Anatolischer Schwabe Cem Özdemir, Foto: Raimond Spekking Lizenz: CC BY-SA 4.0
Cem Özdemir, der strahlende Wahlsieger und künftige Ministerpräsident im Ländle, hat viele Schläge und Rückschläge einstecken müssen, bis er ganz oben ankam, Lebenstraum vieler Migrantenkinder. Geholfen haben ihm Charme, Realismus, Hartnäckigheit – und Gewitzheit.
Ich lernte ihn Anfang der 1990er Jahre in Bonn als jungen Bundestagsabgeordneten kennen. Und schätzen. Bei Journalisten und Medien war er schon damals beliebt, weil er dem Klischee eines Sohns von Gastarbeitern aus Anatolien so gar nicht entsprach. Keiner, der sich ewig beklagte über Diskriminierungen, sondern eifrig nach vorne drängte. Ich lernte viel vom ihm über die Verhältnisse in der Türkei und der muslimischen Community. Er nahm mich mit in eine alevitische Moschee. Dann aber kam sein großer Auftritt.
Auf dem Höhepunkt des Streits um die doppelte Staatsbürgerschaft unter Rot-Grün führte ich mit ihm und dem CSU-Rechtspolitiker (im doppelten Sinn) Peter Gauweiler ein Streitgespräch für „Die Woche“, in Gauweilers noblen Kanzlei in München. Ich hatte Özdemir dazu mühsam überrreden müssen, weil er fürchtete, als ehemaliger Sozialarbeiter dem „großen“ Anwalt nicht gewachsen zu sein. Aber auch Gauweiler hatte wohl Respekt vor ihm, dem scharfzüngigen „anatolischen Schwaben“, wie er sich selbst in einem Buch vermarktete.
Als ich in der Kanzlei eintraf, kamen sie zu meinem Schrecken Arm in Arm aus Gauweilers Büro. Sie hatten sich ohne mein Wissen zu einem Vorab-Abtasten verabredet. Ich fürchtete schon um den Streit. Doch Özdemir hatte sich gut vorbereitet. „Ich habe nur zwei Staatsbürgerschaften, die deutsche und die europäische. Sie haben drei, nämlich auch noch die bayerische“, eröffnete er das Doppelinterview. Gauweiler, völlig verblüfft, stammelte: „Aber Sie sind doch auch Türke.“ „Nein, ich bin Schwabe. Aber wir haben keine eigene Staatsbürgerschaft. Sie schon.“ Gauweiler, dem das offensichtlich entfallen war, griff zur bayerischen Verfassung im Regal hinter ihm. „Sie haben recht.“ Es wurde dann ein sehr munteres Streitgespräch auf Augenhöhe.
Özdemir hat sich immer dagegen gewehrt, nur zu Ausländerthemen und der Türkei, der Heimat seiner Eltern, gefragt zu werden. Völlig zurecht. Viel lieber sprach er über Bildungs- und andere Themen. Aber auch bei den Grünen wurde er immer wieder in diese Rolle gedrängt.
Beliebt war er als Ultrarealo bei den Linken in der Partei nie. Viele von ihnen freuten sich, als ihn eine Affäre um Flugmeilen und einen Privatkredit des zwielichtigen PR-Beraters Moritz Hutzinger ereilte und er sich für einige Jahre aus der Bundespolitik zurückziehen musste. 2009 verweigerte ihm, dem Vorzeige-Migranten, ein Landesparteitag einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl, obwohl er da Co-Bundesparteichef neben Claudia Roth war.
2019, nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen, bewarb er sich um den Fraktionsvorsitz im Bundestag, unterlag jedoch gegen Anton Hofreiter. In der Ampelregierung bekam er nur das unbedeutende Agrarressort, nicht das Außenministerium, auf das er gehofft hatte. Das krallte sich Co-Parteichefin Baerbock. Nun hat er es allen gezeigt – als Wahlsieger und Nachfolger von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Ich freue mich mit und für ihn.
(Einen Kommentar zur Wahl habe ich in den Ruhrbaronen geschrieben)