Fünf Alkoholiker aus sieben Ländern diskutieren die aktuelle Weltlage. Erinnern Sie sich noch? Von 1952 bis 1987 lief jeden Sonntag „Der internationale Frühschoppen“ im WDR unter der Leitung des Schankwirts Werner Höfer. Dazu rauchte und trank man, bis der Fernsehzuschauer nichts mehr sah und kein Wort mehr verstand.
Ich saß mit meinem Großvater vor dem Fernseher. Der rauchte abgeschnittene Senoussi-Zigaretten in einer silbernen Zigarettenspitze, meine Großmutter trank dazu Stonsdorfer Kräuterschnaps. Aufhören wollte Höfer nach eigener Aussage erst, „wenn ich mit dem Glase in der Hand tot umfalle“. Na, denn Prost. Anschnallen!
„Ende offen“ hieß eine Talkshow, die im dritten WDR-Programm Anfang der 70er-Jahre lief. Wie der Titel schon androhte: Es dauerte so lange, bis jeder alles gesagt hatte. Keine Zeitlimit. Am 3. Dezember 1971 wollte der Ton Steine Scherben-Manager Nikel Pallat gar nichts mehr sagen, sondern handeln. Also zog er eine Axt heraus und begann, den Tisch zu zerhacken. Der Grund: Der Musikmanager und Plattenboss Rolf Ulrich Kaiser, der Labels mit so schönen Namen wie Ohr und Pilz betrieb, hatte ihn in Rage gebracht. Der nämlich habe sich mit einer „Kapitalistensau“ eingelassen und „voll auf die Seite des Systems gestellt“. Ein Zuschauer meldete sich später beim WDR und übernahm die Reparaturkosten für den Tisch: 95 D-Mark. Pallat tauchte in weiteren Talkrunden nicht mehr auf. Das Studiotisch-Massaker aber ist heute noch auf Youtube zu bewundern.
Welch eine inspirierende Szene – zumindest für mein Unterbewusstsein. Manchmal, in meinen nächtlichen Fieberträumen, stelle ich mir folgendes Szenario vor: Roderich Kiesewetter (ist Roderich wirklich ein Name oder nicht eher eine Bezeichnung für eine wuchtige Landmaschine?) … also: mein Lieblingssoldat Roderich Kiesewetter, würde in eine Debatte verstrickt mit Saga Warenknecht vom Block Stalinistischer Würstchen (copyright Ilko-Sascha Kowalczuk).
In einem einem von Frau Illner unbeobachteten Moment zöge der zum Wüterich mutierte Roderich unvermittelt eine kleine Streitaxt hervor und begänne damit auf den Tisch einzudengeln, dabei immer wieder die Zauberformel murmelnd: „Weiche, oh Putin, weiche“, bis Frau Illner verfrüht und verschreckt zu Markus Lanz abgäbe. Mit den Worten: „Bei Dir sind ja heute zu Gast .. äh …. auch Roderich Kiesewetter und Saga Warenknecht“.
Zwei Minuten später verkündet Lanz: „Und ausserdem habe ich heute weitere sehr spannende Gäste. Ich freue mich sehr auf diese zwei Männer, die gerade zwei neue Bücher geschrieben haben. Die Großphilosophen Richard und David Precht sind heute bei uns und werden über ihre Bücher ‚Die Meinung‘ und ‚Die Freiheit‘ sprechen, die ich Ihnen sehr empfehen kann. Ich habe sie lesen lassen. Interessant. Aber hat nicht auch Angela Merkel schon ein Buch mit dem Titel ‚Freiheit‘ geschrieben?“ „Aber unsre Freiheit ist doch etwas ganz andres“, protestieren die Prechts. „So wie die Demokratie von Frau Merkel ja auch nicht unsere Demokratie ist“. „Aber ist ‚unsere Demokratie‘ nicht die Demokratie von Frau Merkel, und Ihre Demokratie ist die Demokratie per se?“ fragt Lanz verwirrt nach um dann resigniert zusammenzusacken. „Ist das wirklich so, in diesem Land, im Frühjahr 2026? Ich wollte das nur verstehen. Ich gebe die Frage gleich weiter an meinen nächsten Gast Marie Agnes Strack-Zimmerman, die viel zu selten im Fernsehen zu Wort kommt. Ich freue mich sehr“.
In einem von Markus Lanz unbeobachteten Moment zieht Frau Strack-Zimmermann in meinem Traum eine kleine Streitaxt hervor und beginnt damit auf den Beistelltisch neben ihr einzuprügeln. Immer wieder begleitet von dem Mantra: „Oh Putintroll, treib’s nicht zu toll“ im Wechsel mit „Freiheit, die ich meine – ist meine, und nicht Deine“.
Ein herrlicher Traum, so oft geträumt und immer wieder ernüchtert erwacht mit dem Gedanken: Warum geschieht das nie? Warum fragt Markus Lanz nicht ein einziges Mal: „Frau Warenknecht, möchten Sie nicht mal ein Sabbatjahrzehnt auf der russischen Raumstation verbringen oder vielleicht an Elon Musks Marsmission teilnehmen?“ Nein, er fragt lieber die beiden Großphilosophen Richard und David Precht: „Ist es nicht auch so, das Frau Warenknecht einen Punkt hat?“, und wieder zu ihr gewandt: „Ich will es ja nur verstehen, was da gerade passiert“. Während es in Richard und David Precht deutlich sichtbar denkt, bis in die ondulierten Haarspitzen und zurück, wendet sich Lanz jovial wippend erneut an Warenknecht mit den Worten: „Ich will es ja nur verstehen. Sie verstehen? Ich freue mich so auf Ihre Antwort. Das wird spannend“. Die so Angesprochene kontert blitzschnell: „Nun, wenn Putin verrückt wäre, würde er doch die Ukraine angreifen. Aber nichts läge ihm ferner. Das hat er doch in Absprache mit mir bereits im Februar 2022 erklärt“. „Jetzt machen sie mal einen Punkt“ ruft Strack- Zimmermann, bevor ihr endgültig die Zündschnur platzt. Unbemerkt von allen holt sie eine Handgranate aus er Tasche und fuchtelt damit vor Warenknecht herum.
„Ich hole gleich meinen Mann“, stösst die Bedrohte atemlos hervor. Oskar aber ist nicht erreichbar weil er gerade in seiner Villa ‚Palast der sozialen Gerechtigkeit‘ Holger Friedrich ein Interview zum Thema: ‚Egon Krenz – ein verkannter Held‘ gibt. Nervös wippen Richard und David Precht indes in ihren Sesseln und singen mit flatternden Frisuren: „Aber das Völkerprecht, oh weh das Völkerprecht“. „Da haben sie einen Punkt, sogar zwei“, hat Markus Lanz blitzschnell ausgerechnet. Und wirft kenntnisreich ein. „Ich freue mich sehr. Jetzt habe ich das verstanden“.
Völlig unbeeindruckt von all dem wachsen die Bartstoppeln der beiden Prechts nachdenklich weiter. Bis unvermittelt Ingo Zamperoni im Studio erscheint und die Sendung abrupt beendet mit einem hingehauchten: „Bleiben Sie zuversichtlich“ – und danach den Trailer für den nächsten Talkshow-Höhepunkt startet, diesmal in der ARD: Sandra Maischberger im Gespräch mit Maybrit Illner und Markus Lanz. Weitere Gäste: Caren Miosga und Louis Klamroth. Thema ‚Sind wir zu viele und wenn ja, warum dann doch nicht? Fragen an Richard und David Precht‘. Im Einzelgespräch anschliessend Tino Chrupalla mit Markus Lanz zum Thema: ‚Der linksradikale Kanzler Merz fährt Deutschland vor die Wand, die ich vorher im Schweisse meines Angesichts frisch tapeziert und gestrichen habe“. Anschliessend sehen Sie ein Porträt von Juli Zeh mit dem Titel: „In Brandenburg scheintot überm Zaun hängen. Eine Spurensuche.“
Ich sitze vorm Fernseher, trinke einen 40 Jahre gelagerten Kräuterschnaps vom VEB Gärungschemie Dessau und freue mich sehr auf spannende Gespräche.