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Ray Davies und Bob Dylan: Hidden Champion und Kultfigur

KI-Bild von Microsoft Copilot erzeugt

Bob Dylan kennt jeder – zumindest dem Namen nach. Der einzige Mensch auf diesem Planeten, der Bob Dylan tatsächlich kennt, dürfte jedoch Bob Dylan selbst sein. In Anspielung auf sein unergründliches Wesen und den damit verbundenen Kultstatus brachte ihm das im Laufe der Zeit den ironischen Spitznamen „His Bobness“ ein.

Nichts davon trifft auf Sir Raymond Douglas Davies zu. Der Londoner Ray Davies, wie er sich selbst nennt, ist der Kopf der Pop- und Rockband The Kinks und seit dem Ende der Band auf Solopfaden unterwegs. Er ist der Hidden Champion der Popwelt – ein Künstler der Spitzenklasse mit einem gewaltigen Œuvre bei vergleichsweise geringer Bekanntheit. Und das ist schreiend ungerecht.

Ray Davies und Bob Dylan sind Musiker und Texter derselben Generation. Der Engländer Davies, geboren 1944, ist Songschreiber, Sänger, Gitarrist und Produzent der Kinks. Robert Allen Zimmerman, wie Dylan bürgerlich heißt, wurde 1941 in den USA geboren. Dylan begann als klassischer Singer-Songwriter, begleitet von Gitarre und Mundharmonika.

Gemeinsamkeiten

Beginnen wir mit den Gemeinsamkeiten der beiden. Bob Dylan und Ray Davies beackern seit Jahrzehnten das weite Feld der Pop- und Rockmusik. Beide verstehen sich – vermutlich in unterschiedlichem Maße – als Poeten. Ihre Kunst besitzt jedenfalls stets eine literarische ebenso wie eine musikalische Ebene. Für beide scheint Musik in erster Linie ein Vehikel zu sein, um der eigenen poetischen Begabung zu größerer Breitenwirkung zu verhelfen. Für Dylan gilt das allerdings deutlich stärker als für Davies.

Nimmt man die Präsenz in den Charts als Maßstab für Erfolg, beginnt der Aufstieg beider etwa zur gleichen Zeit. Ray Davies gelang ein erster großer Erfolg im Herbst 1964: Mit dem krachenden Rocktitel You Really Got Me stürmten die Kinks an die Spitze der britischen Charts; in den USA erreichte das Stück immerhin Platz sieben. Etwa ein halbes Jahr später, im Mai 1965, kam Dylans Single Subterranean Homesick Blues auf Platz 39 in den US-Charts, in England sogar Platz neun.

Die zuvor veröffentlichten und häufig mit seinem Namen verbundenen Titel Blowin’ in the Wind und The Times They Are A-Changin’ waren dagegen keine Charterfolge. Der kommerzielle Durchbruch stellte sich erst ein, als Dylan sein Auftreten als Liedermacher ablegte und seine Songs elektrisch verstärkt im Stil von Rocksongs präsentierte.

Unterschiede

Kommen wir zu den Unterschieden. Ray Davies kann singen – daran besteht kein Zweifel. Dagegen an Bob Dylans Sangeskünsten nicht zu zweifeln, würde ein gewisses Maß an Großzügigkeit verlangen. Seine Stimme ist nasal, oft krächzend, und sein Tonumfang bleibt überschaubar. Dem Irrtum mit einem Crooner verwechselt zu werden, setzt Dylan sich zu keiner Zeit aus.

Ray Davies hingegen singt in wechselnden Tonlagen – ganz so, wie es seine Texte verlangen: mal brachial schreiend, mal charmant schmunzelnd, mal trocken erzählend, mal ironisch neckend, mal zart einfühlend. Für Dylan ist die Musik das Tablett, auf dem er seine Texte serviert. Für Davies ist sie das stimmige Ambiente, in dem sich seine Texte wohlfühlen sollen.

Ray Davies ist der Storyteller der beiden – ein Erzähler, der das Große in kleinen Szenen verdichtet. Und offensichtlich will Ray Davies mit seinen Texten verstanden werden. Bob Dylan hingegen ist der Dichter, der seine Gedanken in oft rätselhaften Versen ausdrückt. Grob gesagt: Dylan ist Poesie, Davies ist Prosa.

Bob Dylans Texte

Wir alle kennen die keineswegs rhetorische Frage: Was will der Dichter uns damit sagen? Wüssten wir es nicht besser, könnte man ihren Ursprung im Umgang mit Dylans Texten vermuten. Natürlich ist es legitim, sich Dylans Songs interpretierend zu nähern – doch in der Regel bleibt ein solches Unterfangen unerquicklich. Denn letztlich handelt es sich immer nur um Deutungen, die zutreffen können, aber keineswegs zutreffen müssen. Anders gesagt: Jede Interpretation bleibt Spekulation.

Diesen Vorbehalt gesteht auch Gisbert Haefs 2004 im Vorwort seines dickleibigen Bandes Lyrics 1962 – 2001 Sämtliche Songtexte – Deutsch ein. Dort schreibt er: „Natürlich ergaben sich zahllose Fragen und Interpretationsmöglichkeiten, auf die nur der (unerreichbare) Autor selbst eindeutig antworten könnte.“

Doch Dylan selbst macht grundsätzlich keine konkreten Angaben zum tieferen Sinn seines Schaffens. Stattdessen versuchen sich weltweit Dylan-Fans als Exegeten seiner Lyrik; leicht spöttisch werden sie „Dylanologen“ genannt. Andere wiederum – man denke etwa an einen gewissen Kölner Mundartsänger – begnügen sich mit dem inflationären Hinweis auf ihr Fan-Sein, um sich an der Geltung ihres „Meisters“ zu laben.

Ein Beispiel für Dylans kryptische Texte ist der bereits erwähnte Song Subterranean Homesick Blues. Leider verbietet sich hier aus Urheberrechtsgründen die Wiedergabe des Textes ebenso wie die einer deutschen Übersetzung. In einer Art Sprechgesang vorgetragenen, wirkt der Text wie eine Collage aus aneinander gereihten Satzfragmenten.

Um nicht missverstanden zu werden: Dylan hat selbstverständlich jedes Recht der Welt, sich künstlerisch so auszudrücken, wie er es tut. Und natürlich erzählt auch er gelegentlich leicht zugängliche Geschichten. Ein Beispiel ist Motorpsycho Nightmare: Darin möchte der Ich-Erzähler nach langer Fahrt auf einer Farm übernachten, muss jedoch sowohl der Verführung der Tochter als auch dem schussbereiten Vater widerstehen.

Ray Davies‘ Texte

Mit Ray Davies verhält es sich anders: Seine Texte sind zumeist wie ein offenes Buch. Augenzwinkernd singt Davies etwa von einem passionierten Modenarren, der durch das Swinging London streift – stets auf der Suche nach dem letzten Schrei in der Mode. Der Song trägt den klingenden Namen Dedicated Follower of Fashion.

Ein anderes Beispiel: Mit nur 21 Jahren zeichnet Davies in A Well Respected Man mit wenigen klaren Sätzen ein Bild einer leicht heuchlerischen englischen Mittelklasse. Sein Protagonist ist ein allseits geachteter Konservativer mit geordnetem Alltag – und heimlichen Wünschen.

In Yes Sir, No Sir schildert Davies sarkastisch das Los von Soldaten, die entmündigte Befehlsempfänger zynischer Militärs werden. Die Botschaft des Songs ist unmissverständlich. 1968 wiederum besingt Davies in schlichter ungekünstelter Poesie im Song Days einen Abschied ohne Groll: Danke für die Tage.

Als letztes Beispiel sei der etwas skurril anmutende Song She’s Bought A Hat Like Princess Marina genannt. Darin erzählt Davies mit leisem Humor und spürbarer Zuneigung von einem Ehepaar aus der englischen Unterschicht. Um ihrer Armut zu trotzen, tragen sie einen Hut wie aus der Oberschicht.

Diese Art erzählender Songs – sehr britisch, oft ironisch, gern nostalgisch, mal humorvoll, auch sarkastisch oder skeptisch gegenüber der Moderne – bildet den Wesenskern des Songwritings von Ray Davies. Und nicht zu vergessen: seine Liebe zur musikalischen Americana.

In einer allgemein verständlichen Sprache gehalten, lassen seine Texte dennoch gelegentlich Raum für eigene Blickwinkel. Diese Erzählweise spiegelt sich auch in den Konzeptalben der Kinks wider, deren programmatische Titel und Songs allesamt aus der Feder von Ray Davies stammen:

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Diese Konzeptalben waren zu ihrer Zeit alles andere als kommerzielle Erfolge. Erst Jahrzehnte später begann man, Davies’ Werk angemessen zu würdigen. Ein Ausdruck dafür sind die zahlreichen Kompilationen seiner Songs mit den Kinks sowie die immer neuen Wiederveröffentlichungen seiner Alben.

Bob Dylans Musik

Dylans Musik vermittelt nicht den Eindruck besonderer Wandelbarkeit. Musikalische Experimente sucht man in seinem Werk wohl vergebens – sofern man sie überhaupt sucht. Seine musikalischen Grenzen sieht Dylan – indirekt – offenbar auch selbst. Als Zeugen rufen wir daher Mr. Bob Dylan selbst auf.

Es ist Mai 2007: In einem Interview mit dem Rolling Stone wird Dylan nach anderen Musikern seiner Generation gefragt. Auf Paul McCartney angesprochen, verfiel er in einen geradezu überschwänglichen Lobgesang: „Ich bin voller Ehrfurcht vor McCartney. Er ist so ziemlich der Einzige, vor dem ich Ehrfurcht habe. Er kann einfach alles, und er hat nie nachgelassen. Er ist einfach so verdammt mühelos. Ich meine: die Melodien, die Harmonien, die Basslinien – alles. Und er lässt es so leicht aussehen. Ich habe keine Ahnung, wie er das macht. […] Alles, wirklich alles, was aus seinem Mund kommt, ist in eine Melodie gerahmt.“

Liest man diese Hymne im Umkehrschluss, bedeutet sie: Ich selbst, Dylan, verfüge nicht über diese Fähigkeiten. Bezeichnend ist auch, dass Dylan McCartney hier nicht als Texter würdigt, sondern ausschließlich als Musiker. Offenbar sieht er in seinem ureigenen Metier – den Lyrics – keine Konkurrenz, die Ehrfurcht gebietet.

Ray Davies‘ Musik

Musikalisch ist Ray Davies geradezu das Gegenstück zu Bob Dylan. Vor allem aber ist er weit mehr als der oft zitierte „Godfather des Britpop“. Wer ihn darauf reduziert, verengt sein Werk auf gitarrenlastigen Pop.

Davies’ musikalische Welt ist erheblich weiter. Sie reicht vom rauen Rock eines Songs wie Around the Dial bis zur Zuckersüße von The Way Love Used To Be. Auch die Instrumentierung seiner Songs geht oft über das klassische Bandformat aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug hinaus. Häufig kommen Bläser oder auch mal klassische Instrumente zum Einsatz.

Für seine Band The Kinks schrieb Davies über 300 Songs. Einige davon nahm er 2009 in choralen Arrangements neu auf. Ein Eindruck davon vermittelt sein Auftritt in Glastonbury 2010: Zunächst erzeugt er die Atmosphäre eines Kirchentages, um nach gut zwei Minuten – unter tosendem Beifall – doch noch die Rockstar-Karte zu ziehen.

Mit dem grandiosen Alterswerk Americana und Americana Act 2 (2017/18) demonstriert Davies noch einmal eindrucksvoll, wie weit sein musikalisches Spektrum reicht. Mit revueartigen Elementen versehen, singt und erzählt er von seiner lebenslangen Faszination für die USA und ihre Musik

Schlussbemerkung

Sowohl Ray Davies als auch Bob Dylan haben über Jahrzehnte hinweg ein umfangreiches Werk geschaffen. Doch während Davies mit nahezu jedem neuen Album erkennbar frische Klangfarben findet und seine Musik abwechslungsreich hält, wählt Dylan einen anderen Weg.

Er präsentiert sich – ähnlich wie die Rolling Stones – als Meister der Variation im Vertrauten: immer Neues vom Gleichen. Auf die Dauer ist das ermüdend.

Dylans poetische Kraft wurde 2016 mit dem Literaturnobelpreis gewürdigt. Einen Musik-Nobelpreis – wenn es ihn denn gäbe – würde ihm vermutlich kaum jemand verleihen. Denn Bob Dylan ist letztlich eher eine Teilbegabung: Seine lyrische Kraft stellt seine musikalischen Fähigkeiten um Längen in den Schatten.

Dennoch wird Dylan von der Musikpresse seit Jahrzehnten als einer der Größten der populären Musik gefeiert. Und das ist unangemessen.

Ray Davies spielt dagegen in der ersten Liga der großen Alleskönner des Popgeschäfts. Deshalb gebührt wohl eher ihm der Platz auf jenem Thron, den die Musikjournaille anscheinend für Dylan reserviert hat. Gäbe es diesen Thron tatsächlich, stünde er aber natürlich Paul McCartney zu – in diesem Punkt hat Bob Dylan recht.

Wolfgang Schäfer, 1951 in Bonn geboren und in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen, lebt bis heute dort. Seine berufliche Erfüllung fand er in der Verlagsbranche – unter anderem beim Handelsblatt-Verlag, im Europa Union Verlag sowie als Verlagsleiter der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung (heute: Jüdische Allgemeine). Im Herbst 2025 erschien sein Buch Beatles für Eilige.

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Über Wolfgang Schäfer

Wolfgang Schäfer, 1951 in Bonn geboren und in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen, lebt bis heute dort. Seine berufliche Erfüllung fand er in der Verlagsbranche – unter anderem beim Handelsblatt-Verlag, im Europa Union Verlag sowie als Verlagsleiter der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung (heute: Jüdische Allgemeine). Im Herbst 2025 erschien sein Buch "Beatles für Eilige".

Ein Gedanke zu “Ray Davies und Bob Dylan: Hidden Champion und Kultfigur

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    Ray Davies ist sicher einer der ganz Großen. Im Gegensatz zu vielen anderen finde ich insbesondere das ganz späte Spätwerk der Kinks besonders gelungen, weil hier nun auch die Musik mit der Qualität der Texte mithalten kann. Ich bin aber immer skeptisch, wenn man anfängt, Vergleiche anzustellen nach dem Motto: Dieser mein Held ist bedeutender als jener, dein Held. Von daher habe ich in all den Jahrzehnten als Kritiker immer versucht, keine denkmäler zu erbauen. Sonst, ich gebe es unumwunden zu, hätte ich mit Sicherheit eine Ruhmeshalle für Warren Zevon errichtet. Oder John Mellencamp. Oder Ian Hunter. Sie merken gerade: ich baue bereits an den Fundamenten.

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