„Wo bleibt das Positive?“, wurde Erich Kästner oft gefragt. Hier ist es: ein kurzes Erlebnis zu nachtschlafender Zeit. „Träum ich oder wach ich?“, war für mich die Frage. Denn wie aus dem Nichts fiel mir im Schlaf eine uralte Begebenheit ein, die bereits drei Jahrzehnte zurückliegt. Das menschliche Gehirn ist ein wahrer Zauberkasten. Doch der Reihe nach.
Ein Missverständnis
Es war in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. In meiner damaligen Position als Verlagsleiter der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung fanden sich auf meinem Schreibtisch gelegentlich auch Zuschriften aus jüdischen Gemeinden.
In einem solchen Brief beklagte sich einmal eine vermutlich ältere Dame über eine zunehmende Geringschätzung von Juden. Als Beispiel führte sie den Song der Beatles „Hey Jude“ an. Sie missverstand den Titel offenbar als despektierliche Ansprache an einen Juden.
Ich fragte mich, wie ein solches Missverständnis selbst zwanzig Jahre nach Erscheinen des Songs noch entstehen konnte. Wie auch immer: Als Liebhaber der Musik der Fab Four ließ ich es mir nicht nehmen, der Dame mit beschwichtigenden Worten zu antworten. „Jude“ sei im Englischen ein männlicher Vorname; im Song gemeint sei John Lennons Sohn Julian.
Die Geschichte hinter „Hey Jude“
„Hey Jude“ ist ein Stück von Paul McCartney. Mit dem Text des Liedes wollte er Lennons Sohn – im Song Jude genannt – Trost im Trennungsprozess seiner Eltern zusprechen. In meinem schmalen Band „Beatles für Eilige“ heißt es dazu:
Im Sommer 1968 überraschen die Beatles die Welt mit einem Paukenschlag. Ende August veröffentlichen sie ihre erste Single auf ihrem neuen – eigenen – Plattenlabel „Apple Records“. Mit dieser ersten hauseigenen Single bescheren sie der Musikwelt einen Moment des Staunens. Es ist ein wagemutiger Schritt, nicht nur in Hinblick auf das neue Label. Mit über sieben Minuten ist sie die bis dahin längste Single der Welt (üblich sind zwei bis vier Minuten). Die Rede ist von der epische Ballade »Hey Jude«, von Paul McCartney – ein kleines langes Meisterwerk, und ein Klassiker, wie wir heute wissen.
Der Erfolg des Stückes war immens, besonders in Amerika. Nach Angabe der Seite www.beatlesebooks.com ist sie mit über acht Millionen verkauften Exemplaren die erfolgreichste Single der Beatles und die beliebteste Platte der Sechzigerjahre.
Um „Hey Jude“ zu promoten, spielten die Beatles 1968 erstmals nach zwei Jahren wieder (fast) live vor einem kleinen Publikum. Rund 300 Zuschauer waren von ihrem Road-Manager Mal Evans mit Bussen ins Studio gebracht worden. Wenige Tage später wurde die Aufzeichnung des Auftritts als Werbefilm für die Single weltweit Fernsehsendern zur Verfügung gestellt.
Und das Positive?
Und wo bleibt nun das Positive, mag mancher fragen. Die Antwort zeigt sich in zwei Beobachtungen:
Dass das menschliche Gehirn nach über dreißig Jahren aus einer unerklärlichen Laune heraus im Halbschlaf eine Erinnerung ins Bewusstsein zurückholt, ist eines der vielen Wunder der Natur – mithin positiv.
Zum Zweiten zeigt die Existenz von „Hey Jude“, wie so oft in der Kunst, dass gerade traurige oder gar sehr traurige Ereignisse die schönsten künstlerischen Hervorbringungen auslösen – wenn das nicht positiv ist.

Noch etwas Positives: Paul McCartney hat mit der folgenden Strophe Julian Lennon und uns allen eine Wahrheit an die Hand gegeben, die eine beständige Weisheit beinhaltet:
“And anytime you feel the pain, hey Jude, refrain,
Don’t carry the world upon your shoulders.
For well you know that it’s a fool who plays it cool
By making his world a little colder.“
Die Botschaft darin ist so wertvoll wie zeitlos: Emotionale Nahbarkeit ist der wirksamste Weg, um an der Schwere des Lebens nicht zu zerbrechen. Die eigentliche Stärke liegt nicht darin, hart zu sein, sondern offen und verletzlich zu bleiben.
Großartiger Song, großartiger Text. Danke für den Hinweis.