
Zu zwei Ausstellungen in Oldenburg und Aschaffenburg und zum Manierismus des Berliner Malers Johannes Grützke
„Kunst ist nicht modern, sondern immer!“, lautete das trotzige Motto des Johannes Grützke. Das Pathos der Moderne war stets noch der Opposition gegen das Jüngstvergangene abgerungen – so reagierte die Neue Sachlichkeit auf den Pomp des späten Kaiserreichs, der Futurismus gegen die inventarisierende Apotheose der Kunst in den Museen schlechthin. Grützke dagegen beharrte auf der überzeitlichen Gültigkeit künstlerischer Formgebung.
Wer sich mit der kunsthistorischen Exegese von Grützkes Bildern befasst, stößt dabei auf eine bedeutungsschwangere Vokabel: manieristisch. Das legt es nah, seine Malerei mit der Kunst der Epoche des Manierismus in Zusammenhang zu setzen. Anlass hierzu bieten zudem zwei Ausstellungen, die im vergangenen Jahr 2025 für Furore sorgten. Die Aschaffenburger Johanniterkirche eröffnete in einer großzügig angelegten Retrospektive die rare Gelegenheit, das Œuvre Johannes Grützkes (1937-2017) mit selten gezeigten Beständen privater Sammlungen zu erkunden. Das Oldenburger Landesmuseum hingegen zeigte in der ersten Einzelausstellung weltweit den norddeutschen Manieristen Ludwig Münstermann (1570-1638), dessen Werke dezentral die Kirchen des nordwestlichen Niedersachsen zieren.
Zwischen der norddeutschen Eiche des Ludwig Münstermann (ca. 1570–1638) und dem pastosen Strich Johannes Grützkes (1937–2017) klafft zwar annähernd ein halbes Jahrtausend, doch ästhetisch sind beide aus einem ähnlichen Holz geschnitzt: dem der bewussten Übersteigerung, der Expressivität und der Abkehr vom „Natürlichen“ zugunsten einer Anatomie der Übertreibung.
Manierismus: Form und Unform
Grützkes Absage an den Begriff der Moderne lädt ein, die Epochen nicht als historisch in sich abgeschlossene Phänomene, sondern überzeitlich und typologisch zu fassen. In diesem Sinne ist der Manierismus nicht mehr eine bloße Episode zwischen Renaissance und Barock, sondern eine Haltung – eine fundamentale Entscheidung gegen Form, Maß und Mitte und für das Expressive. Dies legt den Blick frei für faszinierende Kontinuitäten: Ludwig Münstermann und Johannes Grützke, so verschieden ihre Medien und Kontexte auch sein mögen, sind Geistesverwandte im Zeichen der maniera.
Münstermann
Ludwig Münstermanns Altarwerke und Kanzeln, etwa im Landkreis Oldenburg, im Wangerland und in Butjadingen, sind Schauplätze kinetischer Energie, wie jüngst im Oldenburger Katalog der Kunsthistoriker Dietmar J. Ponert festgehalten hat: Münstermanns Figuren scheinen förmlich aus dem Holz herauszuwachsen, sie winden sich in der figura serpentinata, jener schlangenförmigen Drehung, die den Körper über seine anatomischen Grenzen hinaus beansprucht.
Seine Skulpturen kennzeichnen überlange Gliedmaßen, tief liegende Augenhöhlen und eine grell expressive Mimik, oszillierend zwischen Ekstase und Schmerz. Hier wird der Mensch nicht als Ebenbild Gottes in perfekter Harmonie dargestellt, sondern als ein Wesen, das von inneren und äußeren Kräften zerrissen wird. Faszinierend ist die Darstellung der Bewegung: Das Material Holz wird bei Münstermann geradezu flüssig: Faltenwürfe werden zu scharfen Graten, Haare zu züngelnden Flammen. Es ist eine Kunst der bewussten Unruhe, die Maß und Mitte mit Maßlosigkeit und Exzentrität konterkariert.
Grützke
Springen wir über 400 Jahre hinweg zu Johannes Grützke, dem Mitbegründer der „Schule der neuen Prächtigkeit“. In Abgrenzung zur zeitgenössischen Abstraktion malte Grützke figurativ und wird mitunter als „Realist“ bezeichnet, was Missverständnissen Vorschub leistet: Grützkes überzeichneter „Realismus“ ist ein Manierismus, Grützke ist der moderne Manierist par excellence. Dem „Menschenmaler“ geht es nicht um die Abbildung der äußeren Realität, vielmehr werden seine Figuren Inventar einer tragikomischen Welttheater-Inszenierung.
Herausragend erscheint im Kontext der Aschaffenburger Ausstellung das Großformat „Menschen und Würste“. Wie im Aschaffenburger Katalog von FAZ-Großkritiker Eduard Beaucamp betont, stehen Grützkes Figuren in ihrer fleischlichen Opulenz die Gemälde Rubens’ Pate, doch geht der satirisch geschärfte Blick Grützkes weiter: In „Menschen und Würste“ ist Meister Grützke nicht weniger als sechsmal zu sehen. Drei Mal wiederholt das Gemälde die Pose, in der sich Grützke gierig eine Wurst in den Mund stopft. Einmal ist des Malers alter ego, der Freund Tilmann Lehnert, in ähnlicher Pose zu sehen. Dreimal sehen wir im Vordergrund wieder Grützke selbst als unverschämt grinsenden Betrachter des wollüstigen Wurstmahls.
Beunruhigende Kontinuität
Münstermanns Figuren zeigen den Menschen hin- und hergerissen zwischen Gott, Liebe, Tod und Teufel. Grützkes Selbstdarstellung ist eine Groteske der menschlichen Existenz zwischen Glotzen, Greifen und Gier. In ihrer Radikalität der Überzeichnung können uns die Darstellungen beider Künstler nicht kalt lassen, beide packen uns emotional und provozieren zum Nachdenken über des Menschen Glanz und Gloria und die Niederungen des Daseins im irdischen Jammertal.
Zwischen dem sakralen Pathos des 17. Jahrhunderts und der satirischen Neuen Prächtigkeit liegt also kein Abgrund, vielmehr eine beunruhigende Kontinuität: Die Erkenntnis, dass der Mensch – ob vor dem Altar oder vor dem Wurstteller – immer dann am wahrhaftigsten dargestellt ist, wenn er das Maß verliert. Die Würste des Menschen sind eben unantastbar.
Johannes Grützke. Der Menschenmaler. Hg. v. Johannes Honeck und Thomas Schauerte. Michael Imhof Verlag. Petersberg 2025. 96 Seiten. 16,95 €.
Münstermann. Hg. von Anna Heinze und Hannes Eckstein. Michael Imhof Verlag. Petersberg 2025. 144 Seiten. 22,95 €.