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Jana Hensel, die AfD und die späte Rache des Ostens

Illustration „Der deutsche Umbruch“ von Reinhard W. Buchta. Foto: Alan Posener

Kann es sein, dass die AfD die späte Rache des Ostens ist? Die Quittung für unerwiderte Liebe? Die These vertritt der Ex-IM und Verleger Holger Friedrich in einem lesenswerten Interview in der WELT: „Es geht um Respekt und Würde. Wenn der Bundespräsident einmal sagen würde, dass vieles falsch gelaufen ist in der Nachwendezeit und dass man viele Ostdeutsche ungerecht behandelt hat, auch Funktionsträger, die beim Zusammenschluss positiv gewirkt haben – wenn er das öffentlich anerkennen würde, würde das wahrscheinlich mehr zur Eindämmung der AfD beitragen als alles andere.“

Ähnlich sieht es Jana Hensel in ihrem neuen Buch „Es war einmal ein Land“. Ihr, der Links-Grünen und Friedrich, dem … nun ja, jedenfalls nicht Links-Grünen, eint der Befund: „Nach der Wiedervereinigung haben sich die Ostdeutschen gesagt, wir lernen jetzt erst einmal, wie der Westen geht, damit wir keine Scheiße bauen. Aber als wir dann alles durchschaut haben, waren wir enttäuscht. Enttäuschte Liebe spielt (…) eine große Rolle. Und als die Westdeutschen merkten, die Ostdeutschen wollen sich doch nicht so einfach anpassen, wurde man als der böse, dunkeldeutsche Ossi beschimpft …“ Da spricht zwar weder Hensel noch Friedrich, sondern die von Hensel zitierte Ex-Grüne Antje Hermenau, aber im Wesentlichen fasst die zusammen, was Friedrich und Hensel meinen.

Niemand zwang die Bürger der DDR, Bundesbürger zu werden

Abgesehen von der Frage, ob es sinnvoll ist, aus Enttäuschung mit dem Westen eine Partei zu wählen, die von Westdeutschen gegründet und deren führende Köpfe – Weidel, Höcke und Gauland – Westdeutsche sind, während Chrupalla als Zähl-Ossi fungieren darf; abgesehen davon, ob es nicht alle Vorurteile der bösen Wessis bestätigt, wenn der Ossi aus enttäuschter Liebe eine Partei des Hasses wählt, die im übrigen kein Konzept hat, wie es dem Osten besser gehen soll: Niemand hat die Ostdeutschen gezwungen, der Bundesrepublik beizutreten.

Die Westdeutschen schon gar nicht. SPD-Chef Oskar Lafontaine war dagegen. Die Grünen auch. Die FDP war skeptisch. Helmut Kohl selbst – der „Kanzler der Einheit“ – schlug in seinem „Zehn-Punkte-Plan“ eine allmähliche Annäherung über Vertragsgemeinschaften und eine „Konföderation“ hin zur staatlichen Einheit unter einem europäischen Dach. Es waren die ostdeutschen, die mit einer gigantischen Welle von Wirtschaftsflüchtlingen drohten – „Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zur D-Mark!“ – und dadurch die Währungseinheit und als Folge davon die staatliche Einheit erzwangen. Kohl, ein rheinischer Europäer in der Tradition Adenauers, akzeptierte das nur, indem er den Plan fasste, durch die frühe Einführung des Euro auch die europäische Einigung zu forcieren. Nicht um alles in der Welt wollte er allein mit den Ostdeutschen sein, einer Wiederbelebung des Bismarck-Reichs den Weg bereiten.

Das soll nicht heißen, dass die Ostdeutschen keinen Grund zur Klage hätten. Nur, dass sie sich selbst anklagen sollten. „Man hat uns blühende Landschaften versprochen!“  Nun, glauben musstet ihr das nicht. Lafontaine hat das nicht versprochen, aber ihn habt ihr nicht gewählt. „Es fand ein Elitenaustausch statt: drittklassige Wessis statt erstklassiger Ossis!“ Warum habt ihr da mitgemacht? Die zuständigen Landesregierungen wurden ja frei gewählt. Wer kann es einem westdeutschen Professor verübeln, dass er sich auf einen Posten im Osten bewirbt? Man muss ihn aber nicht nehmen. Beinahe von der Stunde Null datiert die Klage, Ostbiografien würden „entwertet“. Aber vor allem die Ostdeutschen haben sie entwertet.

„Der deutsche Umbruch“, 36 Jahre danach

In seinem Vortrag „Der deutsche Umbruch“ sagte mein Vater im Mai 1990 vor einem ostdeutschen Publikum: „Auch der Kommunismus der DDR hat in 45 Jahren ein eigenes Gesicht erhalten, auch eigene Leistungen gezeigt; und ich gestehe, dass mich ein gelinder Schauer ankommt, wenn ich sehe, wie man sich jetzt die Hände davon wäscht.“ „Man“, das sind die Bürger der DDR. „Es ist wieder“ – wie 1945 – „ein deutscher Umbruch reinster Form, und die Formel dieser Umbrüche lautet: Nichts von dem, was bis gestern gegolten hat, bleibt gültig. Man vergesse es!  (…) Was 45 Jahre lang die DDR ausgemacht hat, woran nicht Wenige geglaubt und gearbeitet haben, was viele andere zumindest akzeptiert werden, soll vergessen werden, als sei es nie gewesen. Die Personen aber, die das alles geglaubt, gemacht, gestützt, erhalten haben, sollen ‚übernommen‘ werden, als sei auch die eigene Vergangenheit für sie nicht mehr gewesen als ein böser Traum. Nur einigen wenigen wird die ganze Schuld aufgeladen, was ihnen in den Augen der ‚Befreiten‘ etwas Verächtliches gibt …“

Kurzum: 1945 wie 1989 fand keine Selbstbefragung statt. „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ war die Losung der Ostdeutschen von Anfang an. Die Helden des Widerstands, die Dissidenten und Geflüchteten, wurden kurz gefeiert und dann vergessen.

Die DDR als Groß-Dänemark …

Und nun kommen Friedrich und Hensel und sagen, man hat uns Ossis nicht geliebt. Man hat uns nicht gewürdigt. „Die DDR war eine Diktatur, die ihren Bürgerinnen und Bürgern viele Freiheitsrechte (…) entzog“, schreibt Hensel, „aber gesellschaftspolitisch war sie dennoch ein fortschrittliches Land skandinavischen Zuschnitts.“

Als Beleg für diese Behauptung gilt „eine äußerst liberale Abtreibungslösung“, die flächendeckende Kinderversorgung und „eine der höchsten Scheidungsraten der Welt.“ Na dann.

Überdies waren in der Volkskammer Mitte der 1970er Jahre 31,8 Prozent der Abgeordneten Frauen, im Bundestag 7,5 Prozent. Inzwischen „entwickelt sich die Partizipation der westdeutschen Frauen am Arbeitsmarkt in Richtung Osten – und nicht umgekehrt“.

Nur machen weder Abtreibungen noch Scheidungen, weder arbeitende Frauen noch weibliche Abgeordnete in einem von oben bestellten Parlament aus einem Klein-Preußen, das Frauen mehr oder weniger zur Arbeit zwang und wegen des Aderlasses Richtung Westen zwingen musste, ein Groß-Dänemark.

… oder war es umgekehrt?

Umgekehrt hatte der umfassende und invasive Wohlfahrtsstaat, wie ihn die skandinavischen Länder und vor Maggie Thatchers Freiheitsrevolution auch Großbritannien praktizierten, zuweilen etwas Totalitäres, an die sozialistischen Diktaturen Gemahnendes, wie der Film „Clockwork Orange“ nach dem Roman von Anthony Burgess oder der Song „Here Come the People in Grey“ von The Kinks zeigen. Denn die verordnete Gleichheit und die maternalistische Rundumversorgung erfordern eine Überwachungsbürokratie, die immer totalitäre Züge tragen muss und die Menschen entmündigt.

Was zeigen – im Zeitalter der leicht verfügbaren Pille und der laxen Sexualmoral – eine hohe Scheidungs- und Abtreibungsrate? Dass die Menschen offensichtlich verlernt haben, für sich selbst zu sorgen und die Folgen ihrer Taten zu bedenken. Schwanger geworden? Abtreiben. Geheiratet, um eine Wohnung schneller zu bekommen? Scheiden lassen. Egal.

Das ist nicht fortschrittlich. Das ist traurig. Aber Hensels Verklärung der DDR zu einem skandinavischen Land – das Wegblenden der Tatsache, dass hier von 1871 bis 1918 das autoritäre Preußen Bismarcks herrschte, von 1918 bis 1933 eine ungeliebte und fragile Demokratie, ab 1933 zuerst eine – nach 1945 nicht aufgearbeitete – nationalsozialistische, nach 45 eine – bis heute nicht aufgearbeitete – kommunistische, zeigt, wo das Problem liegt.

Wann werden die Zonenkinder erwachsen?

Die Ostdeutschen – und ich benutze dieses Kürzel wohl wissend, dass es „die“ Ossis so wenig gibt wie „die“ Wessis – haben sich eine postkoloniale Identität zugelegt; sie sind wie jene Afrikaner, die auch 75 Jahre nach der Unabhängigkeit die ehemaligen Kolonialherren und nicht ihre eigenen Fehler für die heutigen Probleme verantwortlich machen.

Erwachsenwerden freilich heißt, nicht mehr die Eltern für das verantwortlich zu machen, was man selbst verbockt hat und verbockt. Politisch erwachsen werden heißt für „Zonenkinder“ (Jana Hensel), die eigene Geschichte annehmen, nicht verklären, und ebenfalls Verantwortung zu übernehmen. „Ätsch, dann wähle ich eben AfD!“ ist das Gegenteil davon.

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41 Gedanken zu “Jana Hensel, die AfD und die späte Rache des Ostens;”

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    ++ Kurzum: 1945 wie 1989 fand keine Selbstbefragung statt. „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ war die Losung der Ostdeutschen von Anfang an. Die Helden des Widerstands, die Dissidenten und Geflüchteten, wurden kurz gefeiert und dann vergessen. ++

    Das stimmt schon, aber die „Selbstbefragung“ wurde in ziemlicher dominanter Form frembestimmt, das hat manches verhindert, was ich heute für wichtig hielte unter den Ostdeutschen, die noch in Zeiten der DDR ihre wichtigsten Erfahrungen gemacht haben. Es wurde einfach neue Anpassung gefordert, statt Kritikfähigkeit zu stärken.
    Die Helden des Widerstandes kamen – auch in der westdeutschen Gesellschaft – nie an. Das gibt mir zu denken. Auch da überwog die Forderung nach Anpassung und nicht nach kritikbewusster Sicht auf eine Demokratie, die u. a. auch vom Widerspruch lebt.

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      Liebe Frau Geisler, sich an die Demokratie „anzupassen“ ist etwas anderes, als sich an die Diktatur anzupassen. Das scheinen viele Ostdeutsche bis heute nicht zu begreifen. Die Westdeutschen wurden auch nach 1945 „in ziemlich dominanter Form fremdbestimmt“, und das war gut so. Die Ossis hatten die Wahl zwischen dem langwierigen polnischen Weg (Selbstemanzipation) und dem Weg des geringsten Widerstands (Beitritt zur demokratischen Bundesrepublik). Sie haben gewählt. Und seitdem jammern sie darüber, dass sie die Segnungen des Kapitalismus – die D-Mark, mit der sie sofort in Ungarn und Polen angaben, die Westautos dito, gute Jeans und tolle TVs, die Reisefreiheit – zwar sofort, aber nicht umsonst bekamen. Das aber hatte ihnen niemand versprochen.

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      Lieb Frau Geißler,

      was sind die „Helden des Widerstands“? Ich benutze so was nicht. Ich sage, dass ich in der DDR drei Jahre in Haft war, 14 Monate davon in Untersuchungshaft des Ministeriums für Staatssicherheit.

      Das ist konkret. Das ist nachprüfbar. „Ich war Widerstand“ ist eine Blackbox. Was ist da überhaupt drin ?

      Und ja, es ist richtig, dass mir „dafür“ keiner „was zahlt“. Gehört werde ich, weil ich nach der Haft Jura studiert habe und Anwalt bin.

      Und selbst das schützt mich nicht vor Belehrungen westberliner Lehrer darüber, was ein Rechtsstaat sei.

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        Es ist interessant, lieber Bodo Walther, dass Sie selbst „vor Belehrungen geschützt“ werden wollen. Gelernt ist eben doch gelernt.

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        Z.B. vor der Belehrung des westberliner Lehrers Alen Posener

        „Niemand hat die DDR-Bürger gezwungen, Bundesbürger zu werden.“

        … vor allem vor dieser ist zu schützen.

        Weil es ein westdeutsches Staatsangehörigkeitsgesetz, abgesondert vom 1968 erlassenen DDR-Staatsbürgerschaftsgesetz nie gab.

        Gab es allenfalls in den Schulungen von K-Gruppen.

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    Endlich sagt’s mal einer, war meine erste Reaktion. Mal abgesehen von den individuell psychischen Kosten, die Heim- und Krippenerziehung wie auch die erzwungene Doppel bis Dreifachbelastung als Werktätige, Mütter wie Haushaltshilfe der „Sozialstaat“ DDR hinterließ, war es im übrigen die erste und letzte frei gewählte Volkskammer der DDR, die die Selbstauflösung des Staates und den Beitritt zur Bundesrepublik beschlossen hat. Man wollte ausdrücklich kein eigenes Staatsgebilde oder anderes System. Angeblich soll ja auch die große Mehrheit der Ostdeutschen Westmedien bis 1989 verfolgt haben. Magazinsendungen wie Monitor, Panorama, Report etc. haben damals ein realistisches und sehr kritisches, zuweilen überkritisches Bild der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik gezeichnet. Haben die dann doch alle nur die Schwarzwaldklinik geschaut? Nimmt man sie ernst und begreift sie als mündig „die“ Ostdeutschen, dann kann man nur sagen: Augen auf bei der Systemwahl! Geht das so weiter, dann warte ich noch auf die Gründung der „Westpartei“ und die kommt garantiert sofort auf über 5%.

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      „Augen auf bei der Systemwahl“

      Lieber Rüdiger Gans,

      Ja, das ist so ein Narrativ, dass der Ossi am 18. März 1990 „den Kapitalismus“ habe. Und nicht den “ nun aber wirklichen Sozialismus“, den SED-PDS und Bündnis90/ GRÜNE anpreisen. Mit einer DDR als nun aber wirklichen Altrnative zur Bonner Republik.

      Das Narrativ ist eine Gleichug mit gleich zwei Unbekannten:

      – Was ist „der Kapitalismus“?

      Und

      – Was ist „der Sozialismus“ ?

      Und:

      Wie geht „Sozialismus“ so, dass es keine Mauer braucht um den Bürger an diesen Segen zu binden ?

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    Nachdem ich Katja Hoyers und Dirk Oschmanns Bücher, die Leseprobe von Jana Hensels neuem Buch und die Kritik vom Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk dazu auf Facebook gelesen hatte, beschloss ich dieses Buch einfach zu ignorieren. Es gibt so viele gute Bücher. Ich muss auch nicht extra von Berlin in die Peripherie fahren, lebe ich mein Leben lang mittendrin und habe die Veränderungen seit 1990 hautnah miterlebt, hörte wie die Propaganda, die die AfD stark machte, sich seit 2006ff nach und nach durch die Köpfe und Politik fraß. Ostdeutschland ist ein anderer Resonanzraum als der Westen. Das habe ich oft beschrieben. 2019 gab es eine Konferenz »Kolonie Ost?« (mit Fragezeichen), die zeigte, dass da ein neues Narrativ geschrieben werden sollte. Es war auch die Zeit, da sehr viel über das Wirken (Feindbild) der Treuhand geschrieben wurde. Inzwischen gibt es im Rahmen einer Studie vom IfZ Potsdam eine Reihe Bücher, z. B. »Das Chemiedreieck bleibt!« von Rainer Karlsch zur Treuhand, in denen auch viel über den Zustand der Industrie in der DDR geschrieben wird. Mit Reizworten, wie Staatsversagen, Deindustrialisierung, Islamisierung usw., konnten Menschen mobilisiert werden. Da ging es m. E. vor allem um Ängste, weniger um Rache. Bodo Walthers Tunnelblick auf die Aufarbeitung spielt m. E. den Verklärern der DDR und der AfD in die Hände.

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      „Bodo Walthers Tunnelblick auf die Aufarbeitung“

      Liebe Kerstin,

      Ich finde: Ein Aufarbeiter in der Familie ist bereits einer zuviel.

      Meine Schwester tingelt halt für die Aufarbeitungsindustrie durch die Thüringer Schulen. Mit Theaterstück:

      https://www.jugend-erinnert.de/projekte/zwischen-traeumen-und-wachen

      Und warnt vor der AfD.

      Wechens ihrer üblen Erfahrungen, die sie in der DDR als Trägerin des Vaterländischen Verdienstordens gemacht habe.

      Vielleicht gibt’s dafür noch das Bundesverdienstkreuz oben drauf.

      Würde passen.

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        Vielleicht sind Sie alt genug, die Fixierung auf die Schwester zu überwinden?

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        Lieber Alan Posener,

        die Beobachtung, dass der Hauptantrieb von „Aufarbeitern der SED Diktatur“ der ist, …

        … dass sie endlich mal rauslassen müssen, wozu sie in der DDR zu viel Schiss in der Hose und zuviel Sch… im Hirn hatten, …

        Der ist ein sehr allgemeiner.

        Den nachholenden Widerstandskämpfer gibt es übrigens auch zur NS-Geschichte.

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      Es ist bemerkenswert, wie zwanghaft auf ‚das Erstarken der AfD‘, also die ‚furchtbaren‘ Ostwähler (u. Visegrad-Länder, D. Trump..) gestarrt wird um der riesengroßen Elefanten nicht zu sehen.

      „In dem Brief werden exemplarisch Fälle aufgeführt, die die finanzielle Belastung für den Landkreis veranschaulichen: Für eine 24-Stunden-Assistenzbetreuung einer Person muss der Landkreis jährlich 252.000 Euro zahlen – dem steht eine Beteiligung der Pflegekasse in Höhe von 14.400 Euro gegenüber. Die Schulbegleitung für ein Kind mit besonderer Betreuung kostet jährlich etwa 60.000 Euro. (aus dem von B. Walther verlinkten Artikel)“

      Wer ständig Demokratie und Rechtsstaat (ist nicht das Gleiche..) mit den derzeitigen Auswüchsen „demokratische Institutionen“, „Unsere Demokratie“ usw. bewusst verwechselt und Deindustrialisierung (Faktum, im Osten bereits erfolgt, derzeit im Westen im Gange) nicht sehen(!) will und so einige andere Fakten (Islamisierung, ja, die gibt es, für die, die es ‚Biodeutschen‘ nicht glauben wollen, gerade Migranten berichten davon) in die Schublade „Kampfbegriffe“ einsortiert, wird das nächste Jahrzehnt mit einer Kaskade von ‚verstörenden‘ Überraschungen verbringen. Verdrängen im sozialtherapeutischen Stuhlkreis „Unserer Demokratie“, wo erklärt wird, wer Demokrat ist und wer sich wie und wo noch anzupassen hat und so unreif ist, daß er seine Familiengeschicht gefälligst noch aufzuarbeiten hat, ist keine Analyse, sondern reine Selbsvergewisserung als Gutmensch. Unerträglich. Ich bin hier am falschen Platz.

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      Vielleicht waren meine ersten beiden Sätze etwas missverständlich. Weder Katja Hoyers noch Dirk Oschmanns Bücher waren für mich gute Bücher. Katja Hoyers »Diesseits der Mauer« hat DDR-Narrative reproduziert. Dirk Oschmanns Buch war m. E. ein Wutbuch. Ilko-Sascha Kowalczuk schreibt bei Facebook über Jana Hensels Buch, dass es eine autobiografische Reportage und kein Sachbuch sei. Ich kann nachvollziehen, dass Sie, Bodo Walther, das mit Ihrer Schwester ärgert. Ich glaube Ihnen Ihre Version der Geschichte. Die Frage ist nur: Ist sie auch repräsentativ für die heutige DDR-Aufarbeitung? Vielleicht für das DDR-Doping. Kann man also vom Einzelnen aufs Ganze schließen? Sie können ja Ihre eigene Geschichte schreiben. Zu Ihrer Frage (s.u.): „Wie geht Demokratie ohne Wohlstand?“ War Angela Merkel nicht immer auf den Wohlstand der Wähler bedacht und hat vielleicht deshalb viel Kritik aus den USA und auch in Deutschland am Mangel an den Verteidigungsausgaben und an der Energieabhängigkeit von Russland (Nordstream II) ignoriert. In welchem Verhältnis steht für Sie Freiheit und Wohlstand? Ich verfolge diese Diskussionen und die Metamorphosen der AfD seit 2008. Ich hörte seit der Transformation eine EU-Skepsis in Ostdeutschland. Ostdeutschland war z. B. von EU-Osterweiterung und der Energieabhängigkeit von Russland aus geografischen und auch historischen Gründen stärker betroffen als der Westen. Wenn mir bestätigt wird, nicht mein Rassismus oder Sexismus sind das Problem, sondern die Kritiker sind es, ist dies gut fürs Selbstbild. Sowohl Rassismus als auch Sexismus gab es in der DDR, wie auch im Westen. Die DDR hatte ihren eigenen Friedensbegriff, der auch noch nachwirkt. Ich werde Jana Hensels Buch nun doch lesen.

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      Nun habe ich das Buch gelesen. Wer beim Buchtitel „Es war einmal ein Land“ ein Buch über die DDR und deren Folgen erwartet, wird enttäuscht werden. Wer erwartet, etwas über die Wähler in Ostdeutschland zu erfahren ebenfalls. Denn Jana Hensel begibt sich nicht wirklich in die Peripherie zu den Wählern, sondern spricht mit Politikern entlang des Rechts-Links-Grabens und sortiert die mal eben in die Schubkästen mit den Überschriften (Die Radikalen, Die Abgedrifteten, Die Wehrhaften) ein. Das hat im Falle der Rechten etwas von „mit Rechten reden“, ohne diese wirklich zu stellen. Die Wähler werden vor allem durch die Brille der Autorin und deren Gesprächspartner gesehen. Dass ein Buch über den Rechtsruck in Ostdeutschland völlig ohne eine Erinnerung an die Debatte um das Buch »Deutschland schafft sich ab« von Thilo Sarrazin (2010) auskommt, finde ich erstaunlich. Gerade in dieser Debatte um Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Rassismus, Bildung, Sozialstaat usw. zeigte sich das Wählerpotential der AfD im Osten und es gab viele zusätzlichen Zuweisungen und Kränkungen. Der Westen vergaß dabei gern mal seine eigene Geschichte. Viele Sätze, wie „Das wird man wohl noch sagen dürfen.“ , höre ich heute noch auf der Straße. Auch globale Entwicklungen werden weitestgehend ausgeblendet. Die Wahrnehmung ist das unsichere Fundament unseres Handelns. Die Wahrnehmung wiederum ist vom Wissen, Vorurteilen, Aufmerksamkeit usw. abhängig. Indem Jana Hensel fast alles vor 1989 ausblendet, schweigt sie von dem, was die Wähler als ideologische Mitgift in die Deutsche Einheit (Ehe) – um in deren Bild Ehe zu bleiben – mitbrachten und u. U. auch an die Kinder und Enkel weitergeben. So wurde bei der Autorin die PDS quasi über Nacht zu einer demokratischen Partei. Für mich handelt sich die Wahl der AfD allerdings nicht einfach um Rache, z. B. wegen gekränkten Stolzes, sondern schon um eine Übereinstimmung von Ansichten mit der Partei. Was soll das eigentlich heißen, dass der Osten sich trennen will? Nimmt er jetzt den Zugewinn und geht einfach? Wohin? Für mich liest sich das Buch, wie eine gefühlige Nabelschau.

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    Ich verstehe den Text nicht.

    Hab mir mal die erste Ausgabe der OAZ gekauft und erstmal den Artikel über Chrupalla gelesen. Muss man mal sehen, ob demnächst in ähnlichem (wohlwollenden) Stil auch über andere Politiker geschrieben wird. Aber das Bild, was da gezeichnet wird ist deutlich vielschichtiger als Poseners Abzieh-Etikett Zähl-Ossi.

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    Mir erscheint, dass Jana Hensel versucht, eine Erkärung dafür zu liefern, warum die Leute im Osten – eigentlich sind es ja nur knapp die Hälfte der wählenden Bevölkerung – sich nicht wie „mündige Bürger“ verhalten. Die liberale Demokratie setzt aber mündige Bürger voraus, ohne diese hat sie keinen Sinn und ist zum Scheitern verurteilt.
    Man kann jetzt behaupten, die Voraussetzung stimme nicht, die AfD-Wähler wären durchaus „mündige Bürger“ – die mündigsten sogar! – und würden also eine mündige, rationale Wahlentscheidung treffen. Das sagen viele, es ist aber nicht überzeugend.
    J. Hensel scheint zu sagen, dass dies unmündiges, aber verständliches Wahlverhalten ist. Es würde dazu dienen, „es“ den blöden Wessis zu zeigen. Also Tribalismus: „wir“ gegen „die“.

    Wenn ich Sie richtig verstehe, akzeptieren Sie schon die These des Tribalismus als solche, aber nicht die Rechtfertigung, die in dieser Erklärung mitschwingt. Ich würde jedenfalls sagen: die These vom Tribalismus ist auf alle Fälle leider richtig, sie ist ein wichtiger Teil der Erklärung. Insofern scheint Fau Hensel ja irgendwie recht zu haben. Nur ist der Tribalismus selber nicht berechtigt. Teilweise sind die Leute ja bereit zu glauben, dass die Erde eine Scheibe wäre oder dass die Eliten kleine Kinder fressen würden, nur um irgendwie in einem tollen Club der Durchblicker „dazuzugehören“. Und die Ossis glauben in diesem Sinne, dass sie es den Wessis mal ordentlich zeigen, indem sie die AfD wählen: „wir“ gegen „sie“.
    Wie dem auch sei – Tribalismus ist jedenfalls auf keinen Fall „mündiges Bürgertum“, das können Schimpansen auch. Und darum macht mich Ihre Schlussfolgerung „Politisch erwachsen werden heißt für „Zonenkinder“ (Jana Hensel), die eigene Geschichte annehmen, nicht verklären, und ebenfalls Verantwortung zu übernehmen. „Ätsch, dann wähle ich eben AfD!“ ist das Gegenteil davon.“ -pessimistisch. Da diese tribalistische Bewegung zu allem Unglück auch noch international ist, hoffe ich (was bleibt auch anderes übrig), dass sich die liberale Demokratie und das Konzept mündiger Bürger – die sich ernsthaft um Wahrheit und moralisch richtiges Handeln bemühen und den tribalistischen Spott über „Gutmenschen“ achselzuckend zurückweisen – irgendwann wieder fängt und Fahrt aufnimmt.

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    Ein interessanter Text. Ich würde zudem die Corona-Pandemie nicht unterschätzen, die sicher ein ähnliches Gefühl des-sich-Leidtuns durch einen durchgreifenden Staat und dessen reele Auswirkungen in einem sehr kurzen, aber prägnanten Zeitraum erzeugt hat und noch immer nachwirkt. Oder vielleicht kann man es auch so sehen, dass das hier beschriebene, historische Phänomen während der Pandemie, also einem Ausnahmezustand, auch sehr sichtbar geworden ist.

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    Lieber Herr Posener,
    Mir grauste es, als ich die Überschrift über Ihrem Essay gelesen hatte. Posener schreibt über Ossis …
    Ich muss aber zugeben, dass ich Ihnen gerne im Wesentlichen zustimme.
    Ich bleibe aber skeptisch, die AfD als ein ostdeutsches Phänomen zu bezeichnen. Es bleibt abzuwarten, wie diese Partei künftig in der Alt-Bundesrepublik abschneiden wird. Dort, wo der Strukturwandel jetzt auch im Gange ist mit allen sozialen Folgen. Wo die 3. Generation jetzt nicht mehr bei Bosch „schafft“. Wo dann auch die Mechanismen greifen: Die Suche nach den „Schuldigen“. Ob der „Westbürger“ in punkto Selbstbefragung oder „Selbstanklage“ so viel vorbildlicher ist als der „Ossi“?
    Die Wahl in Baden-Württemberg wird einen ersten Hinweis geben.
    Beste Grüße!

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      Lieber Stefan Trute, ich rechne Ihnen hoch an, dass Sie den Text gelesen haben, obwohl es Sie grauste. („Grausen“ nimmt den Akkusativ, „grauen“ den Dativ. Verwechseln viele Deutsche.) Ich bezeichne die AfD nicht als ostdeutsches Phänomen. Das tun Jana Hensel und Holger Friedrich. Da es überall im Westen (Trump in USA, Meloni in Italien, Wilders in NL, LePen in Frankreich, Farage in Großbritannien usw. usf.) Rechtspopulisten gibt, in vielen Fällen in der Regierung, ist dieser Ansatz also sicher nicht ausreichend, wenn man die AfD bekämpfen will. Genau deshalb lasse ich das Gejammere nicht durchgehen.
      Auch James Hawes, der in seiner lesenswerten „Kürzesten Geschichte Deutschlands“ die These vertritt, die Elbe, also die Grenze des römischen und karolingischen Reichs, sei seit jeher und immer noch die Grenze zwischen einem westlichen, europäischen, zivilisierten, und einem östlichen, quasi-barbarischen, halbasiatischen Deutschland (ich übertreibe), kann das nur unter erheblicher Verbiegung einiger Statistiken. (So war die NSDAP zwar am stärksten ganz im Osten, also in den nach 45 von Polen annektierten Gebieten, aber eben nicht im preußischen Kernland oder Sachsen, von Berlin ganz zu schweigen. Weiter westlich, in Niedersachsen und Teilen von NRW, war sie stärker.)
      Adenauer war der Meinung, dass die Deutschen nur dann die Demokratie akzeptierten, wenn es ihnen gut ginge; Schmidt war ähnlicher Überzeugung; Kohl vermutlich auch, weshalb er Reformen nach Thatchers Vorbild scheute, und stattdessen von einer „geistig-moralischen Wende“ faselte. Vermutlich sah es Merkel auch so, und mutete den Deutschen nichts zu – bis 2015. Und dann brach die Hölle los. Es ist also ein weites Feld, von dem hier nur ein Ausschnitt präsentiert wird.

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      ..ich denke, man kann, darf und muss den Menschen etwas zumuten (Arbeit). Allerdings darf man Ihnen nicht jede Perspektive nehmen und die Regulierungen nicht so weit treiben, daß sie keinen Ausweg finden. Psychologen würden wohl sagen, sie brauchen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Ich würde noch hinzufügen, es braucht keine Belehrung darüber, was das zu sein hat. Vielleicht hat genau das Westdeutschland Ostdeutschland angetan (?)

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        Lieber KJN, die „Selbstwirksamkeit“ ist ein tolles Thema. ich denke da an die Erfahrungen, die ich machen kann, weil ich im Internat – was ich damals gehasst habe – das Handwerk des Malerns (und das Bettenmachen, Aufräumen, Stallausmisten, Setzen und Drucken u.v.a.m.) gelernt habe, und wie gut es tut, einen Dübel in die Wand zu bekommen oder auch nur Auto fahren zu können. Was gegen die Akademisierung des Schulbetriebs spricht. (Ich habe noch gar nicht über die Freude Berliner Jugendlicher gesprochen, wenn sie auf einer Skireise unter meiner Leitung in wenigen Tagen lernten, sicher einen Berg herunterzufahren, also von Sport oder Musik, darstellendem Spiel usw. usf..) Nur: in der liberalen Demokratie als System spürt niemand – ob Wessi oder Ossi – eine Selbstwirksamkeit. Das Paradoxon ist: Ob ich wähle oder nicht, ändert gar nichts, aber wenn alle so denken, kollabiert das System. Hier gilt also Kants kategorischer Imperativ.

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        Lieber AP, Ich meinte Selbstwirksamkeit nicht in der Schule im Werkunterricht und als Ergotherapie, sondern darum, mit seinen Fähigkeiten eine Chance und eine Arbeit zu bekommen. Danach kommt erstmal gar nichts. Zumindest nichts Politisches.

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      Lieber Stefan Trute, lieber Alan Posener,

      mein Lieblingsthema, auch in der Gegenerzählung, ist die so genannte „Aufarbeitung der SED-Diktatur“.

      Ich habe den Eindruck, dass die „Aufarbeitung“ mit ihren Gedenkstätten zuerst den Eindruck über den „SED-Unrechtsstaat“ vermittelt,
      – dass es in einem DDR-Gefängnis eng gewesen sei, noch enger als in der DDR überhaupt.
      – dass es dort nicht genügend Vitamine gab, noch weniger, als in der DDR überhaupt
      – dass Gefangene (oh Schreck) arbeiten mussten
      – und aus der Spur geratene Jugendliche in einem Jugendwerkhof auch zur Arbeit getrieben wurden.

      Kurz: Dass die DDR zu arm gewesen sei, um sich weiträumigere Gefängnisse zu leisten. Dass die DDR es sich nicht leisten wollte, Gefangene ohne eine Arbeitsleistung von diesen „durchzufüttern“. Und dass Jugendfürsorge möglichst wenig kosten sollte.

      Noch kürzer: DASS DIE DDR EBEN IN STÄNDIGEN GELDNÖTEN WAR.

      Mir graust es vor dem Tag, an dem sich unsere Landkreise all die ständig explodierenden Kosten der Jugendhilfe mit ihren vielen Sozialpädagogen und diesen Delphintherapien nicht mehr leisten können.

      Doch, wir steuern darauf zu: https://www.otz.de/lokales/landkreis-greiz/article410504282/brandbrief-aus-dem-kreis-greiz-explodierende-sozialkosten-erdruecken-landkreis-und-kommunen.html

      Wie geht Demokratie ohne Wohlstand?

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        Diese Kombination von Tunnelblick und Nabelschau macht es so mühsam mit Ihnen, Bodo Walther, zu diskutieren. Für mich sind nicht die Rechten das Problem, sondern jene, die sich mit Rechtsextremen verbünden. Ihre Gegenrede macht m. E gut sichtbar, dass Sie nichts zu diesem Thema der AfD aufarbeiten wollen. Sie wollen die Erinnerungskultur umschreiben. Sie suggerieren hier, dass der militärische und gewalttätige Umgang mit Häftlingen und Jugendlichen alleinig eine Frage des Geldes gewesen sei. Sicher ist es so, dass die wirtschaftliche Situation der DDR, die Situation für diese Gruppen noch verschärfte. Gleichzeitig ging sie mit einem Mangel an Aufarbeitung des NS, das SED-Menschenbild, Vorurteile und „gewolltes Nichtwissen“ der Mehrheitsgesellschaft einher. Jessica Lindner-Elsner nimmt in ihrem Buch »Von Wartburg zu Opel« insbesondere vulnerabel Arbeiter:innen wie Frauen, Menschen mit Behinderungen, Rentner, Ausländer und Strafgefangene der DDR-Arbeitsgesellschaft in den Blick. Die Frage, wie und was Deutschland sich noch finanziell leisten kann, ist sicher keine nebensächliche, nur nicht die alleinige.

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        Studie zu „vulnerablen Gruppen in den Eisenacher Wartburg-Werken“, Kerstin,

        setzen voraus, dass es sie gab. Ja, es gab sie. Und auch das ist der DDR-Mangelwirtschaft geschuldet. Dem Arbeitskräftemangel.

        Ein Behinderter, der noch irgendwie eine Kiste heben konnte, wurde einem „Arbeitskollektiv“ zugewiesen.

        Im vergangenen Jahr auf dem Bautzen-Forum berichtete der Dozent:

        Behinderte beklagten sich bei ihm vor allem darüber, dass sie mit der Abwicklung „ihres Betriebes“ aus der Kommunikation mit „normalen Menschen“ geworfen wurden.

        Eine geschützte Werkstatt der Diakonie oder einer sonstigen Behindertenhilfe ersetzt das ja nicht.

        Und bei Studien kommt es auch auf die Fragestellung des Studiosus an.

        Überigens:

        Meiner Beobachtung nach und der Beobachtung meiner Frau nach geibt es im heutigen Stadtbild weniger Behinderte als zu unserer Jugend in den 1960ern.

        Das macht meines Erachtens nach die pränatale Diagnostik.

        Also die Untersuchung einer Schwangeren darauf, ob des Embryo Missbildungen aufweise.

        Die Abtreibung eines Embryo, der wahrscheinlich mit Behinderungen zur Welt kommt, ist ja sogar unter Hardcore-Abtreibungsgegnern akzeptiert.

        Das war in den 1960ern noch anders. Im Osten anders und im Westen sowieso.

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        Warum klingen Ihre Beiträge, Bodo Walther, manchmal wie eine Verteidigung der DDR? Dass es einen Arbeitskräftemangel gab, hatte ja Ursachen (Kriegsfolgen und Flüchtlinge). Auch der Westen holte sich ausländische Arbeitskräfte ins Land – es kamen Menschen – , die man dann wieder los werden wollte. Eine entsprechende Diskussion gab es in den 80-igern, die wurde in den 2000igern noch einmal intensiviert. Wie die DDR mit ihren Vertragsarbeitern umging, wissen Sie vermutlich auch. Darin sieht vielleicht manch Ostdeutscher ein Vorbild. Schon vor 15 Jahre, nachdem Thilo Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« erschien, diskutierten wir bei SM über den Umgang mit Menschen mit Behinderungen und auch über die pränatale Diagnostik. Manchmal zeigt einem das Leben Dinge, die man lieber so nicht gesehen hätte. Gleichzeitig sensibilisieren diese Erfahrungen für bestimmte Themen. Transformation nach 1990 bedeutete auch: Altes wurde abgewickelt, Neues entstand. Oft habe ich die Möglichkeiten in der DDR und der BRD verglichen und korrigierte mein Bild über den Westen. Damals wurde hier im Blog auch darüber debattiert, wer die finanziellen Lasten tragen und wen die Unterstützung erreichen sollte, denn es zeigte sich, dass sich die Sozialkassen leerten. Warum schreiben Sie nicht einfach mal, wie Sie sich das Ganze vorstellen? Ist wahrscheinlich nicht so einfach. Ob mensch damals oder heute mehr Menschen mit Behinderungen sieht, weiß ich nicht. In meiner Jugend hatte ich jedenfalls keinen Kontakt, wusste manches nur vom Hörensagen und habe mich erst später dazu belesen. Oft waren die Kinder ja in gesonderten Einrichtungen und in Internaten. Wissen Sie eigentlich was der Begriff „Disruption“ bedeutet und wer diesen und warum heute propagiert?

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        Und ob ich das weiss, Kerstin.

        wie „die DDR“ mit Menschen mit einem ausländischen Pass umging.

        Menschen, die an der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße ihren ausländischen Pass vorzeigen, durften passieren.

        Menschen, die einen DDR-Personalausweis vorzeigten, wurden verhaftet.

        Dieses ganze Gerede von den Ausländern, die in der DDR so gern DDR-Bürger geworden wären, das ist doch nun auch wieder so eine Erfindung des Westens.

        Mich hat diese Schwerstarbeit, den DDR-Personalausweis loszuwerden, …

        … mich hat das drei Jahre Haft gekostet.

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        Nein, Bodo Walther, Sie scheinen manches über die Vertragsarbeiter nicht zu wissen. Ich benutzte explizit diesen Begriff. Dass diese die Grenzübergangsstelle Friedrichstraße passieren durften, dafür sollten Sie mir dann schon Quellen liefern können. Ich schrieb auch nicht von „Ausländern, die in der DDR so gern DDR-Bürger geworden wären“. Sie interpretieren da Dinge in meinen Text, die mehr über Ihr Denken preisgeben als ich schrieb. Ich würde Ihnen wegen Ihrer 3 Haftjahren gern erneut mein Mitgefühl ausdrücken, doch das haben Sie schon bei Facebook harsch abgewehrt.

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        „Ein Staat, der das Fliehen außer Landes unter Strafe stellt, ist jedem Fremden eine Warnung, sich dort NICHT niederzulassen.“

        Schrieb Cesare de Becceria 1764.
        https://archive.org/details/bub_gb_yMxXAAAAcAAJ

        Ja und bleiben Sie bitte auch weiterhin fern von mir mit Ihrem Mitgefühl für den wechens Republikflucht vorbestraften Walther. Der eben aufgrund seines höchst persönlichen und keineswegs zu verallgemeinernden Erlebens so einen „Tunnelblick“ habe.

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    Ich war in den wilden Wendezeiten Taxifahrer in Westberlin. Zu Anfang durften wir zwar Menschen von West nach Ost befördern, aber nicht umgekehrt. Eines Nachts, ich hatte gerade in Marzahn ausgeladen und wollte zurück, standen zwei junge Frauen an der Straße , die wollten in meine Richtung trampen. Ich hielt an, sagte „kostet nix“ und nahm sie mit. Irgendwann fragte eine, wie denn das wohl werden würde, mit der „Einheit“ und ich antwortete spontan: „Das größte Problem ist, dass wir glauben, den jeweils anderen zu verstehen, nur weil beide Deutsch sprechen“. Hat sich, so weit ich sehe, bis heute nicht geändert.

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    Kohl hatte blühende Landschaften versprochen, und nun sind da blühende Landschaften. Jeder seht es, nur Frau Hensel nicht. Selbst schuld. Nicht mal Ignorieren, sagte meine Schwiegermutter.

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    Danke für die gute – quatsch: für mich hervorragende – Einordnung von Jana Hensels kommodem skandinavischen Zuschnitt für die zweite deutsche Diktatur. Ich weiß immer nie, was ich der ganzen Zonenkinder-Kirche antworten soll. Ich empfinde das längst als eigenen Zuschnitt, eigene Agenda, treu dem alten Schalck-Vorwurf (in seiner Dissertation), ständig vom Westen betrogen zu werden, sonst wäre man die zweite Schweiz.
    Im Gegenteil hatte im Ostblock der SED-Staat nach Ungarn die höchste Selbstmordrate. Ich meine: Eine Gesellschaft, die sich selbst als „skandinavisch“ verklärt, muss erklären, warum sie gleichzeitig eine der verzweifeltsten war. Passt das zusammen? Mir scheint, dass es deshalb ausgeblendet wird.
    Vielleicht erscheinen diese Arbeiten auch deshalb so mutlos – aber das ist vielleicht tatsächlich ein Ost-West-Thema: Was ist Mut? Wo war Mut nötig, und wo hat man ein bisschen Mut gezeigt? Jedenfalls ist Mut in der ostdeutschen Erinnerungspolitik zu einem moralischen Tauschmittel geworden. Weshalb viele dieser „Zonenkinder“-Narrative so merkwürdig defensiv, fast wie eine Selbstentlastungsästhetik klingen. „Wann werden die Zonenkinder erwachsen?“ Und was gehört dazu?

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    Lieber Alan Posener,

    wie Sie sich denken können: „Anderer Ansicht Bodo Walther“.

    Ihr Problem beginnt damit, dass Sie „den Ossi“ auffordern, „endlich normal“ zu werden und so zu werden wie Sie, also nicht AfD zu wählen.

    Mein blinder Großvater sagte immer zum Abschied: „Bessre Dich, werd so wie ich.“ Das war witzig, weil es seine Selbstironie hatte.

    „Das Schlagwort lautete Anpassung.“ sagte mein Lieblingshistoriker 2019:
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/folgen-der-wiedervereinigung-historiker-ilko-sascha-kowalczuk-demokratie-benoetigt-vertrauen

    Christian Booß hat ihm zu seinem Buch „Freiheitsschock“, also diesem …
    https://starke-meinungen.de/blog/2025/07/08/ilko-sascha-kowalczuks-freiheitsschock-so-etwas-wie-eine-rezension/
    Christian Booß hat dazu geschrieben, dass der Beitrag von 2019 ja nun das Gegenteil seines Buches „Freiheitsschock“ gewesen sei. Dass er nun „völlig entgegengesetzt zu seinen früheren Thesen“ schreibe. Das ist in der Tat richtig.

    Ich würde mal sagen: Der Lieblingshistoriker hat mal durchgerechnet, wo mehr Menschen leben, im Westen oder im Osten. Und welche Ansicht sich dann in höherer Stückzahl verkaufen läßt.

    Holger Friedrich glaubt, eine Marktlücke gefunden zu haben und will sie füllen. Tatsächlich verkauft sich ja weder die Zeit noch der Spiegel noch die Welt im Osten (nachprüfbar).

    Ein gewagtes Unternehmen von ihm. Unternehmerisches Risiko.

    Er wird damit Erfolg haben oder scheitern. Ganz unabhängig davon, was Sie von dem „Ex-IM“ halten. Die Dämonisierung „dieser Stasis“ funktioniert im Osten schon lange nicht mehr. Mein Lieblingshistoriker hat übrigens mal sein ganzes Expertenwissen zum „Fall Holger Friedrich“ ins Netz geschüttet.

    Nun ja, alles menschlich: https://www.havemann-gesellschaft.de/beitraege/expertise-der-ehemaligen-bundesbeauftragten-fuer-die-stasi-unterlagen-marianne-birthler-und-des-historikers-dr-ilko-sascha-kowalczuk-zur-stasi-vergangenheit-des-berliner-verlegers-holger-friedrich/

    Vielleicht schreib ich mal ne Gegenerzählung zu Ihrem Beitrag.

    Wenn ich Lust habe.

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      Nun habe ich begonnen das Buch »Freiheitsschock« von Ilko-Sascha Kowalczuk ein zweites Mal zu gelesen, um auf Ihren, Bodo Walther, Kommentar hier reagieren zu können. Das Buch ist m. E. nicht das Gegenteil auf den Beitrag von 2019, sondern eine Reaktion auf eine neue politische Situation (Krieg gegen die Ukraine, das Erstarken der Extremisten), auf verschiedene Bücher, z. B. von Hoyer, Oschmann und die zunehmende Weichzeichnung der DDR. Es mag zwar richtig sein, dass die Rolle der USA beim Zusammenbruch der DDR im Buch zu wenig gewürdigt wird (siehe Ihren Link), doch der Autor räumt bereits auf S. 19 ein, das Buch sei „keine vollständige, sondern eine problemorientierte Geschichte Ostdeutschlands seit 1989 und stellt in vielerlei Hinsicht eine Ergänzung zu meinem Buch «Die Übernahme» (2019) dar.“ Ilko-Sascha Kowalczuk hält den Ostdeutschen einen Spiegel vor, erinnert sie an die DDR-Realität, die nun nicht selten verzeichnet wird und zeigt dabei, wie die SED-Ideologie im Denken weiter fortwirkt. Der Autor zeigt im Buch an unterschiedlichen Beispielen wie mittels ahistorischen Vergleichen die DDR verharmlost, mit der BRD gleichgesetzt und sich eine übertriebene Opferrolle imaginiert wird. Er weißt darauf hin, dass die Ostdeutschen 1990 keine Kolonisationsobjekte, sondern Transformationssubjekte waren, denn sie haben gewählt. Dem Autor des »Freiheitsschocks« dabei vor allem wirtschaftliche Interessen zu unterstellen, halte ich für diffamierend.

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    Danke schön, ich hoffe nur, dass diese wichtigen Einwände nicht zu spät kommen. Das Ostgejammer ist ja schon Jahrzehnte alt und fast ebenso alt ist mein ständiger Hinweis darauf, dass ich im März 1990 NICHT wahlberechtigt gewesen bin.
    Das Ergebnis wurde damals zurecht als mehrheitlicher Wille zur schnellen Einheit unter dem Artikel 23 GG aufgefasst.

    1. avatar

      Natürlich kommen sie zu spät. Sie kamen schon 1990 zu spät. Wer entschlossen ist, sich Leid zu tun, dem ist schwer zu helfen.

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