. Rund 20 junge Männer versammelten sich um diesen Tisch und schrien das komplette Album mit, wunderten uns über Sätze wie „and the wise and foolish virgins giggle with their bodies glowing bright“ – aus „Carpet Crawlers“, sangen aber umso lauter, Unterdessen sich die weisen und närrischen Jungfern im JZ in SV mit verständnislosen Blicken von uns abwandten. Am Ende standen wohl deutlich über hundert leere Bierflaschen auf dem Tisch. Dann packten wir die Bandspule wieder ein und fuhren auf dem Motorroller zurück nach Heidelberg. Bevor sie jetzt fragen: Nein, wir haben nicht gekifft. Damals nicht, heute nicht.
Musikalische Grabenkämpfe
Es gab andere. Freund Uwe verweigerte der Genesis-Kirche die Gefolgschaft: Er erwarb sogar Genesis-Platten (im Sonderangebot, nehme ich zu seinen Gunsten an), um sie unabgespielt zu zerbrechen und wieder ins Regal zu stellen, als wäre nichts geschehen. Der grundlegende Unterschied zu anderen Spielarten der sogenannten progressiven Rockmusik wie Yes, Gentle Giant oder King Crimson wollte mir nie so recht aufgehen, und was an Genesis nun so besonders verwerflich war. Es orakelte nur der verfinsterte Uwe gelegentlich, es habe irgendwas mit der Rezeption zu tun. Das war schon eher zu verstehen. Natürlich will niemand erklärtermaßen Fan von irgendetwas sein, wenn sein Nachbar auf die gleichen Sachen abfährt. Zumindest dann, wenn der Nachbar ein Idiot ist. Aber wenn ich das bin? Gemein. „Du mußt dich davon freimachen…“ brummelte ich und ertrug fürderhin, dass der Genesis-Fan im Regelfall Fuselpullover trug, kiffte und nach Patschuli stank. Aber vielleicht hatte die Uwe’sche Genesis-Abneigung doch was mit der Musik zu tun, subtil. Denn an einem Tag des Jahres 77 gestand er, gerade von einer England-Expedition zurückgekehrt, er habe da eine kleine feine neue Band entdeckt, die man dort jetzt im Radio höre, und die auch allseits recht wohlwollend rezensiert und rezipiert wurde. Dire Straits hieße die, und er (ganz Branchenkenner) meine, so um die 30.000 Stück könnten die Jungs schon absetzen von der Scheibe. Als es dann Millionen wurden, war er natürlich sehr entrüstet. Seine Dire-Straits-Platten blieben aber heil.
Musikalische Sentimentalitäten
Später haben wir verschärfte Proberaum-Parties gefeiert und uns dafür der etwas einfacheren Rockmusik bedient. Schließlich konnten zu „Suppers Ready“ von Genesis oder „Close To The Edge“ von Yes Erleuchtete tanzen, und Luftkeyboardsoli sahen auch nicht wirklich so gut aus wie Luftgitarren-Wettbewerbe, letztere gern auch im Formationsflug. Fast alles war erlaubt, was lärmte, nur nix mit Bläsern, wie schon Mark Knopfler in Sultans of Swing sang: Jaja, „we don’t give a damn about any trumpet playing band, it ain’t what we call rock’n’roll“.

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich eines Tages Uwe begegnete, der meinen Gruß nicht erwiderte, sich hinter einer schwarzen Sonnenbrille versteckte und überhaupt wirkte, als plane er einen Mord. Schließlich stiess er mit zusammengepressten Lippen hervor: „Auf der neuen Status Quo sind Bläser“. Hätte er dabei nach Schwefel gerochen, es hätte mich nicht gewundert. So, jetzt wissen Sie auch das.
Bob Seger brachte bei diesen Proberaum-Orgien all unser Streben, Sehnen und unsere Zielvorstellung von unserem künftigen Leben gleich in mehrfacher Weise auf den Punkt, als er mit „Turn the Page“ eine derartig starke Identifikationsvorlage lieferte, daß wir uns gegen drei Uhr morgens schon mal nach dem Genuss von Gallonen des Billig-Whiskys „Highland Master“ hinlegen mussten, und mit abgebrochenen Stuhllehnen Nudelsalatreste weinend in den auf dem Boden ausgelegten Flokati zu klopfen. „On a long and lonesome Highway east of Omaho, you can listen to the Engine roaring out this one long song…..“ Gut, East Of Omaho lag zwar nur zwischen Heidelberg-Handschuhsheim und Heidelberg-Altstadt, aber immerhin, wir machten jetzt ja auch selbst Musik im ganz großen Stil.
Und was für bedeutungsvolle! Wir waren quasi Rockstars, genau wie Bob Seger. Und dieserhalb sangen im Brustton der Überzeugung mit, wenn er mit stolz gebrüsteter Schwellung verordnete: „Here I am, on the road again, here I am, back on the Stage. Here I go, playin´star again- here I go, turn the page…“. Süsser unsere Luftgitarren nie schwangen. Um dann in einem Klimax zu implodieren. An der Stelle, an der es leiser wird. Der Stelle mit den Frauen, den Verstärkern und den Zigaretten: „Later in the evening as you lie awake in Bed, with the echoes from the amplifiers ringin´in your head, You smoke the days last cigarette, rememberin what she said… “
Und immerhin: Wenn wir dann mit unserer eigenen, wichtigen Musik mal auf einer Bühne stehen durften, und unser Innerstes nach aussen wrangen, sahen wir dortselbst gleich selbstbewußter aus. Denn dank Bob Seger („It‘s the same old cliches, is that a woman or a man?“) wußten wir nun, was wir brauchten zu perfekten Rockstar-Glück: Erstens die bösen Spießer, die uns ob unserer Haarpracht immer gering schätzen würden – als Feindbild. Zweitens einen Gehörschaden, zumindest für eine Nacht, und eine Zigarette. Und die Frauen? Naja, sagen wir mal so: Wenn schon mal Frauen in die Nähe kamen, was selten genug war, konnten wir auch viel besser und formvollendeter Zigaretten in den Mund stecken (eingedenk des Verstärkergebrumms) und dann aber schleunigst Reißaus nehmen auf dem „long Road east of Omaho…“