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Jacques Brel: Notizen zu einer gescheiterten Annäherung

Bild von ChatGTP nach Angaben von AP erstellt.

Also, ich hab’s versucht. Ulf Kubanke hatte mich mit seinem Text über Jacques Brel ein wenig beschämt. Denn ich konnte noch nie mit französischen Chansonniers etwas anfangen, und vielleicht lag das an musikalischer und sprachlicher Faulheit meinerseits. Also habe ich, weil Ulf das empfahl, mir das Live-Album „Olympia 61“ angetan. Es war, das muss ich zugeben, eher Arbeit als Vergnügen, und um mich zu erholen, musste ich mir anschließend das Live-Konzert von Judy Garland im Manhattan Center (1962) anhören.

Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich weiß, über Geschmack lässt sich nicht streiten, über den Musikgeschmack schon gar nicht, und wer wie ich kulturell angelsächsisch geprägt wurde und mit neun den Rock’n’Roll entdeckte (oder von ihm entdeckt wurde), sich mit vierzehn in die Beatles verliebte und von da den Weg zu R&B, Soul, Funk usw. fand, der tut sich schwer mit Musik, die brav die eins betont und nicht swingen will, selbst da, wo’s möglich wäre. Wie gesagt, das ist Geschmackssache, ich kann auch mit deutschen Liedermachern oder einem Paolo Conti musikalisch wenig anfangen. Mir schien beim Anhören von Brel, er agitiere seine Zuhörer; Garland unterhalte sie. Er marschiert. Sie tanzt.

Gut, genug davon, es überzeugt keinen Brel-Bewunderer, ärgert ihn nur, und das will ich nicht.

Mir fielen aber zwei Songs auf, die, wie mir scheint, den Unterschied zwischen dem Lebensgefühl Garlands und Brels, auch textlich auf den Begriff bringen, gerade weil sie das gleiche Thema behandeln: Brels „Les Bourgeois“ und Garlands Fassung von Stephen Sondheims „Some People“. Die Texte findet man wie immer unten, und eine gute Übersetzung von „Les Bourgeois“ hier.

Brel oder der Hass auf die Shitbürger

Brels Chanson ist bitterböse. Da sind sie, die jungen Studenten, sitzen mit heißen Herzen in der Kneipe beim Bier, halten sich für reinkarnierte Geistes- und Liebesgrößen und zeigen den „maitres“, den arrivierten Rechtsanwälten, die gegenüber aus der Hotelbar kommen, den bloßen Arsch und rufen ihnen zu, sie seien bürgerliche Schweine.

Und ein paar Jahre später sind sie selbst Rechtsanwälte und arrivierte Leute geworden, sitzen mit gesetzten Herzen an der Hotelbar und reden von vergangenen Geistes- und Liebesgrößen, und nachdem sie von irgendwelchen Punks in der Kneipe gegenüber als bürgerliche Schweine beschimpft werden, zeigen sie die jungen Arschlöcher bei der Polizei an.

Gut, so kann es kommen. Was mich aber an dem Text ärgert, ist, dass das Verhalten der Verbürgerlichten ihrer eigenen jugendlichen Kritik an den Bourgeois Recht gibt:

Beim Bourgeois ist es wie bei den Schweinen / Je älter er wird, desto blöder.

Ist es wirklich so? Ist es nicht vielmehr so, dass die Jugend, und gerade die bürgerliche Jugend, ein Recht auf Irresein einfordert, dass viele Jugendlichen „rebels without a cause“ sind, die sich für wasweißichwie besonders, großartig und zugleich missverstanden, verachtet und verlassen halten? Und dass es zum Erwachsenwerden gehört, die Werther-Attitüde abzulegen, den Sturm und Drang zu überwinden, eine Art Klassik für sich zu realisieren?

Ist das „wie bei den Schweinen“, ist das eine verbiesterte Blödheit? I don’t think so.

Und obwohl es solche verbiesterten Blöden geben mag: in der Regel sind es solche, die zu lang an den Insignien und Glaubenssätzen der Jugend festgehalten haben und aus dem gleichen Trotz heraus ins Gegenlager wechseln: nicht konservativ, nicht bürgerlich werden, sondern reaktionär und damit immer noch anti-bürgerlich.

Auch viele konservativ lebende Bürger bleiben jedoch ihren jugendlichen Haltungen und Helden verbunden, halten sich, obwohl sie längst arriviert sind, längst Bourgeois sind, für etwas ganz Anderes. Laufen mit 50 immer noch im Punk-Outfit herum oder finden immer noch, dass die Stones besser waren als die Beatles, weil sie nicht so brav waren, oder dass Musik vor allem épater les bourgeois soll. Und es sind, fürchte ich, solche Leute, die im Pariser „Olympia“ Jacques Brel zugejubelt haben und mit Inbrunst mitgegrölt haben: Die Bürger sind wie die Schweine: Je älter, desto saublöder.

Denn Gott sei dank! / Wir sind nicht so – um Wilhelm Busch einmal zu paraphrasieren.

Niemand will zum „Shitbürgertum“ gehören, um einen anderen Ulf zu zitieren.

Garland oder die Feier der Ambition

Wie anders Sondheim und Garland. Hier wird zwar auch der Gegensatz von Bohème und Bourgeois thematisiert, das bürgerliche Frauenleben verächtlich gemacht, das im Wohnzimmer gedeiht: stillsitzen, Pullover stricken, Bingo spielen, Miete zahlen. Ein gewöhnliches Leben für gewöhnliche Leute, die früh gealtert und kaum noch wissen, dass sie am Leben sind.

Doch der Punkt ist: In Sondheims Musical „Gypsy“ wird der Song von Mama Rose gesungen, die damit ihre unbändige Ambition kundtut, es im Showgeschäft zu etwas zu bringen, und sei es mithilfe und auf Kosten ihrer Kinder. Und ja, wer es im Showgeschäft (wie in jedem Geschäft) zu Außerordentlichem bringen will, darf keine Sehnsucht nach dem bürgerlichen Leben haben, das aber – das sagt Mama explizit – für manche Leute „okay“, „perfect“, „peachy“ ist. (Von einem Architekten seiner Bekanntschaft sagte mein Vater einmal: „Er ist ein zu netter Mensch, um ein Genie zu sein.“) Was bei Garland fehlt ist die Aggression gegen die „hum-drum people“. Sie sind nicht „saudumm“. Sie sind einfach anders. Und, fügen wir hinzu, müssen es sein, damit Mama Rose und die Judy Garlands und Jacques Brels dieser Welt umso heller leuchten.

Wie singt Dave Davies: „I’m not like everybody else“. Recht hat er, sonst wäre er nicht Gitarrist der Kinks geworden. Wenn aber ein Stadion voller Kinks-Fans die Zeile brüllt, wird es lächerlich, wie wenn eine Konzerthalle voller bürgerlicher Brel-Fans Parolen gegen die „Bourgeois“ mitgrölen. Die meisten von uns sind wie alle anderen, ob wir nun Death Metal T-Shirts oder Nasenringe aus Phosphor tragen, und das ist völlig OK so.

 

„Les Bourgeois“
Le cœur bien au chaud
Les yeux dans la bière
Chez la grosse Adrienne de ‚Montalant‘
Avec l’ami Jojo
Et avec l’ami Pierre
On allait boire nos vingt ans
Jojo se prenait pour Voltaire
Et Pierre pour Casanova
Et moi, moi qui étais le plus fier
Moi, moi je me prenais pour moi
Et quand vers minuit passaient les notaires
Qui sortaient de l’hôtel des ‚Trois Faisans‘
On leur montrait notre cul et nos bonnes manières
En leur chantant:

Les bourgeois c’est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient bête
Les bourgeois c’est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient c…

Le cœur bien au chaud
Les yeux dans la bière
Chez la grosse Adrienne de ‚Montalant‘
Avec l’ami Jojo
Et avec l’ami Pierre
On allait brûler nos vingt ans
Voltaire dansait comme un vicaire
Et Casanova n’osait pas
Et moi, moi qui restais le plus fier
Moi j’étais presque aussi saoul que moi
Et quand vers minuit passaient les notaires
Qui sortaient de l’hôtel des ‚Trois Faisans‘
On leur montrait notre cul et nos bonnes manières
En leur chantant:

Les bourgeois c’est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient bête
Les bourgeois c’est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient c…

Le cœur au repos
Les yeux bien sur terre
Au bar de l’hôtel des ‚Trois Faisans‘
Avec maître Jojo
Et avec maître Pierre
Entre notaires on passe le temps
Jojo parle de Voltaire
Et Pierre de Casanova
Et moi, moi qui suis resté le plus fier
Moi, moi je parle encore de moi
Et c’est en sortant vers minuit, Monsieur le Commissaire
Que tous les soirs de chez la ‚Montalant‘
De jeunes peigne-culs nous montrent leur derrière
En nous chantant:

Les bourgeois c’est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient bête
Les bourgeois c’est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient c…

 

„Some People“

Some people can get a thrill
Knitting sweaters and sitting still.
That’s okay for some people
Who don’t know they’re alive.

Some people can thrive and bloom
Living life in the living room.
That’s perfect for some people
Of one hundred and five.

But I at least gotta try
When I think of all the sights that I gotta see
And all the places I gotta play.
All the things that I gotta be at.
Come on, Papa, what do you say?

Some people can be content
Playing bingo and paying rent.
That’s peachy for some people,
For some hum-drum people to be,
But some people ain’t me!

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