Seit heute gilt die neue 12-Uhr-Regel an den Tankstellen. Benzin und Diesel dürfen nur noch einmal pro Tag teurer werden, und zwar mittags. Preissenkungen bleiben jederzeit möglich. Die Bundesregierung verspricht sich davon mehr Transparenz und weniger hektische Preissprünge. Doch schon der erste Tag zeigt, wie begrenzt diese Hoffnung ist. ZDFheute berichtete am Mittwoch von einem deutlichen Preissprung von mehr als vier Cent zur Mittagszeit, mancherorts gab es Preissprünge von mehr als 20 Cent. Der ADAC hält ohnehin vor allem Veränderungen im Tagesverlauf für wahrscheinlich, nicht aber ein dauerhaft niedrigeres Preisniveau. Mit anderen Worten: Die Bühne wird neu dekoriert, das Stück bleibt dasselbe.
Natürlich gibt es reale Ursachen für den Preisanstieg. Die Bundesregierung verweist auf den Iran-Nahost-Konflikt und die Sperrung der Straße von Hormus; der Ölpreis auf dem Weltmarkt sei dadurch um rund 30 Prozent gestiegen. Aber selbst die offizielle Darstellung zeigt, wie verquer die deutsche Lage ist. Deutschland bezieht laut Bundesregierung nur etwa sechs Prozent seines Rohöls aus dem Nahen Osten. Gleichzeitig stellte die Monopolkommission im März fest, dass Deutschland beim Preisanstieg an der Zapfsäule im EU-Vergleich zeitweise Spitzenreiter war. Bei Diesel lag der Anstieg hierzulande um 44 Prozent über dem Vorkriegsniveau, im EU-Durchschnitt aber nur bei 29 Prozent. Bei Benzin waren es 29 Prozent in Deutschland gegenüber 16 Prozent im EU-Durchschnitt. Das heißt: Die Krise erklärt viel, aber eben nicht alles.
Damit kommt man zur Rolle der Konzerne. Die Monopolkommission spricht ausdrücklich von strukturellen Problemen im Mineralölmarkt. Wenige integrierte Konzerne kontrollieren Raffinerien, Großhandel und Tankstellen zugleich. Das dämpfe den Wettbewerbsdruck. Sie hält fest, dass Preiserhöhungen in oligopolistischen Märkten leichter und schneller durchgesetzt werden können. Die Bundesregierung selbst begründet ihr neues Gesetz sogar mit dem „Rakete-und-Feder-Effekt“: Preise steigen schnell, wenn Rohöl teurer wird, und sinken nur zäh, wenn die Lage sich entspannt. Wenn der Staat deshalb das Kartellrecht verschärft und bei auffällig starken Preisanstiegen sogar die Beweislast umkehrt, ist das ein bemerkenswertes Eingeständnis. Es bedeutet nichts anderes, als dass das Misstrauen gegen die Preisbildung der Branche längst politisch angekommen ist. Sozial verantwortliches Verhalten sieht schließlich anders aus.
Doch wer nun glaubt, der Staat stünde auf der Seite der Autofahrer, macht den zweiten Denkfehler. Denn der Staat ist nicht Schiedsrichter, sondern Mitverdiener. Laut ADAC lag der Steuer- und Abgabenanteil 2025 im Schnitt bei 64 Prozent bei Benzin und 56 Prozent bei Diesel. Selbst Ende März 2026, also auf dem aktuell hohen Preisniveau, entfielen noch rund 51 Prozent bei E10 und 44 Prozent bei Diesel auf Steuern und Abgaben. Hinzu kommt der besonders bittere Mechanismus: Auf Energiesteuer und CO2-Abgabe wird zusätzlich noch Mehrwertsteuer erhoben. Der Staat kassiert also nicht nur kräftig mit, sondern nimmt sogar Steuern auf Steuern. Wer Energie politisch verteuert, darf sich hinterher nicht überrascht geben, wenn Mobilität – und damit das Leben – teurer wird.
Am Ende bleibt der Bürger das wehrlose Opfer zwischen zwei Machtblöcken. Auf der einen Seite Konzerne, die in einem marktengen System jede Krise offenbar schnell an die Zapfsäule weiterreichen. Auf der anderen Seite ein Staat, der mit Energiesteuer, CO2-Abgabe und Mehrwertsteuer tief im Literpreis steckt und sich dennoch als Ordnungsmacht inszeniert. Die neue 12-Uhr-Regel mag das Preischaos etwas besser takten. Sie ist aber keine Entlastung, sondern bestenfalls eine Uhrzeitordnung für die Abkassiererei. Die eigentliche Wahrheit ist unangenehm einfach: Weder Konzerne noch Staat zeigen hier soziale Verantwortung. Die einen nutzen Spielräume aus, die anderen haben sie selbst geschaffen. Und der Autofahrer? Der darf zahlen und soll dabei bitte auch noch dankbar sein.